Was tun mit einem unliebsamen Ehrenmitglied? Der Fall Louis Agassiz

Der Schweizer Alpen-Club steht möglicherweise vor einer Debatte, für die es clubintern keinen Präzedenz­fall gibt: Wie geht man historisch korrekt mit der Ehrenmitgliedschaft eines Forschers um, der sich als Rassist ­entpuppt hat?

Stein des Anstosses war der Antrag des Historikers Hans Fässler an der Hauptversammlung der Sektion St. Gallen vom Januar 2016. Fässler forderte die Aberkennung der Ehren­mitgliedschaft vom Wissenschaftler und Rassen­theoretiker Jean Louis Rodolphe Agassiz. Der Antrag wurde von den Mitgliedern der Sektion mit 49 zu 34 Stimmen und 16 Enthaltungen angenommen. Somit wäre das Anliegen Fässlers voraussichtlich an der ordentlichen Abgeordnetenversammlung besprochen worden. Im Nachhinein wurde die Abstimmung allerdings wegen eines Formfehlers als ungültig erklärt.

«Herr Fässler hat den Antrag zwar rechtzeitig gestellt, die Mitglieder wurden aber vor der Sitzung nicht darüber informiert», erklärt Marcel Halbeisen, Präsident der Sektion St. Gallen. Nach der Abstimmung hätten zwei Mitglieder deshalb Einsprache erhoben.

Diskussion erwünscht

Trotzdem bedauert es Halbeisen nicht, dass die Diskussion um Louis Agassiz ausgerechnet in seiner Sektion stattgefunden hat. «Ich finde es gut, dass jedes Mitglied Anträge aller Art einbringen kann.»

Für Fässler wäre die Annahme des Antrags ein grosser Erfolg gewesen. Seit Jahren kämpft der Geschichtslehrer für die Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung Louis Agassiz’. «Vor allem in der Schweiz gilt Agassiz als grosser Wissenschaftler, dabei ist sein Rassismus der viel bedeutendere Teil seines Lebens», erklärt Fässler. Agassiz wird als einer der wichtigsten Vertreter der Eiszeittheorie betrachtet (siehe Artikel ab S. 54). Mit seinen Veröffentlichungen trug er ­einen wesentlichen Teil zur Akzeptanz dieser Theorie bei und erlangte so die Ehrenmitgliedschaft im SAC.

Geschichte aufarbeiten

Wie der SAC mit der Ehrenmitgliedschaft Agassiz’ umgehen soll, sei dennoch eine schwierige Frage: «Historisch wäre es sinnvoller, die Geschichte um Agassiz aufzuarbeiten, statt ihn unsichtbar zu machen», sagt Bernhard Schär, Historiker an der ETH Zürich. Agassiz sei nun mal ein Teil der Geschichte des SAC, mit dem der Club leben müsse. Was dies konkret für die Ehrenmitgliedschaft des Glaziologen und Rassentheoretikers heisse, müsse der SAC mit seinen Mitgliedern entscheiden.

Unklare Haltung an der Universität

An der Universität Neuenburg gab es bereits Diskussionen um Louis Agassiz. Anlässlich von dessen 200. Geburtsjahr wurden 2007 verschiedene Debatten über die Forschung, aber auch über den Rassismus des Wissenschaftlers geführt. «Die Diskussionen gingen allerdings nicht sehr weit, und es kam zu keiner klaren Aussage seitens der Universität», erinnert sich Marc-Antoine Käser, Professor am Institut für Geschichte der Universität Neuenburg. Bis heute ist dem Forscher und Rassentheoretiker der Espace Louis Agassiz gewidmet, auf dem sich verschiedene Gebäude der Universität befinden.

Vergleichbare Fälle

Ein Blick über die Grenze zeigt, dass solche Diskussionen nicht nur in der Schweiz aktuell sind. Sowohl der Deutsche als auch der Österreichische Alpenverein, die bis 1938 zusammen den Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DuÖAV) bildeten, werden bis heute mit dunklen Kapiteln ihrer Vergangenheit konfrontiert.

So wäre es beim Deutschen Alpenverein (DAV) beinahe zu einem Präzedenzfall gekommen. Hermann Göring, einer der führenden nationalsozialistischen Politiker, war nämlich Ehrenmitglied der Sektion Mark Brandenburg. Als 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, wurde allerdings die Sektion von den Siegermächten aufgelöst, und die Ehrenmitgliedschaft Görings war somit hinfällig. Deshalb musste sich der DAV selber nie damit beschäftigen.

Einige Skandale gab es in den letzten Jahren dennoch: Laut der Neuen Zürcher Zeitung wurde etwa auf der Martin-Busch-Hütte im Ötztal noch 2007 eine Wolldecke gefunden, auf welcher der frühere Name der Hütte, nämlich «Hermann-Göring-Hütte», mit hellbraunem Stoff übernäht worden war. Auf der Friesenberghütte im Zillertal sei hingegen bis Mitte der 1990er-Jahre aus dem Wehrmachtsgeschirr gegessen worden. Weiter habe die Sektion Austria bis 2002 den antisemitischen Agitator Eduard Pichl im Namen einer Hütte am Plöckenpass im Karnischen Alpenhauptkamm geehrt.

Entscheidung fällt 2017

Wie es nun mit der Ehrenmitgliedschaft Agassiz’ im SAC weitergeht, wird sich im Frühjahr 2017 zeigen. Dann nämlich, wenn die Sektion St. Gallen noch einmal über den Antrag Fässlers abstimmt.

Dies aber nur, falls sich der Fall nicht schon vorher von selbst erledigt haben sollte. Noch ist nämlich unklar, ob die Ehrenmitgliedschaft auch über den Tod hinaus gültig ist. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre Agassiz schon seit gut 140 Jahren nicht mehr Ehrenmitglied des SAC. Fässler wäre mit dieser Lösung allerdings nicht zufrieden: «Es gibt ja auch eine Liste der ehemaligen Ehrenmitglieder, auf der Agassiz immer noch erscheinen würde.» Auch Schär sagt: «Es wäre schade, wenn es sich der SAC so einfach machen würde. Es geht schliesslich weniger um die Ehrenmitgliedschaft an sich als um deren Symbolik.»

In der Diskussion um die Ehrenmitgliedschaft von Louis Agassiz gibt es also noch verschiedene Ungewissheiten. ­SAC-Zentralpräsidentin Françoise Jaquet stellt aber klar: «Im SAC ist jeder willkommen, unabhängig von Herkunft, Religion, Muttersprache und Geschlecht.» Der Umgang unter den Mitgliedern sei geprägt von Respekt und Toleranz. «Für Rassismus gibt es im SAC keinen Platz.»

Der Fall Louis Agassiz

Louis Agassiz spaltet die Gemüter. Was ist dran an den Rassismusvorwürfen? Im nachfolgenden Artikel (ab S. 54) geht der Autor darum auf Spurensuche in Louis Agassiz’ Biografie.

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