Wildheuen: alpine Tradition vor dem Comeback? Am Beispiel Uri

Das Wildheuen 1 ist im Alpenbogen bis auf ein paar Restflächen in der Innerschweiz und im Berner Oberland weitgehend verschwunden. Damit gingen nicht nur ein altes Handwerk und Kulturgut verloren, sondern auch ein Stück Biodiversität. Mit dem geplanten Bundesinventar der Tro-ckenwiesen und -weiden wollen Bund und Kantone Gegensteuer geben.

« Im Erstfeldertal beginnt das Heuen in den sonnigen Lagen am 11. August morgens, bei guter Tageszeit, d.h., wenn der Tag so fortgeschritten ist, dass man eine Zeitung zu lesen vermag. Geendet wird am 16. Oktober. Jeder Korporationsbürger in Uri, der eigen Licht und Feuer unterhält, hat die Erlaubnis zum unentgeltlichen Sammeln von Wildheu. » Eine wahre Fundgrube ist dieser Text, den Alois Blätter 1945 über das Wildheuen im Erstfeldertal publizierte. 2 Darin erläutert er die strikten Regeln, das Werkzeug und das Handwerk des Wildheuens – Artenreichtum, Landschaftsästhetik oder Erosionsschutz hingegen sind noch kein Thema. Wildheusammeln war eine ökonomische Notwendigkeit, die die Menschen so weit trieb, dass auch gefährliche Flächen noch gemäht wurden. « Nur mit gut genagelten Sohlen darf man sich an die Planggen wagen. An steilen Hängen wird gewöhnlich von einem guten Stand aus, ohne diesen zu Blick vom Fad zum Spannortgletscher vor über 60 Jahren: Neben den Gipfeln ragten ab dem Spätsommer unter den Sunnigen Stöck die « Tristen » der Wildheuer in den Himmel. Das Heu wurde im Winter mit Schlitten zum Heimet gebracht und verfüttert.

Foto: zvg/A. Blättler Am Rophaien hoch über dem Urnersee ist die starke Verzahnung von Wald und Offen-land augenfällig. Foto: zvg wechseln, ringsherum geschnitten. Müssen die Heulasten über sehr steile Hänge oder hohe Felsabsätze befördert werden, so wird abgeseilt. »

Früher existenzsichernd

« Für den Bauern ist das Wildheuen wohl eine der einträglichsten Nebenverdienst-quellen, ohne die er kaum eine ausreichende Existenz finden und sein Vieh nicht durchwintern könnte », schreibt Blätter. Über 40 Tonnen Heu sollen jährlich im Gebiet der Schlossbergkette gesammelt worden sein. Heute ist die Tradition des Wildheuens in der Urner Bevölkerung noch vereinzelt verankert, die ökonomische Notwendigkeit hingegen ist gering. Im Vordergrund stehen ökologische und heimat-kundliche Interessen. Bei einer Wieder- aufnahme der Nutzung nehmen Arten der blumenreichen Vegetationstypen auf Kosten von Verbrachungsanzeigern wie Laserkraut oder Grünerlen wieder zu. Auch das Wild profitiert: Auf den gemähten Flächen wächst nach dem Schnitt wieder frisches Gras, das vom Wild gerne noch bis spät im Herbst und im darauf folgenden Frühling geäst wird. Somit steht dem Wild eiweissreiches Futter zur Verfügung. Vielleicht tragen Naturschutz-beiträge für Wildheuflächen dazu bei, dass das Wildheuen im Spätsommer zu einer Art Nebenverdienst werden kann. 3

Beispiel Rophaien/UR

Seit seiner Jugend steigt Josef Gisler vom Hof Oberaxen in Flüelen/UR in die « Wildi » am Rophaien über dem Urnersee. Dort, im Bereich der Waldgrenze und weiter oben zwischen den Felsen, mäht er im Spätsommer Wildheu. Und zwar so viel, dass er sein Vieh durch den Winter bringt: in wüchsigen Jahren wenig, in trockenen Jahren wie 2003 grosse Flächen. Josef Gisler kann sich an die Zeit erinnern, als noch alle Bauern von Flüelen am Rophaien Heu und Streue ernteten. Josef Gisler mäht auch Partien im lichten Föhrenwald und schafft somit eine für die Schweiz wahrscheinlich einmalige parkartige Landschaft. « Früher wurden die Wälder vor allem wegen der Streue gemäht. Das mit Seggen und Pfei-fengras durchsetzte Schnittgut wurde mehrmals dem Regen ausgesetzt und dann im Stall eingestreut. Wenn es nach dem Schnitt sofort getrocknet und eingebracht wurde, eignete sich das Material nicht als Streue. Die Tiere haben es dann gleich gefressen », erinnert sich Josef Gisler. 1 Unter Wildheuen versteht man eine traditionelle Mähnutzung im Sömmerungsgebiet der Alpen. 2 Zitate aus Schweizer Archiv für Volkskunde, Band XLII 3 Im Moment werden im Rahmen eines Pilot- projektes im Erstfeldertal jährlich rund 2 t Heu geerntet. Ein Teil wird zur Wildförderung auf einer Triste aufgeschichtet, der Rest wird landwirtschaftlich verwertet. Vgl. E. Jenni: Reaktivierung Wild-heunutzung im Erstfeldertal. Bericht Pflegemass-nahmen und Monitoring 2004 Wildheuen heute unter den Sunnigen Stöck: Noch immer ist die Heuernte eine körperlich äusserst anspruchsvolle Arbeit.

Foto: zvg/E. Jenny Foto: zvg Aus nationaler Sicht einmalig dürften am Rophaien die gemähten Föhrenwälder im Sömmerungsgebiet sein. Sie geben der Landschaft einen individuellen, parkartigen Charakter.

Foto: zvg Blick zum Spannortgletscher heute: Die Wildheuer arbeiten unter den Sunnige Stöck im Erstfeldertal noch beinahe wie zu Urgrossvaters Zeiten.

Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen

Storia, cultura, letteratura alpina

Histoire, culture et littérature alpines

Der Transport der Ernte erfolgt im unerschlossenen Gebiet des Rophaien meist über Seile. Die Technik, Drahtstü-cke zusammenzuschweissen, stammt aus der Innerschweiz und ist bereits über 100 Jahre alt. Sie ersetzte in vielen Fällen die gefährlichen Schlittentransporte und brachte der Wildheuerei in der ganzen Innerschweiz einen Rationalisierungs-schub. Allein am Rophaien sind über 20 Seile gespannt, über die die über fünfzig Kilogramm schweren Heubündel – « Binggel » – mit einem Haken am Heuseil abgeseilt werden. 4

Trockenwiesen und -weiden erhalten

Trockenwiesen und -weiden sind nach Natur- und Heimatschutzgesetz besonders schützenswerte Lebensräume. Dazu gehören auch die ökologisch wertvollen Wildflächen. Um eine Übersicht über diese in der Schweiz stark bedrohten Lebensräume zu erhalten, werden diese Flächen im Auftrag des BUWAL landesweit erhoben. Die wertvollsten Objekte, ca. 23 000 ha bzw. rund 1,5% der landwirtschaftlich genutzten Fläche, sollen 2007 in ein Bundesinventar aufgenommen werden. Ziel der zugehörigen Verordnung ist eine langfristige Erhaltung und Förderung dieser artenreichen Biotope. Die Erhaltung dieser Trockenwiesen und -weiden kann nur zusammen mit motivierten und informierten Bäuerinnen und Bauern erfolgreich sein. Landwirte, welche die bisherige extensive Nutzung weiterführen, sollen für ihren Aufwand entschädigt werden. Damit wird ein ökonomischer Anreiz sowie eine Alternative zur vor allem im Berggebiet zunehmenden Nutzungsaufgabe geschaffen. 5 a Michael Dipner, Basel 4 Auch im Gebiet des Rophaien möchte der Kanton Uri die Wildheunutzung aktiv erhalten und fördern. Kernstück der Planung sind Bewirt-schaftungsverträge für die Wildheuer und die Unterstützung beim Unterhalt der Seile und Wege. Zudem soll das Gebiet durch die Förderung eines landschaftsorientierten Tourismus attraktiver werden. Aktuell ist das Wanderbuch Wandern in der geschützten Natur samt einer Wanderkarte speziell für den Wildheuerweg Rophaien erschienen. Beides kann man unter www.urnerwanderwege.ch bei www.gammadruck.ch oder in Buchläden bestellen. 5 Weitere Informationen unter www.umwelt-schweiz.ch/tww Der Rophaien bietet sich als attraktives Wandergebiet an. Blumenreiche Wiesen beidseits des Weges, fantastische Fernblicke auf den Urnersee und eine gute Erreichbarkeit locken zu einem Tagesausflug.

Foto: zvg

Erich Langjahr filmte die letzten Wildheuer im Muotatal

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