Zum Bergsteigen geboren Jean Troillet feiert 50 Jahre Bergsteigen

Jean Troillet hat auf zehn Achttausendern gestanden. Darunter waren Besteigungen von historischer Bedeutung. Wegen eines Schlaganfalls muss er heute auf grosse Höhen verzichten, nicht aber aufs Bergsteigen. Im August wird er am Festival des alpinen Films in Les Diablerets geehrt.

Du hast im September 2011 auf 6000 ­Metern in der Annapurna-Südwand einen Schlaganfall ­erlitten. Wie hast du dieses Ereignis erlebt?

Jean Troillet: Es war die schlimmste Erfahrung in meinem Bergsteigerleben. Danach musste ich die alltäglichsten Dinge neu lernen: Gleichgewicht halten, g­ehen. Ich habe mittlerweile die wichtigsten Fähigkeiten ­wiedergewonnen, aber der Schlaganfall hat mir eine ­Botschaft übermittelt: Es war Zeit, aufs Höhenbergsteigen zu verzichten.

Ist der Verzicht auf Achttausender für dich ein grosser Verlust?

Nein! Wenn ich zurückblicke, empfinde ich ein Gefühl der ­Erfüllung. Ich habe die Gene fürs Höhenbergsteigen von der Natur mitbekommen, ein Geschenk, das ich ausgekostet habe. Ich habe im Himalaya ausserordentliche Momente ­erlebt. Ich bedaure gar nichts. Heute träume ich von neuen Horizonten: Herausforderungen in der Horizontalen, in Arktis und Antarktis.

Immer wieder hoch hinaufzusteigen, war das eine Droge?

Ich mag den Ausdruck nicht. Man besteigt diese Gipfel unter grossem Leiden. Andererseits war ich immer positiv ­eingestellt, zuversichtlich und zufrieden. Es ist ganz einfach: Ich bin auf die Welt gekommen, um auf Berge zu steigen.

Du hattest einige mystische Erlebnisse …

Ich wurde katholisch erzogen. Als Kind ging ich der Mutter ­zuliebe zur Messe. Als ich mit Bergsteigen begann, war ich gläubig, ja religiös. Später studierte ich die Bibel und erkannte, dass zu viele Dinge im Christentum falsch sind. Ich glaubte nicht mehr daran. Manchmal, wie am Everest, spürte ich eine Präsenz. Sie ist nicht erklärbar, und man sollte ihr kein Etikett anhängen.

Du hast viele Bergsteigerkameraden verloren. Hattest du einen Schutzengel?

Ja und nein. Ich bin unter einem guten Stern geboren. Aber Glück erklärt nicht alles. Ich habe die Herausforderungen gut gemeistert. Ich hatte stets Respekt vor dem Berg.

30 Jahre lang Achttausender zu besteigen, ist rekordverdächtig. Was war dein Geheimnis?

Ich habe oft verzichtet! Wenn der Berg nicht will, ist Umkehren das einzig Vernünftige.

Was hast du über dich erfahren?

In den Bergen war ich immer glücklich. Ich habe eine mentale Kraft entwickelt, die mich getragen hat. Wenn ich eine Enttäuschung erlebt hatte oder wütend war, habe ich mich gebremst, um keine Dummheit zu begehen. Ich ging im Wald spazieren, bis zur Erschöpfung, dann war ich beruhigt.

Im Himalaya ist dein Name eng mit Erhard Loretan ­verbunden. In deinen Erzählungen ist Erhard omnipräsent. Was hast du ihm zu verdanken?

Er war ein aussergewöhnlicher Kamerad und ein hochbegabter Bergsteiger. Wir waren sehr gute Kumpel. Wir blieben ­beide lieber im Hintergrund. Wenn wir kletterten, verstanden wir uns, ohne zu sprechen. Aber im Basislager konnten ­wir Blödsinn machen wie kleine Kinder. Wir waren seelenverwandt. Wir interessierten uns nicht für die Normalrouten, wir suchten die grossen Herausforderungen. Die Befriedigung ist so viel tiefer, wenn der Weg schwierig ist.

Reinhold Messner nannte euch beide eine «Ausnahme-Seilschaft». Wer brachte was in diese Gemeinschaft ein?

Als wir uns im Himalaya begegneten, hatte Erhard mehr ­Erfahrung als ich. Ein derart leistungsfähiger Mann hilft dir natürlich. Ich steuerte meine Kraft der Ruhe bei. Wenn einer von uns eine Krise hatte, ging der andere voraus und sicherte. Wir waren solidarisch, aber unsere Seilschaft war frei: Jeder behielt seine Unabhängigkeit. Es gab keinerlei Rivalität, nur gegenseitigen Respekt und eine unerschütterliche Freundschaft.

Am 30. August jährt sich eure Expressbesteigung der ­Everest-Nordwand zum 30. Mal. Ihr habt den Auf- und Abstieg in nur 43 Stunden geschafft. War euch bewusst, dass ihr Geschichte schreibt?

Überhaupt nicht! Wir waren im Basislager und hatten unterschiedliche Pläne. Das Wetter war grauenhaft, und Erhard wollte abreisen. Dann öffnete sich ein Schönwetterfenster, und ich schlug ihm einen gemeinsamen Coup vor, und das hat dann ja bestens funktioniert!

Hast du nach deinem Verzicht aufs Höhenbergsteigen noch grosse Projekte?

Heute ist es die Horizontale, die mich fasziniert. Ich war 2013 und 2014 auf der Baffininsel und in Grönland und erlebte ähnliche Gefühle wie im Himalaya. Ich fühle mich in den immensen Dimensionen der Arktis und Antarktis wohl. Das ist eine andere Art, mich auf etwas einzulassen. Ich bin glücklich in der Begegnung mit dieser wilden Natur, in der du dich ­bewähren musst. Sibirien ist ebenfalls unbekanntes Terrain. Es zu durchstreifen ist einer meiner Träume. Ich bin und ­bleibe ein Abenteurer.

Gibt es heute Exploits, die dich beeindrucken?

Achttausender auf dem Normalweg zu besteigen, ist bekanntlich nicht mein Fall. Aber im Himalaya gibt es junge Kletterer, die in aller Heimlichkeit sehr schwierige Routen eröffnen, nicht unbedingt an Achttausendern. Die imponieren mir.

Ist das Solo von Ueli Steck an der Annapurna-Südwand ein Meisterwerk?

Er sagt, er habe perfekte Verhältnisse gehabt. Er konnte mit Steigeisen und Pickel schnell aufsteigen. Aber die Depression, die ihn danach befiel, das ist ein bisschen seltsam. Wenn wir wieder unten waren, tranken wir ein Glas und stürzten uns ins nächste Projekt. Wir hatten keine Zeit zum Grübeln.

Mit der Ernährung und spezifischen Trainingsmethoden hat Ueli Steck die wissenschaftliche Vorbereitung auf Exploits in den Bergen weit vorangetrieben. Was hältst du davon?

Das war nicht meine Art, ein Projekt anzugehen. Zweifellos versucht Ueli, sich damit abzusichern. Erhard und ich lebten im Moment, der Spass war immer da. Wir hatten kein Geld, um einen Trainer anzustellen, keinen PR-Mann, der unsere Taten promotet. Wir waren niemandem Rechenschaft schuldig. Wir waren frei, das war das Entscheidende.

Ermutigst du jemanden, der Bergführer werden will?

Wenn er überzeugt ist, dass das sein Weg ist, dann unterstütze ich ihn. Aber ich sage ihm die Wahrheit: Es ist ein sehr riskanter Beruf. Viel gefährlicher, als man sich das vorstellt. Wenn du jeden Tag an einen Kunden angeseilt bist, bist du ständig in Gefahr.

Du bist nicht Mitglied des SAC. Hat das mit deiner ­rebellischen Seite zu tun?

Der SAC macht viele gute Sachen. Meine Kinder sind in der Sektion Martigny, sie kommen mit glänzenden Augen von Klettertouren zurück. Das ist grossartig. Mich hat ein ärgerliches Ereignis aus dem SAC vertrieben. 1976 waren wir ein paar junge Bergführer, die eine Expedition nach Patagonien planten. Wir fragten beim SAC um Unterstützung an, man versprach uns 1000 Franken. Aber im Gegenzug hätten wir ohne Entschädigung an drei Wochenenden Gruppen von Clubmitgliedern führen sollen. Wir haben die Rechnung gemacht und herausgefunden, dass wir dabei Geld verloren hätten. Das hat mir nicht gepasst, ich bin ausgetreten. Danach bin ich gereist. Die Erde war zu schön und die Schweiz zu klein.

Film, Festival und ein Buch

Film: Sébastien Devrient, Jean Troillet. Toujours aventurier, Vertiges Prod, 2016. Vorführung und Ehrung am FIFAD am 6. August um 20 Uhr.

Buch: Charlie Buffet und Pierre-Dominique Chardonnens, Jean Troillet. Une vie à 8000 mètres, Editions Guérin, 2016

Das FIFAD

Das Festival du Film Alpin des Diablerets (FIFAD) findet dieses Jahr vom 6. bis 13. August 2016 statt. Jean Troillet wird am Sonntag Gast sein. Neben den Wettbewerbsfilmen werden Filme gezeigt, die das Publikum zum Miterleben mit namhaften Protagonisten einladen: Mit dem Walliser Freerider Jérémie Heitz, einem Extremskifahrer, in seinem ersten Film über die steilsten Hänge abfahren. Oder nach Spitzbergen in Begleitung von Journalisten von «24 heures». Der SAC, Partner des Festivals, wird in Les Diablerets mit zwei Preisen präsent sein ... und einer Handvoll Jugendlicher aus Westschweizer Sektionen, die zum Tradition gewordenen ­JO-Wochenende ans Festival eingeladen wurden.

Das vollständige Programm auf www.fifad.ch

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