Vom Paradox, die erste zu sein

Immer schon wünschte ich mir mehr: mehr Kraft, mehr Ausdauer, mehr Spannung. Dann könnte ich endlich schwierigere Routen klettern.

Über die Jahre zeigte sich: Mehr Muskelmasse kriegte ich nicht hin. Und blieb trotzdem fast gleich gut, im schönen Mittelmass. Klettern ist so grossartig, weil es eben mehr braucht als Muckis. Grips, Ideen, Technik, Willen, Knobellust, guten Kaffee, den richtigen Moment und Erfahrung, am besten viel davon.

Nina Caprez hat das letzten Herbst wieder bewiesen: Als zweiter Mensch konnte sie im Rätikon Unendliche Geschichte wiederholen (S. 41). Zehn Jahre nach der ersten Wiederholung. Etliche bissen sich die Zähne an den zwölf Seillängen aus, waren erfolglos.

Die Presse jubelte: erste Frauen-Erstbegehung! Nina Caprez wehrte sich auf ihrem Blog postwendend gegen den Titel: «Meiner Meinung nach gibt es keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern, vor allem nicht in senkrechten, technischen Wänden wie dem Rätikon. Es gibt nur einen wichtigen Unterschied, nämlich den zwischen den Erstbegehern und den Wiederholern. Letztere sind in der privilegierten Position zu wissen, dass die Route kletterbar ist.» Klare Sache also?

Nicht ganz: Denn sie geistert immer noch herum, die Frauen-Erstbegehung. Neuerdings als «FFA», First Female Ascent (S. 44). Ich frage mich: Wofür bloss? Ist der Titel eine aufmunternde Geste der vorwiegend männlichen Alpingemeinde an das «schwache» Geschlecht? Im Sinne eines Trostpreises? Oder sind es die Frauen selbst, die sich so etwas Ruhm sichern wollen?

Die amerikanische Spitzenklettererin Sasha DiGiulian sammelte 2015 reihenweise FFAs. Geschäftstüchtig wie sie ist, wandelte sie diese «Auszeichnungen» bei Sponsoren postwendend in Geld um. Für DiGiulian ist der Fall klar: FFAs sind ein Karrierebooster. Paradoxerweise stimmt das für sie. Andererseits gibt es etliche Frauen, die sich wie Nina Caprez explizit wehren, wenn eine ihrer Leistungen als «Frauen-Erstbegehung» abgestempelt wird. Für diese sind FFAs nur Ballast. Womit sie meiner Meinung nach Recht haben. Die erste Frau in einer Route zu sein, das erregt Aufmerksamkeit, und die ist heute bares Geld wert. Nur: Das ist zu kurz gedacht. Der Stempel FFA reduziert eine Leistung auf die Geschlechterfrage und schliesslich auf die reine Schwierigkeit.

Aber Klettern ist viel mehr als das. Jede und jeder muss für ein bestimmtes Kletterproblem eine eigene, einmalige, auf die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten abgestimmte Lösung finden. Und das gibt es wohl in kaum einer anderen Sportart.

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