Schwachstelle bei Karabinern mit Verschluss-Sicherung

Eine bisher noch nicht bekannte Unfallgefahr Der Schraub-, Schiebe-, Twistlock-oder sonstige Verschluss eines Karabiners galt bisher als sicher. Jetzt zeigte ein tödlicher Unfall, dass dem nicht so ist. Weitere Fälle von Karabinerversagen wurden bekannt.

Ein Unfall in England Im Rahmen eines « Adventure Course»wurde schnelles Abseilen ( « high Speed abseiling » ) von einer 40 m hohen Brücke geübt. Nachdem ein « Adventure-Teilnehmer » das erste Mal in seinem Leben mit « normaler » Geschwindigkeit abgeseilt hatte, versuchte er am Tag darauf, sich mit « high Speed » in die Tiefe gleiten zu lassen. Zunächst wollte er mit einem zweiten Seil gesichert werden. Doch der Ausbilder war dagegen, da sich ein zweites Seil nicht so schnell ausgeben lässt, wie man bei schnellem Abseilen « in die Tiefe rauschen » kann. Schliesslich ging es darum, dem Anfänger ein aufregendes Abenteuer zu vermitteln.

Um der Gefahr eines Absturzes -sollte der Abseilende versehentlich Abb.1 So ist der Karabiner in England belastet worden.

Schnapper gelegt ( vgl. Abb. 1 ). Bei der anschliessenden Belastung wurde der Schraubverschluss wegen der hohen Hebelbelastung durch den Abseilachter so ungünstig beansprucht, dass er regelrecht von der Verschluss-nase des Karabiners durchgestanzt wurde ( vgl. Abb. 2 und 3 ) und sich so der Abseilachter aushängen konnte.

Vor Gericht Der Ausbildungsleiter des « Adventure Course » wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Auch deshalb, weil der'Der vorliegende Beitrag wurde publiziert in Deutscher Alpen verein Mitteilungen/Jugend am Berg, 49. Jg., Heft 6/97 ( Dezember ). Wir danken dem DAV und dem Autor Pit Schubert für die Abdruckbewilligung und das Bildmaterial.

2 UIAA = Union Internationale des Associations d' Alpinisme ( internationaler Bergsportverband ) mit Sitz in der Schweiz; dieser weltweite Verband hat eine Sicherheitskommission, in der verschiedene Länder durch Delegierte vertreten sind, u.a. Schweiz, England, Frankreich, Italien, Kanada, Österreich, Spanien, USA. Deutschland stellt derzeit den Präsidenten. Diese UIAA-Sicherheitskommission ist verantwortlich für die UIAA-Normen, die momentan überarbeitet, d.h. auf den neusten Stand der Technik gebracht werden ( zu gegebener Zeit wird über die neuen UIAA-Normen berichtet werden, die - und das ist das Besondere - in ihren sicherheitstechnischen Anforderungen noch über die EURO-Normen hinausgehen werden ).

Abb. 2 Verunfallte noch ein zweites Seil zur Sicherung begehrt hatte, was ihm der Ausbildungsleiter verweigert hatte. Als Gutachter wurde der britische Delegierte in der UIAA-Sicherheits-kommission2, Neville McMillan, vom Gericht befragt. Der sagte aus, dass derlei Gefahr bzw. Karabinerbrüche bis dahin nicht bekannt gewesen seien, dass Karabiner mit Dreh-, Schie-be-, Twistlock- oder sonstiger Ver-schluss-Sicherung bis dahin als ausreichend sicher galten und folglich ein zweites Seil zur Sicherung nicht unbedingt erforderlich gewesen sei und dass eine Sicherung durch eine zweite Person am Boden, die durch Zug am Seil die Abseilfahrt stoppen kann, allgemein ausreichend sei. Daraufhin wurde der Angeklagte freigesprochen.

Der Gutachter führte im Gerichts-saal vor, wie sich der Abseilachter aus dem verschlossenen Karabiner ausgehängt hat. Er hatte vor der Verhandlung auch Belastungsversuche durchgeführt. Er belastete einen Karabiner gleichen Modells mit dem Unfall-Abseilachter auf die gleiche Weise wie beim Unfall und musste feststellen, dass eine Abseilachter-Be-lastung von ganzen 1,03 kN ( ca. 103 kp ) ausreicht, um den Schraubverschluss zu durchstanzen, so dass sich der Abseilachter aushängen kann. Kommt noch hinzu, dass der Verunfallte ein Körpergewicht von 98 kg hatte. Es reichte beim Unfall also ein winzig kleiner Ruck mit dem Körpergewicht, um den Karabiner zum Versagen zu bringen.

Warum erst jetzt?

Die geschilderte Gefahr besteht nicht bei allen Karabinern und bei allen Abseilachtern, sondern nur bei bestimmten. Das Loch im Achter muss gross genug sein, und der Schnapperverschluss muss eine bestimmte Geometrie aufweisen, um zum Versagen bei Abseilbelastung führen zu können. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Gefahr nicht früher erkannt bzw. bekannt wurde.

Weitere Fälle Da auch uns im DAV-Sicherheits-kreis solche Unfälle bis dahin nicht untergekommen waren, versuchten Abb. 2 und Abb. 3 Unfallkarabiner, links der aus England, rechts der aus der Kletterhalle im Allgäu; deutlich zu erkennen: die durchgestanzte Stelle der Schraubhülse wir herumzuhorchen, ob ähnliches sich vielleicht doch irgendwo ereignet haben könnte. Und wir wurden fündig.

Fälle in Deutschland - In einer Kletterhalle im Allgäu -so erfuhren wir von einem Leser aus Hinterstein - wurde eine Vorsteigerin mit Achter gesichert; am zweiten Haken wollte sie sich ins Seil setzen. Dabei « klappte der Achter total aus dem Karabiner heraus ». Es kam nur deshalb nicht zum Unfall, weil der Sichernde ein « bärenstarker Kerl » war und so die Seilbelastung mit « roher Kraft » halten konnte.

- Bei der Ausbildung einer deutschen Antiterrorgruppe, die schnelles Abseilen übte, waren dreiFälle mit Twistlock-Karabinern aufgetreten ( vgl. Abb. 4 ); es war jedoch in allen drei Fällen nicht zum Absturz gekommen, weil die Betreffenden jeweils mit einem zweiten Seil gesichert worden waren.

- In einem Klettergarten im Schwäbischen seilte 1996 ein Kletterer ab. Schon zu Beginn des Abseilens spürte er ein Nachlassen der Belastung am Hüftgurt; kurz darauf stürzte er überraschend. Reflexbe-dingt griff er mit beiden Händen ans Seil. So konnte er den Sturz in ein c V a Abb. 4 Einer der drei Karabiner, die beim Einsatz der Antiterrorgruppe versagten; deutlich zu erkennen: der weggebrochene Teil der Verschlusshülse Sicherheit, Medizin, Rettungswesen Abb. 6 Abb. 5 und Abb. 6 Oben: Richtige Lage des Achters beim Abseilen ( der Karabiner darf nur in Längsrichtung belastet werden ) Rechts: Zum Abseilen: Sicher ist sicher - zwei Karabiner parallel und gegenläufig verwendet ( Redundanz ) sehr schnelles Abgleiten mildern, allerdings nur mit Verbrennungen an beiden Händen, teilweise bis auf die Knochen. Der Abseilachter war noch oben im Seil, die Verschlusshülse seines Karabiners am Hüftgurt von der Karabinernase durchgestanzt.

Fälle aus andern Gebieten und Bereichen Vom weltweit grössten Karabinerhersteller, der Firma KONG ( Italien ), erfahren wir von vierweiteren Fällen wie folgt:

- Ein Fall beim nächtlichen Abseilen in den USA; auch in diesem Fall wurde zunächst eine Anklage erwogen. Doch der Verunfallte hatte bei Nacht klettern wollen, was den Richter veranlasste, den Unfall als bewusst in Kauf genommenes Risiko einzustufen und das Verfahren einzustellen.

-Gleich dreiFälle beim Segeln, wobei ebenfalls Karabiner zum Anseilen ( richtig: Anleinen ) verwendet werden; glücklicherweise ereignete sich nichts Ernstes, weil die Segler in allen drei Fällen nur ins Wasser fielen.

Massnahmen zur Verhinderung von Unfällen dieser Art Abseilen: Karabiner nur in Längsrichtung belasten Vor Beginn der Abseilbelastung immer darauf achten, dass der Abseilachter richtig im Karabiner hängt, d.h. diesen nur in Längsrichtung belastet ( vgl. Abb. 5 ). Sehr wichtig ist, dass bei zwischenzeitlichem Entlasten während des Abseilens unbedingt vor einer neuerlichen Belastung des Abseilachters wieder darauf geachtet wird, dass dieser richtig im Karabiner hängt. Andernfalls besteht wieder Gefahr.

Sichern: Karabinerlage stets kontrollieren!

Auch beim Sichern auf die richtige Lage des Achters im Karabiner achten ( obwohl bisher nur der eine geschilderte Unfall bekannt wurde, scheint die Gefahr beim Sichern eher noch grösser zu sein als beim Abseilen, da sich gerade beim Sichern der Achter zwischenzeitlich leicht einmal in ungünstiger Weise auf den Schnapper legen kann ).

Abb. 7 Der von MAMMUT auf den Markt gebrachte Abseilachter mit Elastikteil zum Fixieren des Karabiners Was tun für grössere Sicherheit?

Die Befolgung der oben aufgeführten Empfehlungen wird die Gefahr nicht grundsätzlich ausschliessen können. Es gibt jedoch 100%ig sichere Methoden, wenn diese auch etwas umständlicher sind:

Abseilen: Verwendung von zwei Karabinern Hier sind zwei parallel und gegenläufig eingehängte Karabiner einzu-setzenRedundanz, vgl. Abb. 6 ); leider ist die Öse mancher Abseilachter zu klein, um zwei Karabiner einhängen zu können ( beim Kauf ausprobieren, Lochdurchmesser nicht unter 25 mm, und diese beiden Karabiner samt Abseilachter immer am Anseilgurt mitführen ).

Sichern: Achter im Karabiner fixieren Den Achter mit einem stabilen Elastik-(Gummi-)Ring im Karabiner fixieren ( vgl. Abb. 7 ); die Firma MAMMUT bietet inzwischen einen mit einem Plastikteil versehenen Achter an ( vgl. Abb. 8 ). Auf diese Weise bleibt der Achter immer in der richtigen Lage.

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