Wenn Schafe wandern

Tausende Schafe steigen hoch über einen Gletscher zum Pass und ziehen weiter ins benachbarte Tal hinunter. Ein eindrückliches Schauspiel, das sich alle Jahre zwischen dem Schnalstal und dem Ötztal abspielt (S. 46). Trotz den vielen Besuchern ist der jahrhundertealte Schafübertrieb wohl doch mehr als eine touristische Attraktion, verbindet er doch zwei Talschaften auf eine besondere Weise und erinnert an die speziellen Verhältnisse vergangener Tage. Ob er sich heute auch ökonomisch noch lohnt, ist eine andere Frage.

Doch soll man diese Frage überhaupt stellen? Natürlich wird es problematisch, wenn man für das Schaftreiben Geld draufl egen muss, aber eine Kostenoptimie-rung darf auch nicht der Massstab sein. Denn der ideelle Wert einer Tradition kann damit nicht erfasst werden.

Ideelle Werte und der sorgfältige Umgang mit Traditionen sind auch ein wichtiges Charakteristikum von Freizeitvereinen wie dem SAC. Würde hier nur gerechnet, der Verein würde nicht existieren. Hinter dem Eröffnen von neuen Routen oder dem Schutz der Alpenlandschaften steht viel Idealismus. Wer jetzt meint, diese Zeilen seien ein Plädoyer für die Gleichungen « traditionell = gut » und « neu = schlecht », irrt sich. Es ist zu begrüssen, wenn der SAC neue Sportarten wie Mountainbiking anbietet ( S. 54 ) oder über veränderte Bedingungen für die Nutzung des Alpenraums nachdenkt. Den Wert von Neuerungen kann man aber besser beurteilen, wenn man gelegentlich zurückblickt – Schafe betrachtet.

Feedback