SAC-Kulturtreff 2001

Vom achtsamen Umgang mit Natur und Zivilisation

Zum traditionellen Kulturtreff 2001 haben sich Anfang März knapp 30 Kulturverantwortliche aus verschiedenen Sektionen im Distelihaus in Olten versammelt. Im Zentrum der anregenden Tagung standen die Ausführungen des « fliegenden Abts » zum Thema « Kultur ».

« Kultur – der achtsame Umgang... Daniel Schönbächler, 64.. " " .Abt des Klosters Disentis und begeisterter Gleitschirmflieger, stellt grundsätzliche Aussagen – er nennt sie « Glaubenssätze » – an den Anfang seines Vortrags: Wir üben an dem, was wir noch nicht können. Oder anders formuliert: Wir reden von dem, was wir gerne hätten, aber noch nicht haben. Und da taucht unüberhörbar die Frage auf, ob der SAC-Kulturtreff etwa eine Umsetzung dieses Grundsatzes ist – wird hier von Kultur geredet, weil sie offenbar ( noch ) nicht vorhanden ist? Abt Daniel spannt in der Folge einen weiten Bogen von der Arbeit im Tourismus, wo im Sinn eines Grenzerlebnisses die Erholung der einen das Leid ( und gleichzeitig der Verdienst ) der anderen bedeutet, über die romantischen, rückwärts gerichteten Publikationen des Alpinismuspioniers Placi a Spescha zum eigentlichen Begriff « Kultur ». Dieser wird vom lateinischen colere ( hegen, pflegen ) abgeleitet, was den fantastischen Kom-munikator aus den Bündner Bergen zur heiteren Bemerkung veranlasst, die Jäger – « Heger»und « Pfleger » – seien vermutlich die Einzigen, die Kultur hätten.

... mit Natur und Zivilisation » Abt Daniel definiert den Begriff Kultur als « den gepflegten Umgang mit der Welt, historisch, zeitlich und örtlich, die Auseinandersetzung mit der Umwelt ». Prägender Kulturträger ist die Sprache, weiter die Religion als Urerfahrung, das fascinosum et tremendum – das Faszinierende und das Erschreckende – des Heiligen. Über die Symbolik des Göttlichen, das sich in zeitlicher Abfolge im wilden Tier, der Jagd ( sic !), der Fruchtbarkeit, dem Opfer und dem Berg äussert, leitet er über zur Ethik. Diese regelt die Konventionen, in denen Menschengruppen auf Grund ihrer religiösen Erfahrungen zusammenleben. Der Toleranzspiegel der Gesellschaft wird schliesslich durch das Recht bestimmt. Als weiteren Aspekt der Kultur führt Abt Daniel die Zivilisation ( von lat. cives = Bürger ) an, definiert als « die Summe der Annehmlichkeiten, die das Leben erleichtern ». Da die diesbezügliche Erwartungshaltung in unserer Gesellschaft immer grösser wird, stellt sich die Frage nach den Grenzen – eine Entwicklung, die von der Wissenschaft eher fördernd und von der Kunst teilweise kritisch begleitet wird.

Spätstadium und Drohszenarien Als Spät- oder Endstadium der kulturellen Zivilisation sieht Abt Daniel die Manifestationen kurzfristigen Gewinn-denkens, die « über die Schöpfung hinweg trampeln ». Auswüchse zeigen sich u.a. in der sprunghaften touristischen Ent-

Fo to :Ka ri Jolle r DIE ALPEN 7/2001

wicklung und der daraus sich bildenden Sport-, Erlebnis- und Freizeitgesellschaft. Als Folge der Instrumentalisie-rung der Natur schlechthin drohen Szenarien in Form von Naturkatastrophen oder von kommerziellen, den Bergraum « bewirtschaftenden » Monsterorganisa-tionen. Trotzdem bezeichnet der « fliegende » Abt den Tourismus als stabilen Faktor innerhalb unserer Wirtschaft. Letztlich bestimmt unser Umgang mit der Natur, der gemäss der Definition von Kultur « pflegend » sein sollte, die Folgen.

Disteli – ein Haudegen aus Olten Nach dem grossen Applaus für Abt Daniel, einer rege genutzten Aussprache und dem gemeinsamen Mittagessen führt die Oltner Stadträtin Madeleine Schüpfer kompetent durch den diesjährigen Tagungsort, das Distelihaus. Martin Disteli, 1802 in diesem Haus geboren, studierte in Freiburg i. Br. und Jena, wo er sich als junger Haudegen mit keinem Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe auseinander setzte und prompt von der Universität gewiesen wurde. Nach seiner Rückkehr wandte er sich dem Kriegsdienst – er wurde Oberst in der kantonalen solothurnischen Armee – und dem Zeichnen zu. Von seiner Begabung als begnadeter Zeichner und Karikaturist und seinem Schaffensdrang zeugen die Werke im Distelihaus sowie im Kunstmuseum Olten. Sein unsteter Lebenswandel führte Disteli auch in die Berge. Als Mitglied der « Expedition Hugi » in das Rottal schuf er faszinierende Aquarelle der Gletscherwelt. Disteli, der Trunksucht verfallen, verwahrloste und starb bereits 1844.

Institution Kulturtreff Zum traditionellen Kulturtreff, der von der Kulturkommission seit 1997 jeweils im Frühjahr organisiert wird, sind die Kulturbeauftragten der Sektionen sowie weitere kulturell interessierte SAC-Mit-glieder eingeladen. Der nächste Anlass findet am Samstag, 9. März 2002, statt. Für ein attraktives Programm wird gesorgt! a

Bernhard Rudolf Banzhaf, Präsident Kulturkommission

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