«Pschuuri, Pschuuri-Mittwuch, as Eitschi oder as Maidschi» Alter Fasnachtsbrauch in Splügen

Hartnäckig hält sich im bündnerischen Passort Splügen der «Pschuuri» – ein archaisch anmutender Fasnachtsbrauch, den die Walser auf ihren Wanderungen vor über 700 Jahren aus dem Oberwallis ins Rheinwald brachten.

Aschermittwoch. Tief hängen die Wolken an diesem kalten Februarmorgen. Windböen fegen durch die Gassen von Splügen und lassen die Schneeflocken tanzen. Die Säumerglocken sind längst verstummt im schmucken Bergdorf mit seinen 420 Einwohnern, nur die herrschaftlichen Palazzi im historischen Dorfkern erinnern noch an seine bewegte Transitgeschichte.

Oben auf dem «Büal», dem Kirchhügel, herrscht reges Treiben. Burschen der Jungmannschaft haben sich um eine russgeschwärzte Pfanne versammelt. Darin köchelt eine pechschwarze Brühe. Die Zutaten für die gefürchtete Schmiere, die am Nachmittag für das Schwärzen der Gesichter verwendet wird, befinden sich nebenan auf der Ladebrücke eines Viehanhängers. Hier wird Asche gesiebt, dort aus einem Schmalztopf eine fettige Substanz geschöpft. Alsbald wird die kochende Flüssigkeit in einen Metalleimer geleert. Mit einem krummen Baumast rührt einer der jungen Männer die Ingredienzien zu einer dickflüssigen Masse. Und immer wieder sind Regieanweisungen zu hören. Experten unter sich. Es wird aber auch gefrotzelt, was das Zeug hält. Fragt man nach der Rezeptur der Schmiere, sind die Antworten vage. Wie es schon im Mittelalter bei den Alchemisten der Fall war, besteht auch hier ein absolutes Schweigegebot. «Es gibt nur wenige Eingeweihte, schriftlich Überliefertes existiert nicht», sagt Dario Simmen. Er ist Präsident der Splügner Jungmannschaft, die den «Pschuuri» von jeher organisiert und zelebriert.

Heidnisches Fruchtbarkeitsritual

Der Begriff «Pschuuri» ist auch in anderen Walsergebieten Graubündens geläufig. Er steht für das Schwärzen von Schulkindern und unverheirateten Frauen am Aschermittwoch. In ihrer ganzen Vielfalt wird die Kulturtradition aber nur noch hier in Splügen gelebt. Obwohl es im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder zu Anpassungen gekommen ist, sind die wesentlichen Elemente dieselben geblieben. Während die ledigen Burschen am frühen Morgen auf dem «Büal» ihr zähflüssiges Süpplein kochen, ziehen Mütter und Väter mit ihren verkleideten Kleinkindern in Gruppen von Haus zu Haus, um Süssigkeiten zu erbetteln. «Pschuuri, Pschuuri-Mittwuch, as Eitschi oder as Maidschi» – ein Ei oder ein Mädchen. Erst wenn die Kleinen diesen überlieferten Spruch aufgesagt haben, werden ihnen Leckereien in ihre «Tschifferli» (Rückentragkörbe) oder Rucksäcke gelegt.

Punkt 13 Uhr schwärmen dann die jungen Männer in Lumpen und Felle gehüllt aus und versuchen, die Gesichter von Kindern und ledigen Frauen zu schwärzen. Bis zum Sonnenuntergang müssen alle «pschuuret» sein, am Abend gibt es keine Verfolgungsjagden mehr. Im Gegenteil: Die Burschen verkleiden sich dann als «Mannli und Wibli» und betteln paarweise an den Hauseingängen um Eier. Aus diesen werden am späteren Abend Eiersalat und «Resimäda» – ein Trunk aus Eiern, Wein und Zucker – zubereitet. Um Mitternacht trifft sich dann das Jungvolk mit seinen Gästen zu einem rauschenden Fest, wo nebst dem Verzehr der Eierspeisen auch das Geheimnis gelüftet wird, welcher Bettler unter welcher Maske steckt. «Im Hintergrund dieses Brauches steht ein heidnisches Fruchtbarkeitsritual», sagt der langjährige Lehrer Reto Attenhofer. «Die Eierspeisen sollten die heiratsfähige Jugend stärken und ihre Fruchtbarkeit fördern. Mit den Masken wollte man womöglich vegetations- und menschenfeindliche Dämonen vertreiben.»

Ein Dorf im «Pschuuri»-Fieber

Immer wieder tauchen die «Maschggerä» (Masken/Maskenträger) mit Fransenhosen, Fellmaske und einem Glockengeröll um die Hüfte im Dorf auf, um dann sogleich wieder in einer Gasse oder hinter einem Haus zu verschwinden. Die kugelförmigen Pferdeschellen, die zum Teil noch aus der Säumerzeit stammen, sollen die Verfolger verraten und den Opfern einen kleinen Vorsprung verschaffen. Was jedoch nur selten gelingt. Zuerst sind es vor allem die Schulkinder aus dem Dorf, die sich meist ohne Gegenwehr das Gesicht schwärzen lassen. Der «Pschuuri» ist für die Einheimischen so wichtig wie Weihnachten und Neujahr. Selbst diejenigen, die längst weggezogen sind, kehren jedes Jahr dafür ins Dorf zurück – oft sogar aus dem Ausland. Beseelt von wiederkehrenden Ritualen in einer unsteten Welt.

Ihren Höhepunkt erreichen die wilden Verfolgungsjagden am Nachmittag. Dann nämlich, wenn die jungen Frauen des Dorfes nach und nach ihre Verstecke verlassen. Dabei greifen sie auch gerne mal in die Trickkiste. Manche tragen zur Tarnung Perücken und poppige Sonnenbrillen oder schieben Kinderwagen vor sich her. Eine Frau mit geflochtenen Haarzöpfen hat sich ein Babytragtuch um den Bauch gewickelt. Erst bei genauerem Hinschauen entpuppt sich der vermeintliche Säugling als Spielzeugpuppe. Die «Pschuurirolli» lassen sich aber nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Ihrem wachen Blick entgeht keine auch noch so kleine Auffälligkeit – früher oder später erwischen sie alle.

Ein Raunen geht durch die Menge der Schaulustigen, die sich mitten im Dorf bei der Rheinbrücke versammelt haben. Der helle Klang von Pferdegeröll ist zu hören. Eine entlarvte junge Frau rennt so schnell sie kann und versucht, die Dorfbrücke zu überqueren. Ihr Verfolger ist jedoch schneller. Er holt sie ein und bringt sie mit einem eleganten Hüftschwung zu Fall. «Schliess die Augen», raunzt er, zieht seine Maske hoch und beginnt sodann ihr Gesicht mit der russigen Paste einzureiben. Die Gegenwehr wird zusehends kleiner, und schon bald hat die Frau die Prozedur hinter sich. Noch bevor sie wieder mit lachendem Gesicht auf den Beinen steht, wird sie zum mitternächtlichen Fest eingeladen. Für die jungen Frauen ist es heute Ehrensache, sich am Aschermittwoch schwärzen zu lassen. In früheren Zeiten war das Gegenteil der Fall.

Der Tag neigt sich seinem Ende zu. Die «Pschuurirolli» sind müde geworden, die meisten jungen Gesichter sind geschwärzt. Mit der einsetzenden Dämmerung endet das Gegeneinander der Geschlechter, und der Fasnachtsbrauch tritt in die nächste Phase. Noch immer ist der Himmel über Splügen wolkenverhangen. Nach einer Aufhellung am Nachmittag hat wieder Schneegestöber eingesetzt. Der «Pschuuri» wirkt wie das umliegende Bergmassiv, rau und wild.

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