Volksgruppen in Nepal: Übersicht

Die erste Reise des Autors nach Nepal vor bald 20 Jahren galt rein alpinistischen Zielen. Auf dem langen Weg durch Hügel und Schluchten zu « seinem » Berg begegneten ihm viele Menschen, offenbar alles Nepali - aber schon auf den ersten Blick zeigten sich wesentliche Unterschiede im Erscheinungsbild. Diese Vielfalt an Trachten, Physiognomien und Haustypen weckte sein Interesse. Es öffnete sich ihm in der Folge eine sehr vielschichtige, reiche ethnische Welt. Im Rahmen einer Beitragsreihe soll sie verständlich gemacht und damit auch näher gebracht werden.

Ungeheure Völkervielfalt Schon kurz nach der Ankunft in Kathmandu vermittelt ein Spaziergang durch die belebten Basarstras-sen einen ersten Eindruck der ethnischen Vielfalt, begegnet man doch Menschen, die man durchaus auch in Sizilien, Sibirien, Marokko, China, Indonesien, Madagaskar, Griechenland oder Japan antreffen könnte. Und doch - es sind alles Nepali.

Da sehen wir schlanke Frauen in farbenfrohen Saris, deren Antlitz an südeuropäische Schönheiten erinnert, daneben stehen derbe Gestalten in schwarzen Wollmänteln, ihre verfilzten Haare in langen Zöpfen um den Kopf gewickelt. Da kommen breitschultrige Männer mit ebenmässigen Gesichtszügen und ausgeprägten Mandelaugen vorbei, dort steht eine Frau mit strengen, eher dunklen Gesichtszügen vor einem Laden, in dem ein Mann in weisser Nepalitracht und farbiger Mütze sitzt, der ein leicht mongolisches Aussehen hat. Eine kräftige Frau mit einem weinroten Überwurf, breitem Gesicht und massivem Goldschmuck an der Nase redet mit einem hochgewachsenen, bärtigen Mann in wallendem Kaftan. Wir sind soeben einigen Bahuni, Tibetern, mehreren Rai, einer Kamini, einem Newar, einer Gurungni und einem Kaschmiri begegnet. Zwar haben wir Vertreter aus allen vier Rassengruppen gesehen, jedoch nur einen Bruchteil der gesamten ethnischen Palette ( vgl. Übersichtstab. S. 49 ).

Reisfelder im submontanen Bereich beim Dorf Malk-bang auf 2000 m, das von Magar bewohnt wird ( Myagdi-Distrikt ).

Nepal befindet sich am Rand zweier grosser asiatischer Kulturkreise, die sich hier überschneiden: der indisch-hinduistische und der tibetisch-buddhistische. Es darf also nicht verwundern, wenn wir am Himalayabogen Ethnien aus beiden Bereichen finden, Indo-Arier und Mongolen, die sich nur wenig vermi- sehen und nach wie vor ihre angestammte Kultur, Sprache und Religion pflegen ( vgl. Übersichtstab. S.49 ).

Aus der Besiedlungsgeschichte Das Bergland des heutigen Nepal bestand vor seiner Besiedlung aus gewaltigen Waldflächen. Zunächst wanderten aus Norden und Osten jene Stämme ein, die wir heute als Ur-Nepalesen bezeichnen. Besonders wichtig sind dabei die Newar- die Urbevölkerung des Kathmanduta-les -, die sich durch ihre Tätigkeiten als tüchtige Kauf leute, Handwerker, Architekten und Reisbauern einen Namen schufen. In Ostnepal liessen sich in der montanen Zone die Kiranti nieder, ebenfalls mongolische Stämme, die heute in die Untergruppen der Rai und Limbu aufgeteilt werden. Des weiteren wurden die subtropischen Urwälder des Terai durch die Tharu besiedelt, die ebenfalls dem tibeto-mongolischen Bereich zuzuordnen sind, sich aber infolge der klimatischen Voraussetzungen in ihrem heissen Tiefland stark angepasst haben und gegen die Malaria immun geworden sind.

Im Hochgebirge spüren wir den Einfluss des tibeto-buddhistischen Kulturkreises. Ein Schneeschauer hat die Kyangjin Gompa einge-zuckert ( Kyangjin, Lang-tang-Tal ).

Die wichtigsten Volksgruppen in Nepal Indo-Arier Nepali Inder e Bahun Doti Chhetri/Thakuri Kumaon 91 Damai Kaschmiri Û Sarki Inder Kami 4 Mongolen Tibeter Bhotia Thakali Sherpa Tibeter Tamang Gurung Magar Ur-Nepalesen Newar Sunwar Rautye Kiranti ( Rai/Limbu ) Tharu Stämme aus dem Süden Im 12. Jahrhundert erfolgte die Eroberung der Gangesebene durch die Mogulen, die sofort versuchten, die indo-arischen Hindus aus diesem immensen Kulturraum für den Islam zu gewinnen. Die Hindus pflegen ja ein kompliziertes Kastensystem mit Priestern ( Brahmanen ) und Kriegern ( Kshatriya ) am oberen und Handwerkern am unteren Ende. Die obersten Kasten fürchteten um ihre Privilegien, und viele von ihnen entgingen der Islamisierung durch eine Flucht durch die Fieber- und Sumpfgebiete des Terai in die Berge. Dort trafen sie, besonders in Kumaon und Westnepal, auf die arischen Khas, die sich bereits in der Frühgeschichte dort niedergelassen hatten. Deshalb finden wir im Himalaya-Vorgebirge von Himachal Pradesh bis Ostnepal einen sehr grossen Anteil hinduistischer ( indo-ari-scher ) Kastengruppen. Diese werden in Nepal Bahun ( Priester ) und Chhetri ( Krieger ) genannt. Sie stellen heute zusammen mit den sie begleitenden Handwerkskasten ( u.a. Sarki = Schuhmacher und Gerber, Damai = Schneider und Musikanten, Kami = Eisen-schmiede ) über die Hälfte der Bevölkerung des Königreichs. Diese indo-arischen Kastengruppen sind in Höhenlagen bis 1500 Meter, in Westnepal teilweise bis 3000 Meter zu finden.

Umgeben von solch bemerkenswerten Bergschönheiten bestossen die Sherpa ihre bis 5500 m hoch gelegenen Hochweiden im Sommer mit Yaks, Ziegen und Schafen ( Dole, Gokyo-Tal, Reisen, Begegnungen, Persönlichkeiten e a.

Stämme aus dem Norden Fast parallel zu diesen bedeutenden Einwanderungswellen erreichten die ersten tibeto-mongolischen Volksgruppen den Südrand des Himalaya: die Magar. Dieser vermutlich zentralasiatische Volksstamm ist in Westnepal auf sämtlichen Höhenstufen zwischen dem Terai und dem Inneren Himalaya zu finden. Die Magar haben sich - wie keine andere ethnische Gruppe - über zahlreiche Klimastufen verteilt und sich dabei natürlich in Bekleidung, Hausbau, aber auch Religion an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten angepasst. Später folgten die Gurung, die heute südlich des Annapurna und Gurkha Himal auf Höhenlagen zwischen 1500 und 3000 Metern zu finden sind, wo sie sich als Reis- und Maisbauern betätigen und grosse Nutztierherden halten.

Vor etwa 800 Jahren traf auch das Volk der Tamang aus dem tibetischen Hochland im heutigen Nepal ein. Auf diese Gruppe werden wir im Detail zurückkommen. Sie besiedeln heute die Hügel des Ganesh Himal, das Helambu und die Mahabharat Lekh südlich von Kathmandu. Die Täler des Inneren Himalaya erhielten Besuch von tibetischstämmigen Gruppen: Humla-pa, Mugu-pa, Dolpo-pa, Lhopa, Manangbhot, Sama- oder Lar-kya-bhot, Langtang-bhot und Lhomi, die - zusammen mit kleineren Gruppen derselben Provenienz - unter dem Pauschalbegriff BhotiaTibe-ter ) klassifiziert werden. Sie wohnen in den harschesten klimatischen Verhältnissen über 3000 Meter und pflegen einen reinen Lamaismus, die tibetische Form des Buddhismus.

Die Thakali sind im oberen Kali Gandaki ( Thak Khola ) zu finden. Sie sind ebenfalls tibetischer Herkunft und waren berühmt durch das Monopol auf den Salzhandel zwischen Tibet und Indien. Heute sind die Thakali clevere Geschäftsleute und Gastwirte in ihrem Tal, das zwischen Annapurna und Dhaulagiri liegt.

Vor rund 500 Jahren sind aus Osttibet kommend die Sherpa im Khumbu, Rolwaling und Helambu eingewandert. Wir werden diesen kleinen, aber sehr berühmten Volksstamm noch näher beleuchten.

Neueste Einwanderungswellen Nach 1959 erfolgten in verschiedenen Wellen die Einwanderungsbewe-gungen der Tibeter, die aus bekannten Gründen aus ihrem Land fliehen mussten. Solche Flüchtlinge strömen leider heute wieder in grösserer Zahl über die verschneiten Pässe des Grossen Himalaya, da die Menschenrechts-Situation im chinesisch besetzten Tibet den Leuten oft gar keine Alter- Die Sunar ( Goldschmiede ) sind eine kleine Kastengruppe, die oft auf der Stör bei den Kunden arbeitet ( Dharbang, Myagdi-Distrikt ).

Die Kiranti sind unterteilt in Rai und Limbu und leben in Ostnepal. Diese Limbuni besucht mit ihrem Kind einen Markt ( Pakhribas, Dhankuta-Distrikt ).

Im Sommer überschreiten viele Tibeter aus Tingri den Nangpa La und besuchen die Märkte von Namche Bazar und Salleri ( Namche Bazar, Khumbu ).

native zur Flucht lässt. Heute begünstigen auch der enorme Bevölkerungsdruck und entsprechende zwi-schenstaatliche Abmachungen einen markanten Zuwachs an Menschen, die aus Indien nach Nepal einwandern. Auf der Suche nach Arbeit sehen wir im Terai mehr und mehr Bengalen, Bihari und Moslem, in Kathmandu - auf der Flucht vor Bürgerkriegen in den eigenen Bundesstaaten - Punjabi (Sikh) und Kaschmiri.

tergführer

Nepal und die Gurkha Nepal hat heute etwa 22 Mio. Einwohner, die gut und gerne 30 verschiedene Sprachen sprechen. Die Sprache der dominierenden Nepali-Gruppe ist zur lingua franca geworden. Diese wird Nepali, Gurkhali oder auch KhaskuraSprache der Khas ) genannt. Der letzte Ausdruck lehnt sich an das erwähnte Volk der Khas an. Diese entwickelten unter den Lichhavi-Königen eine beachtliche Kultur, vermischten sich aber grösstenteils mit den eingewanderten Chhetri und erhielten auch deren Kastenstatus.

Und wo bleiben die Gurkha? Einen Volksstamm mit diesem Namen gibt es nicht: Gurkha ist erstens die Stadt im geographischen Zentrum von Nepal, zweitens stammt die heutige Königsfamilie ( das Haus Gurkha ) von dort, und drittens beschäftigen Briten und Inder in ihren Armeen Gurkha-Regimenter, die sich vor allem aus den Ethnien der Magar, Gurung, Tamang, Rai und Limbu zusammensetzen.

Bernhard Rudolf Banzhaf, Saas FeeDiese Gurung aus dem Buri Gandaki tragen noch die originelle Tracht (Setibas, Gurkha-Diçtrikt).

Feedback