Vierbeiner auf dem Montblanc. Mit dem Hund im Hochgebirge

Vierbeiner auf dem Montblanc

Gehen am Seil und mit Steigeisen? Weder ein Problem für geübte Hochtourengänger noch für Pazzolino, den Hochgebirgshund von Bergführer Walter Müller. Er fühlt sich in Fels und Eis äusserst wohl.

Die Kundschaft von Eiselin Sport in Zürich hat sich längst an ihn gewöhnt, den schwarzen, ein wenig struppigen Wollknäuel, der im Serviceraum am Boden liegt und schläft. Nur von Zeit zu Zeit hebt er seinen Wuschelkopf, in dem die Augen nur erahnt werden können. Fragt ihn sein Meister, Bergführer Walter Müller: « Hai fame ?», leckt er bei Zustimmung mit der Zunge die Lefzen. Sonst ruht er sich weiter aus, auch auf den Lorbeeren, die er sich als Hochgebirgshund geholt hat: Tödi in einem Tag, Dolomi-ten-Haute-Route, Weissmies, Montblanc. Pazzo hat es schon zu einiger Bekanntheit gebracht. « Viele Leute sprechen mich zuerst auf Pazzo an, bevor sie mich grüssen », sagt Walter Müller mit einem nachsichtigen Schmunzeln.

Trainingscamp in Südfrankreich Der sechsjährige Pazzolino ist ein reiner Rassehund, ein achtzig Zentimeter langer Irish-Carry-Blue-Terrier. « Ein Alpin-hund muss günstige Hebelarme, starke

Walter Müller montiert seinem Schützling die Bergfinken. Sie schützen die Pfoten vor spitzen Steinen und scharfen Eisrispen.

« Pazzo » – verrückt – sind sie beide ein bisschen, Herr und Hund. Die Hundemarke mit dem selbstironischen Namen ist am LVS-Sender, den der Hund bei jeder Schneetour auf dem Rücken mitträgt, festgemacht.

Für alle Fälle: Spezial-Hunde-steigeisen, Marke « Eigenbau » Ein eingespieltes Team: Walter Müller und Pazzo auf dem Weg zum Piz Palü Pazzo in seinem Hundezelt auf der Diavolezza. Im Hintergrund der Piz Trovat Fo to s: Da vi d Co ulin DIE ALPEN 11/2004

Gelenke und breite Pfoten haben und darf nicht zu schwer sein », sagt Walter Müller. « Teurer als mein erstes Auto » – dank seines unwiderstehlichen Vierpfo-tenantriebs aber vielseitiger! Sein Können zeigt er vor allem im Winter, in Schnee und Eis, denn im Sommer trainiert Pazzolino in Südfrankreich. Dort hat ihm sein Meister einen Spiel- und Trainings-platz eingerichtet. « Pazzolino absolviert mehrmals täglich einen Parcours mit Hoch- und Weitsprung, Gehen durch Tunnel und über Brücken, dazu noch zwei Stunden Jogging », sagt Walter Müller. Langsam und nach allen Regeln der Kunst trainiert und baut er den Hund auf. « Herzklappentests haben gezeigt, dass Pazzolino nicht übertrainiert ist », sagt Walter Müller. Aber das Wichtigste ist die Schonung der Gelenke. Deshalb hat Walter Müller seinen Hund bei Skiabfahrten des Öftern in einer vorge-hängten Tragevorrichtung Platz nehmen lassen. Bestausgerüstet Auch punkto Ausrüstung sind keine Wünsche offen. Auf die massgeschnei-derten Hundeschuhe können mit einem den Fallschirmen abgeschauten Druck-knopfsystem Steigeisen – gezackte Alu-ringe der Marke Eigenbau – befestigt werden. Dazu kommen ein speziell angefertigter Sturmanzug – irische Hirtenhunde haben keine Unterwolle –, ein 200 g schwerer Sitzgurt zum Abseilen und ein Spezialhundezelt. « Wenn immer möglich schläft Pazzo in einem Schopf oder sonst in seinem Zelt neben der Hütte », sagt Walter Müller, der die Sorgen mancher Hüttenwarte mit allzu zudringlichen Vierbeinern gut versteht. « Das Robidog-Kotsäckli im Rucksack von Hundebesitzern auf Hüttentouren ist ein absolutes Muss. » Walter Müller ist mit seinem Pazzolino ein gern gesehener Gast. So auch im Berghotel Diavolezza, denn ihr Ziel ist der Piz Palü.

« Girati !» Frühmorgens beim Stirnlampenlicht ist vom schwarzen Hund mit dem schwarzen Mäntelchen fast nichts zu sehen. Nur ein kleines gelbes Säckli leuchtet auf seinem Rücken. Darin verbirgt sich der LVS-Sender. « Den Empfänger habe ich noch nicht eingebaut, so weit bin ich noch nicht mit der Dressur », lacht Walter Müller. Pazzo soll auch nicht zu einem Lawinensuchhund trainiert werden, denn diese Rasse ist dazu nicht geeignet: « Nach fünfzig Metern dreht der Terrier den Kopf und sucht den Weg zurück zum Meister. Mich würde er aber schon aufspüren !» Dieses Mal kommt es nicht so weit. Während Walter Müller beim Spuren in einem halben Meter Neuschnee versinkt, trottet Pazzo artig in der Spur hinterher. In den Schneemassen ausserhalb der Spur zeigt er die Kraft, die in ihm steckt. Wie eine Wühlmaus arbeitet er sich steil nach oben, die Barthaare verklebt von Schnee und Eis. Auf den Befehl « Girati » dreht sich der Hund aber sorgfältig um die eigene Achse und aus der Spur. Die meisten Kommandos hat Walter Müller absichtlich selbst erfunden, « damit der Hund nicht auf alle hört ».

Hundejahre Ein Blick von der Schulter hinauf zum Gipfel des Piz Palü zeigt: totales Blankeis. Da führt heute für die Gäste kein Weg hinauf, zu schwierig sind die Verhältnisse. Statt der Hundesteigeisen nimmt Walter Müller für seinen Hund eine kleine Plane hervor, und sie machen Pause. Essen werden beide aber erst, wenn sie wieder am Ausgangspunkt sind. Walter Müller achtet darauf, dem Hund neben den Bergtouren einen geregelten Tagesablauf mit Power- und Ruhephasen zu ermöglichen – und ordnet seinen Rhythmus

Pazzos Sommertrainingsanlage in Südfrankreich. Auch für ihn gilt: Nur gut trainiert sollte man sich an Bergtouren machen.

Pazzo, der achtzig Zentimeter lange Irish-Carry-Blue-Terrier, hat einen erstaunlichen Palmarès an Gipfelbesteigungen. Hier beim Skidepot des Chli Kärpf, 2700 m Fo to s: Ar chi v Wa lte r M ülle r

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