Ode an einen wilden Fluss

Der Weg der Reuss: Die meisten erwandern ihn, Severin Häber­ling hat sich entschlossen, ihm mit dem Kajak zu folgen. Vom Ursprung bis zur Mündung. Bilder einer einmaligen ­Reise.

30 Stunden im Kajak. 164 Kilometer in drei Tagen paddeln auf der Reuss. Von Andermatt bis nach Brugg. In der Zivilisation und dennoch weit weg davon. Diese Idee hat Severin Häberling nicht mehr losgelassen. «Mich reizte der Gedanke einer ‹urbanen› Expedition, inmitten der dicht bevölkerten Schweiz», so der 29-jährige Zürcher.

Der erfahrene Kajakfahrer und Abenteurer liess dem Gedanken bald Taten folgen. Im Sommer 2014, an einem regnerischen Julitag, fuhr Häberling zum Ausgangspunkt, dort wo sich die Furka- mit der Gotthardreuss vereint, weit hinten im Urserental. Da sollte die wilde Wasserfahrt beginnen. Im Gepäck sein Kajak und mit dabei der 22-jährige Lars Dippon. Der Deutsche sollte ihn auf der ersten und wildesten Etappe bis nach Göschenen begleiten. Denn diese führt direkt durch die Schöllenen. «Alleine in solch einer gefährlichen Schlucht zu fahren, wäre leichtsinnig», begründet Häberling. Zu zweit könne man sich zu Hilfe eilen und die Wasserlage gemeinsam besprechen.

Die erste grosse Klippe nach dem Start folgte rasch. Unterhalb der Teufelsbrücke grollte und schäumte das Wasser bedrohlich. Die beiden analysierten jeden Wirbel und jede Wendung vom Ufer aus. Dann legte Häberling los und meisterte die Schlüsselstelle erfolgreich – nicht zuletzt wegen des Heimvorteils: «Die Reuss ist sozusagen mein Fluss. Ich habe meine Jugend auf ihr verbracht und kenne sie fast in- und auswendig.» Häberling kennt auch die verschiedenen Gesichter der Reuss: Da schäumt und sprudelt sie. Dort ruht sie in ausgeschwemmten Steinbecken, und nur ein feines Rinnsal zieht weiter Richtung Tal. Für die zwei Kajakfahrer bedeutete dies immer wieder: Kajak schultern, laufen, klettern. Dann wieder hoch konzentriertes Paddeln, zentime­tergenaues Abmessen zwischen den Steinen hindurch. «Der Fluss verlangte hier mein ganzes Können», erinnert sich Häberling.

Meditation auf dem Vierwaldstättersee

Kurz vor Göschenen, der Abend war bereits eingebrochen, gab Dippon mit einer geprellten Rippe auf. Häberling erreichte kurz nach Mitternacht sein Ziel in Flüelen, wo die Reuss in den Vierwaldstättersee mündet. Er legte sich todmüde im Bus schlafen. Der zweite Tag gestaltete sich wesentlich ruhiger. Für die Seequerung tauschte Häberling sein wendiges Wildwasser- gegen ein langes Seekajak ein. Auf dem stillen Gewässer kehrte monotone Stille ein, sieben Stunden ruhiges Paddeln war angesagt. «Das war für mich als Actionsportler schon etwas ein Kulturschock», erinnert sich Häberling lachend.

Auch die dritte Etappe von Luzern nach Bremgarten war im Vergleich zum ersten Tag eine Spazierfahrt. Dennoch musste jeder Schlag sitzen, schon alleine der schwindenden Kraftreserven wegen. Nach insgesamt 30 Stunden auf dem Wasser erreichte Häberling Lauffohr bei Brugg. Dort, wo die Reuss mit der Limmat und der Aare zusammenfliesst.

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