Winterliche Wanderungen in den Waadtländer Alpen. Auf den Spuren des Luchses

Winterliche Wanderungen in den Waadtländer Alpen

Obschon sie weniger hoch sind als die prestigeträchtigen Walliser Alpen, bieten die Waadtländer Alpen vergleichbare Möglichkeiten zur Tierbeobachtung. 1 Vor allem im Winter begegnet man nicht selten Gämsen oder Rehen in einer magisch verzauberten Welt. Und mit viel Glück erblickt man Schneehasen oder sogar einen Luchs.

Die Waadtländer Alpen und Voralpen bilden auf der Karte ein Dreieck mit den Ecken Vevey-Montreux im NW, Château d'Œx im NE und Lavey-les-Bains im Süden. Dabei bilden sie keine deutlich 1 Wer Tiere in der Natur beobachtet, muss dies mit nötigem Respekt tun und vor allem darauf bedacht sein, dass er sie nicht stört. Ein Tier auf der Flucht verbraucht ausserordentlich viel Energie, was unter Umständen fatale Folgen haben kann.

abgesetzte Einheit zu den Berner Alpen. Mit ihren höchsten Gipfeln Les Diablerets, 3210 m, Grand Muveran, 3051 m, und Grande Dent de Morcles, 2969 m, können sie höhenmässig mit ihren Nachbarn im Wallis und deren 42 Viertausendern nicht mithalten. Aber sie bieten genügend Möglichkeiten für ausgedehnte Bergwanderungen.

Erste Liebe

Es waren die Suche nach der vielfältigen Fauna und die Sehnsucht nach naturbelassenen Gegenden, die mich dazu gebracht haben, die Waadtländer Voralpen im Winter zu durchstreifen. Als Jugendlicher fuhr ich öfters mit dem Zug nach Villeneuve.. " " .Vom Perron aus sah ich dann den Col de Chaude, 1621 m, zuhinterst im Vallon de la Tinière unterhalb der Rochers de Naye, 2041 m. Er strahlte etwas Faszinierendes aus. Vom Tal aus er- Steinadler mit den Dents de Morcles im Hintergrund. Der Vogel ist in den Waadtländer Alpen und Voralpen weit verbreitet.

Die Dent de Jaman, 1875 m, oberhalb von Montreux, mit einem Schwarm Tauch-enten Wieder erstarkte Fauna Wie in vielen alpinen Regionen ist auch in den Waadtländer Alpen zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert viel Wild verschwunden. Der Steinbock überlebte in der Gegend von Bex bis 1805. Selbst die widerstandsfähige Gämse war nahe am Aussterben. So entdeckte eine Gruppe, die 1889 im Auftrag des Bundes unterwegs war, während einer dreitägigen Expedition kein einziges Exemplar. Der letzte Bär verschwand vermutlich 1838 in Gryon oder Frenières/Bex. 1842 wurde ein Wolf in L' Etivaz am Col des Mosses erlegt, einen weiteren fing man 1848. Und 1847 wurde der letzte Luchs erlegt. Heutzutage nimmt der Bestand an grossen Tieren in dieser Gegend wieder zu. Die Gämse findet sich ab den unteren Talhängen bis hinauf zu den höchsten Graten. Im Winter kann der Reisende in Aigle vom Zug aus Gämsen beobachten. Rehe gibt es auch, aber sie haben sich in den letzten Jahren auf Höhen über 1000 m zurückgezogen. Ursache dafür ist der Luchs, der seit den ersten Aussetzungen 1975 wieder in den grossen Wäldern der Region lebt. Der Steinbock wurde 1955 wieder angesiedelt. Der Hirsch ist erst seit kurzem von Freiburg und vom Wallis her auf natürlichem Weg eingewandert. Schliesslich hält sich auch das Wildschwein gut, zum Ärger der Bauern. Von den Vögeln ist der Adler in den Voralpen gut vertreten, während sich der Bartgeier manchmal vom Wallis herüberwagt. Man hat sogar schon beobachtet, dass er über die Rochers de Naye am Genfersee geflogen ist! Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Die Raufusshühner sind gefährdet, u.a. wegen der zunehmenden menschlichen Aktivitäten in der Gegend. Der Auerhahn, der noch vor 30 Jahren in mehreren Populationen die Gegend bevölkerte, droht heute zu verschwinden.

innerte der Pass an ein V zwischen Felsgraten und Grashängen über ausgedehnten Wäldern mit Buchen, Ahornen, Rot- und Weisstannen, die mir ihre Geheimnisse preisgaben. In ihnen begegnete ich Gämsen und Alpenbraunellen – einem graubraunen Sperlingsvogel –, die von der Kälte in die Täler vertrieben worden waren, oder zwei Feldhasen und einem Schneehasen im Winterkleid, die im Nebel stocksteif stehen blieben. Beim Wan- Fotos: Alexandr e Scheur er Schneehase in den Waadtländer Alpen Ein Bartgeier. Er gehöhrt zu den grössten Vögeln Europas.

Luchspaar während der Brunft Ende Winter in den Waadtländer Voralpen. Das Männchen geht hinter dem Weibchen.

Abenddämmerung im Gebiet von Les Diablerets. Der Föhn zerzaust die Wolken.

Gämsbock während der Brunft auf der Suche nach einer Geiss oder einem Nebenbuhler dern in diesem Tal ist es vorgekommen, dass ich beim Picknicken den Rucksack am Knöchel anbinden musste, damit er mir im steilen Gelände nicht davonroll-te. Bei diesen Solostreifzügen in ziemlicher Unbedarftheit – ohne Steigeisen, Thermokleider und Handy – lernte ich die Berge in totaler Freiheit kennen. Oft biwakierte ich in diesem Tal, vor allem in einer Höhle in der Talflanke, die den Gämsen im Winter als Unterschlupf dient. Bis zu jenem Tag, als eine Strasse in den letzten unversehrt und geheimnisvoll gebliebenen Berghang gebaut wurde.

Eine weibliche Gämse mit ihrem Jungen steigt mühsam im hohen Schnee ein Couloir hoch.

Gämsbock vor der Pierre Qu'Abotse Fotos: Alexandr e Scheur er

Im Land der Gämsen und Schneehasen

Ich streifte oft durch die Waadtländer Alpen, um die Brunft der Gämsen von Anfang November bis Mitte Dezember zu beobachten. Ein faszinierendes Spektakel: Die Tiere liefern sich atemlose Verfolgungsjagden, bei denen der Pulverschnee nur so stiebt, bevor sie wieder für längere Zeit ganz ruhig werden. In der Nähe von Leysin beobachtete ich einen jungen Gämsbock, der vor einem älteren Rivalen in eine Felswand flüchtete und dann Atem holend stehen blieb, als sich der andere auf der Suche nach ihm näherte. Die beiden Böcke blieben dann mehrere Minuten drei Meter untereinander stehen, ohne sich anzuschauen. Dann machte sich der ältere davon. In dieser Jahreszeit sieht man oft Adler, etwas weniger häufig Bartgeier, die lieber auf der Walliser Seite bleiben, weil dort die Thermik besser ist. Auf der Suche nach Gämsen stösst man häufig auch auf die Spur von Schneehasen. Ist diese noch frisch, hat man bei genügender Ausdauer vielleicht das Glück, das Tier selber zu entdecken. Aus seinem Versteck in den Felsen heraus verschwindet er in wenigen Sprüngen wie ein von zwei kräftigen Federn abgeschossener Schneeball. Ich erinnere mich an einen schönen Januartag, als ich in unzugänglichem Gebiet der Préalpes Chablaisiennes einem Hasen auf der Spur war. Die Landschaft wird überragt von den Dents de Morcles und auf der anderen Rhoneseite den Dents du Midi, hinter denen sich das Montblancmassiv erhebt. Ich war ganz vorsichtig unterwegs und hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als ich mehrmals einen Schrei hörte, der die Stille zerriss: ein Luchs! Auf diesen Moment hatte ich lange gewartet. Voller Hoffnung rannte ich auf den Grat, der mich vom Tier trennte. Als ich allerdings die Höhe erreichte, war da nur noch die Spur, die einer Lichtung entlangführte und im Wald verschwand. Ich wartete vergeblich bis in die Nacht hinein.

Auf der Spur des Luchses

Diese Begegnung markierte den Beginn einer leidenschaftlichen Suche. Ich kehrte oft in diese Gegend mit ihren Weide-flächen und abschüssigen Wäldern zurück. Aber das Tier hörte ich nie mehr. Nur seine Spuren fand ich noch oft und brach mir fast die Knochen beim Versuch, ihnen zu folgen. Es musste ein Luchspaar gewesen sein, dessen Anwesenheit ich am Verhalten von Rehen und Gämsen erkennen konnte. Sie waren nervös und bereit, beim geringsten verdächtigen Geräusch davonzueilen. Eines Tages erblickte ich am helllichten Tag ein halbes Dutzend Rehe, die 100 m von einem Dorf entfernt aus einem Wald stürzten. Hatte das Raubtier tatsächlich in Menschennähe gewagt, auf Beutezug zu gehen? Oder hatte ein vom Tauwetter gelöster Stein genügt, um den Beutetieren Angst einzujagen?

An einem Wintertag bereitete ich zusammen mit einem Freund ein Biwak in einer Lichtung vor, in der die Luchse Spuren hinterlassen hatten. Versteckt hinter aufgespannten Tüchern, warteten wir in absoluter Stille darauf, dass der Nachmittag vorbeiging. Plötzlich überquerte ein Rehbock vor unserem Versteck die Lichtung und verschwand im Wald. Gleich darauf schoss er wieder heraus, als ob er den Teufel gesehen hätte. Eine Stunde später erschienen zwei « grosse Katzen » an der gleichen Stelle, etwa 100 m von unserem Standort entfernt. Das Weibchen ging voraus, und das kräftigere Männchen folgte ihm. Die beiden Tiere gingen in langsamem Trott auf ihren schier endlos langen Beinen dem Grat entlang, der den Wald von der Lichtung trennte. Dann verschwanden sie, wie sie aufgetaucht waren. Die Szene hatte etwa zwei Minuten gedauert. Wenn ich mich an diese Momente in innigster Intimität mit der Natur zurückerinnere, kommen mir die Worte meines Freundes in den Sinn: « Du hast Recht: ‹Deine› Alpen brauchen sich gegenüber anderen nicht zu schämen .» a Alexandre Scheurer, Mar tigny ( ü ) Die winterlichen Höhen von Vevey-Montreux im Abendlicht mit der Region Verraux-La Cape au Moine im Hintergrund. Wer geduldig, diskret und respektvoll auf Tierbeobachtung unterwegs ist, wird in dieser herrlichen Gegend nicht enttäuscht.

Foto: Alexandr e Scheur er

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