Runter kommen sie immer, die Frage ist nur wann und wie. Camembert um Mitternacht

Camembert um Mitternacht

Wir waren den ganzen Tag geklettert, hatten uns kalte Füsse und steife Zehen bei der Suche nach einer schwachen Stelle im Bergschrund geholt, uns die Hände zerschunden beim Verklemmen in den rauen Granitrissen. Der Rücken schmerzte vom schweren Rucksack, das Genick vom ewigen Hinaufstarren. Das Gehirn wirbelte vor lauter Französisch in unserem Führer: « quelques fissures et dièdres », dann einige « petites terrasses », darauf wieder endlose « fissures, dalles, cannelures » und « dièdres », unterbrochen von neuen « surplombs » und neuen « fissures » und « dièdres ». Unglaublich, wie lange 800 Meter Wandhöhe dauern können!

Und auch als die Beschreibung des Führers längst zu Ende war, stieg die Wand noch weiter in den knallblauen Himmel, gelbrot, unverrückbar, unendlich.

Endlich dann doch Endlichkeit. Der Rahmen wird weiter, der Himmel gewinnt Raum. Die Wand wird zum Pfeiler, der Pfeiler zum Grat, der Grat wird zum Rücken. Aus dem Klettern wird ein Steigen, die Gedanken kommen zur Ruhe, der Führer bleibt im Rucksack. Es ist geschafft, und das Steigen fällt plötzlich leicht, als ob der Berg sich verneigen und so unsere Bewegungen auf den letzten Metern vor dem höchsten Punkt noch ein bisschen erleichtern wollte.

Auf dem Gipfel 3983 Meter über Meer. Später Nachmittag. Die Lunge pumpt, der Atem fliegt, die Trinkflasche ist leer. Wenig unterhalb des höchsten Punktes rinnt ein wenig Wasser aus einem Schneefleck. Die Zunge darunter halten, das heisse Gesicht in den pflaumigen Schnee pressen, das scheint das Grösste im Leben. Das Seil ablegen, den Gurt aufreissen und mit dem ganzen, zentnerschweren Geklimper daran auf die Felsplatten fallen lassen.

Der Abstieg Die Gedanken bleiben noch eine Weile beim zuvor Erlebten. In solchen Momenten ist sogar die Geschwindigkeit des Fussgängers zu hoch für die Gedanken, die noch in den Rissen stecken, an Überhängen kleben und sich auf den Terrassen verlaufen, auf denen der Weiterweg doch so klar ist: nach oben! Über lose Platten und Schutthänge gehts hinunter zum Glacier Carré, dann vorsichtig in den profillosen Kletterfinken über den steilen, matschigen Schnee abwärts zum Beginn des Promontoire-Grates. Die Füsse sind sofort klitschnass, aber wie wohl das tut nach der Hitze des Nachmittags! Auf den Gletscher folgen Kletterstellen, Abseilstellen, Klettermeter, Abseillängen, Klettermarathon, Abseilmarathon. Am Gipfel des Grand Pic de la Meije zerfasern feine Wölklein und färben sich abendlich ein. Den ganzen Tag gaben wir Seil nach, jetzt ziehen wir Seil ein. Es ist ein und dasselbe. Und doch ist es nicht egal, was wir tun. Darin erkennen wir den Sinn unseres scheinbar sinnlosen Tuns.

« Boid bist obn, boid bist untn, boid bist verlorn und boid bist gfundn... des Radl draht si oiwei weida, aber selten wern ma gscheida », 1 so interpretiert der Österreicher Hubert von Goisern das Bergsteigerlied.

1 Für Nicht-Österreicher: « Bald bist du oben, bald bist du unten, bald bist du verloren, und bald bist du gefunden. Das Rad dreht sich alleweil weiter, aber selten werden wir gescheiter. » Bergeinsamkeit – wo die Gedanken in den Rissen stecken bleiben, an Überhängen kleben und sich auf den Terrassen verlaufen; Meije aus dem Val d' Etançons.

Fo to s:

Pe te r D on ats ch

Die Sonne kümmert das wenig. Sie hat genug und legt sich schlafen. Schlagartig wird es dunkel. Die Stirnlampe ist notwendig, damit wir im Führer nachlesen können, dass wir längst bei der Hütte angelangt sein sollten. Mit dem Verlöschen des letzten Tageslichts verstummt schlagartig auch das Gekrächze der Dohlen. Rundherum stille, graugra-nitene Bergeinsamkeit.

Aus. Ende. Fertig. Wir können nicht mehr, wollen nicht mehr müssen. Nach 800 Metern senkrechtem Fels aufwärts und gleich viel abwärts erscheint uns ein ebener, sandiger Fleck von mehreren Quadratmetern Fläche als das Beste, was uns noch begegnen kann. Rasch sind die Meinungen gemacht, die Rucksäcke ausgeleert, die Kleider alle angezogen, die müden Glieder erstmals ein wenig entlastet, so gut es eben geht. Aber wo ist der vierte Mann? Er war im leichteren Gelände etwas schneller gewesen als wir und, als die Nacht hereinbrach, plötzlich weder zu sehen noch zu hören. Wir wähnten ihn kurz vor uns und hatten gedacht, dass er hinter einer Gratkante auf uns warten würde. Ein leerer Magen knurrt lauter

« Wenn wir doch nur hätten, wie wir eigentlich wollten und auch hätten sollen » – Fragen über Fragen, wenn die Nacht schneller einbricht als geplant; abendliche Stimmung im Ecrins-Massiv. « Den ganzen Tag Seil nachgeben, dann Seil einziehen – ein und dasselbe. Und doch ist es nicht egal, was wir tun. Darin erkennen wir den Sinn unseres scheinbar sinnlosen Tuns. »

als alle Fragen. Deshalb drehen sich unsere Gespräche rasch einmal ums Essen, das wir nicht haben, dem wir uns aber hingeben könnten, wenn wir doch nur hätten, wie wir eigentlich wollten und auch hätten sollen.

« Ein Stück Camembert ?» « Wie bitte ?» – « Möchtest du ein Stück Camembert ?» Da steht tatsächlich unser verloren geglaubter Freund und hält uns ein Stück echten französischen Weich-käse unter die Nase. Gerade im richtigen Stadium, leicht fliessend, mit einem hauchzarten erdigen Geschmack, gleichzeitig aber mit fester Rinde. Da sitzen wir nun und verstehen einander nicht mehr, nachdem wir uns einen ganzen Tag so gut verstanden haben. Wir verstehen nicht, wo unser Freund dieses exquisite Stück Gaumenfreude her hat, und er versteht nicht, weshalb wir hier im Sand hocken, statt zwei Seillängen weiter abzusteigen, um am gedeckten Tisch in der Promontoire-Hütte zu sitzen, wie es sich für kultivierte Menschen gehört. a

Peter Donatsch, Bad Ragaz

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