Via Ferrata – ma non troppo. Klettersteigforum in Engelberg

Montagne e ambiente

Montagnes et environnement

Klettersteigforum Engelberg

Via Ferrata – ma non troppo

Exponenten aus Tourismus, Bergsport, Behörden und Schutzorganisationen diskutierten am Klettersteigforum in Engelberg über die Trends rund um die Vie Ferrate in den Schweizer Alpen. Trotz verschiedener Werthaltungen wurde ein breiter Konsens über die wünschbare Entwicklung dieses Booms gefunden. Die « Klettersteig-Charta von Engelberg » enthält die Eckpunkte, auf die sich die Anwesenden einigen konnten.

« Hast du den Zittergrat auch gemacht ?», fragt mich Sepp Walker Mitte Juni 2005 auf dem Rigidalstock, 2592 m, hoch über Engelberg. Er hat den viel besuchten Aussichtsgipfel zusammen mit Kari Schuler auf dem Klettersteig über den Südgrat erreicht. Zum Anwärmen hatten die beiden Urner das Brunnistöckli, 2020 m, gewählt, das seit ein paar Jahren ebenfalls mit einem hübschen Klettersteig, einer Via Ferrata, erschlossen ist. Übrigens eine Route gerade richtig für Einsteiger in diese trendige Bergsportdisziplin. Seit Juni 2005 ist dieses Brunnistöckli auch über den schwierigen Zittergrat kletter-steigmässig begehbar. 1

Klettersteigmekka Engelberg

Ich frage die beiden Klettersteiger, ob sie die alten Eisschrauben auch gesehen und benützt hätten, die nun fest im Kalk stecken. Und schon sind wir in ein Bergge-spräch über Klettersteige verwickelt, über absolvierte, gebaute und geplante. Dafür ist Engelberg der beste Platz: Das Klosterdorf am Fuss des Titlis gilt als Klettersteigmekka, nicht nur der Zentralschweiz, sondern des ganzen Landes. Vier Vie Ferrate erschliessen Gipfel und Wände ringsherum, den aufgegebenen und halbwegs wieder abgebauten Eisenweg in der Titlis-Südwand und den Zittergrat als Brunnistöckli-Variante nicht mitgezählt. 2

Am Anfang der Tällisteig

Der Tällisteig im Gadmertal südwestlich des Titlis war 1993 der erste moderne Klettersteig der Schweiz. Mit hölzernen oder metallenen Konstruktionen gesicherte Wege gab es allerdings schon lange, bevor Touristen auf die Berge stiegen. Für sie wurden weitere Steige wie etwa Hüttenzustiege gebaut. Bei eigentlichen Klettersteigen ist aber der eiserne Weg das Ziel. Und von diesen sportlichen Wegen, die eine eigene Ausrüstung erfordern, gibt es immer mehr in der Schweiz. Rund 40 Anlagen sind es heute. Darin sind die in diesem Sommer neu eröffneten Klettersteige auf die Allmenalp bei Kandersteg, in der Turuwang oberhalb des Bahnhofs Zermatt, durch die Südwände der Sulzfluh und des Piz Mitgel, 3158 m, mit eingeschlossen. 3 Am meisten Vie Ferrate, nämlich elf, weist das Wallis auf. Les Diablerets, Leysin und Rougemont setzen wie Engelberg ebenfalls auf diese sommertouristische Ange-botserweiterung. Weitere Kurorte wollen vom Boom profitieren. Deshalb lud der SAC interessierte Kreise zum Klettersteigforum nach Engelberg ein.

Grosse Runde im Klettersteigdorf

Rund 50 Vertreter folgten dem Ruf: Touristiker, Klettersteigspezialisten, Bergführer, Behörden, Schutzorganisationen, SAC-Vertreter. Einziger Nachteil war die weitgehend fehlende Präsenz der Romandie. Christian Gysi, Ressortchef Umwelt im SAC-Zentralvorstand, legte die Grundsätze des Schweizer Alpen-Clubs dar, die vom neuen SAC-Zentralpräsiden-ten Frank Urs Müller verstärkt wurden. 4 Werner Lüönd, Events- und Kommuni- Neues Terrain: Frank Urs Müller trat am Klettersteigforum erstmals in seiner neuen Funktion als SAC-Zentralpräsident auf. Anderntags beging er zum ersten Mal einen Klettersteig.

Experten unter sich: ( v. l. ) Hans Bünter, Betriebsleiter der Luftseilbahn Engelberg–Brunni; Ruedi Jenny, Bergführer und Erbauer des Braunwalder Klettersteigs; Eugen E. Hüsler, Verfasser mehrerer wegweisender Klettersteigführer; Elsbeth Flüeler, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness; Jürg Meyer, SAC-Umweltbeauftrag-ter; Peter Lienert, Kantonsoberförster und Jagdverwalter von Obwalden Kostenpflichtig: Spenden-kässeli und viersprachige Hinweistafel am Einstieg zum Klettersteig auf den Rigidalstock. Einrichtung und Unterhalt eines Klettersteigs kosten eine Stange Geld.

Fotos: Daniel Anker kationsmanager der Engelberg-Titlis Tourismus AG, informierte über diese erfolgreichen Outdoor-Investitionen: Ins « Gipfelbuch » des schwierigen Füren-wand-Klettersteigs trugen sich letztes Jahr 2000 Sportler ein, am alpinen Graustock waren es 300, am Rigidalstock 500 und am Brunnistock 1000. Jürg Meyer, SAC-Umweltbeauftrag-ter, lotete mit kräftigen Worten den Klet-tersteigtrend aus und fragte sich, wo die Sättigungsgrenze erreicht sei. Seine pro-vozierende Zahl von rund 350 Klettersteigen in der Schweiz konnte im Verlauf des Forums deutlich nach unten korrigiert werden. Dies vor allem dank « Klet-tersteigpapst » Eugen E. Hüsler, dem in Oberbayern lebenden Zürcher, dessen Klettersteigatlas als das Standardwerk gilt. 5 Nach Hüsler gibt es alpenweit rund 500 wirkliche Klettersteige, davon etwa 100 in den Dolomiten, wo diese Art der Fortbewegung im senkrechten Fels eine lange Tradition hat. In Frankreich hingegen werden erst seit kurzem, dafür umso aufwändiger und spektakulärer Klettersteige gebohrt. Für Hüsler liegt denn die Grenze in der Schweiz im Jahre 2015 unter 100 Steigen, für Jürg Meyer ist sie darüber.

Verschiedene Aspekte

Ruedi Jenny, Bergführer und Sekretär des Amtes für Sport in Glarus, ist der Initiant der 2002 fertig gestellten Klettersteige Braunwald. 6 Er schilderte die lange und intensive Entstehungszeit vom Anhören der betroffenen Kreise wie Jäger, Bergbauern und Wildhüter über die aufwändige Finanzierung – rund 350 000 Franken – und den eigentlichen Bau. 2000 Leute begehen sie jährlich, die Gu-menseilbahn als Zubringer zum Steig über die Eggstöcke verbucht 65% mehr Fahrten – willkommene Zahlen in einem touristischen Randgebiet. Weniger auf die wirtschaftlichen als auf die ideellen und umweltpolitischen Aspekte der Klettersteige gingen die beiden Vertreter von Mountain Wilderness ein: Für Felix Nipkow sollten neue Klettersteige nicht geschichtliche und genutzte Kletterrouten tangieren und gewisse Gebiete bewusst ausschliessen. Für Elsbeth Flüeler ist die Rücksicht auf Flora und Fauna sowie die Einsicht, dass die Alpenwelt nicht zum Disneyland verkommen dürfe, wichtig. Es brauche sowohl ein nationales als auch regionale Konzepte sowie die Absprache unter den Erbauern der Klettersteige. Zudem müssten bei jeder Installation die ökonomischen, ökologischen und ethischen Interessen abgewogen werden.

Unterschiedlich gewichtete Interessen

In der lebhaften Podiumsdiskussion unter der Leitung von Beat Christen zeigte sich, dass diese Abwägungen von niemandem bestritten werden, Unterschiede gibts in der Gewichtung. Ein ähnliches Resultat ergab auch die Auswertung der von den Forumsteilnehmern ausgefüllten Fragebögen. Etwa die gleiche Anzahl sprach sich für bzw. gegen mehr Klettersteige in der Schweiz sowie für bzw. ge- 1 Der Zittergrat-Klettersteig wurde vom Engelberger Bergführer Bini Amstutz mit Eisenklammern, Stiften und einem durchlaufenden Drahtseil eingerichtet – eine senkrechte und zweimal leicht überhängende Route gerade richtig für Adrenalinschübe nach einem üppigen Zmorge. 2 Wer die vier Steige sowie den Klettersteig Tälli im Gadmertal ennet dem Titlis im Sommer 2005 durchsteigt und in einen Pass einknipst, kriegt das Gipfelstürmer-T-Shirt. 3 Klettersteigführer dazu: Hüsler Eugen E./Anker Daniel: Wandern vertikal. Die Klettersteige der Schweiz, AT Verlag 2004. Kürschner Iris: Klettersteige Schweiz, Rother Verlag 2004 4 Vgl. Beitrag S. 27 5 Hüsler Eugen E.: Hüsler Klettersteig Atlas Alpen, Bruckmann Verlag, 6. Auflage mit neu über 880 Steigen, Bruckmann Verlag 2005 6 Vgl. ALPEN 5/2002 « Klettersteig am Eggstock » Via Ferrata: das Sicherungsseil des « eisernen Weges » auf den Rigidalstock Schwindel erregend: Auf der zweiten, längeren Hängebrücke am Brunnistöckli kann man ins Zittern geraten. Den Huetstock kümmert dies nicht.

Fotos: Daniel Anker gen eine aktive Begrenzung aus. Weitgehende Übereinstimmung herrschte beim Wunsch, das unerschlossene Hochgebirge von Klettersteigen möglichst frei zu halten. Viel zu reden gab die Frage nach dem richtigen Vorgehen bei der Planung von neuen Projekten. Die einen befürworteten die rein lokale Initiative und Realisation, am andern Ende des Spektrums stand die Forderung nach einem nationalen Konzept. Schliesslich fand man den Konsens darin, dass Klettersteige möglichst im Rahmen eines regionalen touristischen Konzeptes erstellt werden sollten, um dem « Pizzeria-Effekt » – eine erfolgreiche Pizzeria erzeugt in Windeseile sechs weitere am gleichen Standort – entgegenzuwirken. Festgehalten wurde in diesem Zusammenhang, dass die finanziellen, juristischen und versiche-rungstechnischen Klippen höher sind als gemeinhin angenommen.

Nach den intensiven Debatten gelang es, eine 10-Punkte-Charta mit Empfehlungen und Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung zu formulieren, hinter der sämtliche Interessenkreise stehen können.

Faszination Klettersteig

Sepp Walker weiss noch nichts von der Klettersteig-Charta, als er mit Kari Schuler vor der Brunnihütte auf die beiden neu erlebten Klettersteige anstösst. Nebenan waten Touristen durchs Härzseeli, weiter oben führt Jürg Meyer Journalisten über den Zittergrat aufs Brunnistöckli. « Einmal möchte auch ich einen Klettersteig bauen », verrät Sepp. « In Talnähe unten, an einer sonnigen Wand, sodass man ihn auch im Winter begehen könnte. » Im SAC wird er dazu einen kompetenten Gesprächspartner finden. a Daniel Anker, Bern Wandern vertikal: Klettersteiggehen ist eine moderne Out-door-Sportart, bei der Adrenalinschübe selber gewählt und gesichert werden – am Rigidalstock gibts ( zum Glück ) nicht zu viele.

Gut markiert: Zustieg zum Klettersteig am Rigidalstock Stau am Drahtseil: Klettersteiggehen erfreut sich steigender Beliebtheit, und es kann wie hier am Rigidalstock zu Engpässen kommen.

Gipfelstürmer: Kari Schuler ( l. ) und Sepp Walker gratulieren sich zum Rigidalstock – und zu seinem Klettersteig.

sportliche, am Graustock oberhalb des Jochpasses eine alpine Via Ferrata. Und am Titlis gegenüber, in seiner Südwand, gabs auch mal einen Klettersteig.

Klettersteigmekka Engelberg: Aufs Brunnistöckli führen eine leichte ( im Bild ) und eine schwierige Route über den Zittergrat. Dann gehts weiter zum Rigidalsteig. An der Fürenwand im Talboden unten wartet eine

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