Schweizer Erfolg an der Arwa Spire. Im Garhwal Himalaya

Schweizer Erfolg an der Arwa Spire

Der 6193 m hohe Granitriese Arwa Spire wurde im Jahr 2000 von Engländern über den Ostgrat auf den Ostgipfel erstbestiegen. Im Frühling 2002 gelang dann den Schweizer Bergführern Stephan Harvey, Roger Schaeli und Bruno Hasler die Erstbesteigung der Arwa-Spire-Zentral-und -Westgipfel durch die Nordwand.

Da bin ich nun allein im Basecamp. Die Tage vergehen langsam, die Einsamkeit in der Schneewüste und die gleichzeitige Hitze bis zu 49 °C sind beinahe unerträglich. Zudem reiht sich ein schöner Tag an den anderen – eine derart stabile Hochdrucklage habe ich auf all meinen Expeditionen noch nie erlebt. Jeden Tag schöpfe ich neue Hoffnung und suche den Horizont ab, halte Ausblick nach Roger und Steff, meinen Freunden. Doch vergebens. Wo bleiben sie? Kommen sie überhaupt zurück? Alle meine Gedanken drehen sich im Kreis. Der Vorfall lässt mir keine Ruhe.

Von den Trägern im Stich gelassen Was war geschehen? Nach monatelangen Expeditionsvorbereitungen und der Anreise, gekrönt mit einer halsbrecherischen Busfahrt von Delhi nach Mana, dem Ausgangspunkt der Expedition an die Arwa Spire, hätte es losgehen können – aber die Träger waren nicht da. Das Warten auf sie war der Anfang der Schwierigkeiten mit ihnen. Als krönenden Abschluss liessen sie ungefähr 150 m unter dem Base Camp, kurz BC, die Fässer kreuz und quer im Schnee verstreut liegen. So mussten wir schliesslich das gesamte Material selber bis zum BC auf 4460 m hoch tragen.

ABC mit dem Arwa Tower im Hintergrund von SW aus gesehen Fo to :S teph an Ha rv ey DIE ALPEN 2/2003

Höhenlungenödem Schon am nächsten Tag quälen Roger starke Magenschmerzen. Am Abend kommt ein seltsames Rasseln in der Lunge dazu. Wir realisieren sofort, dass es sich um Anzeichen eines lebensgefährlichen Lungenödems handelt. Trotz stockdunkler Nacht machen wir uns auf den Weg zum tiefer gelegenen BC der Franzosen, die eine Druckkammer für den Notfall dabei haben. Es wird eine lange Nacht: Mit Hilfe einer Handpumpe erzeugen wir in der Kammer einen Überdruck und simulieren so einen Abstieg von 4400 m auf 1800 m. Am frühen Morgen geht es Roger besser und er

Informationen

Karten/Literatur: Der Garhwal Himalaya mit bekannten Gipfeln wie Nanda Devi, 7816 m, Changabang, 6864 m, und Shivling, 6543 m, liegt im Norden von Indien, im Staat Uttranchal, an der Grenze zu Tibet. Ab Delhi können die Ausgangsorte für Touren per Bus in ca. drei Tagen erreicht werden. Karten « Garhwal-Himalaya-Ost » und « Garh-wal-Himalaya-West », 1:150 000, Schweizerische Stiftung für alpine Forschungen ( SSAF ), http://www.alpinere-search.access.ch. Babicz Jan: Peaks and passes of the Garhwal Himalaya, Alpinistyczny Klub Eksploracyjny, Polen. Neumann Udo und Elisabeth: Indischer Himalaya, Ladakh, Garhwal, Sikkim, Bruckmann Verlag. Beste Jahreszeit/Ziele: Die beste Zeit sind Mai/Juni und September, also die Vor- oder Nachmonsunzeit. Der Garhwal Himalaya bietet für jeden Bergsteiger ein geeignetes Ziel, auch Trekkingtouren z.B. in der Gangotri- oder Badri-nath-Region. Mit einer Spezialbewilligung kann der lange gesperrte Trek von Badrinath nach Gangotri über den 5947 m hohen Kalindi Khal wieder von Touristen begangen werden. Ein leichteres Gipfelziel ist z.B. der Kedar Dome 6831 m, bedeutend anspruchsvoller sind Changabang, 6864 m, Arwa Spire, 6193 m, Bhagirati III, 6454 m, und Thalay Sagar, 6904 m. Adressen: Ruck Sack Tours Pvt. Ltd., New Delhi, http://www.rucksacktours.com. Für Bewilligungen ist die IMF ( Indian Mountaineering Foundation ) zuständig, http://www.indmount.org/ Hindu-Gebetstempel in Ghastoli, 3996 m Abendessen im ABC. Stephan ( l. ), Roger und Bruno ( r. ) Fo to :B ru no Ha sle r Fo to :B ru no Ha sle r DIE ALPEN 2/2003

kann mit Steff und dem Verbindungsoffizier zur Erholung in tiefere Gefilde nach Joshimath absteigen.

Ich selber steige wieder zum BC hoch und vertreibe mir dort das Warten u.a. damit, dass ich das Advanced Base Camp auf 5400 m am Fusse der Arwa Spire einzurichten beginne. Als ich nach sieben langen Tagen am frühen Morgen von einem strahlenden Roger aus dem Schlaf gerüttelt werde, könnte ich vor Freude heulen.

Fior di Vite und Capsico Jetzt gilt es ernst: Nach drei Tagen Material schleppen heisst es das ABC fertig einrichten und im Couloir ca. 300 m Fixseil anbringen. Leider hat das Wetter gewechselt, Schneefall, Kälte und Eis zwingen zum Rückzug ins BC. Drei Tage warten, dann wieder los. Nach dem Schnee-Eis-Couloir erwarten uns mit

Arwa Spire, 6193 m, mit Gletschertisch. Zentralgipfel ( l. ) und Westgipfel von NW aus gesehen Das Advanced Base Camp ABC mit Arwa-Spire-Zentral- und Westpfeiler ( r. ) Arwa Spire, 6193 m, mit Ost-, Zentral- und Westgipfel ( v. l. ) von N Fo to s:

Bru no Ha sle r DIE ALPEN 2/2003

Neuschnee zugedeckte Risssysteme im Fels. Zum Glück kommen hinter den feinen Schneestrichen immer wieder Risse zum Vorschein, die das Platzieren der Absicherung ermöglichen. Nach zwei Klettertagen mit Biwak ist der Gipfel greifbar. Einzeln erklimmen wir die ausgesetzte Felsnadel – geschafft! Geglückt ist die Erstbesteigung des Arwa-Spire-Zentralgipfels! Die Route taufen wir nach unserem italienischen Grappa « Fior di Vite », 6+/A2/80°, 780 m. Die schlechte Wetterlage verschafft uns drei Ruhetage im BC, bevor wir den Arwa-Spire-Westpfeiler in Angriff nehmen. Petrus ist uns immer noch nicht sehr wohl gesinnt, vergeht doch kein Tag ohne Schneefall. Meistern wir die steile Schneeflanke im unteren Teil der Wand ohne grosse Probleme, stellt uns das folgende kombinierte steile Gelände vor einige technische Schwierigkeiten. Wir kommen nur im Schneckentempo voran und müssen uns teilweise mit 60 Metern pro Tag begnügen. Als am siebten Tag der Gipfelsturm bevorsteht, ist der Himmel sternenklar – ein gutes Omen. Und wirklich: Nach einigen Stunden harter Arbeit stehen wir zu dritt auf dem schmalen Gipfelpodest. Wir haben auch die Erstbesteigung des Westgipfels der Arwa Spire durch die Nordwand geschafft. Die Route hat uns den Schweiss aus den Poren getrieben wie « Capsico », eine indische Chilisauce, M6+ A3 850 m. 1 a

Bruno Hasler, Bern 1 Für die Erstbesteigung der Arwa-Spire-Zentral-und -Westgipfel durch die Nordwand sind Stephan Harvey, Roger Schaeli und Bruno Hasler für den « Piolet d' or 2002 » nominiert worden.

In « Capsico »: Stephan am Stand, Roger am Klettern im oberen Teil der Route – vom ABC aus gesehen Roger am Jümaren in « Capsico » DIE ALPEN 2/2003

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