Schweizer Erfolge an hohen Bergen. Frühling 2002 an den Gipfeln Nepals und Tibets

Frühling 2002 an den Gipfeln Nepals und Tibets 1

Schweizer Erfolge an hohen Bergen

Die herausragendste Leistung der Frühlingssaison 2002 an den Bergen Nepals und Tibets war die Überschreitung der Annapurna I durch den Franzosen Jean-Christophe Lafaille und den Basken Alberto Innurategi. Doch auch Schweizer Höhenberg-steigern gelangen einige Erfolge.

Die bemerkenswerteste Begehung der Frühlingssaison 2002 spielte sich am sehr langen Gipfelgrat der Annapurna I ab: Die bekannten Höhenbergsteiger Jean-Christophe Lafaille und Alberto Innurategi traversierten dabei den ganzen Grat dieses Achttausenders in Westnepal vom Glacier Dome im Osten über den Roc Noir und die drei über 8000 Meter hohen Gipfel der Annapurna zu ihrem Hauptgipfel ( 8091 m ) und wieder zurück. Sie brauchten bei der äusserst schwierigen Traversierung auf extremer Höhe weder Flaschensauerstoff noch die Hilfe von Hochträgern. Die erste Überschreitung dieses Gipfelgrates war den Schweizern Erhard Loretan und Norbert Joos 1984 gelungen. Loretan bezeichnete sie im Nachhinein als seine wildeste Unternehmung an einem Achttausender, die auch am knappsten ausging.

Sauerstoff « à discrétion » Die Tour von Lafaille und Innurategi steht in krassem Kontrast zu den zweifelhaften Leistungen gewisser Bergsteiger am Everest, die schon ab 7500 Meter intensiven Gebrauch von Sauerstoff machten oder sich gar die letzten Stufen zum Gipfel von Sherpas hinauftragen liessen wie der Japaner Tomiyasu Ishikawa, der um jeden Preis den Rekord des ältesten Everest-Besteigers einheimsen wollte.

1 Dieser Beitrag basiert auf einem ausführlichen Bericht der Chronistin Elizabeth Hawley, Kathmandu. 2 Vgl. DIE ALPEN 5/2002, 7/2002 3 Vgl. in dieser ALPEN-Ausgabe S. 38/39

Das Höhenbergsteigen scheint vor allem am höchsten Berg der Welt immer bizarrere Blüten zu treiben.

Zweite Schweizerin auf dem Everest Am Everest waren – wie an anderen Achttausendern – auch Schweizer erfolgreich. Allen voran die Jubiläumsexpedition zur Erinnerung an die Genfer Expedition von 1952 unter der Leitung von Stéphane Schaffter. 2 Ebenfalls am 16. Mai 2002 war von der entgegengesetzten tibetischen Nordseite eine kommerzielle Schweizer Expedition unter der Leitung von Kari Kobler erfolgreich. Dabei erreichte die Ärztin Michèle Mérat als zweite Schweizerin nach Evelyne Binsack im Vorjahr den Gipfel. Ihr Ziel erreichten auch Rasso Bumann, Raphael Chassot und Diego Wellig und später, bei einer anderen Expedition, Daniel Perler. Am Everest gab es wieder einmal etwas Verkehrsstau, vor allem am 16. Mai, als 61 Menschen von der Nepalseite und 16 von Tibet aus auf den Gipfel gelangten. Insgesamt standen in diesem Frühling 155 Männer und Frauen aus 46 Teams auf dem Dach der Welt. Das ist allerdings kein Rekord – im letzten Frühling waren es 50 Teams mit 182 « Summiters » und davon 88 an einem einzigen Tag, dem 23. Mai.

Schweizer mit Neutour am Pumori Einer Schweizer Gruppe unter der Leitung von Erhard Loretan und Romolo Nottaris gelang eine Neutour am Pumori ( 7161 m ), einem der schönen Trabanten des Everest. Sie begingen dabei eine neue Route über den Nordgrat des Bergs. Laut Loretan war der Grat lang, steil und erforderte grosse Vorsicht, da sich brüchige Stellen mit Pulverschnee abwechselten. Die Expedition bestieg den Gipfel in zwei Etappen: Am 7. Mai erreichten Erhard Loretan und Chantal Oudin den höchsten Punkt, und am 1O. Mai stieg Loretan noch einmal auf, gefolgt von Francesco Balmelli, Carlo Bignasca, Giovanni De Luigi und Romolo Nottaris.

Erfolgreich waren die zwei hervorragenden Alpinisten Norbert Joos und Jakob « Kobi » Reichen. Sie standen am 16. Mai auf dem Gipfel des Makalu. Bereits am 1O. Mai hatten Gianni Goltz und Sepp von Rotz im Rahmen einer von Ralf Dujmovits geleiteten Expedition den Manaslu bestiegen, und Ende April ( Rupert Heider ) bzw. am 4. Mai waren die Schweizer Peter Gschwendtner und Kilian Volken auf dem Cho Oyu.

Nepal – politische Probleme 3

Joos und Reichen machten im Dorf Tashigaon die unangenehme Erfahrung einer Begegnung mit nepalesischen Banditen, die von ihnen Geld und eine Kamera forderten.. " " .Wahrscheinlich handelte es sich dabei nicht um « echte » Maoisten, die in Nepal für grosse politische Unruhen sorgen, sondern um

Fo to s:

Ch rist ine Kopp DIE ALPEN 9/2002

Diebe, die in deren Schatten operieren und die unstabile Situation zu ihren Gunsten missbrauchen.

Die Unruhen und die Ungewissheit, wie es in Nepal weitergeht, wirken sich stark auf den Tourismus, den wichtigsten Devisenbringer, aus. Im vergangenen Frühling ist diese Branche weiter eingebrochen. Bei den Expeditionen ist der Rückgang nicht im gleichen Mass zu beobachten. Es scheint, dass die Bergsteiger eher auf einen Gipfel « fixiert » sind und sich um ihren Aufenthalt in den nieder-gelegenen Gegenden weniger sorgen. Trekker hingegen wandern genau durch diese tieferen Gebiete an den Füssen der hohen Berge, wo die Maoisten bzw. Banden, welche die Lage ausnützen, aktiv sind.

Wer Nepal kennt, wünscht dem Land die Rückkehr ruhiger Zeiten. Der Ruhm, auf einem seiner hohen Gipfel gestanden zu sein, verblasst neben dem schwierigen Schicksal, das seine in ständiger Unsicherheit lebenden Menschen tragen müssen – und dies in einem der ärmsten Entwicklungsländer der Welt. a

Christine Kopp, Unterseen Yaks sind die Tragtiere für den Transport von Ausrüstung, Essen und Brennstoff der Expeditionen an die Achttausender in Tibet.

Im Aufstieg zum Cho Oyu. Im Hintergrund tibetische Berge und der Shisha Pangma, der einzige Achttausender, der ganz auf tibetischem Boden steht.

Der Pumori ( 7161 m ), einer der formschönen Trabanten des Everest. An seinem Nordgrat begingen Schweizer in diesem Frühling eine neue Route.

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