«Tourenleiter sollen für ihre Gruppe denken». Novum im SAC: obligatorische Ausbildung für Tourenleiter

« Tourenleiter sollen für ihre Gruppe denken »

Seit 2006 gilt im SAC das Reglement über die Ausbildung der Tourenleiter. Ab 2010 ist eine Ausbildung für alle Tourenleiter obligatorisch. Für den Fachleiter Ausbildung Bruno Hasler geht es vor allem darum, die Führungsqualitäten der Tourenleiter und so die Sicherheit auf Sektionstouren zu verbessern.

ALPEN: Wie wird man Tourenleiter? Bruno Hasler: Früher bestimmte der Tourenchef der Sektion, wer Tourenleiter wird. Ein Mitglied, das eine Tour, etwa aufs Gorihorn oberhalb des Flüelapasses, gut kannte, wurde angefragt, diese Tour für die Sektion zu führen. Viele sind so hineingerutscht. Die Ausbildung existiert zwar schon lange, aber die obligatorische Ausbildung ist neu.

Weshalb braucht es eine Ausbildung? Wenn einer zwanzigmal auf demselben Gipfel war, heisst das zum Beispiel noch nicht, dass er als Tourenleiter genug über Lawinen weiss. Eine geführte Sektionstour ist an ein Datum gebunden. Es ist also gut möglich, dass die Verhältnisse dann schwierig sind. Wenn einer alleine auf einen Berg steigt und sein Leben riskiert, ist das etwas völlig anderes, als wenn er im Rahmen einer Sektionstour eine Gruppe führt. Dabei trägt der Tourenleiter viel Verantwortung. Hinzu kommt, dass jeder Mensch über eine völlig andere Risikobereitschaft verfügt. Ein Tourenleiter muss das ver-tretbare Risiko abschätzen können. Die Frage lautet: Wie viel kann ich der Gruppe zumuten?

Wie merkt ein Tourenleiter, dass es für die Gruppe zu viel wird?

Indem er für die Mitglieder der Gruppe denkt. Er muss vor Beginn der Tour Sicherheitsvorkehrungen und taktische Entscheide treffen. Er muss bestimmen, welche Ausrüstung nötig ist. Er muss aber auch planen, wo Pausen eingelegt werden. Zu zweit spielt das keine Rolle. Wer aber eine Gruppe führt, muss die Gruppe zusammenhalten. Sonst ist der Gipfel nicht in der vorgegebenen Zeit zu erreichen. Der Tourenleiter muss so planen, dass seine Gruppe das Ziel gemeinsam erreicht.

Wie merkt der Tourenleiter, dass die Einheit auseinanderfällt?

Es geht darum, die Fähigkeiten der Teilnehmer einzuschätzen. Kann dieses oder jenes Mitglied der Gruppe diese Tour überhaupt mitgehen? Dann gibt es verschiedenste Anzeichen während der Tour: Wie steht das Mitglied auf den Ski? Wie stark ist es im Aufstieg, hat es « das Fellen » im Griff? Im schlimmsten Fall muss der Tourenleiter ein Mitglied in der Hütte lassen und sagen: « Tut mir leid, du schaffst das nicht. » Das kann auch einen Bergkollegen treffen, was alles andere als einfach ist.

Dafür braucht es doch keine Ausbildung, da reicht der gesunde Menschenverstand. Stimmt, es ginge mit dem gesunden Menschenverstand. Leider bleibt der ab und zu auf der Strecke. Es gibt viele Tourenleiter, die rennen auf den Berg und haben keine Ahnung, wo ihre Leute sind. Das kann sehr gefährlich werden.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Sicher. Ein Bekannter von mir war Neumitglied im SAC und hat sich für eine Sektionstour zum Piz Kesch angemeldet. Es war seine erste Skitour. Mein Bekannter hatte ein Problem mit den Fellen und blieb zurück. Der Tourenleiter ist zum Gipfel weiter gestiegen. Zum Glück hat ihm ein erfahreneres Mitglied der Gruppe geholfen. Als die beiden das Problem gelöst hatten und ebenfalls zum Gipfel aufstiegen, war der Leiter schon auf dem Rückweg und meinte überrascht. « Ja was, du kommst auch noch ?» Dieser Leiter hat seine Verantwortung gegenüber der Gruppe nicht wahrgenommen, und genau darum geht es bei der Ausbildung. Der Tourenleiter muss lernen, für die Mitglieder zu denken.

Dann ist die Leiterausbildung keine rein technische Ausbildung?

Nein, nicht prioritär. Wir wollen die Tourenleiter zwar auch auf den neuesten Stand der Technik bringen. Technik und Kondition sind aber kein Killerkriterium. Im Zentrum steht die Ausbildung als Gruppenführer. Die Leiter sollen wissen, welche Dynamik sich in Gruppen entwickeln kann. Sie müssen lernen, das Bruno Hasler, Fachleiter Ausbildung: « Bergsport birgt Risiken, Ausbildung hilft, sie zu minimieren. » Das Gruppenerlebnis zählt auch bei den Tou-renleiterkursen mehr, als den Gipfel zu erreichen. Dabei lernen die Leiter auch: Eine Gruppe führen heisst rechtzeitig Pausen einlegen und den Rhythmus dem Schwächsten anpassen.

Foto: Alois Vogel Tempo dem Schwächsten in der Gruppe anzupassen. Kurz: Ein guter Führer spürt die Leute, die er mitnimmt. Er muss vor dem Betroffenen merken, wenn diesen die Kräfte verlassen. Die guten Tourenleiter sind die, welche ihren Gruppenmitgliedern ein positives Bergerlebnis verschaffen können. Das sollen die Teilnehmer vom Berg mit nach Hause bringen.

Warum hat es denn so lange gedauert, bis das Reglement über die Tourenleiteraus- und -fortbildung 2006 beschlossen wurde? Ich war zuerst ein Gegner der regle-mentierten Ausbildung. Mein Ziel war eigentlich, die Jungen zu motivieren, Kurse zu belegen. Doch das hat nicht funktioniert. Es gab einzelne Sektionen, die stolz waren, dass ihre Tourenleiter noch nie eine Ausbildung des Zentralverbandes genossen haben.

Wer genau muss denn nun in die Schule? Leiter, die zehn Touren geführt haben, bekommen den Leiterausweis, weil sie bereits über Erfahrung verfügen. Aber sie müssen alle sechs Jahre einen Fortbildungskurs besuchen. Die jungen, neuen Tourenleiter müssen einen Grundkurs Tourenleiter besuchen, damit sie den Ausweis erhalten. Mit der Grundausbildung und Fortbildung wollen wir langsam, aber sicher bei allen das Niveau steigern. Jeder SAC-Tourenleiter soll wissen, was eine Tourenplanung ist, und sich bewusst sein, was es heisst, eine Gruppe zu führen. Unser Ziel ist, dass alle Tourenleiter besser werden. Egal ob sie im Hochgebirge, auf Ski oder auf Wanderungen unterwegs sind. Am Schluss soll die Sicherheit auf allen Sektionstouren steigen. Dann haben die Sektionen nichts mehr zu sagen?

Der Entscheid, wer welche Tour und vor allem in welchem Schwierigkeitsgrad führt, bleibt weiter bei der Sektion. Sie kann auch selber entscheiden, welche Ausbildung für ihre Tourenleiter nötig ist. Wir haben zahlreiche Ausbildungs-module vorbereitet, welche die Sektionen abrufen können, und stehen den Tourenchefs beratend zur Seite. a Inter view: Peter Camenzind, Redaktor Die Tourenleiter lernen viele verschiedene Alpin-techniken, hier das korrekte Gehen am kurzen Seil.

Tourenleiter sollen auch Theorie vermitteln. Hier erklärt eine Leiterin den Gebrauch des Kompasses.

Fotos: Bruno Hasler

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