Unter Strom bergauf Boom der E-Mountainbikes

Das Mountainbiken erlebt mit dem Boom des E-Mountainbikes einen Schub. Damit steigt der Druck auf Natur und Landschaft und das Potenzial für Konflikte mit Wanderern.

Ein schöner Frühsommersonntag im Justistal im Berner Oberland: Neben Rennvelos und Mountainbikes pedalen unzählige E-Mountainbikerinnen und -biker ein kurviges Strässchen hoch. Es gibt keine technischen Schwierigkeiten zu bewältigen, aber einige Höhenmeter. Und diese meistern sie ohne Mühe. Bereits seit ein paar Jahren boomen die elektrisch angetriebenen Velos in den Städten und Agglomerationen. Und inzwischen gehören sie in den Bergen ebenfalls vielerorts zum gewohnten Bild.

Die Verkaufszahlen belegen es: Das E‑Mountainbike ist ein Trend im Trend. «Die grosse Nachfrage nach E‑Bikes war auch 2019 ungebrochen», teilte der Verband der Schweizer Fahrradlieferanten Velosuisse im Frühling mit. Das gilt auch für E-Mountainbikes. Der Absatz nahm 2019 gegenüber dem Vorjahr um rund 18% zu – 2018 waren es sogar über 50%. Konkret wurden 2019 rund 50 000 E‑Mountainbikes verkauft. Und der Markt werde weiter wachsen. «Wir gehen davon aus, dass das Segment E‑Mountainbike im Gleichtakt mit dem Gesamtmarkt wachsen wird», sagt Martin Platter von Velosuisse. Daran wird auch die Coronakrise nichts ändern. Zwar hätten die Verkaufszahlen zu Beginn des Lockdowns markant abgenommen. «Als die Fahrradhändler ihren Verkauf im Mai wieder direkt ausüben durften, explodierte die Nachfrage aber», sagt er.

Mountainbiken nimmt generell zu

Der wachsenden Beliebtheit des E‑Mountainbikes ist man sich auch bei SchweizMobil bewusst. «Daten über die genaue Nutzung und die Nutzergruppen von E-Mountainbikes fehlen jedoch noch weitgehend», sagt Bruno Hirschi von SchweizMobil. Einen generellen Hinweis gibt es aus der neuen Sportstudie des Bundes. 7,9% der Bevölkerung üben den Sport Mountainbiken aus, 2014 waren es 6,3%. Das E-Mountainbike spielt dabei eine zunehmend wichtigere Rolle. Je nach Angabe verfügt bereits jedes vierte oder jedes dritte neu verkaufte Mountainbike über elektrische Tretunterstützung. Bei den Nutzern macht SchweizMobil ein breites Spektrum aus. «Es sind eher ältere, technisch weniger starke Fahrerinnen und Fahrer», sagt Bruno Hirschi. Gerade unter den älteren Fahrern gibt es viele, die vom normalen Mountainbike umsteigen. «Es sind Leute, die sonst nicht mehr Mountainbike fahren würden.» Das E‑Mountainbike senkt aber auch die Hürde für Einsteiger. Bei einem Velohersteller heisst es zudem, dass sich die bisher vorwiegend männliche Kundschaft mit dem E‑Mountainbike in Richtung Frauen verschiebe. «Die Zielgruppe wird zudem konstant jünger, entwickelt sich also weg vom Rentnerimage», teilt die Firma mit.

«Konfliktpotenzial wird nicht kleiner»

Tanja Seibert ist Bike-Guide im Engadin und gibt seit zwei Jahren auch Einsteigerkurse für E-Mountainbiker. «Gerade wegen der Coronakrise haben viele mit E-Mountainbike angefangen, die bisher nicht Mountainbike gefahren sind», sagt sie. Darunter seien auch viele Frauen zwischen 40 und 50 Jahren. Tanja Seibert fährt seit rund 30 Jahren Mountainbike. Und seit rund drei Monaten besitzt sie ein eigenes E-Mountainbike und ist auch privat damit unterwegs. In einer ersten Phase hat sie Touren gemacht, die sie auch mit dem normalen Mountainbike schafft, etwa 40 Kilometer und 1500 Höhenmeter. «Jetzt möchte ich dann einmal ausprobieren, wie viele Höhenmeter ich bei einer längeren Distanz maximal schaffen kann», sagt sie. Auch technisch gibt es für sie mit dem E-Mountainbike keine Einschränkungen. «Ich kann die gleichen Sachen fahren wie mit dem normalen Bike», sagt sie. Im Kanton Graubünden ist Biken sehr beliebt, nirgends boomt die Sportart so wie dort. Das hat auch mit der liberalen Haltung des Kantons zu tun. «Jeder Wanderweg darf befahren werden, ausser es ist explizit verboten», sagt Tanja Seibert. Das ist für den Tourismus interessant, kann aber zu Konflikten mit Wanderern führen. «Das Konfliktpotenzial wird mit dem E‑Mountainbike nicht kleiner», sagt sie. Deshalb sei es ihr wichtig, gerade auch in ihren Kursen für die Trail-Toleranz zu sensibilisieren. Die weissen Trail-Toleranz-Tafeln sind mittlerweile vielerorts zu sehen. Auf ihnen ist für alle deutlich zu lesen: «Diesen Weg benutzen Wanderer und Biker gemeinsam.»

Ein klassischer Umsteiger ist der ehemalige Bergführer Fred Fischer aus dem Berner Oberland. Mit 70 Jahren hat er zum E-Mountainbike gewechselt. Das ist jetzt zwei Jahre her. Und um es gleich vorwegzunehmen: «Ich bin begeistert. Es ist sehr schön und sehr stabil zum Fahren», sagt er. Hauptgrund für den Wechsel nach 20 Jahren Mountainbiken sei das Alter. «Die Kraft lässt nach, und die Touren werden immer kürzer», sagt Fred Fischer. Dank dem E-Mountainbike könne er immer noch die gleichen Touren machen wie früher. Und wenn in einer Gruppe alle mit Strom fahren, passen in der Regel auch alle gut zusammen. «Die verschiedenen Unterstützungsstufen egalisieren», erklärt er. Neben reinen Mountainbiketouren mit Singletrails nutzt Fred Fischer das E-Mountainbike auch zur Anfahrt in einen Klettergarten oder zu einem Klettersteig, oder er kombiniert die Fahrt mit einer Wanderung auf einen Gipfel. Wenn er lange Touren unternimmt, hat er eine Ersatzbatterie im Rucksack. Nur einen grossen Nachteil bringe das E-Mountainbike mit: das Gewicht. «Schieben ist weniger praktisch, und im Emmental einen Zaun überwinden ist ein Murks», sagt er. Und auch die Koexistenz mit den Wanderinnen und Wanderern ist für Fred Fischer ein wichtiges Thema. «Das Mountainbiken ist ein Problem, weil es immer mehr Biker gibt.» Weil er selbst auch viel zu Fuss unterwegs war, kennt er beide Seiten und ist klar der Meinung, dass der Wanderer Vortritt hat. Probleme hat er bisher hingegen nie gehabt. «Die Wanderer machen mir als Biker das Weidegatter auf. Ich kann mich dafür bedanken.»

SAC setzt auf Koexistenz

An einem Freitag im Juni wurde an der Talstation der Rothornbahn in der Lenzerheide ein Foto aufgenommen: Eine schier endlose Schlange von Mountainbikern hat sich gebildet. Die Sorge, dass sich mit dem Aufkommen des E-Mountainbikes die Ängste und Konflikte im Zusammenhang mit dem Mountainbiken noch verstärken, ist nicht aus der Luft gegriffen. Zwar stehen die E-Mountainbikerinnen und -biker nicht vor der Bergbahn Schlange, aber runterfahren wollen schliesslich alle. «Wir müssen lernen, dass wir die Berge mit immer mehr Sporttreibenden und Natursuchenden teilen müssen und dies nur mit Rücksicht und Toleranz funktioniert», sagt Rolf Sägesser, Fachleiter Ausbildung beim SAC. «Um mögliche Konflikte zu entschärfen, appellieren wir an alle, die Koexistenz zu leben.» Weil das Mountainbiken in den Bergen in den letzten Jahren generell stark zugenommen hat, befürchtet der SAC, dass der Bau neuer Infrastrukturen – insbesondere neuer Mountainbikepisten – den Druck auf unerschlossene Gebiete erhöht. Natur- und Landschaftsschutzorganisationen befürchten, dass mit der raschen Verbreitung der E-Mountainbikes sich die Gruppe potenzieller Nutzer und der Aktionsradius zusätzlich vergrössern. «Aus Sicht des Natur- und des Landschaftsschutzes ist diese Entwicklung nicht unproblematisch», schreiben sie in einem gemeinsamen Positionspapier. Die Signalisation neuer Routen, Anpassungen am Wegnetz oder das zunehmende Erstellen von Mountainbikepisten könnten das Landschaftsbild beeinträchtigen, sich störend auf wild lebende Tiere auswirken und die Vegetation schädigen.

«Höher, länger und weiter», so lautet der Werbespruch eines E-Mountainbike-Herstellers. Stimmt das wirklich? Stürmen die E-Biker die Alpen? Eine Umfrage bei SAC-Hütten, die bei Mountainbikern beliebt sind, ergibt ein anderes Bild: E-Mountainbikerinnen und -biker sind in technisch einfacherem Gelände unterwegs. Das bestätigt auch Bruno Hirschi von SchweizMobil. «Viele bleiben auf Forst- und Alperschliessungsstrassen.» Wer tech-nisch versiert ist, kann aber auch jeden Singletrail fahren.

Es erstaunt deshalb wenig, dass E‑Mountainbiker in der Wildstrubelhütte SAC seltene Gäste sind. «Unsere Gegend ist dafür nicht geeignet», sagt Hüttenwartin Maximiliane Weiner. Normale Biker suchen die Hütte hingegen sehr häufig auf. «50% unserer Tagesgäste sind Biker», sagt sie. Sie nehmen die Bergbahn nach Plaine Morte und fahren dann am Rand des Gletschers Richtung Wisshorelücke. «Es gibt Schutt und Geröll, und der Weg ist anspruchsvoll zu fahren», sagt die Hüttenwartin. Nach der Hütte geht es steil in Spitzkehren hinunter. «Die Berner Seite ist nur den Profis vorbehalten», sagt sie. Anders tönt es in der Chamonna Tuoi CAS, die über das Val Tuoi auf einer rudimentären Strasse erreichbar ist. «Ich schätze, dass die E‑Biker bei uns 10% bis 20% der Tagesgäste ausmachen», sagt Hüttenwart Christian Wittwer. Und sie sind gern gesehene Gäste. «Fast alle verbinden ihren Ausflug mit einem währschaften Essen in der Hütte», sagt er. Über Nacht würden die E-Biker nicht bleiben, weshalb sich auch die Frage nach einer Ladestation nicht stelle.

«Nicht für motorisierten Bergsport»

Unterschiedlich beurteilen die beiden Hüttenwarte auch das Potenzial für Konflikte mit Wanderern. Während sich Biker und Wanderer im Val Tuoi kaum in die Quere kommen, gibt es um die Wildstrubelhütte mehr Konflikte. «Vor allem auf geteilten Wegen braucht es die Rücksicht der Biker, damit sich die Wanderer sicher fühlen», sagt Maximiliane Weiner.

Der Blick über die Landesgrenze hinaus zeigt, dass das E-Mountainbike im deutschen Alpenraum gerade im Zusammenhang mit Berghütten kontrovers diskutiert wird. 2018 verabschiedete die Hauptversammlung des Deutschen Alpenvereins einen Appell an die Sektionen, das Aufladen von Akkus auf ihren Hütten zu untersagen. Die Sektion München hielt für sich zudem fest, dass in ihren Programmen keine E-Mountainbike-Touren angeboten werden und dass als Leitlinie gilt: «Wir legen Wert auf Bewegung aus eigener Kraft.»

In der Schweiz existieren keine solch pointierten Stellungnahmen. In einem Grundsatzpapier zum Mountainbiken (siehe Kasten) bezieht der SAC aber Position: «Der SAC steht nicht für motorisierten Bergsport, anerkennt aber die positiven Aspekte des E-Mountainbikes.» Und weiter heisst es, dass Lademöglichkeiten in Hütten kritisch hinterfragt werden sollten. «Ausgeschlossen ist der Einsatz fossiler Energie.» Gemeint ist zum Beispiel der Betrieb eines Generators. Die star-ke Zunahme von E-Mountainbikern berge zudem die Gefahr von mehr Nutzungskonflikten. Deshalb setzt der SAC auf rücksichtsvolles Verhalten gegenüber der Natur und auf das Mit- und Nebeneinander von Wanderern und Mountainbikern. Ob dies gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich der Boom der E-Mountainbikes weiterentwickelt.

Autor / Autorin

Anita Bachmann

Was sagt das Gesetz?

Grundsätzlich werden zwei Kategorien von E-Bikes unterschieden:

– langsame E-Bikes mit einer Motorleistung bis maximal 500 Watt und einer Tretunterstützung bis 25 km/h. Sie sind im Gesetz (mit Ausnahme der Altersbegrenzung) dem Velo gleichgestellt.

– schnelle E-Bikes mit einer Motorleistung bis 1000 Watt und einer Tretunterstützung bis 45 km/h. Sie gehören zu den Motorfahrrädern, benötigen ein gelbes Kontrollschild, und es besteht eine Helmpflicht. Das Fahrverbot für Motorfahrräder (dreiteiliges Fahrverbot) gilt auch für die schnellen E-Bikes.

Es werden auch schnelle E-Mountainbikes verkauft (2019: 1742), die Tendenz nimmt aber deutlich ab. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sie ausserhalb vom Strassennetz kaum legal gefahren werden können.

SAC-Positionspapier Mountainbiken

Mountainbiken ist eine beliebte Bergsportart geworden, und in vielen SAC-Sektionen hat sich die Sportart bereits etabliert. Das hat den SAC-Zentralverband nun veranlasst, ein Grundsatzpapier zum Mountainbiken zu erarbeiten und Positionen zu formulieren. Darin werden auch negative Auswirkungen des Mountainbikens zur Sprache gebracht. Grundsätzlich hält der SAC fest: «Der SAC anerkennt das Mountainbiken als eine Bergsportart, ist jedoch nicht der zuständige Fachverband.» Der Zentralverband bietet deshalb zwar Mountainbikekurse zur Fahrtechnik als Ergänzung zu den Aktivitäten in den Sektionen an, bildet aber selbst keine Mountainbike-Guides aus. Dies überlässt er SwissCycling. Der SAC will sich im Zusammenhang mit der boomenden Sportart in den Bergen zur Weiterentwicklung von Angeboten und Struktur einbringen. Dabei steht die Koexistenz zwischen Wanderer und Bikern sowie die Rücksicht auf die Natur im Vordergrund.
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