Von der abgeschnittenen Jeans zum Hightechteil Streifzug durch 30 Jahre Sportklettermode

Von der Malerhose über enge Leggins zur Baggy Pant – die Mode für das Sportklettern hat in den vergangenen dreissig Jahren wie der Sport selbst eine einzigartige Entwicklung erlebt. Ein kleiner Streifzug durch drei Jahrzehnte Kletterkleidergeschichte.

1977 durchstiegen Helmut Kiene und Reinhard Karl die Pumprisse am Fleisch-bankpfeiler im Wilden Kaiser in Österreich und schlugen als Bewertung für ihre Erstbegehung den siebten Grad vor. Ihre Route, die neben anderen Neutouren im Fels aus jener Zeit zur Öffnung der davor beim 6. Grad geschlossenen UIAA-Skala führte, war eine Art Initialzündung für die Freikletterbewegung: Das Sportklettern begann sich zur eigenständigen und unabhängigen Disziplin innerhalb des Bergsports zu mausern. Damit rückten deren Protagonisten und ihre Lebensphilosophie stärker in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit, und so auch die Kleider, die sie trugen. Bahnbrechend für die rasante Entwicklung des Sportkletterns in jenen Jahren waren natürlich auch die ersten richtigen Kletterschuhe mit profilloser Sohle – erst einmal die legendären EB und die Firé von Boréal, dann aber auch Schuhe wie der Mythos von La Sportiva.

 

Reinhard Karl war bald nach der Erstbegehung der Pumprisse im kalifornischen Yosemite anzutreffen, dem damaligen Mekka der Freikletterszene. Aber nicht nur er: Die internationale Kletterelite – darunter « Cracks » wie Wolfgang Güllich, Jerry Moffat, Ron Kauk, Jim Bridwell oder John Bachar – fand sich dort zu einer grossen Familie zusammen. Man diskutierte Ethik, Moden, Trainingsmethoden; Trends und Looks entwickelten sich, die auch in der Schweiz Anwendung am Fels fanden. Berti von Känel, Witwe des Führer-autors und Sportkletterpioniers Jürg von Känel, erinnert sich: « Vor 1977 trug Jürg unter dem Knie abgeschnittene Jeans zum Klettern; ich trug lange Zeit normale, enge Jeans, mit denen ich mein Kletterniveau natürlich nicht steigern konnte! Nach unserem Amerikaaufenthalt 1977 trug Jürg dann längere Zeit nur weisse Malerhosen und dazu oft ein gestreiftes Shirt. » Die Jeans – abgeschnitten oder nicht – und die ultrakurzen Laufhosen wurden Ende der 1970er-Jahre also durch Maler-hosen oder andere Arbeitskleider abgelöst. Auch die Remy-Brüder, zwei der aktivsten Schweizer Erstbegeher, gingen mit dem Trend der Zeit mit, wie Claude Remy schreibt: « Auf einem ganzseitigen Bild in der Ausgabe 3/78 der ALPEN prangt mein Bruder Yves im Verdon in orangen Strassenarbeiterhosen – ja, tatsächlich !» Solche Hosen wurden laut Claude den davor verwendeten Trainerhosen und Bergsteigerkleidern vorgezogen, weil sie solider und günstiger waren. Ein Schweizer in den USA: Jürg von Känel, der « Vater des Plaisirkletterns », pilgerte 1977 ins Yosemite-Valley. Rote Trainerhosen oder weisse Malerhosen und Knieschoner gehörten bald zu seinem Alltagsoutfit.

 

In den 1980er-Jahren überschlug sich die Entwicklung im Sportklettern. Neutouren wie der Weg durch den Fisch ( 1981, Igor Koller und Indrich Sustr ) oder Moderne Zeiten ( 1982, Heinz Mariacher und Luisa Iovane ), beide an der Marmolada, sind zwei Beispiele für die Kreativität der Spitzensportler, die dem Leben an den Fingerspitzen in der Vertikalen oft mehr Bedeutung beimassen als einem gutbürgerlichen Dasein. « Push it up to your limits » hiess das Motto auch im Yosemite. Die weltbesten Kletterer motivierten sich hier und in Übersee zu einer wahren Leistungsexplosion – und das in weit ausgeschnittenen Trägerleibchen, kurzen, zuweilen sehr kurzen Hosen – jene von Catherine Destivelle erinnerten eher an Hot Pants – und Kletterschuhen, die durchwegs mit meist weissen Socken getragen wurden. Körperbetonte Kleider hatten den « Arbeiterlook » abgelöst.

 

In jener Zeit, zwischen Mitte und Ende der 1980er-Jahre, entdeckten auch die ersten Bergsportfirmen einen Absatzmarkt im Sportklettern. So erinnert sich Thomas Steiner, selbst aktiver Kletterer und seit mehreren Jahren Product Manager bei Salewa: « Der eigentliche Kletterlook war eher ein fröhliches Pot-pourri aus Ski-, Berg- und sonstigen Kleidern. Dennoch gab es das eine oder andere Bekleidungsstück, das charakteristisch für den Klettersport war. So gehörten u.a. Fleecejacken, Leggins und Trägershirts, Elho mit ihren Neonfarben und Think Pink mit der legeren Freizeit-hose und den Karoaufsetzern an den Knien zu den angesagtesten Teilen. » Aushängeschild für die Leggins- und Lycraphase in den späten 1980er-Jahren war erneut Wolfgang Güllich: Kaum ein Foto ohne seine rot-weisse Lycrahose oder die weissen, halblangen Leggins mit Sternenmuster. In die Sportklettergeschichte ein gingen ferner die Bilder seiner Erstbegehung der Action Directe (1991) - er trug dabei kurze grünblaue Lycrahosen und ein dazu passendes Shirt. « Kunterbunt bedruckt war die grosse Mode », schreibt Berti von Känel zur Blütezeit der Leggins. Oben trug Mann nach wie vor gern « Muscle Shirts », also Trägerleibchen, die das Spiel der Arm- und Schultermuskulatur in ein rechtes Licht rückten. Bei aller Buntheit war die Farbkombination von unten und oben nicht zufällig. « Es gibt Modefarben für das Outfit... », bemerkte Wolfgang Güllich damals.

 

Auch bei den Frauen tat sich einiges: Immer häufiger gab es Bilder von Protago-nistinnen – Robyn Erbesfield, Catherine Destivelle, Isabelle Patissier und natürlich Lynn Hill – und sie alle trugen feminine, ausgeschnittene Tops und enge Tights in leuchtenden Farben. Da war es Zeit, auch die Ausrüstung für die Frau zu überdenken – denn plötzlich war sie in den Bergen keine seltene Erscheinung mehr, sondern eine eigenständige Grösse. Kein Wunder also, dass die Bekleidungsbranche ab 1995 innerhalb weniger Jahre die Frauen als das Wachstumssegment par excellence entdeckte. Heute gibt es kaum noch einen Anbieter, der keine spezielle Damenkollektion führen würde; elegante Jazzpants oder Caprihosen aus elastischem Material sowie eine Vielzahl von Sport-Bras, bunten Tops und Kletterschuhe mit speziellen Frauenleisten stehen zur Auswahl.

« Die vergangenen zehn Jahre haben den Markt vollkommen umgekrempelt. Unglaublich viele Anbieter, anspruchsvollste Verarbeitungstechnik und gute Designs bieten dem Endverbraucher alles, was das Herz begehrt », bemerkt Thomas Steiner. « Die Grenze zwischen Funktion und Mode verwischt: Funktionelle Kletterbekleidung darf durchaus urban aussehen, und modisches Design schliesst Funktionalität keinesfalls aus », bringt Thomas Hodel, Product Manager Bekleidung bei Mammut, auf einer Internetplattform die Entwicklung der letzten Jahre auf den Punkt. Heute – wo auch das Portemonnaie der Kletterer im Allgemeinen besser gefüllt ist –, ist es zudem normal, mehrere Hosen und Ober-teile für verschiedene Situationen zur Verfügung zu haben; dazu Berti von Känel: « Früher war es für uns normal, abgetragene und geflickte Kleider zu tragen. Man war damit nicht so ‹spiess-bürgerlich› wie die rotgesockten Bergsteiger... »

 

Thomas Steiner unterteilt die heutige Klettermode grob in zwei Stilrichtungen: Einerseits gibt es die Bekleidung der wettkampforientierten, auf maximale Schwierigkeiten fixierten Kletterer, die gleichzeitig absolute Bewegungsfreiheit und maximale Funktion bieten muss. Anderseits dominiert die sich an globalen Trends orientierende Mode jener Kletterer, die man überall auf der Welt antrifft, wo es Felsen gibt: « Sie treten mit freiem Oberkörper und Baggy Pants auf und erleben das Klettern, das ihr Leben ist, in einer Gruppe mit eigener Sprache und Musik, eigenen Ritualen und Gesetzen und eben eigener Bekleidung, die ihrem Lebensstil entspricht », so Steiner. Der Kreis schliesst sich, auch wenn sich das Klettern über eine kleine Szene hinaus zum Breitensport mit vielen Facetten gewandelt hat. Waren die Malerhose, die Bandanas oder die langen Haare der Yosemite-Kletterer der 1970er-Jahre Ausdruck ihrer Lebensphilosophie von Freiheit, Unabhängigkeit und Rebellion gegen die Konventionen der « anderen », der bürgerlichen Gesellschaft, so scheint sich der heutige « loose»- und « used»-Look der Klettermode wieder daran anzulehnen: « Kleidung, auch modische Kleidung, ist oft ein sehr persönlicher Ausdruck des individuellen Lebensgefühls, einer aktuellen Stimmung oder von Sehnsüchten, Träumen und Visionen. Insofern ist Kleidung dann auch ein alltägliches Rollenspiel oder Rolleneinnehmen. Ein Sich-Aneignen erträumter Rollen. » (1) Und wie wird die Zukunft aussehen? Nochmals Berti von Känel: « Ich denke, vergangene Modetrends werden wieder aufkommen, ähnlich wie in vielem anderem .»

((1 Wikipedia))

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