Wandern wider den Verfall Wie ein Bergdorf um sein Überleben kämpft

In den Bergregionen des Piemont gehen die Lichter aus. Die Menschen wandern ab in die Städte. Eine Initiative im abgeschiedenen Walserdorf Rimella versucht mithilfe von geführten Wanderungen zu retten, was zu retten ist.

Wenn Giorgio auf Patrouille geht, bleiben die Wanderstöcke zu Hause. Seine Hände umklammern dann ein Buschmesser. Aus dem Mastallone-Tal schwappt die schwülfeuchte Mittagshitze die steilen Hänge um das Bergdorf Rimella hinauf. Und Giorgio säbelt das erste Mal ins dichte Grün. Äste fliegen, hüfthohe Farnwedel kippen zur Seite, so etwas wie ein Pfad wird sichtbar. «Hier hat lange keine Kehrwoche mehr stattgefunden», sagt Giorgio mit einem Grinsen.

In seiner schwäbischen Heimat bei Tübingen heisst Giorgio Jörg Klingenfuss. Unter seinem Alias kennen ihn die Menschen in Rimella, einem entlegenen Bergdorf im äussersten Nordosten des Piemont. Vor 15 Jahren kam Giorgio das erste Mal zum Wandern in diese Region am Fusse des Monte-­Rosa-Massivs. Seither hat den heute 61-Jährigen die Natur und das Schicksal der hier ansässigen Bergbewohner nicht mehr losgelassen. Der uralten Walsersiedlung Rimella droht der Untergang, wie so vielen anderen Gemeinden in den Berg­regionen Italiens. Die Entvölkerung ist dramatisch. Erst kürzlich hat sich ein ganzes Dorf im Piemont über eBay zum Verkauf angeboten, für 250 000 Euro.

Überdosis an Pflanzen- und Tierwelt

So weit ist Rimella noch nicht. Aber auch hier ist die Abwanderung eklatant. Vor rund 180 Jahren lebten 1381 Personen im Dorf. Heute sind es noch 70. Von den ehemals 16 kleinen Ortsteilen sind die meisten schon von der Vegetation verschluckt. Ruinen erinnern an eine Zeit, als die Alpwirtschaft und das Handwerk der Bergbewohner über die Landesgrenzen bekannt waren, als die Wohlhabenden aus Turin und Mailand die Sommermonate in ihren prächtigen Residenzen mit den klassischen Steindächern auf rund 1100 Metern über dem Meer weit oberhalb der Po-Ebene verbrachten. Heute erobert die Natur die jahrhundertealten Kulturlandschaften zurück. Die Überdosis an Pflanzen- und Tierwelt hat das Erscheinungsbild der Berggemeinde Rimella innerhalb weniger Jahrzehnte komplett verändert.

Abgeschiedenheit, Ruhe, Natur – für Klingenfuss ist Rimella ein Sehnsuchtsort. Der Giorgio in ihm sieht aber auch die damit verbundene Gefahr für die einmalige Kultur. Und so hat er zusammen mit den verbliebenen, meist schon sehr betagten Bewohnern Rimellas vor einigen Jahren eine Initiative gegründet. Das Konzept «Pro Rimella» basiert auf der Wiederbelebung des Weitwanderwegs Grande Traversata delle Alpi (GTA). Der rund 1000 Kilometer lange Wanderweg durchzieht den gesamten Westalpenbogen vom Piemont bis nach Ligurien (S. 18).

Keine Räumfahrzeuge im Winter

Für Rimella könnte der Weg nun zur letzten Lebensader werden. Das Dorf ist ein Etappenziel auf der GTA. Giorgio hat viele uralte Almpfade wiederentdeckt, sie von Gestrüpp und Schutt befreit, die GTA-Markierungen erneuert und das Wegnetz gar mit GPS vermessen. Ausserdem führt er jedes Jahr Wandergruppen aus Deutschland in die wildromantische Alpenregion. Der sanfte Tourismus spült Geld in die Kassen und sichert die wenigen Arbeitsplätze. Die Gäste übernachten und essen im Hotel Albergo Fontana. Auf der Sonnenterrasse der Bar Monte Capio von Piera Rinoldi gönnen sie sich ein Etappenbier.

Piera Rinoldi hat viele ihrer Nachbarn in die Ebene ziehen sehen. Die rüstige alte Dame mit ihren kurz geschnittenen, ergrauten Locken und den buschigen Augenbrauen ist eine der letzten Zeuginnen einer fast ausgestorbenen Kultur: Im 13. Jahrhundert zogen die Walser vom Wallis in die Täler des Piemont. In ihren abgeschiedenen Dörfern bewahrten sie ihre uralten Dialekte, das «Tüutschu», wie man in Rimella sagte. Heute werden sie kaum noch gesprochen. Piera Rinoldi weiss, dass auch «Pro Rimella» ihre Sprache nicht wieder zurückbringen wird. Aber immerhin hauche das Projekt der Region ein bisschen neues Leben ein.

Es ist die Ursprünglichkeit, die das Tal im nördlichen Piemont so faszinierend macht. Doch das Naturparadies hat auch seine Schattenseiten. Einerseits zieht die unberührte Wildnis immer mehr Touristen an. Andererseits verfallen Almen, Wege und Transportseilbahnen. Im Winter sind viele Dörfer von der Aussenwelt abgeschnitten, weil keine Räumfahrzeuge fahren. Die Schulen schliessen. Noch kommt ein Arzt einmal pro Woche ins Dorf. Noch gibt es eine Poststelle. «Aber wenn das Hotel Fontana schliesst, ist das Dorf tot», sagt Klingenfuss. Er pflegt das altersschwache Herz der Berggemeinschaft mit seinen Wanderausflügen so gut er kann. Doch noch deutet sich kein Generationenwechsel in der Führung des Hotels an. Die wenigen jungen Familien ziehen weg, spätestens wenn die Kinder in die Schule gehen. Die Gleichung ist einfach: ohne Infrastruktur keine Zukunft für Rimella.

Vorreiter ökologischer Landwirtschaft

Internetzugang, Strassen und Schulen bestimmen nicht nur, ob die Einwohner bleiben oder gehen. Die Infrastruktur ist auch wesentlich für die Bewahrung «eines einmaligen Wissensschatzes, der in dieser Landschaft gespeichert ist», sagt Franz Höchtl, Experte für Landespflege an der Alfred-Toepfer-­Akademie in Niedersachsen. Vor neun Jahren hat Höchtl an einer Reihe von Fallstudien im Piemont mitgewirkt. Ihre Ergebnisse haben die Forscher im Buch Kulturlandschaft oder Wildnis in den Alpen? zusammengefasst.

Wie Giorgio mahnt auch Höchtl, die über Jahrhunderte erworbenen Fähigkeiten der Menschen im Zusammenleben mit der Natur nicht einfach aufzugeben. Wer kann heute noch eine Mauer ohne Mörtel bauen, Wege und Terrassen in steilem Gelände anlegen, Käse, Butter und andere Nahrungsmittel von Hand herstellen? Am wichtigsten aber sind für die Wissenschaftler die Kenntnisse der nachhaltigen Landwirtschaft. Mischkulturen von Gemüse, Weinreben, Obstbäumen und Blumen schützten vor einem Auslaugen der Böden und vor Erosion. Die Bergbauern von damals waren Vorreiter der ökologischen Nutzung der Natur. «Wäre es vor diesem Hintergrund nicht interessant, sich auf traditionelle Kulturtechniken zu besinnen, solange das Wissen darüber noch lebendig ist?», fragen die Autoren. «Oder hat es im Zeitalter von Bio und Gentechnik ausgedient?»

Die Antwort darauf hat nichts mit Romantisierung der Vergangenheit zu tun, sondern vielmehr mit einer der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit: der Entwicklung nachhaltiger Lebensweisen.

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