Vermessenes Wandern

T6 – mein Gegenüber zollte mir Respekt, als ich ihm vor einigen Jahren erzählte, ich sei bei einer Wanderung zur Abwechslung über die Ostwand auf den Wildhuser Schafberg gestiegen. Ich wiederum brachte meinem Gesprächspartner Unverständnis entgegen, da ich damals mit dem Ausdruck T6 nichts anfangen konnte. Auf Nachfrage erfuhr ich aber, dass T6 die höchste Schwierigkeitsstufe beim Alpinwandern sei.

Seit nun rund acht Jahren gibt es die SAC-Wanderskala, und sie soll Wanderern bei der Tourenvorbereitung helfen. Lanciert wurde sie, da immer mehr Leute wieder Gefallen fanden am Gehen abseits markierter Wege, teilweise in Gelände, das Geschick, Schwindelfreiheit und hie und da den Einsatz der Hände erfordert (vgl. Artikel S. 23). Für diese Touren griffen die vorhandenen Skalen nicht richtig. Es war also sinnvoll, ein neues Bewertungssystem einzuführen.

Bewertungssysteme erlauben es aber auch, auf einfache Weise Ranglisten zu erstellen und nicht nur Touren, sondern auch die persönliche Leis tungsfähigkeit zu vergleichen. Manchmal erhält man zudem den Eindruck, dass einige Wanderer Parameter wie Höhenmeter und Distanz zunehmend dazu benutzen, ihre alpine Potenz zu demonstrieren, und weniger, um sich über eine Tour zu informieren.

Ist aber ein solches Leistungsdenken sinnvoll? Zweifel sind angebracht. Die Gefahr ist gross, dass man wesentliche Aspekte verpasst, wenn man eine Wanderung aufs Messbare reduziert. Darum ist mir noch heute der Respekt meines Gesprächspartners von damals suspekt, und ich hoffe, dass er die Wanderskala nur benutzt, um alpine und nicht soziale Vergleiche anzustellen.

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