Sicher Indoorklettern. Neue Erkenntnisse aus der Sicherheitsforschung

Sicher Indoorklettern

Sportklettern in der Halle wird immer beliebter, denn es ist nicht nur wetterunabhängig, sondern gilt auch als sehr sicher. Das bedingt allerdings eine entsprechend gute Sicherungstechnik. Welche Grundbedingungen dabei beachtet werden müssen, zeigt dieser Beitrag, der aus der Praxis heraus entstanden ist. 1

In den letzten Jahren hat insbesondere das Sportklettern in der Halle, das so genannte Indoorklettern, an Beliebtheit zugenommen. Kletterhallen spriessen wie Pilze aus dem Boden. Besucht man eine Kletterhalle, stellt man fest, dass ganz unterschiedliche Leute ihre Bewe-gungsfreude in der Vertikalen ausleben. Beigetragen zu diesem Boom hat gewiss auch die Tatsache, dass das Indoorklettern eine sehr sichere Variante des Kletterns darstellt. Bohrhakenabstände von 1 bis 1,5 m, bereits eingehängte Expressschlingen und fest montierte Umlenkungen am Ende der Route tragen dazu bei, dass man sich beim Klettern an der künstlichen Wand « wohl » und sicher fühlt. Trotz der hohen Sicherheit geschehen aber immer wieder Unfälle, und in den meisten Fällen sind diese auf den Faktor Mensch zurückzuführen.

Seilhandhabung ist das A und O Fakten belegen, dass bei klaren Verhaltensregeln zur Seilhandhabung 50% der Kletterunfälle vermieden werden könnten. Dies gilt übrigens auch für das Klet-

1 Die Lehrschrift BEGREIFLICH, von Walter Britschgi, ist zu beziehen beim: Kletterzentrum Gaswerk, Kohlestrasse 12b, 8952 Schlieren/ZH, Tel. 01 755 44 33, Fax 01 755 44 34, E-Mail info@kletterzentrum.com. Der Inhalt dieser Lehrschrift zeigt die Bedienung aller derzeit üblichen Sicherungsgeräte, die beim Klettern von Einseil-längen-Routen Verwendung finden.

tern in Klettergärten und Mehrseillängenrouten. Das nachstehend vorgestellte Konzept der Seilhandhabung ist verblüffend einfach, muss aber auch in den Details konsequent ausgeführt werden.

Warum Stürze auf den Boden? Ist es Unaufmerksamkeit beim Sichern? Oder steht der Sichernde zu weit von der Wand entfernt und gibt es deshalb zu viel Schlappseil? Ist es gar das falsche Einlegen des Seiles in das Sicherungsgerät, oder ist die Bremskraft bei einzelnen Geräten zu gering? Die Unfallstatistik des Kletterzentrums Gaswerk in Schlieren gibt ein völlig unerwartetes Bild. Innerhalb von zwei Jahren verzeichnete man dort 24 Unfallereignisse – und das bei einem Besucherstrom von 200 000 Personen. So gesehen ist dies durchaus eine sichere Sportart. Bei genauerer Betrachtung dieser Unfälle zeigt sich, dass sich vier davon beim seilfreien Klettern in Absprunghöhe auf Matten und 20 beim Klettern mit Seil ereigneten. Bei diesen 20 Unfällen mit Seil wurden zehn der Stürzenden während des Sturzes vom Sichernden gehalten und zogen sich leichte Verletzungen zu. Die andern zehn der Stürzenden fielen bis zum Boden und verletzten sich in wenigen Fällen schwer. Abb. 2–6 Top-Rope-Sicherung

Abb. 1 Falsche Handhabung der HMS. Statt sichernde Bremshand bloss Zwei-Finger-Klemmer. So endet selbst ein kleiner Sturz in einem « Grounder »!

Abb. 2 Top-Rope-Ausgangslage: Rechte Hand ist Bremshand. Abb. 3 Seil laufend einziehen DIE ALPEN 3/2004

Bei keinem der Unfälle am Seil mit Sturz bis zum Boden wurde mangelnde Aufmerksamkeit, Schlappseil oder falsches Seileinlegen als Ursache festgestellt, sondern der Unfall musste auf eine falsche Bedienung der Sicherungsmittel zurückgeführt werden. Eine falsche Ge-rätebedienung kann nicht durch erhöhte Aufmerksamkeit wettgemacht werden, denn Erstere unterliegt der Macht der Gewohnheit. Diese Erkenntnis stammt aus einer Untersuchung,bei der 180 Sichernde beobachtet wurden. Dabei sicherte die eine Hälfte richtig, die andere hingegen stets mit der Gefahr, das Seil im Fall eines unerwarteten Sturzes nicht mehr kontrollieren zu können. Auffällig war, wie von Route zu Route immer gleich gesichert wurde, also stets richtig oder stets falsch – entsprechend der Macht der Gewohnheit.

3- Bein-Logik Die 3-Bein-Logik beinhaltet drei wichtige Aspekte, die bei der Handhabung eines Sicherungsgerätes beachtet werden müssen. Es sind dies:

Das Bremshandprinzip Beim Sichern des Kletterpartners muss immer mindestens eine Hand das Bremsseil umgreifen. Dies gilt auch für so genannte halbautomatische Sicherungsgeräte wie GriGri, TRE usw. Insbesondere bei allen dynamischen Sicherungsgeräten – HMS,. " " .Achter, Tube usw. – ist das Bremshandprinzip unbedingt zu erfüllen. Ein für den Bruchteil einer Sekunde losgelassenes Bremsseil kann bereits fatale Folgen haben.

Die Bremsmechanik des Geräts Die einwandfreie Funktion jedes Siche-rungsgeräts ist nur dann gewährleistet, wenn die Bremshand am Bremsseil und vor allem korrekt positioniert ist. Ausser

Abb. 4 Übergreifen mit der linken Hand Abb. 5 Rechte Hand übergreift abwärts und positioniert sich wieder in der Ausgangslage. Zwei Fehler auf einmal: Statt sich auf seinen vorsteigenden Seilpartner zu konzentrieren, lässt sich der Sichernde ablenken und vernachlässigt dazu noch seine Sicherungsaufgabe. Bei einem Sturz würde es ihm das Seil blitzartig aus dem Zwei-Finger-Klemmer reissen. Also: Beim Sichern muss die Handhabung stimmen, und man darf sich nicht ablenken lassen.

Abb. 6 Linke Hand begibt sich wieder in die Ausgangslage zurück.

Fo to s: Be rni va n Die ren don ck Zei chn ungen :Wa lte r B rits chgi DIE ALPEN 3/2004

der HMS ( Halbmastwurf-Sicherung ) funktionieren alle weiteren Sicherungsgeräte nach dem « Knick-Brems-Prin-zip ». Dabei wird das Seil im Gerät über einen kleinen Radius geführt und so bei Zug ausreichend gebremst oder eingeklemmt. Die Bremshand muss im Fall eines Sturzes das Bremsseil so halten, dass die Mechanik des Geräts wirken kann. Da einige Geräte bezüglich des Einlegens des Bremsseils fehleranfällig sind, kann ein falsches Vorgehen zu einem kompletten Versagen der Bremsmechanik führen.

Die Reflexe des Menschen Reflexe sind fest verankerte Schutzreak-tionen. Dabei kontrahieren Muskeln ohne bewusste Steuerung. Deshalb sollte die Funktion von Sicherungsgeräten nie den natürlichen Reflexen des Menschen entgegenstehen. Keinesfalls dürfen diese Reflexe wegtrainiert werden.

Wird einer Person beispielsweise etwas aus der Hand gerissen, so wirkt der Nachgreifreflex, also beispielsweise das Greifen ins laufende Seil oder an das entrissene GriGri. Erschrickt eine Person, wirkt eine weitere Form des Reflexes: Das Gehaltene wird krampfhaft weiter festgehalten. Das erklärt, warum Sicherer sich mitunter schwere Seilbrandwunden zuziehen – beispielsweise beim Bremsen am Lastseil bei HMS, bei falscher Handhabung des Tube oder Achters, beim festgehaltenen Ablasshebel beim unkontrollierten Seildurchlauf im GriGri.

Eine Hand – ein Seil! Nehmen wir zwei Seile in eine Hand, so geben wir oft einem Seil unbewusst eine höhere Priorität, das andere Seil wird vernachlässigt. Vermutlich steht dahinter eine Art Prioritätenreflex, der aus unseren Urzeiten stammt. Damit wir mit diesem Reflex nicht in Konflikt kommen, wird empfohlen, bei allen Seilbewegungen eine Handhabung zu wählen, bei der immer nur ein Seil in eine Hand zu liegen kommt. Etwas anders gestaltet sich diese Forderung beim Blockieren des Kletterpartners mittels HMS-Sicherung. Da ist es wohl oder übel die bequemste Bremshaltung, wenn beide Hände beide Seile umgreifen dürfen, so wie es heute alle praktizieren. Das Motto lautet: bei Seilbewegungen « eine Hand – ein Seil ». Und nur beim Ausruhen umschliessen die Hände beide Seile.

Gegen die Macht der Gewohnheit Ausbildner wissen es: Ein vertrautes Be-wegungsprogramm durch ein neues zu ersetzen, benötigt nicht nur viel Energie, man fällt dabei auch dauernd in das alte Muster zurück. Somit macht es wenig Sinn, erfahrene Kletterer zu einer Um-schulung zu « nötigen ». Nur schon beim Versuch, den Zwei-Finger-Klemmer bei der Top-Rope-Sicherung abzugewöh-nen, wird die Macht der Gewohnheit spürbar. Dazu kommt, dass sich praktisch niemand seiner Fehlmanipulation bewusst ist. Hingegen macht es Sinn, aus eigenem inneren Antrieb sicherheits-dienliche Massnahmen vorzunehmen, vorzugsweise von einer dritten Person überwacht. Neueinsteigern fällt es leichter, die neuen Erkenntnisse und Geräte-bedingungen zu erlernen. Eine Verlängerung der Ausbildungszeit mit begleitender konsequenter Detailpflege hilft zusätzlich, die Sicherheit zu erhöhen.

Abb. 7 Die Illusion, das tief gehaltene Gerät würde bei einem Sturz der Hand entrissen und das Seil selbsttätig bremsen, ist weit verbreitet. Auf Grund des Nach-greifreflexes verhindert die gerätumgreifende Hand die Blockierung, und das Seil läuft frei durch. Gleichzeitig klemmt sich die andere Hand am Partnerseil fest und verhindert in der ersten Schrecksekunde ohnehin eine Selbstblockierung des Gerätes. Abb. 8 Seitliches Greifen mit dem Handballen verhindert keine Unfälle. In Schreckmomenten wirken Nachgreifreflexe an beiden Händen, und das Seil läuft fast ungehindert durch.

Abb.9 « Gaswerk-Methode »: Die Bremshand erfüllt zwei Aufgaben gleichzeitig, die Entriegelung der Selbstblockierung mit dem Daumen sowie die Bereitschaft, das Seil im Bedarfsfall zu stoppen.

Abb. 7–9 Vorstiegsicherung mit GriGri DIE ALPEN 3/2004

Mein Seilpartner – mein Lehrer Die meisten Anfänger machen die Grundausbildung bei professionellen Institutionen. Zu einem späteren Zeitpunkt wächst das Bedürfnis, nebst der HMS auch andere, bequemere Sicherungsmittel kennen zu lernen. Es ist nahe liegend, dass ein Seilpartner zum Lehrer gewählt wird. Darin lauert aber eine heimtückische Gefahr. Zur Diskussion steht nicht die Fachkompetenz des Seilpartners, wenn er sich als Lehrer betätigt, sondern die Anzahl beteiligter Personen. Lediglich zwei Personen, der Lehrer und sein Schüler, sind eindeutig zu wenig. Es braucht unbedingt eine Drittperson zur Überwachung. Auch Lernwillige sind zeitweise überfordert, während ihr Lehrer am Klettern ist. Dies führt zu einer überaus gefährlichen Situation, denn der Sichernde ist allein gelassen, selbst dann, wenn der Lehrer Sicht- und Rufkontakt hat.

Die Unfallstatistik des Kletterzentrums Gaswerk bestätigt in aller Deutlichkeit das Risiko, bedingt durch die fehlende Überwachungsperson. Von jenen zehn Personen, die bis auf den Boden gestürzt waren, hatten drei zuvor als Lehrer der Sicherungsperson gewirkt, das sind erstaunliche 30%. Die Ausbildung wurde statt an einem Simulationsseil von Beginn weg am richtigen Seil vorgenommen, an dem der « Instruktor » schliesslich kletterte.

« Gaswerk-Methode » Nach wie vor sind Vorsteiger, die durch ein GriGri gesichert werden, einer Gefahr ausgesetzt, die in 99% der Fälle vermeidbar wäre. Unzählige Bedienungsvarian-ten galten bisher als vermeintlich sicher ( vgl. Abb. 7, 8 ). Unfallbeispiele entlarv-

HMS-Bedienungsarten

HMS-Vorstieg Bei vielen Sichernden ist eine zeitweise halbgeöffnete Bremshand zu sehen. Diese gefährliche Haltung ist zu vermeiden, wenn von Beginn weg die Bremshand beim Bremsseil bleibt und die andere Hand das Partnerseil hält und bei allen Bewegungen nie ins andere Seil greift – als ob ein Tape die Hand umschliessen würde.

HMS-Top-Rope In der Schweiz wird zurzeit noch bei der Grundausbildung eine Form von Über-greiftechnik vermittelt, bei der nach dem Einziehen beide Seile in die eine Hand genommen werden, während die Bremshand loslässt und übergreift ( vgl. Abb. 5 ). Der dabei sehr häufig gemachte Fehler ist das Fassen des Bremsseils mit zwei Fingern ( vgl. Abb. 1 ). Um diese Fehlerquelle zu vermeiden, empfiehlt es sich, in Zukunft eine andere Übergreiftechnik zu verbreiten: Dabei ergreifen die Hände jeweils nur ein Seil ( vgl. Abb. 2–6 ).

HMS-Ablassen Ablassen mittels Schieben und Durchschlei-fen in gemässigter Ablassgeschwindigkeit ( vgl. Abb. 12 ).

Abb. 10 Drei-Bein-Logik: Die Handhabung eines Sicherungs-gerätes muss alle drei Bedingungen berücksichtigen: Bremshandprinzip, Bremsmechanik des Geräts und Reflexe des Menschen Abb. 11 Grundhaltung bei allen Sicherungsgeräten mit « Knick-Brems-Prinzip » Gefährlich: Beim Festhalten durch Umfassen beider Seile wird die Bremskraft aufgehoben.

Abb. 12 Grundhaltung bei der HMS Zeichnungen: Walter Britschgi Fo to s: Be rni va n Die ren don ck DIE ALPEN 3/2004

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ten sie aber als echte Gefahr.. " " .Auf diesen Erfahrungen baut die « Gaswerk-Metho-de » von Matthias Bühler und Roland Seiz auf. Bei dieser Bedienungsart läuft das Bremsseil immer durch die Bremshand, selbst dann, wenn ein Wechsel von Vorstieg zu Top-Rope und zum Ablassen stattfindet. Die « Gaswerk-Methode » ( vgl. Abb. 9 ) gilt als die beste Vorstiegssi-cherung für das GriGri und bietet noch weitere Vorteile: Selbst dicke Seile sind noch gut durch das Gerät zu ziehen. Falsches Seileinlegen wird beim Hantieren sofort bemerkt. Mit der Einhaltung des Bremshandprinzips reduzieren sich von selbst auch die Unfälle beim Ablassen. Die « Gaswerk-Methode » und die seit jeher vom Hersteller empfohlene Bedienung erfüllen die Kriterien der 3-Bein-Logik. a

Walter Britschgi, Zürich Wenn der Sichernde die paar entscheidenden Handgriffe kennt und seine wichtige Aufgabe durchgehend zuverlässig und aufmerksam erfüllt, sollten sich beim Indoorklettern kaum mehr Unfälle ereignen. Und der Vorsteigende kann unbeschwert bis ans Limit gehen – auch für ihn ein beruhigendes Gefühl.

Fo to :B er ni va n Die ren don ck

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