Viel Spass in den Alpen Welche Attraktionen braucht es in den Bergen?

Rodelbahnen, Seilpärke, Aussichtsplattformen, Hängebrücken: vielerorts wird der Berg mit Erlebnis-installationen aufgerüstet. Der SAC muss immer wieder neu ausloten, was er toleriert und wo er opponiert.

Der Nasenring für das Stockhorn ging zu weit. Im Oktober 2010 hat der SAC Einsprache gegen die ringförmige Aussichtsplattform in der Nordwand erhoben. Das Argument der Stockhornbahn, die Touristen wollten immer wieder etwas Neues, liess der SAC nicht gelten: «Unter dieser fragwürdigen Optik müsste der Stockhorngipfel praktisch im Jahresrhythmus mit neuen baulichen Anlagen ausgestattet werden – die damit verbundenen landschaftlichen Folgen sind leicht auszudenken.» Darauf verkleinerten die Stockhornbahnen den Ring zu einem Balkon, und der SAC lenkte zähneknirschend ein. «Trotz Rückzug der Einsprache bleibt der SAC bei seiner grundsätzlich ablehnenden Haltung, da auch der neu geplante Aussichtsbalkon den Charakter der bisher weitgehend unberührten Nordwand verändern würde und das Wettrüsten der Tourismusstandorte um immer exklusivere Infrastrukturen fördert», schreibt der Verband in einer Medienmitteilung vom Januar dieses Jahres.

 

Wiederentdeckung des Sommers

Der Nasenringfall steht exemplarisch für einen aktuellen Trend im Tourismus: die Wiederentdeckung des Sommergeschäfts. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der Klimawandel vermiest den Tourismusorten in tiefen und mittleren Lagen das Wintergeschäft (vgl. «Die Alpen» 6/2012). Weiter oben hat es zwar – auch dank Kanonen – noch genug Schnee. Aber insgesamt stagniert die Zahl der Skifahrer seit zehn Jahren. «Der Winter ist in vielen Gebieten praktisch ausgeschöpft», sagt Andreas Keller, Mediensprecher der Seilbahnen Schweiz. Touristiker sehen in den nächsten Jahren vor allem bei ausländischen Gästen Wachstumspotenzial, namentlich bei solchen, die nicht Ski fahren. Damit rückt die warme Jahreszeit in den Fokus. Die Seilbahnen hätten dies erkannt und böten vermehrt «multioptionale Freizeitaktivitäten» an, schreiben Seilbahnen Schweiz in der Ausgabe 2010 ihrer Broschüre «Fakten und Zahlen zur Schweizer Seilbahnbranche». Zu Deutsch: Es gibt immer mehr Aussichtsplattformen, Seilpärke, Rodelbahnen, Hängebrücken und dergleichen. Genaue Zahlen fehlen zwar, aber dass es eine Zunahme gibt, ist unbestritten. «Generell können wir sagen, dass das Angebot von verschiedenen Erlebnisangeboten – vor allem Klettersteige und Hängebrücken – in den letzten Jahren stark zugenommen hat und in die Erlebnisinfrastruktur viel investiert wurde», heisst es bei Schweiz Tourismus.

 

Blosse Natur genügt nicht allen

Der SAC beobachtet diese Entwicklung mit Besorgnis. Ursula Schüpbach, Bereichsleiterin Umwelt des Verbands, spricht von einem Wettrüsten der Bahnunternehmungen. Sie findet, die Alpen bedürften der meisten dieser Infrastrukturen nicht. «Das Naturerlebnis in unbeeinträchtigter Landschaft ist der Trumpf der Alpen, den wir nicht aufs Spiel setzen sollten», sagt sie. Diese Meinung entspricht der bisher im Entwurf vorliegenden Position des Club Arc Alpin, der der Vereinigung der acht führenden Bergsportvereine des Alpenbogens angehört, zu der auch der SAC zählt. Etwas anders sieht es Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen: «Es gibt Leute, denen das alleinige Naturerlebnis nicht genug ist.» Dieser Klientel kämen die Destinationen mit ihren Erlebnisinstallationen entgegen. Andreas Keller von Seilbahnen Schweiz pflichtet ihm bei: «Es ist nicht für alle dasselbe attraktiv.» Um die Sommersaison anzukurbeln, brauche es deshalb da und dort Ergänzungen des Angebots. Für gewisse Bahnen gehe es dabei um Sein oder nicht Sein. «Sie müssen sich Gedanken machen, wie sie wirtschaftlich überleben können.» Keller ist allerdings klar, dass man dabei auch übers Ziel hinausschiessen kann. «Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld. Wer ausbaut bis zum Gehtnichtmehr, riskiert, sich sein eigenes Grab zu schaufeln», sagt er. Eine intakte Natur sei nach Ansicht des Seilbahnenverbands der wichtigste Rohstoff des Bergtourismus, und das wüssten auch die einzelnen Bahnunternehmen.

Die neuen Erlebnisinstallationen haben für Keller einen grossen Vorteil: «Sie befinden sich in einem flächenmässig sehr eng begrenzten Bereich – meist stehen die Anlagen direkt neben den Bergbahnstationen oder Restaurants.» Tourismusprofessor Laesser vertritt gar die Meinung, sie könnten zu einem Schutzfaktor für bisher wenig beeinträchtigte Räume werden: «Es ist sinnvoll, die immer grössere Zahl an Menschen an wenigen, technisch erreichbaren Punkten zu konzentrieren.» Ein Gedanke, dem auch Ursula Schüpbach etwas abgewinnen kann. «Die Anlagen passen zwar nicht in die Landschaft und sind selten architektonische Schönheiten, aber sie intensivieren oft nur die Nutzung in einem bereits belasteten Gebiet.» Der SAC hat sich daher gegen Projekte wie das Madrisa-Land mit Sagenturm, Riesenrutsche und «Flying Fox» oder den Kletterturm Cliimber in den Flumserbergen nicht zur Wehr gesetzt. Für den Verband steht die Opposition gegen Infrastrukturen in unerschlossenen Gebieten im Fokus. Zum einen aus landschaftsschützerischen Gründen, aber auch im Interesse des Bergsports. «Bei Erschliessungen von unberührten Gebieten werden meist Ersatzmassnahmen wie Landschaftsschutzgebiete oder Wildschutzzonen ausgehandelt», erklärt Schüpbach. Diese können Routen von Ski- oder Bergtouren tangieren: «Mehr Bahnen bedeuten somit weniger Tourenziele mit weitgehend freiem Zugang für Bergsportlerinnen und -sportler.»

 

Quer in der Landschaft

Die Toleranz gegenüber Spassinstallationen hat da ein Ende, wo ein Bau so exponiert steht wie der Nasenring oder der erhöhte Liftschacht auf dem Klein Matterhorn. «Solche auffälligen, weit herum sichtbaren Bauwerke lehnen wir ab.» Bedeutet dies, dass der SAC auch nichts von Hängebrücken wissen will? «Wir halten nichts von Brücken, die keinen anderen Zweck haben, als bei Spaziergängern Nervenkitzel auszulösen, wie etwa der Raiffeisen Skywalk im Gebiet Sattel Hochstuckli», sagt Schüpbach. Kritisch bis ablehnend beurteilt der SAC auch Brücken, Wege und Steige, mit denen neue Gebiete erschlossen werden. Etwas anders sieht es bei Hängebrücken aus, die eine Verbindung aufrechterhalten, die aufgrund des Klimawandels nicht mehr begehbar wäre (z.B. die Triftbrücke). Bleibt der Eingriff klein und wird dadurch nicht ein einst schwieriger, lediglich für Alpinisten begehbarer Weg in einen leichten verwandelt, sind solche Bauten aus Sicht des SAC zulässig.

AlpWeek vom 5.-8. September in Poschiavo

Gemeinsam mit DAV und Club Arc Alpin führt der SAC am 7. 9. einen Workshop zum Thema «Alpinismus zwischen Funpark und Klimawandel» durch. www.alpweek.org

SAC-Positionen: gemeinsam erarbeitet

Der SAC hat das Verbandsbeschwerderecht und kann deshalb Einsprache erheben, wenn er seine Umweltziele gefährdet sieht. Er nutzt dieses Mittel jedoch nur als Ultima Ratio. «Unser Credo heisst Mitsprache vor Einsprache», hält René Michel, Ressortleiter Umwelt im Zentralvorstand fest, «mit Sensibilisieren, Motivieren und Verhandeln erreichen wir mehr.» Falls dies jedoch nicht den Erfolg bringt, wird in der Regel zusammen mit den lokalen und hüttenbesitzenden Sektionen eine Position erarbeitet und entschieden, ob rechtliche Schritte unternommen werden oder nicht. Wenn der SAC erst spät von einem Projekt erfährt, wird ein weniger partizipatives, abgekürztes Verfahren gewählt, um keine Fristen zu verpassen. Als Einsprecher tritt in der Regel der SAC-Zentralvorstand auf. Er kann das Verbandsbeschwerderecht aber auf Antrag an eine Sektion delegieren. Der SAC ist nicht in der Lage, ein Monitoring über alle Bauvorhaben im Berggebiet zu betreiben und will dies auch nicht. «Wir kümmern uns um jene Projekte, die unberührte Landschaften betreffen oder Signalcharakter haben», sagt Ursula Schüpbach. Hinweise auf entsprechende Vorhaben nimmt der SAC gerne entgegen. Auf der Website des SAC (> Umwelt > Lanschaftsschutz) finden sich Stellungnahmen des Verbandes zu verschiedenen Projekten.

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