Wandern unter der Führung eines Profis Eidgenössischer Fachausweis für Wanderleiter/Wanderleiterin

Im Dezember 2011 fand am Simplon die erste eidgenössische Prüfung für Wanderleiter und Wanderleiterinnen statt. Die neue Ausbildung soll einheitliche Standards sicherstellen. Eine Konkurrenz für die Bergführer sollen die Wanderleiter nicht sein.

Es schneit auf der Südseite des Simplonpasses. Die letzten Häuser von Simplon-Dorf, wo die Prüflinge aufgebrochen sind, verschwinden nach und nach hinter dem Nebelvorhang. Die Gruppe, geführt von der Wanderleiterin Danielle Frachebourg, nähert sich dem «Hittuwald», einem Lärchenwald, der südwestlich oberhalb des Dorfes liegt. Die dünne Neuschneeschicht knirscht unter den Schneeschuhen, sie ist so dünn, dass es auch ohne die Schuhe ginge. Links und rechts sind Spuren von Wild zu sehen, auf die Danielle Frachebourg aufmerksam macht.

Erleichterte Prüfung

Hinter der Gruppe gehen zwei Männer, die eifrig Notizen machen. Einführung, Tipps, Kontrolle der LVS –  nichts entgeht ihnen. Christian Pletscher und Tony Millius sind Experten. Sie beurteilen, ob sich Danielle Frachebourg künftig «Wanderleiterin mit eidgenössischem Fachausweis» nennen darf. Wie die 71 anderen Kandidaten und Kandidatinnen hat sie den ersten Teil der Prüfung bereits bestanden. Geprüft wurden ihre Kenntnisse in Sicherheit, Wetter, Schnee, Erste Hilfe und Tourenvorbereitung.

Da diese Gruppe vonKandidat/innen bereits ein Diplom von den fünf in der Schweiz anerkannten Ausbildungsanbietern in der Tasche hat, dauert für sie die gesamte Prüfung weniger lang. Sie müssen den 30-minütigen Test «Sicherheit» (mündlich und praktisch) und eine dreistündige Wanderprüfung bestehen. Bis August dieses Jahres gilt diese Übergangsregelung für Wanderleiter und -leiterinnen, die bereits über ein Diplom verfügen (vgl. Infos).

Bäume mit Geschichte(n)

Eine Lichtung im Hittuwald, es ist halb drei Uhr geworden. Danielle Frachebourg hat die erste halbe Stunde der Prüfung hinter sich. Sie bleibt vor einer gigantischen Lärche mit mehr als fünf Metern Umfang stehen. «Dieser Baum muss mehr als 100 Jahre alt sein», wagt sich einer aus der Gruppe auf die Äste hinaus. «Der Baum wird wohl mehr als 800 Jahre alt sein», antwortet Danielle Frachebourg. «Man müsste eine Kernbohrung machen, wenn man das Alter genau ermitteln wollte.» Einige der Teilnehmer ziehen die Handschuhe aus und berühren die Rinde der Riesenlärche. Ein ganzer Arm passt durch eine Öffnung im Stamm. «Kennen Sie die Legende dazu?», fragt Danielle Frachebourg, und erzählt sie gleich selber: «Es soll ein geheimnisvoller Einsiedler gewesen sein, der die Neugeborenen aus dem Innern der Bäume holte.» Danielle Frachebourg weiss auch, dass die ältesten Bäume im Hittuwald sogar mehr als 1000 Jahre alt seien. Sie zieht aus ihrem Rucksack eine Holzrondelle hervor, die sie «Laryx» nennt, dies ist der lateinische Name für Lärche. Mithilfe eines Kartonstreifens erklärt sie, wie die Jahrringe je nach Klima dicker und dünner werden. Die uralten Lärchen am Simplon standen schon da, als die Walser im

12. Jahrhundert ihre Wanderung begannen.

Die Natur mit allen fünf Sinnen erleben

Was wäre eine Prüfung zur Wanderleiterin ohne Teilnehmende? Freddy ist Stammkunde von Danielle Frachebourg. «Ich schätze den umfassenden Charakter der Touren», sagt er. Und Bernhard, ein anderer Kunde, fügt hinzu: «Ein Bergführer bringt dich an einen bestimmten Ort, ein Wanderleiter lädt dich dazu ein, die Natur mit allen fünf Sinnen zu erleben, das ist ein Mehrwert.»

Neu verfügen also auch Wanderleiter und -leiterinnen über ein eidgenössisches Diplom, das heisst über eine einheitliche Ausbildung. Bedeutet dies Konkurrenz für die Bergführer? Für Pierre Mathey, Vizepräsident und Sprecher des Schweizer Bergführerverbands (SBV), ist das nicht der Fall: «Die Arbeit des Wanderleiters hört dort auf, wo diejenige des Bergführers anfängt.» Die Aktivitäten des Wanderleiters spielen sich in einem Umfeld ab, in dem technisches Material wie Klettergurt, Seil, Steigeisen nicht nötig ist. Zum Beispiel dürfen Wanderleiter Schneeschuhtouren anbieten, kommerzielle Skitouren bleiben aber die Aufgabe von Bergführern.

Für Danielle Frachebourg ist die geregelte Ausbildung ein «Qualitätslabel für Akteure im Tourismus»; sie bietet schon seit 2009 professionell Wanderungen an. Ihr Kundenkreis besteht aus Unternehmen, Schulen und Privatpersonen, die aus ihren Ausflügen in die Natur etwas Besonderes machen wollen. Leben kann sie von ihrer anspruchsvollen Tätigkeit aber nicht, es geht ihr eher darum, ihre Liebe zur Natur mit anderen Menschen zu teilen. «Man muss auf eine treue Kundschaft zählen können und sehr flexibel sein, auch an Wochenenden», sagt sie. «Ich bekäme in meinem Wohnzimmer nicht die Inspiration, die ich im Wald finde», umschreibt sie ihre Motivation.

Die Gruppe ist zurück im Dorf, die Kirchturmuhr schlägt fünf. Ende der Prüfung. Die Experten geben ihr Urteil ab: «Prüfung bestanden», heisst es für Danielle Frachebourg. Ihr Diplom erhält sind in zwei Wochen.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Das ändert mit dem neuen Fachausweis

Ein einziges Diplom schweizweit anstelle von fünf Diplomen wie bisher: Das ist das Ziel des neuen eidgenössischen Fachausweises für Wanderleiter und Wanderleiterinnen. Gemäss Bertrand Gentizon, Präsident der Prüfungskommission (COMEX), könnte der Ausweis ab 2013 mit dem Inkrafttreten des neuen «Bundesgesetzes über das Bergführerwesen und das Anbieten von Risikoaktivitäten» sogar obligatorisch werden. Laut Reglement gibt es eine erleichterte Fassung der Prüfung für jene Wanderleiter und Wanderleiterinnen, die bereits in diesem Metier tätig sind. Ab 2013 müssen alle Kandidaten und Kandidatinnen für das Erlangen des Fachausweises die Vollversion der Prüfung absolvieren. Sie wird unter gewissen Bedingungen auch Personen offen stehen, die keinen der anerkannten Ausbildungsgänge durchlaufen haben.

Zu beachten ist, dass die Ausbildungen des SAC nicht als gleichwertig gelten. Die eidgenössische Prüfung verlangt nämlich von den Kandidatinnen und Kandidaten solide Kenntnisse in Bereichen wie Sicherheit, das Führen von Gruppen, aber auch in Botanik, Fauna und Geologie.

Es ist Wanderleitern und Wanderleiterinnen gestattet, gegen Bezahlung Touren bis zur Stufe T3/WT3 anzubieten.

Auskünfte beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT): www.bbt.admin.ch/bvz -> Berufe von A–Z -> W -> Wanderleiter/Wanderleiterin mit eidg. Fachausweis.

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