Mit Licht zeichnen. Reihe «Fotografie»

Reihe « Fotografie »

Mit Licht zeichnen

« Zur rechten Zeit am richtigen Ort sein » ist eine Voraussetzung für viele gelungene Bergaufnahmen. Dies erfordert nicht nur Glück, sondern vor allem Erfahrung und Geduld. Das Auge des Fotografen spielt dabei eine zentrale Rolle, um das lohnende Motiv zu erkennen und es ins « rechte Licht zu rücken ».

Gewitterhimmel: Nur für kurze Zeit beleuchtet die Morgensonne durch die dunklen Wolken den Glacier de Moiry im Val d' Anniviers. Der Kontrast ist gross, die Stimmung dramatisch.

Fotos: Fr ançoise Funk-Salamí Kurzer Zauber an Matterhorn und Dent d' Hérens: Geht es darum, stimmungsvolle Bergaufnahmen im ersten Morgenlicht bei unverdeckter Sonne zu machen, zeigt sich, dass das Zeitfenster dafür nur sehr klein ist. Schon eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang ist das Licht für manche Motive bereits zu grell und die Kontraste zu den umgebenden Schatten zu stark.

Das Auge und die Kamera erfassen die Welt auf verschiedene Weise: Das Auge arbeitet selektiv und dreidimensional, die Kamera objektiv und zweidimensio-nal. Um ein Motiv wirkungsvoll abzu-lichten, muss der Fotograf fähig sein, dieses wie die Kamera wahrzunehmen, also « fotografisch zu sehen ». Ein eindrucksvolles Foto ist – fast immer – das Ergebnis einer geglückten Synthese von kreativer Gestaltung und technischem Können.

Auge und Licht

Die Kunst des Fotografierens besteht darin, mit einem geschulten Auge die Fülle von Bildausschnitten, Stimmungen und Details zu entdecken, um diese in einer guten Komposition mit dem Medium Licht festzuhalten. Für Edward Weston, einen der einflussreichsten Fotografen des 2O. Jahrhunderts, ist die « gute Komposition die stärkste Art, Dinge zu sehen ». Licht, das wichtigste Element eines jeden Fotos, verleiht der Aufnahme die Stimmung. Im Wechselspiel mit Schatten ruft es die Illusion von Raum und Tiefe hervor. Seine erstaunlichen Wandlungen im Tages- und Jahreslauf verhelfen auch vermeintlich unspektakulären Landschaften zu einzigartigen Motiven. Für den Bergfotografen bieten vor allem die Stunden um Sonnenauf- und -untergang mit den weichen und stimmungsvollen Lichtverhältnissen ideale Aufnahme-möglichkeiten. Dabei spielt aber auch die Jahreszeit eine Rolle. So erinnere ich mich an Panoramaaufnahmen im Juni bei Sonnenuntergang und dem folgenden Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Pigne de la Lé im Val d' Anniviers. Die Sonne ging um 21.30 Uhr hinter den Aiguilles de la Lé unter und bereits um 5.20 Uhr über dem Weisshorn-Nordgrat auf, was bedeutete, dass es gerade mal für 4 1 / 2 Stunden Schlaf in der Cabane de Moiry reichte. Im Hochwinter hat man dagegen mehr Zeit und kann beinahe während des ganzen Tages von der flachen Sonneneinstrahlung profitieren. Sonnenstern an den Drei Zinnen in den Dolomiten, Südtirol: Gegenlichtaufnahmen direkt in die hoch stehende Sonne bergen das Risiko von unerwünschten Lichtreflexen. Dieses kann reduziert bzw. eliminiert werden, indem die Sonne teilweise vom aufzunehmenden Objekt verdeckt wird und/oder anstelle eines Zooms eine ( Weitwinkel- ) Fixbrennweite benutzt wird. Die Weitwinkelaufnahme und die Schatten verleihen dem Bild Tiefe. Eiger mit Mond im Winterlicht: Eisige Kälte, Schnee und das weiche Licht verleihen Bergen im Winter einen speziellen Zauber. Selten sind die Luft so klar und die Kontraste so stark wie im Hochwinter.

Nachtaufnahme von Rotondohütte und Pizzo Lucendro/UR: Das kaltblaue Licht beim Einnachten hat nur für kurze Zeit die richtige Intensität. Für diese Langzeitbelichtung diente an Stelle des Stativs eine Hüttenbank als Unterlage.

Fotos: Fr ançoise Funk-Salamí Zudem beschert die Winterkälte klare Sicht und lässt die verschneiten Berge je nach Sonnenstand in unterschiedlichen Farbtönen leuchten. Oft sind gute Lichtverhältnisse nur von kurzer Dauer, weshalb es hilfreich ist, anhand von topografischen Karten bzw. mit dem GPS die Zeitfenster für Sonnenauf- und Sonnenuntergang zu bestimmen. Wenn man sich eine Weile vor dem guten « Fotolicht » vor Ort ein-findet, kann man die verschiedenen Aufnahmestandorte für Erfolg versprechende Bildausschnitte überprüfen.

Schönwetter und Schlechtwetter

Was aber, wenn die Sonne hoch steht, das Licht dunstig ist oder es gar regnet? Gibt es schlechtes Fotowetter? Oder schlechtes Fotolicht? Nein – auch wenn Wetter- und Lichtverhältnisse die Ab-lichtung des « schönsten » Motivs verunmöglichen. Entscheidend ist, dass die Motivsuche den herrschenden Bedingungen angepasst wird. Bei Dunst sollte man vermehrt im Nah- statt im Fernbe-reich Ausschau halten. Bei Regenwetter bieten sich Motive an, die wenig Licht benötigen oder die sogar bevorzugt bei schwachen Lichtverhältnissen – und entsprechend langen Belichtungszeiten – fotografiert werden. Gewisse Motive werden ausserdem erfolgreicher bei diffusem Licht abgelichtet, um allzu starke Kontraste zu vermeiden. Schlechtes Wetter bietet oft ungewöhnliche und dramatische Situationen für besonders eindrückliche Bilder.

Ort und Zeit

Während in einem Fotostudio jederzeit mit künstlichen Lichtquellen ein Bild realisiert werden kann, ist man im Gebirge von einem geeigneten Standort, von der Jahreszeit und den natürlichen Wetter- und Lichtverhältnissen abhängig. Um eine bestimmte fotografische Idee zu verwirklichen, ist es daher wichtig, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Neue Standorte gilt es daher immer im Zusammenhang mit ihrer Beleuchtung anhand einer topografischen Karte Wolkenspiel über dem Col du Pigne im Val d' Anniviers: So- lange die Wolken am richtigen Ort sind und nicht das Licht der untergehenden Sonne verdecken, bringen sie Spannung und Stimmung ins Bild. Fürs Fotografieren bleibt nicht viel Zeit, denn Form und Farbe der Wolken ändern sich rasch. Das Wolkenspiel wird durch das vertikale Panoramaformat und durch das Verhältnis von Himmel und Berg betont.

zu wählen. Letzte Gewissheit über die Fototauglichkeit eines Standorts gewinnt man jedoch nur vor Ort. Es lohnt sich, gute Standorte wiederholt aufzusuchen, denn Jahreszeit und Witterung werfen immer wieder ein anderes Licht auf die Motive. Deshalb gilt auch für die Bergfotografie, dass die nähere Umgebung eine hervorragende Schulung für die fotografische Sehweise ermöglicht, kann man doch die Gegend über das ganze Jahr beobachten, kennt die Lichtverhältnisse und ist bei günstigem Wetter rasch vor Ort. Im Hochgebirge ist es nicht immer einfach, den gewünschten Bildausschnitt abzulichten, da das Gelände oft abschüssig und ausgesetzt ist. Da bestimmt dann der Sicherheitsaspekt mit, welcher Standort gewählt werden kann. Wie wichtig der richtige Standort ist, erlebe ich bei meinen persönlichen Arbeiten in der Gletscherfotografie. Suche ich zur Dokumentation der Gletscherveränderung nach historischen Aufnahmestand-orten, um Vergleichsbilder zu machen, wird dies dann besonders schwierig, Wechselspiel von Hell und Dunkel an den Lärchen mit Raureif auf dem Simplonpass/VS: Gegenlichtaufnahmen spielen mit Hell/Dunkel. Erfolgreiches Fotografieren ist besonders schwierig und entsprechend reizvoll. Diese Aufnahme zeigt, dass bei günstigen Lichtverhältnissen auch unspektakuläre Motive interessante Ergebnisse hervorbringen.

Im Gegenlicht der Blick von der Testa Grigia nach Italien: Gegenlicht wirft die Schatten zur Kamera. Die detaillosen Schatten sind aber nicht unerwünscht, sondern kompositio-nelle Bildelemente. Der Kontrast ist höher als bei Licht aus einer anderen Richtung. Zudem ergibt sich eine überzeugendere Illusion des Raumes und der Tiefe. Auch Dunst kann seinen Reiz haben.

Fotos: Fr ançoise Funk-Salamí wenn der ursprüngliche Aufnahmeort im Lauf der Zeit wegerodiert wurde. Gleichzeitig müssen bei der dokumentarischen Gletscherfotografie auch alle anderen Kriterien berücksichtigt werden, um ein gutes Bild zu erhalten.

Aber auch der Faktor Zeit spielt oft eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der Gipfel ist nicht nur die Krönung einer jeden Bergtour, sondern auch ein lohnender Fotostandort, ermöglicht er doch Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Bedingt durch lange Auf- und Abstiegs-zeiten ist es aber oft nur unter grossem Aufwand möglich, bei Sonnenauf- oder Sonnenuntergang ganz zuoberst zu stehen. Ausserdem erfordern Bergsteigen und Klettern Zeit und Konzentration, die gleichzeitig aber auch fürs Fotografieren benötigt werden. Es sind schliesslich Erfahrung, Geduld und manchmal auch das bewusste Quäntchen Glück, die dazu verhelfen, mit der Kamera « zur rechten Zeit am richtigen Ort » zu sein. a Françoise Funk-Salamí, Zürich Landmannalaugar in Island: Bei bewölktem Himmel oder dunstigen Lichtverhältnissen sind Fernaufnahmen oft ausgeschlossen. Im Nahbereich können aber durch die ausgewogene und kontrastarme Beleuchtung des Motivs immer noch wirkungsvolle Bilder gemacht werden.

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