Thema Berge breit gefasst. Sportverband und Kulturgut erhalten

Thema Berge breit gefasst.

Sportverband und Kulturgut erhalten

Die Faszination des SAC hängt auch damit zusammen, dass er das Thema « Berge » seit seiner Gründung vor 139 Jahren breit angeht. Einer dieser Aspekte ist die « alpine Kultur », bei vielen spontan mit Karten, Reliefs, Bibliotheken, alpinen Kunstausstellungen, dem Schweizerischen Alpinen Museum ( SAM ) assoziiert. Eine ALPEN-Zuschrift 1 gab Anlass zum folgenden Gespräch mit Bernhard Rudolf Banzhaf, Präsident der Kulturkommission, und Dr. Urs Kneubühl, Direktor des SAM, zum « Kulturguterhalt im Sportverband ».

Wie definieren Sie persönlich Kultur? Bernhard Banzhaf ( BB ): Kultur im lexikalischen Sinn ist die Gesamtheit von geistigen und künstlerischen Lebensäusserungen und beinhaltet somit sämtliche Leistungen, die sich damit vereinbaren lassen.

Urs Kneubühl ( UK ): Kultur ist der sorgfältige Umgang mit der Umwelt, die Leistungen der Vorfahren inbegriffen. In diesem Sinn umfasst sie das Leben mit all den Dokumenten, die davon Zeugnis geben. Kultur vermittelt Tiefe, denn dank den Dokumenten aus der Vergangenheit erhält die Gegenwart zusätzliche Impulse – so wie beispielsweise das Familienalbum früherer Generationen oder der eigenen Kinder die Gegenwart bereichert.

Woran denkt der Präsident der SAC-Kul-turkommission beim Begriff Kulturgüter? BB: Für mich sind es die künstlerischen und naturwissenschaftlichen Leistungen, die vor allem in den Anfängen des Alpinismus – und damit des SAC – geschaffen wurden. Dieses Kulturgut zu bewahren und zugänglich zu machen, erscheint mir als die grosse Aufgabe. Es ist das Zusammengehen von Wissen, Tradition und künstlerischer Leistung – immer in der Auseinandersetzung mit dem weit gefassten Thema Berge –, das diese Kulturgüter hervorbrachte.

... und der Direktor des Schweizerischen Alpinen Museums?

UK: Beim Begriff Kulturgüter denke ich an Werke, die mit Herzblut geschaffen wurden, Objekte, Bilder, die das Leben von früher widerspiegeln. Kulturgüter sind auf die Zukunft gerichtet, denn sie ermöglichen, auf der Basis der Vergangenheit die Gegenwart besser zu verstehen und so die Zukunft anzugehen. Kulturgut erhalten ist also primär eine nach vorne und nicht nach rückwärts ausgerichtete Funktion.

Zeitzeugen müssen nicht immer alt sein: ein Snowboard aus dem Jahre 1985.

Nach der Malerei die Fotografie: Die Glas-Diapositive der ehemaligen Zentralstelle des SAC für alpine Projektionsbilder dokumentieren das Leben im Alpenraum von 1908 bis 1958.

Fo to s: Ar chi v SA M 1 Vgl. nebenstehenden Beitrag DIE ALPEN 1/2002

Was heisst Kulturgüter bewahren?

UK: Den Begriff « bewahren » empfinde ich als zu einengend, besser ist Kulturgüter « erhalten » und « erschliessen », eine vielschichtige Aufgabe: Dazu gehören das Zugänglichmachen von Kulturgütern, das Vermitteln der Botschaft, die in diesen Objekten steckt. Erhalten heisst weiter auch richtig auswählen, den Gehalt eines Gutes durch richtige Dokumentation aufarbeiten und kommunizieren. Nicht nur seltene Sachen sind Kulturgüter, sondern auch Kleinigkeiten aus dem Alltag. Sie sagen oft mehr über eine Zeit oder eine Person aus als manche Kostbarkeit. Und nicht zu vergessen ist das richtige Lagern von Kulturgütern, nicht nur sachgerecht, sondern auch sicher. Unter Erschliessen versteht man das Inventarisieren, also alle Aspekte eines Objekts erfassen, zu welchen es etwas aussagt, damit bei einer Anfrage oder einem Projekt das Geeignete rasch gefunden werden kann.

BB: Als Präsident der Kulturkommission erachte ich es als wichtige Aufgabe, Infrastrukturen zu schaffen und zu pflegen, die diese erhaltenden Funktionen rund um Kulturgüter ermöglichen.

Was ist der SAC, ein Sportverband oder ein Kulturverein?

BB: Wer heute SAC-Mitglied wird, macht dies primär wegen der alpinistischen Möglichkeiten, die ihm in unserem Verband geboten werden. Der Stellenwert der Kultur ist dabei relativ gering. Der SAC – primär ein Sportverband – tut sich ziemlich schwer mit dem Kulturguterhalt, obwohl in seinen Statuten explizit darauf hingewiesen wird. Es gibt aber engagierte SAC-Mitglieder, die sich intensiv dafür einsetzen. Ganz allgemein müsste das Bewusstsein auch für diesen Aspekt des SAC bei den Mitgliedern besser verankert werden.

UK: Der SAC ist aber kein gewöhnlicher Sportverband, zeichnet er sich doch durch einen ganzheitlichen Zu-und Umgang mit den Bergen aus. Der SAC ist, auch im Bewusstsein der Allgemeinheit, ein Sportverband mit Kultur. Wird für eine Fernsehsendung zum Thema Berge/Alpinismus Material benötigt, gelangt man als Erstes an den SAC und sein Museum. Für mich ist die Kultur und der Kulturerhalt rund um den Berg eine wesentliche Aufgabe des SAC.

Bei der kürzlich erfolgten Einweihung des Erweiterungsbaus der Landesbibliothek in Bern wurde bekannt, dass in ca.fünf Jahren bereits wieder Raumnot herrschen werde. Ist dieses Beispiel nicht symptomatisch für die Grenzen der Kulturgütererhaltung. Oder mit andern Worten: Kann überhaupt alles, was als Kulturgut bezeichnet wird, erhalten werden?

UK: Nein, Grenzen werden vor allem durch die vorhandenen finanziellen Mittel – und damit personellen Ressourcen – gesetzt, denn es gibt keinen Gratis-Kulturguterhalt. 2 Mit Ehrenamtlichkeit wird gerade auch im SAC viel zum Kulturguterhalt beigetragen, aber dieser Einsatz ist begrenzt. Eine dauerhafte und sinnvolle Sicherung von Kulturgut setzt heute professionelle Betreuung, basierend auf verschiedenen Be-rufsausbildungen, voraus.

BB: In der Hochkonjunktur stieg die Masse der Kulturgüter rasant an und damit auch die Zahl der erhaltens- und erwerbenswerten Kulturgüter. Das setzt einen selektiven Umgang voraus. UK: Vielleicht muss man da unterscheiden zwischen Objekten und Büchern. Eine konzeptionell ausgerichtete Bewahrung von Objekten und Bildern verlangt eine sinnvolle Auswahl. Für den alpinen Bereich ist eine Vollständigkeit, wie bei der Landesbibliothek gefordert, gar nicht möglich. Man muss schon froh sein, wenn das Wichtigste gesichert werden kann.

Ein Nicht-SACler hat sich darüber empört, dass eine Sektion einen Teil ihrer Bibliothek veräusserte, also « privatisierte », und dies als « Kulturfrevel » bezeichnet. Ist die « Privatisierung » von Kulturgut nicht ein Vorgang, der schon immer stattgefunden hat?

BB: SAC-Kulturgut hat schon immer

2 Dieses Interview fand unmittelbar vor der Bekanntgabe des Gemeinderats der Stadt Bern statt, ab 2004 die Subventionen an das Schweizerische Alpine Museum total zu streichen.

Reliefs sind ein dauerhaftes und Platz raubendes Sammel-gut: hier das aus mehreren beweglichen Teilen bestehende geologische Relief des Alpsteingebiets von Hans Kappeler.

Fo to s:

Ar chi v SA M DIE ALPEN 1/2002

verschiedene Stufen und Wege durchlaufen, wenn man bedenkt, dass neben den Sektionsbibliotheken auch eine Zentralbibliothek und das SAM existieren.. " " .Wenn gewisse Kulturgüter mehrfach vorhanden sind, kann ein Verkauf eine legitime Sache sein. Diese Form von « Privatisierung » hat es im SAC in bestimmten Formen immer wieder gegeben.

UK: Hier ist festzuhalten, dass viele SAC-Bibliotheken eigentliche Sammlungen sind, da neben Büchern auch Karten, Stiche, Fotos und sogar Reliefs vorhanden sind. Diese SAC-Sammlungen sind grundsätzlich gemeinschaftliche Angelegenheiten, die im Gegensatz zu privaten Sammlungen immer dazu bestimmt waren, einem breiten Kreis zugänglich zu sein – was gewisse Verpflichtungen beinhaltet. Ganz klar ist, dass private Sammlungen ihre Berechtigung haben, werden doch da oft sehr grosse Einsätze geleistet; oft sogar höhere, als es den öffentlichen Institutionen möglich ist. Die Frage der Zukunft stellt sich immer dann, wenn private Sammlungen z.B. wegen Todesfall aufgelöst werden. Die Gefahr ist gross, dass sie unsachge-recht behandelt oder sogar – quasi als « alter Gerümpel » – entsorgt werden. Private wenden sich wegen solcher Nachlässe häufig an Museen und sind froh, wenn jemand die Sammlung sichert.

Wie sollte man vorgehen, wenn eine Bibliothek verkleinert werden soll? BB: Wichtig scheint mir, dass bei Umstrukturierungen von Sammlungen/ Bibliotheken vorerst mit den zuständigen Fachstellen abgeklärt wird, was einzigartig ist, was mehrfach vorhanden ist und in den Verkauf gelangen kann und was aus ideellen Gründen eigentlich bewahrt werden müsste. Solche Fachstellen sind die Bibliothekskommission, die Kulturkommission und das SAM. UK: Dass die Sektionsbibliotheken Strukturprobleme haben, hängt auch mit der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung zusammen. Früher waren die Bibliotheken Kristallisationspunkte des Sektionslebens: In der Bibliothek holte man sich das Wissen für die nächste Tour, denn der private Besitz von Büchern war viel weniger verbreitet. Dies ist mit ein Grund, dass die SAC-Biblio-theken so reiche Schätze haben. Heute reichen der ehrenamtliche Einsatz der engagierten Mitglieder und die für den Kulturerhalt notwendigen finanziellen Mittel der Sektion oft nicht mehr aus, um Bibliothek/Sammlung fachgerecht und erfolgreich zu führen und zu lagern. Eine Lösung kann das Verkleinern sein. Die entsprechende Triage benötigt fachliche Beratung, wobei der damit verbundene Aufwand nicht unterschätzt werden darf. Dies sollte rechtzeitig angegangen werden, damit seriös darüber entschieden, die nötigen Mittel beschafft und die richtigen Partner gefunden werden können. Dies hängt für mich stark zusammen mit Verantwortung gegenüber dem Kulturgut « Berg ».

Vielleicht müsste man auch nach einer neuen Form der Bibliothek suchen, sodass sie wieder zum Zentrum des Sektionslebens wird.

Gibt es noch andere Lösungsvorschläge zum Problem Sektionsbibliothek/-samm-lung?

BB: Der SAC muss auf Zentralverbandsebene, aber auch auf Sektionsebene noch mehr für kulturelle Belange sensibilisiert werden mit einem daraus erwachsenden kulturellen Engagement. Dringend ist dabei die Sicherung der bestehenden Bestände.

UK: Man sollte es aus gesamtschweizerischer Optik betrachten. Werden Teile verkauft, sollte der Erlös unbedingt in die Sicherung der bestehenden Sammlung fliessen.

Was ist Ihr Wunsch für den Kulturguterhalt im SAC?

BB: Ich wünsche mir, dass aus dem SAC-Sektionskulturgut nichts veräussert wird, bevor die Kulturkommission oder die andern zuständigen Stellen zuvor angefragt worden sind.

UK: Und ich wünsche mir jene Form von Zusammenarbeit, mit der Verantwortung gemeinsam wahrgenommen werden kann. Vielleicht finden sich Mäzene, die jene Mittel zur Verfügung stellen, damit der Auftrag für den Kulturguterhalt mehr als nur ansatzweise erfüllt werden kann. a

Margrit Sieber Sitten und das Rhonetal, Stich von Gabriel Lory fils aus dem Band « Voyage pittoresque de Genève à Milan » von 1811: Vorwiegend in historischen Bilddarstellungen wird alpine Kultur wahrgenommen.

Werbung für den « teuflischen » Aperitif aus den Waadtländer Bergen von 1941: ein Dokument für alpine Trinkkultur!

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