Wegen Rekordsommer mehr Bergnotfälle. Bergnotfälle Schweiz 2003

Wegen Rekordsommer mehr Bergnotfälle

Im Bergjahr 2003 beeinflussten vor allem die Rekordtemperaturen der Hochsommermonate die Verhältnisse im hochalpinen Gelände. Noch rascher schmelzende Gletscher, ausgeaperte Firnzonen und auftauender Permafrost sorgten für schwierige und nicht selten auch gefährliche Situationen. Die lang andauernde Schönwetterperiode bewirkte auch sehr grosse Tourenaktivitäten. Die erwartete Zunahme der Bergnotfälle fiel mit einem Anstieg von über 50% gegenüber dem Vorjahr sehr deutlich aus. Verbunden damit nahm leider auch die Zahl der Todesfälle in den Bergen erheblich zu.

Das Bergnotfall- und Bergunfallgeschehen in den Schweizer Alpen und im Jura wird mit zwei unterschiedlichen Statistiken erfasst und ausgewertet. Unter Bergnotfällen werden alle Ereignisse zusammengefasst, bei denen die Bergrettungsdienste beansprucht wurden. Dabei werden auch Erkrankungen und Evakuationen von nicht verunfallten Berggängern berücksichtigt. Leider stehen die Informationen des Maison du Sauvetage, das für die Bergrettung im Unterwallis zuständig ist, nach wie vor nicht zur Verfügung. Trotzdem kann aus dem verfügbaren Zahlenmaterial des gesamten übrigen Berggebietes der Schweiz ein repräsentativer Überblick über das Notfallgeschehen zusammengestellt werden. Die Statistik der tödlichen Bergunfälle – als Untermenge der Bergnotfälle – erfasst ausschliesslich jene Ereignisse, die der allgemeinen Definition eines Unfalls entsprechen. Die Informationen dazu sind vollständig und in der Regel detaillierter, weshalb diese hier auch ausführlicher analysiert und kommentiert werden können. 1

Bergnotfälle 2003

Höchster Wert seit 1992 Im Berichtsjahr ( Kalenderjahr ) 2003 waren in den Schweizer Alpen und im Jura 1771 Personen von einem Bergnotfall betroffen. Dies ist der bisher höchste Wert in dieser Statistik, wie sie in diesem Umfang seit 1992 zusammengestellt wird.. " " .Aus der vorliegenden Bilanz können folgende Aussagen abgeleitet werden: Bei den Tätigkeitsgruppen fällt vor allem die sehr hohe Zunahme bei den Hochtouren von mehr als 120% auf, was nicht zuletzt auf die zahlreichen Evakuationen zurückzuführen ist. Bei den Ursachen waren es vor allem Unfälle durch Stein- und Eis-schlag96% ), Notfallsituationen als Folge von Stürzen43% ) und Gletscher-spalteneinbrüchen41% ), die das Geschehen prägten. Dass nicht jeder Notfall auch gleichzeitig ein Unfall ist, zeigt sich vor allem bei der Kategorie Blockierung/ Erschöpfung, im Berichtsjahr 2003 mit insgesamt 236 Personen ausgewiesen. Bei solchen Ereignissen werden Berggänger meistens unverletzt aus einer Notfallsituation geborgen oder evakuiert.

Evakuationen Unverletzter Dass solche Ereignisse im Sommer 2003 mit den bereits genannten, heiklen Verhältnissen im heissen Bergsommer 2003 zusammenhängen, ist signifikant, wie folgendes Beispiel zeigt. Am 15. Juli ereignete sich in den frühen Morgenstunden am untersten Teil des Hörnligrates am Matterhorn ein grösserer Felssturz, wodurch den Alpinisten, die sich bereits weiter oben befanden, der Rückweg abgeschnitten wurde. Unverzüglich wurden 84 Bergsteiger von der Bergrettung mittels Helikoptereinsätzen evakuiert. Die Normalroute des Matterhorns blieb

1 Diese Zusammenstellungen und Auswertungen stützen sich auf die Angaben und Mitarbeit folgender Personen und Institutionen: Hans Jaggi und Frank Roth, SAC; Robert Kaspar, Hans Jacomet und Paul Ries, REGA, Thierry Rätzer, KWRO Kt. Wallis; Forti Niederer und Marco Salis, Bergrettung Graubünden; Stephan Harvey und Benjamin Zweifel, SLF; Christa Hayoz, MeteoSchweiz DIE ALPEN 5/2004

in der Folge einige Tage gesperrt, bis die eingeleiteten Felssicherungsmassnahmen an der Abbruchstelle abgeschlossen werden konnten.

In den Medien kaum beachtet, aber für die Betroffenen vermutlich noch weitaus gefährlicher, war eine ähnliche Situation am 13. August an der Normalroute des Schreckhorns in den Berner Alpen: Durch die Ausaperung einer Firnzone unterhalb des Gipfels verlor eine Geröllzone ihre Stabilität. Der dadurch entstandene Steinschlag bestrich vor allem ab den Mittagsstunden einige hundert Meter tiefer das Einstiegscouloir im Übergang vom Firn zum Fels. Diese Situation eskalierte an diesem Tag derart, dass es für die absteigenden Seilschaften kein Durchkommen mehr gab. Auch hier mussten insgesamt 13 Alpinisten mit einem Rettungseinsatz aus der Gefahrenzone geflogen werden. Problematische Geländesituationen Solche Vorkommnisse gab es nicht nur im Hochtourenbereich, sondern auch beim Bergwandern. Zahlreiche Rettungseinsätze galten Berggängern, die infolge von problematischen Geländesituationen in Schwierigkeiten geraten waren, wie der nachstehende Auszug aus dem Ein-satzprotokoll eines Rettungschefs aus dem Kanton Graubünden zeigt. «... Bei der Ankunft am Notfallort zeigt sich eine schier unglaubliche Szene: Drei Menschen ‹kleben›, mit Händen und Beinen spreizend, in einer steilen und gefährlichen Geröllrunse. Ein direkter Anflug zu den Blockierten ist wegen des Steinschlags zu gefährlich. Wir steigen deshalb weiter unten und ca. 100 m seitlich versetzt aus dem schwebenden Helikopter und müssen die Blockierungsstelle zu Fuss erreichen. Das steile und durch die Trockenheit pickelharte Gelände ist mit

Während des heissen Hochsommers 2003 wurden die Firnzonen auch oberhalb der Dreitausendergrenze stark dezimiert. Viele Gletschertouren wurden dadurch schwieriger oder waren vielerorts nur mit erhöhtem Risiko begehbar. Monte-Rosa-Gruppe in den Walliser Alpen Anzahl Notfälle 0 100 200 300 400 500 700 600 2002 2003 Bergwandern Hochtouren Skitouren Variantenabfahrten Klettern ( Fels ) Eisfallklettern Andere Bergsportarten Gleitschirm Delta Anzahl Notfälle 0 100 200 300 400 500 600 700 800 2002 2003 Sturz/Absturz Erkrankung Lawinen Spalteneinbruch Steinschlag/ Eisschlag Blockierung Verirren Blitzschlag Nicht definiert/ Anderes Anzahl Notfälle 0 100 200 300 400 500 600 Unverletzt Keine ärztl. Behandlung notwendig Ambulante ärztl. Behandlung Hospitalisation nötig Potenzielle Lebensgefahr Akute Lebensgefahr Wiederherstellen vitaler Funktionen Tod mit oder ohne Wiederbelebung 2002 2003 Grafik 1: Bergnotfälle 2002/2003 gegliedert nach Tätigkeiten Grafik 2: Notfallsituationen 2002/2003 gegliedert nach Ursachen Grafik 3: Bergnotfälle 2002/2003 gegliedert nach medizinischem Index Fo to :U eli M os im ann DIE ALPEN 5/2004

losen Steinen durchsetzt und lässt keine Sicherung zu. Ich steige 10 m oberhalb der Blockierungsstelle in der immer steiler werdenden Runse hoch. Auf einem dürftigen Standplatz kann ich mich hinsetzen und mit den Beinen verspreizen. Von hier aus muss ich nun meinen Kollegen sichern, der direkt zu den Blockierten geklettert ist. Diese sind völlig ungesichert und könnten jeden Augenblick abstürzen. Es gelingt, einer Person nach der anderen den Rettungsgurt anzuziehen, und sie können für die Windenber-gung mit dem Helikopter vorbereitet werden. Unter einer gewaltigen Staubentwicklung holt der Helikopter REGA 5 nun eine Person nach der andern ab und fliegt sie zu einem Zwischenlandeplatz.... Aus einer so gefährlichen Lage habe ich noch nie Leute befreien müssen... »

Vergleiche möglich Auch bei den weiteren Notfallkategorien waren die Zahlenwerte im Vergleich zum Vorjahr höher, so auch bei der « Schwere der Schädigung » der geretteten Personen. Bei den hier ausgewiesenen153 Todesfällen ( NACA 7 ) erlagen 32 Personen einem Krankheitsfall. Betroffen davon waren 25 Bergwanderer, 3 Skitourenfahrer und je eine Person beim Klettern, auf einer Hochtour, beim Mountainbiken und auf der Jagd. Soweit dies aus den zur Verfügung stehenden Unterlagen beurteilt werden kann, sind diese Todesfälle in den meisten Fällen auf Herzversagen zurückzuführen.

Wie bereits in den Vorjahren erwähnt, kann die Summe der Bergnotfälle auf Grund der unterschiedlichen Erfassungskriterien und den nicht vollständig vorhandenen regionalen Daten nicht vollumfänglich mit der detaillierten Todesfallstatistik der Bergunfälle verglichen werden. Dennoch lässt das zur Verfügung stehende Zahlenmaterial einige aufschlussreiche Vergleiche zu wie beispielsweise bei der Mortalität der Unfallursachen, die sich aus der Summe aller Notfälle und der Zahl der Todesfälle berechnen lässt. So betrachtet ist das Todesfallrisiko bei einer Lawinenverschüttung rund dreimal höher als bei anderen Unfallursachen.

Tödliche Bergunfälle

Allgemeines Im Kalenderjahr 2003 sind in den Schweizer Alpen und im Jura bei 107 Ereignissen insgesamt 125 Personen bei der Ausübung einer bergsportlichen Tätigkeit tödlich verunfallt. Dies entspricht gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme von knapp 23%. Die Ursachen für diese deutlich höhere Bilanz sind – wie bereits bei den Bergnotfällen kommentiert – zu einem wesentlichen Teil auf das Unfallgeschehen im Sommer zurückzuführen. So sind es denn auch vor allem die beiden Tätigkeitsgruppen Bergwandern und Hochtouren, die höhere Unfallzahlen aufweisen. Markant höher ist die Zahl der betroffenen Ausländer, deren Anteil am gesamten Unfallgeschehen 61 Vorjahr 55erreicht. Bezogen auf die einzelnen Tätigkeitsgruppen weist der Anteil der ausländischen Berggänger grosse Unterschiede auf. So waren bei den Hochtouren 86%, beim Klettern 80%, bei den Skitouren 65%, bei den Variantenabfahrten 61% und bei den bergsportverwandten Tätigkeiten

0 5 10 15 20 25 40 45 50 30 35 Lawinen- verschüttung Krankheit Sturz/ AbsturzGletscher-spalte Steinschlag/ Eisschlag 2002 2003 0 6 10 14 Abseilunfall Unbe kann t ( ve rm iss t ) Bli tzs ch lag Steins ch lag Stu rz o hne Seilsi ch erun g Mi treissunfall 12 8 4 2 Sturz Wech ten- abb ruch Gle tsche r- sp alt en sturz La wi nen- ve rsch üttu ng 0 1 2 3 4 5 6 7 Grafik 4: Mortalität bei einigen Unfallursachen in Prozent Grafik 5: Primäre Ursachen bei tödlichen Hochtourenunfällen Grafik 6: Primäre Ursachen bei tödlichen Skitourenunfällen

Tabelle 1: Identität

2002 2003 2003 Anzahl Opfer 102 125 100 Männer 86 98 78 Frauen 16 27 22 Schweizer 46 49 39 Ausländer 56 76 61 SAC-Mitglieder 14 12 10 Altersstufen: bis 10 Jahre 0 2 2 bis 20 Jahre 5 9 7 bis 30 Jahre 28 20 16 bis 40 Jahre 16 22 17,. " " .5 bis 50 Jahre 18 22 17,. " " .5 bis 60 Jahre 17 24 19 bis 70 Jahre 10 12 10 über 70 Jahre 8 8 6 unbekannt 0 6 5

Tabelle 2: Tätigkeit

2002 2003 2003 Bergwandern 28 43 34 Hochtouren 29 36 29 Klettern 4 5 4 Skitouren 23 17 13,. " " .5 Variantenabfahrten 12 18 14,. " " .5 Anderes 6 6* 5 Organisierte Touren 17 11 9 Private Touren 62 89 71 Alleingänger 23 27 20 * Schneeschuhlaufen = 3, Jäger = 1, Pilzsuchen = 1, Canyoning = 1, Strahler = 1

Tabelle 3: Gelände

2002 2003 2003 Bergweg 18 22 18 Gras/Geröll 10 14 11 Felsen 16 32 26 Schnee/Firn/Eis 48 43 34 Gletscher 9 11 9 Anderes Gelände 1 32 Voralpen 51 54 43 Hochalpen 50 69 55 Jura 1 2 2 * unbekannt ( vermisst2, Wasser ( Canyoning1 Vor allem an den Übergängen Gletscher–Fels wurden durch den Gletscherschwund viele Passagen schwieriger. Mit technischen Eingriffen mittels Sicherungspunkte liessen sich solche Probleme vielerorts entschärfen. Hier zum Beispiel beim Zustieg zur Mittellegihütte am Eiger DIE ALPEN 5/2004

50% aller tödlich verunfallten Personen ausländische Berggänger. Nur beim Bergwandern ist dieser Anteil – wie auch in den Vorjahren – deutlich kleiner und beträgt mit 16 Betroffenen 37%.

Hochtourenunfälle Der Rekordsommer 2003 hatte für hochalpine Unternehmungen sehr unterschiedliche Auswirkungen: Einerseits erleichterten die aussergewöhnlich lang andauernden und stabilen Schönwetterphasen die Planung und Durchführung von Hochtouren in einer bisher kaum bekannten Qualität. Bereits ab der zweiten Junihälfte bis gegen Ende August war das Wetter mehrheitlich hochdruckbe-stimmt, und die Nullgradgrenze lag tagsüber während Wochen oberhalb von 4000 m. Phasen mit unstabilen Lagen waren selten und nur von kurzer Dauer. Die damit verbundene Ausaperung, wie sie in den hochalpinen Regionen seit mehr als 50 Jahren nicht mehr angetroffen wurde, war für ausgesprochene Felstouren im Allgemeinen günstig. Am Mittellegigrat des Eigers zum Beispiel konnte man sich zeitweise fast wie auf einer klassischen Felstour in den Engelhörnern bewegen.

Sturz, die häufigste Unfallursache Andererseits aber hatte diese Sommerhitze auch sehr negative Konsequenzen. Durch die extreme Wärme und die damit verbundene Ausaperung der Firnzonen wurden viele Routen heikel und gefährlich oder waren schlicht nicht mehr begehbar. Die Frage, ob und wie diese Bedingungen das Unfallgeschehen beeinflussten, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Auch nicht bei der häufigsten Unfallursache durch Sturz, bei der insgesamt 27 Berggänger ums Leben kamen. Solche Ereignisse sind – wie auch in den Vorjahren – meistens auf unangepassten oder fehlenden Gebrauch der Sicherungsmittel zurückzuführen. So wurde auch im Berichtsjahr 2003 fast die Hälfte aller Sturzunfälle mit tödlichen Folgen durch Mitreissunfälle verursacht, bei denen bei insgesamt 8 Ereignissen und 18 Beteiligten insgesamt 13 Alpinisten ihr Leben verloren. Diese Bilanz widerlegt – zumindest in den Schweizer Alpen – wiederum sehr nachdrücklich die in einigen Publikationen gemachte Aussage, dass Mitreissunfälle seltener geworden seien. In diesem Zusammenhang muss aber mit aller Deutlichkeit erwähnt werden, dass auch der Seilverzicht immer wieder zu tödlichen Abstürzen führt. Dazu sind im Berichtsjahr 2003 auch jene 11 tödlich abgestürzten Hochtourengänger zu zählen, die auf den Gebrauch des Seils als Sicherungsmittel verzichtet hatten.

Angeseilt oder nicht angeseilt? Das Argument, dass ein Seilverzicht im hochalpinen Gelände eine vernünftige Massnahme zur Schadenbegrenzung sein kann, greift meistens zu kurz. Viele der Routen, an denen sich immer wieder tödliche Abstürze als Folge der fehlenden Seilsicherung ereignen, sind heute an den heiklen Stellen mit Bohrhaken abgesichert, sodass mittels Seilsicherung derartige Unfälle problemlos vermieden werden könnten. Als Beispiel dazu sei der Spallagrat am Piz Bernina erwähnt, der als Normalroute oder als Abstiegs-

Tabelle 4: Ursachen

2002 2003 2003 Sturz 65 84 67 Spalteneinbruch 5 6 5 Wechtenabbruch 3 3 2,5 Steinschlag 1 4 3 Eisschlag 0 0 0 Blitzschlag 0 4 3 Lawine 24 21 17 Blockierung/Er-3 0 0 schöpfung/Verirren Andere Ursache 1 3* 2,5 * unbekannt ( vermisst2, ertrunken = 1 Foto: Ueli Mosimann DIE ALPEN 5/2004

weg nach dem Biancograt sehr häufig begangen wird. Bei der Querung am Felskopf des Vorgipfels am Piz Spalla, die mit mehreren Bohrhaken gut abgesichert ist, ereignen sich Jahr für Jahr Abstürze von ungesicherten Alpinisten, die zumeist einige hundert Meter tiefer im Bergschrund am Fuss der steilen Firn-flanke oder unterhalb davon enden. Mit viel Glück bleibt es manchmal nach solchen Abstürzen bei ein paar Verletzungen. Häufig jedoch finden die Betroffenen den Tod. So auch im Sommer 2003: Innerhalb von fünf Tagen geschahen praktisch an der gleichen Stelle drei Abstürze von unangeseilten Alpinisten. Eine Person kam mit dem Schrecken davon, die beiden andern fanden den Tod.

Blitze nicht « aus heiterem Himmel » Eher direkt mit den heiklen Verhältnissen in Zusammenhang zu bringen, sind drei Ereignisse durch Steinschlag, bei denen vier Alpinisten ums Leben kamen. Ungewöhnlich für einen Schönwettersommer waren hingegen zwei Unfälle durch Blitzeinwirkung in den südlichen Walliseralpen, wo während eines Morgen-gewitters drei Alpinisten getötet wurden. An diesem Morgen des 21. Juli war die Gewittertätigkeit auch in anderen Alpenregionen sehr stark, wobei verschiedene weitere Zwischenfälle glücklicherweise keine zusätzlichen Opfer forderten. Völlig überraschend und « wie aus heiterem Himmel », wie dies verschiedene Medien berichteten, waren diese Blitze aber nicht. Die Wetterberichte hatten bereits am Vortag deutlich vor der starken Gewitteraktivität schon während der Morgenstunden gewarnt.

Kletterunfälle Auch im Berichtsjahr 2003 waren in diesem Bereich die tödlichen Unfälle mit insgesamt fünf betroffenen Personen weitaus weniger zahlreich als bei anderen Bergsportaktivitäten. In Bezug auf die Unfallursachen fallen drei Ereignisse auf. Im ersten Fall wollte ein Kletterer an der Lobhorn-S-Wand in der ersten Seillänge wieder abseilen. Zu diesem Zweck legte er eine Abseilschlinge um einen Felskopf und begann mit dem Manöver. Unterwegs wollte er eine selbst gelegte Zwischensicherung ( Klemmgerät ) entfernen, die er zuvor im Aufstieg platziert hatte. Diese lag nun aber nicht mehr in der Falllinie der Abseilstrecke, und der Kletterer versuchte, den Punkt mit Anpendeln zu erreichen. Durch diese Schwingbewe-gung am Seil löste sich die Abseilschlinge, und der Kletterer stürzte in der Folge bis zum Wandfuss ab und erlitt schwere Verletzungen, denen er im Spital erlag. Im zweiten Fall stürzten zwei Berggänger am Schijenstock ( Göscheneralp ) tödlich ab. Gemäss Zeugenaussagen wollte einer dieser Kletterer in der Scharte nach dem ersten Turm die Schuhe wechseln. Dabei verlor er das Gleichgewicht und riss seinen Seilpartner mit, wonach beide in die Westflanke abstürzten.

Das Abschmelzen der Gletscher verursachte vielerorts schwierige Situationen. Im Bild die Zunge des Triftgletschers, über die der Hüttenzugang zur Trifthütte verlief. Dieser Weg war im Sommer 2003 nur noch mit einem schwierigen und heiklen Umweg passierbar. Steinschlagunfälle waren im Sommer 2003 häufiger als in früheren Jahren. Der Träger dieses Helms überlebte mit mittelschweren Verletzungen ( Badile-Nordostwand ). Ohne diesen Kopfschutz hätte der Unfall mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Todesopfer gefordert.

Der Schönwettersommer 2003 sorgte für Hochbetrieb. Spallagrat an der Bernina Foto: Ueli Mosimann DIE ALPEN 5/2004

Ebenfalls im Klettergebiet der Göscheneralp ereignete sich ein weiterer Unfall, dessen Folgen als sehr aussergewöhnlich zu bezeichnen sind: In der dritten Seillänge am Bergseeschijen-Süd-Grat geriet der vorsteigende Kletterer zu weit nach links in eine ältere und kaum mehr begangene Route ( Via Gerda ). Hier stürzte er ca. 10 m oberhalb des Standplatzes in das Seil, das durch zwei Zwischensicherungen lief. Trotz des, gemäss dem sichernden Seilpartner, nicht harten Sturzes riss das Seil, und der vorsteigende Kletterer stürzte bis zum Wandfuss ab. 2

Skitourenunfälle Diese Tätigkeitsgruppe ist im Berichtsjahr 2003 die einzige, bei der im Jahresvergleich weniger Bergtote zu verzeichnen sind, was vor allem auf den Rückgang der Todesfälle durch Lawinenverschüttung zurückzuführen ist. Im Berichtsjahr fanden sieben Alpinisten so den Tod ( Vorjahr 14 ). Drei dieser Unfälle mit insgesamt fünf Todesopfern ereigneten sich bei der Lawinengefahrenstufe erheblich. Bei den beiden weiteren Unfällen mit je

2 Das gerissene Seil wird beim wissenschaftlichen Dienst der Stadtpolizei Zürich untersucht. Bis zum Redaktionsschluss dieses Beitrages lagen noch keine Resultate vor. Über diesen Unfall wird gegebenenfalls später informiert, sobald die Untersuchungen abgeschlossen und zugänglich sind.

einer tödlich verunfallten Person war die Prognose in einem Fall mässig und im anderen gering. Vier Skitourenfahrer starben bei Gletscherspalteneinbrüchen und drei Berggänger erlitten durch Absturz tödliche Verletzungen. Eine grosse Tourengruppe verunfallte durch einen Wechtenabbruch, bei dem drei Gruppenmitglieder ums Leben kamen. Eher untypisch bei den Skitourenunfällen im Berichtsjahr 2003 ist die Tatsache, dass 15 der insgesamt 17 Personen im hochalpinen Gelände tödlich verunfallten – im Vorjahr waren es 12 Personen in den Voralpen und nur 2 Skitourengänger in den Hochalpen.

Unfälle bei Variantenabfahrten Diese Tätigkeitsgruppe umfasst alle Ereignisse bei Abfahrten mit Ski oder Snowboard ausserhalb der gesicherten Pisten. Im Gegensatz zu den Skitouren ist in diesem Bereich die Zahl der Todesopfer mit insgesamt 18 betroffenen Personen im Jahresvergleich wieder deutlich angestiegen. 11 Personen kamen bei Lawinenunfällen ums Leben ( Vorjahr 8 ). Dabei fanden bei einem Ereignis allein drei Skifahrer und die sie begleitende Skilehrerin bei Lawinengefahrenstufe 4 ( gross ) den Tod. Die anderen Unfälle sind auf Stürze ( fünf Tote ) und durch Gletscherspalteneinbrüche ( zwei Opfer ) zurückzuführen. Wie bereits in früheren Jahren zeigen auch die Zahlen im Berichtsjahr 2003, dass es nach wie vor zur Hauptsache Skifahrer sind, die ausserhalb der gesicherten Pisten hohe Risiken eingehen: 14 der insgesamt 18 Bergtoten in dieser Tätigkeitsgruppe waren Skifahrer.

Unfälle bei anderen Tätigkeiten In dieser Rubrik werden alle Ereignisse bei Tätigkeiten zusammengefasst, die sich nicht den « klassischen » Bereichen des Bergsportes zuordnen lassen. Die Zahl der Todesopfer bei Unfällen solcher Art blieb im Vorjahresvergleich mit sechs betroffenen Personen konstant. Bei zwei Lawinenunfällen starben drei Personen beim Schneeschuhlaufen. Darunter befand sich auch ein zweijähriges Kind, das von seinem Vater im Huckepack mitgetragen wurde. Des Weiteren kamen ein Jäger und ein Pilzsammler durch einen Sturz im abschüssigen Gelände ums Leben, und eine weitere Person ertrank beim Canyoning.

Piz Bernina: Ansicht der Unfallstelle und Sturzbahn der Opfer am Spallagrat an der Bernina ( Sommeraufnahme nach dem dritten Unfall ) Der Piz Bernina mit der Normalroute des Spallagrats. An der bezeichneten Stelle ereigneten sich 2003 drei Abstürze infolge fehlender Seilsicherung.

Fotos: Marco Salis Spallagrat am Piz Bernina Unfallstelle Piz Bernina 4049 m DIE ALPEN 5/2004

Bergführer

Guide

Guides

Bergwanderunfälle Mit insgesamt 43 tödlich betroffenen Personen ist das Bergwandern jene Tätigkeitsgruppe, bei der die Zahl der tödlich verunfallten Personen mit einer Zunahme von mehr als 50% gegenüber dem Vorjahr am stärksten angestiegen ist. 42 Personen kamen bei Sturzereignissen ums Leben, und ein Bergwanderer starb an den Folgen eines Blitzschlages. Am zahlreichsten waren mit 23 Opfern Sturzereignisse auf Bergwegen. Im weglosen, aperen Gelände waren es 18 Personen, und auf Schnee, Firn oder Eis fanden drei Bergwanderer durch Absturz den Tod. 16 Personen oder 37% der Verunfallten waren als Alleingänger unterwegs, 25 Personen oder 58% aller Bergwanderer waren über 50 Jahre alt.

Fazit Das Bergjahr 2003 war ein ausgesprochenes Schönwetterjahr mit einer sehr hohen Tourentätigkeit. Zusammen mit den vielerorts heiklen Situationen im Hochgebirge musste somit ein Anstieg der Not- und Unfallzahlen erwartet werden. Ein Blick zurück auf Jahre mit ähnlichen Verhältnissen zeigt, dass solche Konstellationen meistens mit einem sehr starken Anstieg der tödlichen Bergunfälle verbunden sind. So starben zum Beispiel 1985, ein ebenfalls typisches Schönwetter-jahr, 195 Menschen bei der Ausübung des Bergsportes in den Schweizer Alpen. Sicher war auch 2003 jeder tödliche Unfall ein Ereignis zu viel, das viel Tragik und Leid hinterliess.

Trotzdem kann durchaus von einer moderaten Bilanz gesprochen werden. Dies dürfte zur Hauptsache auf zwei unterschiedliche Faktoren zurückzuführen sein: Die heutigen Berggänger sind meistens gut ausgebildet und informiert, noch besser ausgerüstet als früher und häufig auch besonnen genug, ihre Touren den aktuellen Verhältnissen anzupassen. Dank der hoch professionellen Bergrettung kann mit den heutigen mobilen Kommunikationsmitteln auch von sehr abgelegenen Orten in kürzester Zeit alarmiert werden. So konnte im Berichtsjahr 2003 nicht selten interveniert werden, bevor ein schlimmer Unfall passiert war – eine Entwicklung, die man sich in dieser Dimension vor zwei Jahrzehnten noch kaum hatte vorstellen können.

Trotz moderner Technik ist gesunder Respekt gegenüber der alpinen Natur nach wie vor der beste Garant, nach einem schönen Bergerlebnis gesund nach Hause zurückzukehren. In diesem Zusammenhang sollte auch daran gedacht werden, dass die Folgen der Ausaperung des letzten Sommers auch im Bergjahr 2004 auf vielen hochalpinen Routen noch spürbar sein werden. a

Ueli Mosimann, Alpine Rettung SAC

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