Waidmannsheil in der Höhe Was Jäger fasziniert, provoziert Berggänger zuweilen

Im Herbst kommen die Jäger auf die SAC-Hütten. Einer davon ist Klaus Schärer. Seit über 27 Jahren beobachtet und schiesst er das Wild rund um die Doldenhornhütte oberhalb von Kandersteg.

Der Schuss hallt in der Fisiwand wider und treibt immer leiser werdend hinab ins Tal nach Kandersteg. Vier Gämsen springen fluchtartig über das Geröll davon. Danach herrscht wieder Stille auf dem Biberg. Es ist kurz nach zehn Uhr an einem kühlen Herbsttag. Jäger Klaus Schärer steht auf, klopft sich Dreckklumpen von den grünen Hosen, lehnt sein Gewehr an einen Stein und geht bedächtig zum erlegten Jährling, der mit geschlossenen Augen und überkreuzten Beinen daliegt, als schliefe er. Der 57-Jährige mustert das Tier genau und nickt zufrieden. «Ein Blattschuss», sagt er. «Das Tier war auf der Stelle tot.» Er notiert in einem Büchlein die Details und bringt am Hinterbein eine rote Marke an. «Jagen ist streng reglementiert und wird vom Wildhüter genau überwacht», so Schärer. Er nimmt ein scharfes Messer aus dem Plastiksack, weidet das Tier aus und putzt sich mit einem feuchten Tuch seine Hände.

Suchend blickt er sich nach einem Zweig um. Hier oben auf gut 2200 Metern umgeben ihn vor allem Geröll und kleine Rottannen. «Na das tut es wohl auch als letzte Mahlzeit», murmelt Schärer. Vorsichtig öffnet er das Maul der Gams und büschelt den Zweig zwischen die Maulecken. Dann hievt er das Tier über die Schulter und marschiert talwärts Richtung Doldenhornhütte.

Der Feldstecher ist wichtiger als das Gewehr

Seit über 27 Jahren kommt Schärer jeden Herbst in die SAC-Hütte. Dutzende von Gämsen hat er schon geschossen. Je nach Jagdglück bleibt er zwischen vier und zehn Tagen. «Es ist für mich die schönste Zeit im Jahr», betont Schärer, dessen Bruder bis zu seinem Tod selbst Hüttenwart der Doldenhornhütte war. Wenig verwunderlich, hat der Kandersteger eine enge Beziehung zum idyllischen Ort hoch oberhalb des Dorfes. Er kennt jeden Stein, jeden Hügel, jedes Versteck.

Jagen hat wenig mit Herumballern zu tun, vielmehr beinhaltet es tage­langes Beobachten. Der beste Freund des Jägers ist nicht die Flinte, sondern der Feldstecher. Stets griffbereit, ist er das Vorzeigeobjekt jedes Waidmanns. Damit verfolgen die Jäger die Gämsen auf Schritt und Tritt. Sie achten darauf, welche Routen sie laufen und welche Tiere sich im Rudel befinden. Die kantonalen Jagdbehörden haben den Abschuss streng reglementiert. Die Anzahl Tiere, die die rund 30 000 aktiven Jäger in der Schweiz schiessen dürfen, wird jährlich festgelegt. Massgebend ist der Bestand.

Doch was treibt die Grüngewandeten – hauptsächlich Männer – jedes Jahr in die Berge zur Hochjagd? «Das Adrenalin ist ein Grund, weshalb mich die Jagd fasziniert», betont Schärer. Doch es sei weit mehr. Die Natur beispielsweise. Er habe schon ganze Nachmittage im Lärchenwald gesessen und zwei Jährlingen beim Spielen zugeschaut. Danach habe er es nicht übers Herz gebracht abzudrücken. Etwas, das sein Schwiegersohn Patrick Schertenleib gut verstehen kann. Schärer hat den Kandersteger mit dem Jagdfieber angesteckt. Vor sechs Jahren absolvierte er die eineinhalbjährige Jagdausbildung, die kantonal geregelt ist. Dabei musste er auch Hegestunden absolvieren. Im Grundverständnis des Jägers steht nämlich die Hege, also die Pflege und der Schutz der Tiere und ihres Lebensraums, im Vordergrund. Daneben besuchte Schertenleib Module über Pflanzen- und Tier­kunde, Wild und Waffen. Auch die Prüfung war nicht ohne. «Die Ausbildung hat es in sich», so Schertenleib.

Leben und leben lassen

Mittlerweile ist Schärer mit dem Jährling fast bei der Hütte angekommen. Statt an der Terrasse vorbeizugehen, nimmt er den Weg hinter dem Steinhaus hindurch. Er will bei den Tagesgästen kein grosses Aufsehen erregen, obwohl er bisher keine negativen Reaktionen erlebt hat.

Hüttenwart Ernst Müller hält es für ausschlaggebend, wie die Jäger mit der Situation umgehen. Es sei wichtig, Berührungsängste abzubauen, Fragen offen zu beantworten und sich auch mal auf eine Diskussion einzulassen. Es gebe auch unter den Jägern schwarze Schafe, die sich nicht an die Regeln hielten – aber nicht hier. Müller: «Die Gämsen hier oben haben bis zur letzten Minute ein gutes Leben. Es geht ihnen viel besser als dem meisten Schlachtvieh im Tal.» Klaus Schärer und Patrick Schertenleib nehmen die Diskussionen um die Jagd, aber auch um die Wildruhezonen, bei denen die Interessen von Skifahrern und Jägern aufeinanderprallen, gelassen. «Es müssen nicht alle die gleiche Meinung haben. Aber jeder sollte jeden leben lassen», brummt Schärer und hievt den Jährling auf die Seilbahn. Während diese langsam zu Tal rattert, kreisen Schärers Gedanken bereits wieder um die Jagd. Er hat einen besonders schönen Bock in der Herde gesichtet. «Vielleicht bleibt mir das Jagdglück ja hold!»

Jäger in SAC-Hütten

Nicht nur in der Doldenhornhütte kehren im Herbst häufig Jäger ein. In der Jenatschhütte in Graubünden zum Beispiel kommen sie zur Steinbockjagd. Dabei hat sich mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. «Für uns und die Gäste ist es spannend, mit den Jägern das Wild zu beobachten», sagt Hüttenwart Fridolin Vögeli, selbst Sohn eines Wildhüters. Passend zum Herbst serviert Vögeli seinen Gästen ab und zu Wild. Auch in der Keschhütte sind Jäger willkommen. Sie erhalten jeweils ein separates, abschliessbares Zimmer, damit sie die Gewehre einschliessen können. «Da im Herbst nicht mehr so viel läuft, sind sie für uns eine willkommene Abwechslung», so Hüttenwart Reto Barblan. Probleme gab es bisher in keiner der beiden Hütten. Vielmehr ergäben sich oft spontane Gespräche und Diskussionen zwischen den Jägern und den Gästen, so die Hüttenwarte.

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