Vater des ultraleichten Skischuhs Pierre Gignoux macht Siebenmeilenstiefel

Pierre Gignoux ist so etwas wie der Steve Jobs des Skitourenschuhs. Er entwickelte in seinem Keller das erste Paar Skitourenrennschuhe, das zu 100% aus Carbon besteht. Seither rüstet er Spitzenläufer aus und beliefert renommierte Marken.

Pierre Gignoux liest nicht gern Gebrauchsanweisungen, das steckt in seiner DNS. «In meiner Familie ist das Erfinden angeboren», sagt er an einem Küchentisch sitzend, dessen Sägespuren verraten, dass er auch schon zum Tüfteln herhalten musste. Sein Grossvater hat ein Zentralverriegelungssystem für Autotüren erfunden, sein Vater nahm Gegenstände auseinander, um ihnen auf den Grund zu gehen, und sein Schwager machte aus einem Scheibenwischer eine automatisierte Wiege. Die Marktlücke, in die Pierre Gignoux eindrang, ist die Sportausrüstung.

«Ich begann als Jugendlicher, meine Snowboards selber zu bauen», fährt der Vierzigjährige fort, der den Carbon­skischuh im Keller einem Haus in Saint Martin d’Uriage, 15 Kilometer ausserhalb von Grenoble, entwickelt hat. Was als Hobby begann, ist heute seine Haupttätigkeit und beschäftigt ausserdem sechs Angestellte. Mit den federleichten Schuhen von Pierre Gignoux sind die ganz gros­sen Figuren der Skitourenrennszene wie der Spanier ­Ki­lian Jornet und die Französin Laetitia Roux unterwegs. Ausserdem beliefert er die Marke Dynafit.

Alles begann 1993 aus Zufall, als er an einem Skitourenrennen teilnahm, nachdem er seine langjährige Karriere als Skilangläufer an den Nagel gehängt hatte. Er wurde auf Anhieb Sechster. «Ich fand sehr schnell Gefallen an dieser Sportart, aber mir war das Ma­te­rial zu schwer. Deshalb begann ich, darüber nachzudenken, wie man es verbessern könnte.»

Sein eigenes Versuchskaninchen

Damit begannen die Experimente mit seinen Bindungen und Schuhen. Gleichzeitig nahm auch die Karriere als Spitzenläufer ihren Anfang, denn 1995 kam Pierre Gignoux in die französische Nationalmannschaft im Skitourenrennen und sammelte während zehn Jahren zahlreiche grosse Titel. Der Doktor in Biomechanik siegte bei der Pierra Menta und wurde dreimal Europameister.

Beim Carbon ist Pierre Gignoux sein eigenes Versuchskaninchen. «Ich baute ein Paar für mich und ein zweites für meinen Teamkollegen. Wir begriffen sofort, dass diese leichten und steifen Schuhe uns Vorteil einbrachten, wir uns aber auch mit vielen Kinderkrankheiten herumschlagen mussten», erinnert er sich. «Das war oft ein kleines Abenteuer: Am Anfang ging alles bestens, dann lief unterwegs etwas schief.»

«Ich lebe mit Prototypen»

An den Europameisterschaften in der Slowakei beispielsweise trafen die beiden als Erste im Ziel ein. Beim Mate­rial fehlte aber ein Steigeisen, was die Disqualifikation bedeutete. Oder der aufregende Sieg an der Pierra Menta 2001: «An den ersten drei Tagen lief alles prima, aber am letzten Tag brach an den Skischuhen meines Partners eine Schnalle, und er fiel immer wieder hin. Alle überholten uns, was Stéphane die Tränen in die Augen trieb. Wir kamen dennoch heil im Ziel an und gewannen trotz allem gerade noch.» Oder jenes Rennen, als wir im Telemarkstil abfahren mussten, nachdem bei beiden eine Bindung gebrochen war. Der im Vercors aufgewachsene Gignoux bedauert rückblickend allerdings nichts. «Ich lebe mit Prototypen an den Füssen, seit ich 15 Jahre alt bin, und gehe bewusst das Risiko ein, in Schwierigkeiten zu geraten», sagt er mit einem Lächeln und betont, dass er nie wegen eines Mate­rial­problems aufgegeben habe.

Am Ende zahlte sich das Risiko aus. Konkurrenten wollten sein Produkt kaufen, sodass er sich gleichzeitig mit seinem Rücktritt vom Wettkampfsport selbstständig machen konnte. Im ersten Jahr verkaufte er 30 Paar Schuhe, dann 120, dann 450 …

Frei zu experimentieren

Heute befindet sich die Produktion im gleichen Haus wie zu Beginn, nur dass sie jetzt alle Zimmer belegt. Pierre Gignoux lebt mit seiner Familie nebenan in einem Haus, das er mit eigenen Händen gebaut hat. Der ehemalige Spitzensportler hat die ganze Produktionsanlage selber entworfen: den Ofen, wo die Carbonschalen bei 100 Grad während fünf Stunden gebacken werden, ebenso wie die Formen, mit denen die Sohlen gegossen werden. Das Endprodukt hat allerdings nichts Handwerkliches, wie die vielen Dutzend Paar Skischuhe beweisen, die für den Hauptkunden im Ausstellungsraum bereitstehen. Ein Kleinlastwagen holt die Lieferung ab, während die Angestellten in einer familiären Atmosphäre und umhüllt vom Geruch nach Lack Znünipause machen.

Pierre Gignoux beschränkt sich nicht auf den Skitourenrennsport. Er hat auch einen Langlaufschuh aus Carbon entwickelt und beschäftigt sich gegenwärtig mit einer Variante fürs Velo. Ausserdem forscht er an einem Telemarkschuh. Sein Ansatz lautet, keine Spur zu vernachlässigen. «Da wir nicht spezifisch von der Schuhherstellung herkommen, fühlen wir uns frei, in alle Richtungen zu experimentieren.»

Tüfteln mit den Söhnen

Die Zukunft? «Ich blicke nicht allzu weit voraus», antwortet der Erfinder auf eine diesbezügliche Frage. «Ich hoffe, die Motivation weiterhin hochhalten zu können, und bin stolz darauf, dass ich Arbeitsplätze geschaffen habe.» Er hat nicht vor, noch viel grös­ser zu werden oder in eine Industriezone im Flachland zu zügeln. «Wir sind mit dem Ort verbunden, und ausserdem ist die Lage ideal: Ich kann am Morgen an etwas herumtüfteln und am Nachmittag meine Produkte auf den Pisten ausprobieren.»

Der Wettkampfsport fehlt ihm nicht. Er ist sehr gut ausgelastet mit der Arbeit und mit seinen Kindern, die zwischen zehn und sieben Jahre alt sind. Der ältere Sohn beginnt mit Skitouren, und seine Füsse sind gerade gross genug, dass er die Schuhe aus der Produktion seines Vaters tragen kann. Zusammen verbringen sie auch viel Zeit beim Tüfteln und Basteln, zum Beispiel an einer Seifenkiste oder einem dreirädrigen Trottinett. «Wenn man weiss, wie man etwas mit den eigenen Händen herstellt, findet man aus jeder Situation einen Ausweg. Dies will ich an meine Kinder weitergeben.»

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