Trügerische Sicherheit? Zu « Routensanierungen im alpinen Gelände » in ALPEN 4/2000

In einem Bild von Wisi Arnold wird ein so genannter Irnigerstand gezeigt. Diese Stand- und Abseilverankerung, die in der Innerschweiz stark verbreitet ist, weist meines Erachtens schwerwiegende Mängel auf, ist daher gefährlich und sollte in der vorliegenden Form nicht mehr montiert werden!

Ich gehe davon aus, dass nach der heutigen Sicherungstechnik ein Stand- oder Abseilplatz aus zwei unabhängigen Fixpunkten ( Bohrhaken ) besteht, die so miteinander verbunden sein müssen, dass beim Versagen des einen Hakens der andere die volle Last übernehmen kann und so ein Totalversagen verhindert wird.

Beim Irnigerstand stimmt dies nur, wenn die Kraft auf das Rapidglied am unteren Ende wirkt, also beim Abseilen; versagt dann einer der beiden Fixpunkte, so wird der Abseilende durch den andern gehalten.

Anders bei der dargestellten Verwendung als Stand: Wegen der grösseren Kräfte darf nicht ins Rapidglied eingehängt werden, sondern ins bereitstehende Plättli. Versagt aber ausgerechnet dessen Bolzen, wird bei der dargestellten Fixpunktsicherung der HMS-Karabiner mitsamt dem Plättli weggerissen; der intakte Bolzen kann dies nicht verhindern!

Die selbe fatale Situation tritt auch bei der Selbstsicherung am Abseilstand auf. Da das Rapidglied durch das Abseil-Seil besetzt ist, bleibt für die Selbstsicherung nur das Plättli mit der grossen Öse! Ich habe einmal eine Gruppe von fünf Personen beobachtet, die über einen Schraubkarabiner alle zusammen in diesem Plättli hingen und auf das Abseilen warteten. Meine kritische Bemerkung löste Erstaunen aus, denn die beiden Fixpunkte waren ja durch ein solides Metallband fest verbunden!

Fazit: Das aufgeschraubte Plättchen ist nur scheinbar mit dem andern Fixpunkt verbunden, in Wirklichkeit aber total selbstständig - es muss (wie bei einem andern Stand) zusätzlich mit dem Rapidglied verbunden werden!

Gefährlich ist dabei nicht die Tatsache, dass beide Bohrhaken zusätzlich verbunden werden müssen, sondern dass das Metallband vortäuscht, dies sei bereits geschehen (aus diesem einzigen Grund ist es ja dort!). Das fordert selbst jene Benutzer, die wissen, dass ein Stand verbunden werden muss, geradezu auf, nichts zu tun und sich unbesehen ins breite Plättchen einzuhängen und daran zu sichern.

Deshalb mein Vorschlag bei neu montierten Irnigerständen: Plättli und Metallband müssen aus einem Stück bestehen (L-Profil verwenden; in den abstehenden Teil 2 bis 3 längliche Ösen stanzen oder Löcher bohren).

Jürg Naegeli

Im Beitrag «Routensanierungen im alpinen Gelände», der die Thematik der Sicherheit im alpinen Klettergelände sehr breit behandelt, wurde nur stichwortartig auf technische Aspekte eingegangen. Dies betrifft auch die Abseil- und Standplatzsicherungen, von denen es eine ganze Reihe verschiedener Anordnungen gibt. Die Kritik und die Hinweise von Jürg Naegeli zur Abbildung des «Irnigerstandes» (vgl. ALPEN 4/2000, S. 17 rechts unten) sind zutreffend: Dieses System bietet nur bei der Verwendung als reine Abseilverankerung eine hinreichende Redundanz. Bei der Verwendung als vollwertige Standplatzsicherung müssen hier-wie bei zwei unabhängigen Verankerungen - die beiden Fixpunkte zusätzlich verbunden werden.

Bei der heutigen Vielfalt der verschiedenen Systeme und Anordnungen von Standplätzen und Abseilverankerungen ist es für den Anwender im Gelände nicht immer einfach, die Sicherungstechnik optimal anzupassen. Wir werden uns mit dieser Thematik noch detaillierter auseinander setzen und die entsprechenden Resultate und Empfehlungen zu einem späteren Zeitpunkt in einem eigenständigen Beitrag veröffentlichen.

Ueli Mosimann

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