Von der Pritsche zur «Suite» Eine kleine Bettgeschichte der SAC-Hütten

2007 wurde im SAC erstmals festgelegt, wie gross die Matratzen in einer Hütte mindestens sein sollen: 70 Zentimeter breit, 200 Zentimeter lang. Ein Blick zurück zeigt, wie lange und umstritten der Weg zu diesem Mass an Komfort war. Das wirft aber auch die Frage auf, wohin die Entwicklung führen wird.

Im September 1871 stieg eine Delegation der SAC-Sektion Les Diablerets Richtung Sommet des Diablerets auf. Ziel der Inspektionstour war eine neue Schutzhütte, die Sektionsmitglieder im Sommer gebaut hatten. Das «Refuge des Diablerets» war wie ein Schwalbennest an den Fels geklebt und sollte sechs Personen Schutz bieten. Der Expeditionsbericht fiel mässig begeistert aus. Die Beschreibung, wie sich die Clubisten zum Schlafen hinlegten, erklärt warum: « Fünf machten sich ganz klein, und der Sechste zwängte sich wie ein Keil in die Leibermasse.»1

Interessant ist, dass ein Zeitungsbericht über dieselbe Hütte zu ganz anderen Schlüssen kam. « Wohin wird uns dieser übertriebene Luxus noch führen ?», fragte ein besorgter Redaktor in einer Sonntagsausgabe der «Gazette» vom Oktober 1871.2

Im Fall der Hütte von Diablerets war die Kontroverse dann bald gegenstandslos. Wasser und Eis hatten die Unterkunft zwei Jahre später so weit zerstört, dass sie unbrauchbar war und aufgegeben wurde. Die Frage, wie viel Komfort in SAC-Hütten sinnvoll ist, hat jedoch seither nicht aufgehört, die Gemüter zu bewegen, namentlich auch, was die Schlafgelegenheiten anbelangt.

 

Im Jahrbuch zum 75-jährigen Bestehen des SAC von 1938 erinnert Architekt Edwin Dubs daran, dass bereits die Gründungsversammlung 1863 sich mit Hüttenbau beschäftigt hatte. Im gleichen Jahr wurde als erste SAC-Hütte die Grünhornhütte gebaut. Es war ein kleiner Steinbau mit Schindeldach, der sich an die Gratfelsen schmiegte. Die Bettenbreite war damals noch kein Thema. Man war froh, ein Dach über dem Kopf zu haben: « Gegenüber den früheren, offenen Biwaks bedeutete diese gemauerte und solid gedeckte Lagerstätte eine bedeutende Verbesserung, die den Ansporn für neue Bauten gab. » Eine davon war die Berglihütte, die 1869 eröffnet wurde. « Im Innern ist ausser der Pritsche und einem schmalen Bänkchen wenig freier Raum; der ganze Luxus besteht in reichlichem Stroh, in dieser Höhe weit zweckmässiger als Heu, das gar zu rasch zerdrückt ist, feucht wird und fault, dazu mehrere von Hrn. Bohren geschenkte Decken, und ein kleiner eiserner Ofen mit dem nöthigen Geschirr. Clubistenherz was willst du mehr ?» Dem einen oder anderen Clubisten wäre auf die Frage wohl schon etwas eingefallen. Zum Beispiel jenem Dr. J. M. Ludwig, der im SAC-Jahrbuch von 1880 über eine Berninabesteigung schrieb: « Mein verweichlichter Körper fand auf dem Stroh der Bovalhütte keinen Schlaf. »

 

1877 trat das erste Clubhüttenreglement des SAC in Kraft. Es regelte unter anderem die innere Ausstattung der Hütten. Sie mussten « mit Tür und Fenster, mit einer Pritsche sowie mit einigen Gestellen, einem Kochherd und dem notwendigen Mobiliar versehen » sein. Das Minimalinventar wurde durch eine detailliertere « Spezialverordnung » geregelt. Zum Thema Schlafen steht dort Folgendes: « 1. Genügend und trockenes Heu oder Stroh auf der Pritsche. 2. Decken, je 1 für jede Person, die auf der Pritsche Raum findet. » Wie viel Raum einer Person zusteht, wurde nicht präzisiert. Auch Julius Becker-Becker, der 1881 den Grundsatzartikel « Über den Bau von Clubhütten für den S.A.C. » veröffentlichte, sprach nur von « genügende Lagerstätte ». Der Architekt, der selber mehrere Hütten gebaut und repariert hatte, warnte davor, « in das Fahrwasser gewisser anderer Alpenvereine einzulenken, wo für kleine Höhen wahre Hotels mit Betten und Damencabineten etc. erstellt wurden. »

Baupläne aus der damaligen Zeit machen jedoch deutlich, dass die SAC-Hütten zwar etwas geräumiger geworden, von Hotels im heutigen Sinn jedoch Lichtjahre entfernt waren. Wenn in den Jahrbüchern der Begriff « Sardinen » auftaucht, geht es längst nicht immer ums Essen. Ein Beispiel: Die 1900 eingeweihte Weisshornhütte sah Pritschen mit einer Breite von 55 Zentimetern vor. Aber nach und nach setzten sich 60 Zentimeter als Standard durch.

1907 gab es eine grosse Statutenrevision und ein neues Hüttenreglement. Über die Breite der Betten finden sich erneut keine Angaben. Im Minimalinventar werden aber als Alternative zu Heu oder Stroh erstmals Matratzen genannt. Tatsächlich war die Einstreu um die Jahrhundertwende in vielen Hütten durch Matratzen ersetzt worden. Unter den Pionieren dürfte die Konkordiahütte gewesen sein: Schon 1878 wird von Matratzen berichtet. Andernorts sollte es bis zum Wechsel aber noch sehr, sehr lange dauern. In der Trifthütte betten die Gäste ihre müden Glieder bis 1977 auf Stroh.

Matratzen dürften allerdings noch kein Garant für mehr Komfort gewesen sein, wie sich einem Artikel von 1897 über die Keschhütte entnehmen lässt: « Die Matratzen im hinteren verschliessbaren Raum sind zwar sehr schön sauber gearbeitet, glänzen aber nicht gerade durch sybaritische ( luxuriöse, Anm. der Red. ) Weichheit. » Und noch etwas störte den Schlaf: « Die Flöhe haben endlich den Weg in die sonst so saubere und trefflich unterhaltene Hütte gefunden. »

 

Punkto Bettenbreite sind die Eschenmoser-Hütten ein Spezialfall: Der St. Galler Jakob Eschenmoser baute von 1957 ( Neubau Domhütte ) bis 1986 ( Umbau Capanna di Sciora ) zahlreiche Hütten mit polygonalem Grundriss. Entsprechend sahen auch die Betten aus: am Fussende schmal, am Kopfende breit. Mit dieser Bauweise lassen sich mehr Menschen auf engem Raum einquartieren bei gleichzeitig leicht gemildertem Sardinengefühl. Ähnlich, wenn auch grossflächiger, präsentieren sich die Schlafräume in der neuen Monte-Rosa-Hütte: Der ungewöhnliche Grundriss führt zu ganz unterschiedlich geschnittenen Bettstätten. Bei rechteckigen Hütten wurden die Betten im Zuge von Um- und Neubauten in den letzten Jahrzehnten nach und nach auf 70 Zentimeter verbreitert. Der Entschluss der Zentralen Hüttenkommission vom 1O. Februar 2007, eine minimale Bettenbreite von 70 Zentimetern festzulegen, war ein Nachvollzug dessen, was weitherum schon verwirklicht worden war.

 

Abgeschlossen ist die Entwicklung aber noch nicht. Bei anstehenden Renovationen haben Sektionen auch schon über 80 Zentimeter nachgedacht. Was sagt die Hüttenkommission zu diesen Bestrebungen? «Wir haben überhaupt kein Problem damit», meint Daniel Suter, Hüttenkommissionspräsident ad interim bis Ende 2010 und Ressortleiter Hütten im Zentralvorstand. Er hält allerdings eine Differenzierung für sinnvoll. « In hochalpinen Hütten kann der Komfort bescheidener sein als in tiefer gelegenen Hütten, die beliebte Wanderziele sind. » Gegen Spezialangebote wie Zweibettzimmer hat Suter nichts einzuwenden. Sie sind im Hüttenreglement bereits vorgesehen. Die Tödi-Suite in der Leglerhütte steht also nicht im Widerspruch zu den Bestimmungen des SAC. Allerdings ist für Suter klar, dass die SAC-Hütten nicht zur «höchstgelegenen Hotelkette» werden sollen. Ein Slogan, der zwar aus dem SAC stammt, inzwischen aber tunlichst gemieden wird. Was sollen die Hütten dann sein? Diese Frage wird mit einer Hüttenstrategie beantwortet werden, erklärt Suter. « Mit den Sektionen zusammen soll festgelegt werden, wohin wir gehen wollen. » Bis 2012 soll die Strategie vorliegen und als Basis für die Erneuerung des Leitbildes des SAC beim Thema Hütten zur Verfügung stehen.

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