SAC-Hütten und Ökologie

Eine Analyse am Beispiel der Tschierva-Hütte Von der Ökologie wird heute gern und viel geredet, auch im Zusammenhang mit den SAC-Hütten. Was jedoch oft fehlt, sind die nötigen Grundlagen, um sachlich und präzise beurteilen zu können, wo und wie ökologische Verbesserungen wirklich nötig und möglich sind. Dieser Mangel trifft auch für die SAC-Hütten zu. Deshalb hat der Umweltingenieur und Bergsteiger Florian Hug aus Zürich im Rahmen seiner Diplom-arbeit1 dieses Thema angepackt. Als Untersuchungsobjekt wählte er die Tschierva-Hütte, unter anderem, weil sie in den nächsten Jahren umgebaut werden soll.

Die Arbeit, basierend auf einer minuziösen Datenerhebung, bildet eine wertvolle Grundlage für die Thematik Hüttenökologie ganz allgemein. Zudem kommt sie in einem geeigne- Methoden und Instrumente Die Daten wurden während der Sommersaison 1996 auf der Hütte erhoben. Dazu dienten die Buchhaltung der Hütte und die Helikoptertrans-portscheine.. " " .Vieles wurde gewogen, der Wasserfluss gemessen, und das Fehlende konnte mit den sehr präzisen Erfahrungswerten des Hüttenwartes ergänzt werden. Methodisch wurden diese Daten nach den Regeln der Stoffhaushalt-Theorien von Prof. Dr. P. Baccini ( ETHZ ) verarbeitet [1]. Das Vorgehen ähnelt dabei dem einer Finanzbuchhaltung, ausser dass es sich statt um Geldströme um Stoff-oder Energieströme handelt. Man setzt aus vielen einzelnen Bilanzie-rungseinheiten ( z.. " " .B. Kochherd ) sukzessive das ganze System des Hüttenbetriebs zusammen. Diese einzelnen'Stoff- und Energieflussanalyse für die Chamanna da Tschierva SAC. Diplomarbeit 1997, ETHZ, Abt. VIII, Studienrichtung Umweltingenieur 2 Interessenten erhalten weitere Auskünfte beim Autor, Florian Hug-Iten, Stapferstrasse 39, 8006 Zürich, Tel. 01/363 19 16, oder bei der Abteilung Schutz der Gebirgswelt im SAC, Tel.031/370 18 18.

Energieflussanalyse mit Systemgrenze Bergsteigen in Kilowattstunden/Übernachtung Umgebung Solarstrom und Turbinenstrom 0,33 menschliche Energie Hüttenaufstieg und Tour 2,40 Energieflüsse der Hin- und Rückreise hellblau Energieflüsse des Hüttenbetriebsblau Energieflüsse, die die Tour betreffen violett-blau Die einzelnen Prozesse werden bilanzmässig ausgeglichen, indem die umgesetzten Energien als Abwärme an die Umgebung abgegeben werden. Dies entspricht einem physikalischen Grundge- Teilsysteme und Prozesse werden durch Stoff- oder Energieflüsse miteinander verbunden. Die grafische und rechnerische Umsetzung der so erstellten Systeme ermöglicht es, sich ein genaues und umfassendes Bild der Systeme und ihrer Zusammenhänge zu machen. Eine sehr wichtige Entscheidung bei dieser Verarbeitung ist die Wahl der Systemgrenzen. Als weiteste Bilanzierungseinheit wurden deren zwei gewählt:

Die eine umfasst den Hüttenbetrieb mit sämtlichen Versorgungs-transporten,die zweite umgrenzt das Bergsteigen ganz allgemein und schliesst damit die Reisetätigkeit der Bergsteiger ein.

Heutige Situation Die Tschierva-Hütte liegt auf knapp 2600 m ü.M. und wird im Sommer und während der Skitourenzeit bewirtet. Die Übernachtungszahlen ( 1996 ca. 4000 Übernachtungen ) gingen in den letzten Jahren zwar zurück, sind aber im Vergleich mit anderen Clubhütten immer noch ziemlich hoch. Die Versorgungstransporte erfolgen entweder direkt vom Flugplatz Samedan oder mit dem Helikopter vom Hotel Roseg aus, wohin der Hüttenwart die Güter mit dem Lieferwagen bringt. Die Hütte ist wie die meisten Clubhütten weder an die Kanalisation angeschlossen noch mit Netzenergie versorgt. Gekocht wird mit Holz und Kohle, geheizt wird nur mit Holz und hauptsächlich im Frühling. Gas wird für die Lebens-mittelkühlung und für einen kleinen Gasherd benötigt. Die Abfälle werden getrennt gesammelt und ins Tal geflogen. Organisches Material wird auf einen Komposthaufen gebracht, wo ein beträchtlicher Teil wieder von Tieren gefressen wird. Während der ganzen Sommertourenzeit ist die Hütte ausreichend mit Wasser versorgt. Das Wasser wird durch den Herd oder mit Überschussstrom aus dem Batteriesatz erwärmt. Die Batterien werden von den Solarzellen und einer Kleinstwasserturbine mit 200 W Leistung gespeist. Die Abwässer werden unbe-handelt und kontinuierlich an die Umgebung abgegeben. Auswirkungen auf die Vegetation sind sichtbar. Mit diesen Infrastrukturanlagen liegt die Tschierva-Hütte sicherlich etwa im Mittelfeld der Clubhütten und ist daher repräsentativ für eine Untersuchung.

Zusammenfassung der Ergebnisse und Verbesserungsvorschläge Die Situation im engeren Rahmen des Hüttenbetriebs Energie - Eine Hüttenübernachtung benötigt inkl. Helitransport 12 kWh Energie. Dies ist knapp die Hälfte der Energie, die pro Tag und Person in einem gewöhnlichen Haushalt benötigt wird.

- Es wurde ermittelt, wie hoch der Anteil der erneuerbaren Energien ( Solarelektrizität, Holzenergie, Turbinenstrom ) am Gesamtenergieverbrauch ist. Diesen Anteil kann man auch als Grad der Nachhaltigkeit der Energieversorgung bezeichnen. Er beträgt heute 51der grösste Teil davon ist Holzenergie. Dieser Grad Die Tschierva-Hütte, Untersuchungsobjekt der Studie « SAC-Hütten und Ökologie »; im Hintergrund der Biancograt der Nachhaltigkeit der Energieversorgung könnte nur unter grossem Aufwand erhöht werden, da hauptsächlich beim Holz gespart werden kann oder dieses durch andere erneuerbare Quellen ersetzt würde. Die restlichen 49% stammen aus fossilen Energiequellen ( Kohle, Gas, Benzin ).

- Weiter wurde berechnet, wie hoch der Anteil der an Ort produzierten Energie am Gesamtenergieverbrauch ist. Diesen Anteil kann man als Grad der energetischen Selbstversorgung der Hütte bezeichnen. Er beträgt heute 3 %, die restlichen 97 % der Energie werden in Form von Holz, Gas oder Kohle aus dem Tal importiert. Die optische Erscheinung der Solar- und Turbinenanlagen darf also nicht über die wirklichen Versor-gungsverhältnisse hinwegtäuschen. Der Grad der energetischen Selbstversorgung kann z.B. mit Solarkollekto-ren auf 10% bis 15% verbessert werden. Die energetische Unabhängigkeit ist wegen der dafür notwendigen Anlagengrössen und des im Frühjahr fehlenden Turbinenstroms ( das Wasser ist noch gefroren ) nicht zu erreichen.

- Das benötigte Warmwasser könnte mit einer Solarkollektoran-lage vor Ort erzeugt werden.

- Der grösste Energiestrom des Hüttenbetriebs fliesst in den Kochherd. Deshalb ist dem Wirkungsgrad Die Kleinstwasserturbine auf der Tschierva-Hütte mit 200 W Leistung und ca. 1 Se-kundenliter Durchfluss Schutz der Gebirgswelt c 11 a des Kochherdes besondere Aufmerksamkeit zu schenken, und ein älteres Modell mit schlechtem Wirkungsgrad wäre eventuell zu ersetzen.

- Von der Einrichtung von Duschen für Bergsteiger ist abzuraten, diese könnten schon bei kleiner Nachfrage nicht mehr solar betrieben werden und verschlechtern damit durch höheren Importenergiebedarf den Grad der energetischen Selbstversorgung!

- Das weitgehende Vernetzen der einzelnen Energiesysteme erhöht die Bedienungsfreundlichkeit und den Wirkungsgrad des Totalsystems.

Hüttenbetrieb -Stoff- und Energieeinsparungen beim Betrieb der Hütte sind hauptsächlich durch Infrastrukturverbesse-rungen möglich und kaum mehr durch Betriebsoptimierung.

- Im Vergleich mit der Selbstversorgung haben die Angebotsverbesse-rungen auf das Niveau der Halbpension in den Hütten die Stoffflüsse nicht erhöht. Der Grund dafür ist, dass das Abkochen einzelner Mahlzeiten mehr Energie benötigt als das gemeinsame Kochen der Mahlzeiten. Die eigentliche Komfortsteigerung ist das Nicht-selbst-hinauftragen-müssen. Erwünschte ökologische Veränderungen müssen deshalb bei der Transportart und nicht beim Hüttenangebot ansetzen.

Abfälle Das Ausfliegen der von den Bergsteigern zurückgelassenen und aus dem Hüttenbetrieb anfallenden Abfälle erhöht die Helikoptertätigkeit und den Treibstoffverbrauch nicht. Der Helikopter ist heute im Rückflug nur zu 12 % ausgelastet, hat also genügend Abtransportkapazität. Hinzu kommt, dass der Treibstoffverbrauch beinahe gleich gross ist, ob der Helikopter beladen oder unbela-den hinunterfliegt. Das Abfallproblem ist deshalb nicht von zentraler Bedeutung und das Ausfliegen des Abfalls der Verbrennung bei der Hütte vorzuziehen.

Abwasser Das Ausfliegen von Fäkalien wäre sinnvoll, wenn diese Transporte ohne grössere Umwege mit den Versor-gungsflügen verbunden werden könnten ( gleiche Überlegungen wie bei den Abfällen ). Der Transport soll in grossen, hochfesten Einwegplastik- Helitransport von Lebensmitteln auf die Tschierva-Hütte, die Abfälle liegen zum Wegflug bereit sacken erfolgen, um Container-Rück-flüge und Zusatzflüge zu vermeiden. Eine funktionierende Lösung an Ort ist langfristig jedoch vorzuziehen.

Transporte -Am Energieverbrauch einer Übernachtung ist der Helikoptertrans-port mit 14% beteiligt. Der Energieverbrauch durch Helikoptertransporte steht im Verhältnis 1:250 zum privaten Reiseenergieverbrauch des Bergsteigers, ist also keineswegs der dominante Energiefluss des Bergsteigens.

- Das freiwillige Miteinbeziehen der Bergsteiger beim Transport von Holz ab einem Holzstapel beim Beginn des Hüttenweges könnte spürbaren Einfluss auf die Anzahl Helikopterflüge haben. Bonussysteme sind hier jedoch unwirksam.

- Wenn alles Holz statt mit dem Helikopter mit Säumer- oder Train-pferden transportiert würde, so Messe sich die Anzahl Helikopterflüge ungefähr dritteln.

Einbezug der Anreise Mit der Erweiterung der Systemgrenze wird die Reisetätigkeit des Bergsteigers in die Bilanzierung miteinbezogen.

Der Reiseenergieverbrauch pro Durchschnittstourist ist von folgenden Grossen abhängig: - der durchschnittlichen Anreisedi-stanz [2], der AutoTZugsverteilung [3],dem Energieverbrauch des Verkehrsmittels [4],der Auslastung der Verkehrsmittel [5].

Aufgrund dieser Annahmen errechnet sich ein Verbrauch von ca. 400 kWh Reiseenergieverbrauch pro Bergsteiger und Hüttenübernachtung. Damit verbraucht die Reise des Bergtouristen 30- bis 35 mal mehr Energie als seine Hüttenübernachtung ( Helikoptertransporte inkl. ). Die Umweltfreundlichkeit des Bergsteigens wird demnach massgebend durch die Art der Anreise bestimmt. Bei der Reisetätigkeit der Bergsteiger liegt das grösste Sparpotential. Die diesbezügliche Politik der Sektionen und des Zentralverbandes hat darauf grossen Einfluss.

Als Verbesserungsmöglichkeit soll hier die Verbilligung der Übernachtungstaxen für diejenigen Bergsteiger vorgeschlagen werden, die die gültigen Fahrkarten ihrer Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln vorweisen können. Den prognostizierten Gesamtrabatt könnte man durch eine leichte Erhöhung der Mitgliederbeiträge wieder wettmachen. Damit wäre der Club weder administrativ noch finanziell belastet. Information und Umwelterziehung durch den Verein sind als zusätzliche Massnahmen unumgänglich. Das Hauptaugenmerk bei der Ökologisierung des Bergsports ist also auf die Wahl des Verkehrsmittels, auf dessen Auslastung und auf die Länge der Aufenthalte zu richten.

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Wenn im Fall der Tschierva-Hütte nur 10% der Bergsteiger vom Auto auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen ( d.h. Auto 50%, Zug 50% ), könnte mehr als das Vierfache des gesamten Jahresenergiever-brauchs der Hütte eingespart werden.

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Fazit Aus den erhobenen Daten geht unter anderem hervor, dass die Ökologie des Hüttenbetriebs selbst vor allem durch technische Massnahmen durchaus noch verbessert werden kann, beispielsweise durch den Einbau eines optimalen Kochherdes als « Energie-zentrum » der Hütte. Auf betrieblicher Ebene könnte nur eine deutliche Reduktion der Helikopterflüge zu einer substantiellen Verbesserung beitragen.

Im Rahmen der Bergsportaktivitäten fallen insgesamt gesehen aber alle hüttenökologischen Aspekte nur sehr wenig ins Gewicht, bringt doch die Reisetätigkeit der Bergsteiger die wirklich dominierende Umweltbelastung mit sich. Darüber darf jedoch nicht vergessen werden, dasszum ersten im Hochgebirge sich auch geringe Belastungen viel stärker auswirken als in tieferen Lagen,zum zweiten die ökologische Unversehrtheit der Bergwelt gerade das ist, was uns Bergsteiger anzieht und fasziniert,zum dritten die SAC-Hütten eine grosse Symbol- und Signalwirkung haben.

Es wäre deshalb für den SAC die beste Werbung, wenn er konsequent seine Hütten ökologisch vorbildlich einrichten und führen würde. Florian Hug-Iten, Zürich Jürg Meyer, SAC-Beauftragter für den Schutz der Gebirgswelt Literatur [1] Baccini/Bader: Regionaler Stoffhaushalt, Spektrum, Akademischer Verlag, 1996 [2] Hüttenstatistik des Hüttenwarts, durchschnittlich 520 km für Hin- und Rückreise [3] aus Studie von Lüthi/Siegrist 1996, Alpinismus und Umwelt, Mountain Wilderness [4] aus Merkblatt der Abteilung Zugförderung und Werkstätten der SBB über den Primärenergieverbrauch, 1988 [5] gemäss Angaben der SBB und des eidg. statistischen Amtes,. " " .1996

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