P. X. Weber: Franz Ludwig Pfyffer von Wyer

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Da eine umfassende, zuverlässige und auf Dokumente gestützte moderne Beschreibung des in Naturforschung, Sage und Geschichte berühmten Pilatusberges bisher nicht vorliegt — die letzte allgemeine Kompilation von Dr. M. A. Kappeler ist 146 Jahre, die letzte geologische Beschreibung von Dr. Fr. J. Kaufmann 46 Jahre alt —, so muß man es dem Luzerner Archivar Weber Dank wissen, daß er es unternommen hat, mit Bienenfleiß aus einer schier unübersehbaren Reihe von Dokumenten, Büchern, Karten, Aufsätzen, Manuskripten und Broschüren in öffentlichem und Privatbesitz, zum Teil sehr schwierig aufzutreiben, alles zusammenzustellen, mit scharfer Kritik zu sichten und mit gutem Geschmack „ vom Berge Pilatus zu erzählen, was ihn mit den Menschen in Vergangenheit und Gegenwart in Verbindung gebracht hat ". Man braucht sich nicht zu wundern, daß daraus ein Buch von XIX und 379 Seiten in XII Kapiteln entstanden ist. Dennoch ist der Stoff wohl nicht völlig erschöpft und es bleibt einem ähnlichen Kenner, der aber auch ein ebenso fleißiger und gewissenhafter Mann sein muß, noch Arbeit übrig zu Berichtigungen und Nachträgen über alle die Fragen und Forschungen, welche Archivar Weber aufwirft und behandelt in Beziehung auf den Pilatus als Wettermacher, seine Sagen ( Pontius Pilatus, die Drachen, der h. Dominik ), seine Namen, die Marchen und Rechtshändel, die Wege, die Alpen und Wälder, die Berghöhen und Höhlen, die Bahn und die Gasthöfe, die Naturkunde, die Besucher des Berges. Aber wie gesagt, es handelt sich nur um „ Berichtigungen und Nachträge "; die Hauptarbeit ist gemacht und gut gemacht auf solider Grundlage. Besonders begrüßenswert sind die urkundlichen Anhänge: 1. 1380. Älteste Kundschaft über die Luzerner Burgerallmend. 2. 1387. Beschluß des Rates von Luzern betreffend 6 Kleriker. .3. 1555. Dr. Konr. Geßners Pilatusbeschreibung ( ins Deutsche übertragen ). 4. 1594. Ratsbeschluß betreffend die Abgrabung des Pilatusseeleins. Sehr nützlich sind auch die alphabetisch oder chronologisch geordneten Abschnitte XI und XII über Karten, Bilder, Panoramen, Reliefs, Quellen und Literatur und das alphabetische Register über die 10 ersten Abschnitte und die Anhänge.

Das Buch, das auch in der reichen bildmäßigen Ausstattung nach alten Holzschnitten, Kupferstichen, Gemälden und nach Photographien und mit einer vom eidg. topographischen Bureau gelieferten Karte des Pilatusgebietes, sowie durch schönen Druck und Einband modernen Ansprüchen genügt, kommt eben recht zum Jubiläum des S.A.C., das in Luzern gefeiert werden soll, am Fuße des Berges, welcher die Wiege des schweizerischen Alpinismus und damit des Alpinismus überhaupt war, und dem die festgebende Sektion ihren Namen entlehnt. Ich empfehle es daher allen Clubgenossen zum vorbereitenden Studium auf die Festtage. Ich habe nur einen Vorbehalt zu machen, nicht als Kritiker, sondern als ein von Weber mehrfach zitierter Sagenforscher. Weil ich fürchte, daß eine der Weberschen Thesen, wenn unwidersprochen, sich als Dogma festsetze, muß ich die Geduld des Lesers noch für einen Augenblick in Anspruch nehmen.

Herr Weber nimmt ohne weiteres an, der „ Mont Tranchié " einer von zirka 1250 stammenden Pariserhandschrift und der „ Mont de Tresquie " des Jean des Preis, dit d' Outremeuse ( von zirka 1390 ), in dessen See der Leichnam des verfluchten Pontius Pilatus geworfen wurde, sei die altfranzösische Übersetzung des „ Mons fractus ", eines von zirka 1200 stammenden Rodels der ältesten Vergabungen an das Benediktinerkloster in Luzern. Und da dieser hinwiederum unstreitig den jetzt Pilatus genannten Berg bezeichne, so müsse daraus gefolgert werden, daß um diese Zeit schon der ruhelose Geist des Landpflegers Pontius Pilatus in dem Seelein „ uf Frag-muonde bi Lützerne " gespukt habe, resp. die weit verbreitete Sage hier lokalisiert worden sei. Der andere Name des Berges, Frekmünt, Fragmund oder Frakmont, sei eine „ Verdeutschung ' " des „ fractus mons der Benediktiner. Das ist nun beides ganz gefehlt. Wenn die volkstümlichen Namen Mont Tranchié und Mont de Tresquie eine Lokalisierung der Pilatussage für das 13. Jahrhundert überhaupt erlauben — die betreffenden nordfranzösischen Texte bieten dafür keine Anhaltspunkte —, so weisen sie viel eher auf die Gegend von Vienne oder den Mont Pilat bei Lyon hin, und wir hätten in ihnen den bisher vermißten Durchgangspunkt der Legende auf ihrer Wanderung aus Italien durch Frankreich nach der Schweiz zu sehen. Diese Spur, für deren Nachweis wir Herrn Weber malgré lui dankbar sind, muß noch weiter verfolgt werden. Ich mache auch ausdrücklich darauf aufmerksam, daß in der Schilderung des Pilatusberges und -sees bei Norcia im Apennin, welche wir in einem Reisebericht des Antoine de la Sale von 1420 finden, der See von diesem Augenzeugen in eine Einsenkung des zweigipfligen Berges verlegt wird. Und mit diesem zerstörten Zusammenhang fällt auch der daraus gezogene Schluß Webers dahin, daß die Lokalisierung der Pilatussage „ nach uralten Volkstraditionen " am Frackmont bei Luzern älter sei als die in Italien, und daß „ die Hauptzüge dieser Sage von Norden her in den Apennin übertragen worden seien ". Die lange Fortdauer der Benennung Frakmont für den heutigen Pilatusberg — erst 1433 außerhalb Luzerns und 1460 in Luzern wird der Gipfelstock offiziell Pilatusberg genannt — und der Umstand, daß dieser romanische Name heute noch an zwei Alpen in Ob- und Nidwaiden haftet, von denen er, nach Dr. Brandstetters und meiner Meinung, auf den Berg übertragen worden ist, nicht umgekehrt, sprechen ebenfalls gegen Webers Auffassung von dem Hergang bei der Fixierung von Sage und Namen in der Umgebung von Luzern. Ich bleibe also bei meiner 1907 ausgesprochenen und mit Beweisen belegten Meinung, daß „ bei Luzern Pilatus nachweisbar von dem anfangs anonymen Hagelsee Besitz ergriffen hat, und zwar erst im 14. Jahrhundert, von dem Berg sogar erst im 15., unter deutlicher Einwirkung des italienischen Doppel-gängers ". Zwei dieser Beweise will ich hier wiederholen. Der von Archivar Weber ( S. 348—349 ) abgedruckte Ratsbeschluß betr. sechs Kleriker, „ welche den Gipfel des Frackmont besteigen wollten ", datiert von 1387 und gibt nur dann einen Sinn, wenn wir ihn in Zusammenhang bringen mit einer Verfügung von Papst Innocenz VI. [1352 —1362], welche alle exkommunizierte, die ohne Erlaubnis bei dem Pilatussee im Apennin gewesen waren und nicht Absolution für diese Sünde nachsuchten. Und der Zürcher Chorherr Felix Hemmerlin, welcher seine Erkundigungen 1420 in Bologna am Hofe des Papstes Johann XXIII. einzog, hat, wie aus seinen eigenen Worten hervorgeht, den in der Legenda aurea des Jacobus a Voragine1298 ) noch anonymen gewitterbringenden Bergsee um 1447 auf den Pilatusberg und -see bei Luzern gedeutet, nur um ihn mit dem ihm neu bekannt gewordenen „ beim Castell Sambuco " in Parallele bringen zu können. In der Schweiz ist der älteste Zeuge für die Pilatussage der Züricher Kantor Conrad von More 1273, und dieser nennt den Septimer als den Ort, wo das Gespenst des Pilatus haust. Auch dies steht den Annahmen Webers von der Priorität Luzerns im Wege. In bezug auf den Pilatus möchte ich schließlich noch die Berichtigung anbringen, daß Gottlieb Sigmund Studer eine Beschreibung des Pilatus wirklich angefangen und zu diesem Zwecke den Berg von Langnau aus wiederholt bestiegen hat.

Zu demjenigen, was Archivar Weber in seinem Pilatusbuche über die literarischen, topographischen und plastischen Arbeiten des Generals Franz Ludwig Pfyffer von Wyer geäußert hat, kommt als willkommene Ergänzung die im Titel oben erwähnte, mit zwei Porträts und einer photographischen Ansicht des Pfyfferschen Reliefs geschmückte und ebenfalls mit alphabetischem Personen- und Ortsregister versehene, 44 Seiten umfassende Skizze. Sie bereichert unsere Kenntnisse auf vielen Punkten, und wir wollen unsere Dankbarkeit damit ausdrücken, daß wir das wenige angeben, was wir hinzufügen können. Soviel ich mich erinnere, ist von Pfyffers Verkehr mit dem Bernischen Staatsgefangenen auf Aarburg, J. B. Micheli du Crest, auch in dessen Briefwechsel mit A. v. Haller die Rede.Verdienstlich wäre auch, wenn die Korrespondenz zwischen Pfyffer und Sinner von Ballaigues über des ersteren, resp.

Frérons Promenade sur le Mont Pilate herausgegeben würde. Der verdienstvolle Biograph Sinners, Dr. Burri, hat wegen der Überfülle des Stoffs darauf nicht eingehen können. De Saussure ist nicht nur 1783, sondern auch 1784 in Luzern gewesen, wie aus den Briefen von Sophie La Koche hervorgeht. Auch der Berner Naturforscher J. S. Wyttenbach hat Pfyffer vor 1786 in Luzern besucht und sein Relief mit großem Interesse besichtigt. Und umgekehrt ist Pfyffer in Bern bei Wyttenbach gewesen. Ich hoffe über diese Dinge einmal im Zusammenhang reden zu können; denn die Broschüre Webers hat mir wieder nahegelegt, daß die Geschichte der Erforschung der innerschweizerischen Bergwelt im 18. Jahrhundert noch mehrere Rätsel und unaufgeklärte dunkle Punkte bietet.Redaktion.

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