Schmelzende Gletscher geben Vermisste frei

In den Alpen werden vermehrt Leichen von Berggängern gefunden – eine grosse Herausforderung für Finder, Polizei, Rechtsmedizin und Angehörige.

Zwischen 1973 und 2010 haben die Gletscher in den Schweizer Alpen knapp 30 Prozent ihrer Masse verloren. Was einst im Eis eingeschlossen und mit dem Gletscherstrom wegtransportiert wurde, kommt immer öfter ans Tageslicht - das gilt auch für die sterblichen Überreste von Bergsteigern.

Gemäss Angaben der Kantonspolizei Bern sind allein in den Berner Alpen aktuell über 70 Personen als vermisst gemeldet. Dabei handelt es sich meist um Alpinisten, die nicht von einer Bergtour zurückgekehrt sind. Der älteste Vermisstenfall stammt aus dem Jahr 1959. Glaziologen sind sich einig: Die Zahl der aufgefundenen «Gletscherleichen» wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen.

Die sichere Identifikation ist meist nicht einfach. Laut der Ärztin Corinna Schön vom Institut für Rechtsmedizin (IRM) an der Uni Bern richten Polizei und Rechtsmediziner ihr Augenmerk nicht nur auf die menschlichen Überreste, sondern auch auf gefundene Kleiderreste mit Etiketten, speziellem Muster oder auffallender Farbe. Auch in der Nähe gefundene Ausrüstungsgegenstände können bei der Iden­ti­fi­ka­tion mithelfen.

Funde der Polizei melden

Für Berggänger heisst das: Findet man Kleidungsstücke, Ausrüstungsgegenstände oder sogar Körperteile im Gebirge, sollte dies der Polizei gemeldet werden. Bei einem «aus­ser­ge­wöhn­li­cher Todesfall» arbeiten Polizei und Rechtsmedizin dann Hand in Hand.

Als besonders schwierig kann sich die Identifikation erweisen, wenn zwischen Todesfall und Auffinden Jahrzehnte liegen. «Dann sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Identifikation von vielen kleinen Details abhängig», erklärt Corinna Schön. Hinweise können die manchmal gut erhaltenen Kleidungsstücke oder Ausweispapiere sein, sofern gegenüber der Polizei bei der Vermisstmeldung detaillierte Angaben gemacht worden sind.

Als sichere Identifikationsmöglichkeiten gelten der Vergleich von Zahn­arzt­unter­lagen mit dem Gebiss des Leichnams sowie Vergleichsanalysen von DNA-Material oder von Fingerabdrücken, die klar zugeordnet werden können. Laut Corinna Schön scheitern solche Identifikationsversuche aber oft am Fehlen vorhandener Unterlagen aus früheren Zeiten oder an der Tatsache, dass keine Angehörigen mehr leben. Wird heute jemand als vermisst gemeldet, werden darum von Angehörigen vorsorglich DNA-Proben sichergestellt. Damit sollen die Erfolgschancen für eine spätere Identifikation steigen.

Was tun bei ungewöhn-lichen Funden im Gebirge

Findet man auf einer Bergtour Ungewöhnliches wie Ausrüstungsgegenstände, Papiere oder gar einen menschlichen Körperteil, gilt Folgendes:

– Gegenstände möglichst nicht berühren

– Lage notieren, Fotos der Funde machen

– Den Fund so rasch wie möglich der zuständigen Kantonspolizei melden und ihr die Fotos zukommen lassen

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