Zeit für Behinderte. Pioniergeist am Seil

Pioniergeist am Seil

Der erstmals durchgeführte SAC-Aus-bildungskurs zum Thema « Bergsteigen mit behinderten Menschen » richtete sich an Personen, « die interessiert sind, Anlässe für behinderte Menschen zu organisieren und zu leiten ». Neben dem Aneignen von praktischen Fertigkeiten im Umgang mit Behinderten im Gebirge waren auch Kreativität und ein Stück Pioniergeist gefragt, um Möglichkeiten für die Integration behinderter Menschen in SAC-Aktivitäten zu diskutieren.

Von der Theorie... Eine bunt gemischte Gruppe von 26 Personen traf sich Mitte Juni 2001 auf dem Hasliberg für diesen ersten Ausbildungskurs: 14 Teilnehmer/innen, fünf behinderte Mitglieder des GBZO ( Verein zur Förderung Geistig Behinderter Zürcher Oberland ) mit ihren beiden Begleitpersonen sowie fünf Kursleiter/innen. Gestartet wurde mit einem Theorieblock zu Themen wie Bewegung und Behinderung, Bewegungslernen, Aspekte der Trainingslehre und Behinderungsbilder, immer von konkreten Beispielen begleitet. Eine der Kernaussagen ergab, dass Erfolg im Behindertensport auf dem Zusammenspiel der Voraussetzungen auf Seiten des behinderten Menschen ( z.. " " .B. Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Wahrnehmung, zur Verarbeitung und zur Ausführung ) und den Voraussetzungen auf Seiten des Leiters ( Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Bereichen Beobach-ten/Beurteilen/Beraten ) basiert.

Klettern im Klettergarten Beretli. Eine Kursteilnehmerin verhilft einer geistig Behinderten zu einem Klettererfolg.

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Kä thi Kä gi DIE ALPEN 10/2001

... zur Praxis Für die Umsetzung der Theorie in die Praxis an den beiden folgendenKurstagen wurden drei Teilnehmergruppen gebildet: Eine Gruppe marschierte zusammen mit den behinderten Sportlern zum Klettergarten « Beretli ». Bereits auf dem teils recht schmalen und rutschigen Weg konnten Erfahrungen in der Begleitung blinder oder geistig behinderter Menschen in weglosem Gelände gesammelt werden. Im Klettergarten hatten dann die Kursteilnehmer unter Anleitung eines erfahrenen Führers einen Kletter-halbtag mit Behinderten zu gestalten. Das Ziel war, den individuellen Möglichkeiten und Bedürfnissen des behinderten Menschen angepasste Routen « zur erfolgreichen Begehung » einzurichten. Entsprechend vielfältig war die « Art der Begehung ». Die einen vergnügten sich in Routen, die dank einem Zwischenstand ein schnelleres Erreichen des gesteckten Ziels ermöglichten; andere versuchten sich top-rope-gesichert in echten « Crack-Routen »; einige kletterten völlig selbstständig, und andere waren froh um Hilfestellungen am Fels. Als Prinzip galt die grösstmögliche Selbstständigkeit unter Wahrung grösstmöglicher Sicherheit. Und wie auch immer die anvisierte Route begangen wurde, die Freude der behinderten und nichtbehin-derten Beteiligten war zu hören und zu sehen!

Ein anderes Thema war den Techniken beim Bergsteigen mit sehbehinderten und blinden Menschen gewidmet. Dabei ging es um Möglichkeiten zur Selbsterfahrung und um Führungstechniken in unterschiedlichen Geländearten.

Die dritte Gruppe beschäftigte sich schwerpunktmässig mit dem Thema Seiltechnik. Beispielsweise galt es, einen blinden Menschen sicher auf einen Felsvorbau, einschliesslich einer zwei Meter hohen Felsplatte hinauf- und wieder hinunterzubringen.

Grundsätzliches nicht ausklammern Da dieser Ausbildungskurs zum ersten Mal durchgeführt wurde, ging es neben der praktischen und theoretischen Wissensvermittlung zum Bergsteigen mit behinderten Menschen auch um Grundsätzliches: Welche Möglichkeiten gibt es, um behinderte Menschen in SAC-Aktivi-täten zu integrieren? Wo liegen die Schwierigkeiten bzw. welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden? Eine der grössten Schwierigkeiten für diese Integration scheinen Hemmungen und Ängste im Umgang mit behinderten Menschen zu sein. Begreiflicherweise zeigten sich die Tourenleiter eher skeptisch gegenüber der Vorstellung, zusätzliche Verantwortung für einen behinderten Teilnehmer übernehmen zu müssen.

Eine der Voraussetzungen für eine Integration ist die Entlastung des Tourenleiters von dieser Verantwortung, indem für behinderte Teilnehmer zusätzliche Begleitung vorhanden ist. Dies gewährleistet auch die Betreuung bei einem unvorhergesehenen Zwischenfall und einem allfälligen Umkehren, was sich so auf das Vorhaben der Gruppe nicht störend auswirkt. Damit diese klare Aufgaben- und Verantwortungstei-lung erfolgreich verläuft, ist nicht nur eine gut funktionierende Kommunikation zwischen Tourenleiter und zusätzlicher Begleitperson erforderlich, sondern auch ein der Situation angepasstes alpintechnisches Können dieser Begleitperson. Dass zwischen dem behinderten Sportler und der Begleitperson ein Vertrauensverhältnis herrschen muss, ist selbstverständlich.

Die Frage, ob eine solche Integration den Bedürfnissen behinderter Menschen überhaupt entspricht, wurde differenziert beantwortet. Erste Bergkontakte und Erlangen alpintechnischer Fähigkeiten sollten in einem geschützten Rahmen wie beispielsweise in einem Behin-dertenlager erfolgen. Danach sind jedoch viele behinderte Bergsportler an einer Ausübung der erworbenen Fertigkeiten innerhalb von Sektionsaktivitäten interessiert.

Ausblick Die Umsetzung der Integration behinderter Menschen in Aktivitäten des SAC ist ein längerfristiges Projekt, das nicht nur viel Zeit benötigen wird, sondern bei dessen Umsetzung auch zahlreiche Hindernisse überwunden werden müssen. Eine « schrittweise Integration » scheint richtig zu sein. So stellt dieser dreitägige Ausbildungskurs den Anfang einer Entwicklung dar, die mit Interesse verfolgt werden darf. Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt ist der nächste Ausbildungskurs « Bergsteigen mit behinderten Menschen » im Juni 2002. a

Daniela Wyss, Bern Für behinderte Menschen ermöglicht Klettern ganz spezielle Erfolgserlebnisse; Klettern im Top-Rope, Kletterhalle Meiringen.

Was es heisst, sehbehindert zu sein, erlebt ein Kursteilnehmer mit der Simulationsseh-brille; geführt wird er von einer Kursteilnehmerin.

DIE ALPEN 10/2001

m Ende unserer Kletterei über die « Nose » war unser Getränkevorrat nicht erschöpft: Bei den windgepeitschten Bäumen auf dem Gipfelfeld des El Capitan deponierten wir zehn Liter Trinkwasser, jeder schlürfte noch ein bis zwei Dosen Bier, und die letzten drei öffneten wir erst, als wir die Haulbags beim Auto leerten. Eine zweieinhalbtägige « Luxusreise » war es gewesen für Bernhard und mich: Röbi war jeden der 1200 m in den Himmel hinauf vorausgeklettert und hatte an den Standplätzen die Seile an zumindest zwei Bohrhaken fixiert. Wir brauchten nur noch unsere Jümars einzuhängen. Gägi war für die Sicherheit verantwortlich, und der Steck hisste wie ein Wirbelwind die Haulbags nach oben. Bernhard war zumindest noch für das Clea-ning zuständig und hatte all die Friends und Nuts zu entfernen, während ich, der Besenwagen, nur noch auszuhängen und einzusammeln hatte, was auch immer zurückgeblieben war. Ich war ein Tourist, für den Experten sorgten und Profis den Weg bereiteten. Einzig das Fehlen eines nachfolgenden Sherpas, der mich nötigenfalls noch gestossen hätte, unterschied meine Reise von jener gewisser amerikanischer « Everest-Bezwinger ». So gewaltig der Abgrund auch war, immer blieben wir mit der Erde verbunden, mit den Touristen am Boden des Valley, die uns mit ihren Fernrohren verfolgten. Trotzdem war es herrlich gewesen.

T E X T Oswald Oelz, Zürich

F O T O S Robert Bösch, Oberägeri

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BIGWALL IM

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