Zur Geschichte der Schweizer Seilbahnen. Pioniergeist als Triebfeder

Zur Geschichte der Schweizer Seilbahnen

1866 nahm in der Schweiz die erste Seilbahn ihren Betrieb auf – heute sind es 1783 Anlagen. Der stetig wachsende Tourismus fand seinen Niederschlag im Seilbahnbau, dessen Innovationen phasenmässig vor sich gingen.

1866 nahm nicht etwa in den Bergen die erste öffentliche Seilschwebebahn der Welt den Betrieb auf, sondern am Rheinfall bei Schaffhausen: Die von Johann Jakob Rieter konstruierte Anlage, durch Handwinden angetrieben, wurde von den Turbinenwärtern als Transportmittel über den Rhein zum Arbeitsplatz benutzt. Neben dem alpinen Pioniergeist der Engländer trug der Eisenbahnbau einen wesentlichen Teil zur Erschliessung der Alpen bei. Und dabei kam sowohl vonseiten des Fremdenverkehrs als auch von den Ingenieuren der Wunsch auf, grosse Höhenunterschiede nicht mehr nur auf den Rücken von Maultieren oder auf den Schultern von Sänftenträgern zu überwinden.

Zuerst Standseilbahnen

Die erste Standseilbahn in der Schweiz wurde 1877 zwischen Lausanne und Ouchy eröffnet: 1485 m lang, Normal-spur, vom Luzerner Theodor Bell erbaut. Heute ist diese Bahn eine Zahnradbahn. Nur zwei Jahre später wurde die erste rein touristische Seilbahn der Welt in Betrieb genommen, und zwar vom Brienzersee zum Hotel Giessbach hinauf. Ein wichtiges technisches Detail waren die noch heute üblichen Ausweichstellen für die beiden im Pendelbetrieb fahrenden Seilbahnwagen. Als Antrieb diente Was-serballast und als Bremsen eine Zahn-radbremse. Insgesamt wurden in der Schweiz 15 Wasserübergewicht-Bahnen gebaut. Noch heute fährt die Standseilbahn in der Stadt Freiburg, Neuveville– St.. " " .Pierre, mit demselben Prinzip. Die Giessbachbahn hingegen wurde 1948 auf elektrischen Antrieb umgerüstet. 1888 wurde mit der Bürgenstock-bahn die erste elektrisch angetriebene Standseilbahn und damit ein regelrechter Standseilbahnboom eröffnet: Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden insgesamt 45 neue Anlagen.

Neu durch die Luft

Bereits 1904 lag ein Projekt vor, den Gipfel des Wetterhorns bei Grindelwald mit einer « Schwebeseilbahn » in vier Sektionen zu erschliessen. Hinter diesem Unterfangen stand der ehemalige Regierungs-baumeister Feldmann aus Köln. Nach der Konzessionserteilung begann man noch im gleichen Jahr mit dem Bau der ersten Sektion und führte im Herbst 1907 die ersten Fahrten und Bremspro-ben durch. 1908 wurde der Wetterhorn-aufzug für die öffentliche Benutzung freigegeben. Das Gesamtprojekt war aber in jeder Beziehung zu ehrgeizig, sodass ein Weiterausbau der Anlage nicht in Frage kam. Als nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch noch die Gäste ausblieben, musste 1915 auch der Betrieb des Wetterhornaufzugs eingestellt werden. Die Fahrten wurden nie mehr aufgenommen, und 1934 wurde die Anlage demontiert. Heute kann auf dem Weg zur Glecksteinhütte SAC die kürzlich renovierte Bergstation und im Verkehrshaus in Luzern eine der beiden Kabinen bewundert werden.

1927 wurde die erste erfolgreiche Luftseilbahn eröffnet, und zwar zwischen Gerschnialp und Trübsee bei Engelberg. Sie wurde mehrmals umgebaut, Die erste rein touristische Standseilbahn wurde 1879 eröffnet und führt noch heute vom Brienzersee zum Hotel Giessbach hinauf. 1904 lag das sehr ehrgeizige Projekt vor, das Wetterhorn bei Grindelwald, 3701 m, mit einer « Schwebeseilbahn » in vier Sektionen zu erschliessen. 1908 wurde die erste – und einzige realisierteSektion des « Wet-terhornaufzugs » für die öffentliche Benutzung freigegeben, dessen Betrieb 1915 eingestellt werden musste.

Fotos: Ar chiv Maurhofer/Seilbahnen Schw eiz 1959 durch eine parallele Luftseilbahn entlastet und 1984 schliesslich durch eine Sechser-Gondelbahn ersetzt. Superlative zeichneten die 1934 eröffnete Säntisbahn aus: Nicht nur war es die damals wohl kühnste Luftseilbahn, sondern besass mit ihren 2747 m auch die in der Schweiz höchstgelegene Bergstation. Zu den ersten Erschliessungsbahnen, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, ist die Luftseilbahn von Riddes nach Isérables zu zählen. Sie verband das bis dahin nur mühsam über einen Maultierpfad erreichbare Bergdorf Isérables mit dem Rhonetal.

Skiboom fördert Seilbahnbau

Zu Beginn der Dreissigerjahre löste der Skiboom in den Alpen den Bau von neuen Bahnen aus. 1930 nahm die Corviglia-bahn in St. Moritz, eine Standseilbahn, ihren Betrieb speziell für die Skifahrer auf. Zwei Jahre später transportierte die über vier Kilometer lange Parsennbahn die ersten Skisportler. Bereits in ihrer Anfangszeit erlebte diese Bahn einen derartigen Ansturm, dass ihre Förderka-pazität verdoppelt werden musste. 1934 wurde mit der Iltiois–Unterwasser-Bahn im Toggenburg eine der letzten, rein auf den Wintersport zugeschnittenen Standseilbahnen in Betrieb genommen. Damit endete in der Schweiz die Ära der Standseilbahnen, die 56 Anlagen umfasste. Ein hochmodernes Revival erlebten diese Standseilbahnen in den letzten Jahren mit der Metro Alpin auf Mittelallalin in Saas Fee und der Sunneggabahn in Zermatt. Ihr Vorteil gegenüber Luftseilbahnen sind die Windunempfindlichkeit und die hohen Fahrgeschwindigkeiten von gegen 50 km/h.

Der erste Skilift

Am 24. Dezember 1934 wurde in Davos auf dem Übungsgelände Bolgen der weltweit erste Bügelskilift im heutigen Sinn eröffnet. Nach ersten Versuchen mit einem einfachen Bügel konstruierten die beiden Erfinder Constam und Ettinger den noch heute gebräuchlichen Doppel-bügel – damals « Sie-und-Er-Bügel » genannt. Dieser Bolgen-Skilift stand 37 Jahre im Einsatz, bevor er in den frühen Siebzigerjahren durch eine neue Anlage ersetzt wurde. Der Bolgen-Lift war 270 m lang und überwand eine Höhendifferenz von 50 m. Der ein Jahr später erbaute Suvretta-Lift in St. Moritz brachte es bereits auf eine Länge von 800 m und hatte Stahlstützen. Neben den Skiliften entwickelten fin-dige Köpfe das « Funi ». Dieses ab den Dreissigerjahren in Mode gekommene Beförderungsmittel für Skifahrer bestand aus zwei lenkbaren Schlitten, die mit einem Zugseil so verbunden waren, dass ein Schlitten bergwärts und einer talwärts fuhr. Die Funis boten für ca. 50 Personen Platz und waren in Grindelwald und Saanenmöser noch bis Ende der Achtzigerjahre in Betrieb.

In Zermatt und Engelberg wurden Bügellifte im Sommer so umfunktioniert, dass sie von Wanderern als Gehhil-fen benutzt werden konnten. Wesentlich eleganter waren einsitzige Sessel, die fix an die Seile geklemmt waren. Allerdings fuhren diese Bahnen mit bloss 1,2 m/Sek. mehr als gemächlich.

Sesselbahnen setzen sich durch

Besonders die Bahnbetreiber in Engelberg am Jochpass sahen nicht ein, wieso sie die bequemen und viel gerühmten Sessel nicht auch im Winter einsetzen sollten. So nahm im Juli 1944 am Jochpass die erste Sesselbahn Europas den Betrieb auf. Am Jochpasslift standen im Jahre 1945 versuchsweise noch zwei überdachte Stehkabinen für den Schlecht-wetterbetrieb zur Verfügung. In der Folge löste eine Seilbahninno-vation die andere ab: In Flims kam im Dezember 1945 die erste kuppelbareEinige Begriffe aus der Welt der Seilbahnen Seilschwebebahn, Luftseilbahn, Pendel-bahn: Seilbahn mit einer oder zwei grossen Kabinen, die zwischen der Tal- und der Bergstation hin- und herpendeln Gondelbahn: am Seil befestigte Gondeln, die im Umlauf fahren Kuppelbare Sesselbahn: Sesselbahn, deren Sessel bei den Stationen vom Seil losgekuppelt werden Standseilbahn: auf Schienen laufende und mit einem Seil gezogene Wagen Aufzug: veralteter Ausdruck für eine Seilbahn, Beispiel Wetterhornaufzug. Mit Aufzug wird heute ein Lift bezeichnet « Funi »: « Schlittenseilbahn » mit zwei Schlitten, die im Pendelverfahren verkehren Gehhilfen: Bügellift, der den Aufstieg im Sommer erleichtert Die erste erfolgreiche Luftseilbahn verkehrte ab 1927 zwischen Gerschnialp und Trübsee bei Engelberg. Werbung für die Standseilbahn aufs Stanserhorn Sesselbahn in Betrieb, und zwei Jahre später wurde von Grindelwald auf die First mit einer Länge von 4,3 km die längste Sesselbahn eröffnet. Markenzeichen dieser Sesselbahnen war die Anordnung der Sitze, die den Blick quer zur Fahrtrichtung ermöglichte. Diese nostalgischen Sesselbahnen fahren noch heute am Oeschinensee in Kandersteg und am Weissenstein bei Solothurn.

Gondeln als Schutz vor Wind und Wetter

Einen weiteren Meilenstein in der Schweizer Seilbahngeschichte bildete 1950 der Bau der ersten Gondelbahn von Crans-sur-Sierre nach Cry d' Er. Die Bahn war 3,3 km lang, bestand aus 48 Vierer-Kabinen und zeichnete sich durch eine hohe Windstabilität und für die damalige Zeit hohe Förderleistungen aus. Aus der Ära der Gondelbahnen zu erwähnen ist die 1954 in Saas Fee gebaute Zweiseil-Gruppenumlaufbahn mit 16, auf dem gesamten Bahnumfang gleichmässig verteilten Kabinengruppen zu je zwei Vierer-Kabinen. Erreichte eine Kabinen-gruppe auf ihrem Weg nach Spielboden eine Station, musste zum Ein- und Aussteigen die gesamte Bahn angehalten werden. Mit 5 km Länge und 163 Zweier-Kabinen entstand 1957 die längste Gondelbahn von Zweisimmen auf den Rinderberg, die nach knapp 30 Jahren durch eine moderne Sechser-Gondelbahn ersetzt wurde. Anfang Juli 1899 war die Standseilbahn auf den Berner Hausberg, den Gurten, fertig erstellt. Sie konnte aber ihren Betrieb wegen fehlender Energie erst am 12. September 1899 aufnehmen. 100 Jahre später gabs eine neue Gurtenbahn.

In den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts entstanden die ersten Bügelskilifte. Die gebräuchlichen Doppelbügel nannte man damals « Sie-und-Er-Bügel ». Im Bild das Trassee des Titlis-Bügelskilifts.

Ab 1944 wurden die viel gerühmten Sesselbahnen auch für den Wintersport eingesetzt. Nur drei Jahre später wurde von Grindelwald auf die First mit einer Länge von 4,3 km die längste Sesselbahn eröffnet. Im Bild Sessellift Engstlensee Fotos: Ar chiv Maurhofer/Seilbahnen Schw eiz Gruppenumlaufbahn am Schwarzsee Gondelbahnen, die in der Schweiz ab 1950 gebaut wurden, versprachen Schutz vor Wind und Wetter. Gondelbahn Lenk–Betelberg Pendelbahnen wurden nach 1945 stetig gefördert und brachen einen Höhenrekord nach dem andern. Im Bild Glacier 3000 Gletscher gebaut wurde. Ausserdem ist sie die längste Glet-schersesselbahn Europas. Die Furggsattel-Gletscherbahn in Zermatt ist die erste Sesselbahn, die auf einem Schweizer

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Höhenrekordjagd der Pendelbahnen

Nicht nur der Bau von Gondelbahnen, sondern auch jener von grossen Pendel-bahnen wurde nach 1945 stetig vorangetrieben. Der Bergstation-Höhenrekord der Säntisbahn wurde 1955 mit dem Bau der Pendelbahn Corviglia–Piz Nair auf den 3057 m hohen Gipfel gebrochen. Damals hatten die Ingenieure zum ersten Mal mit Permafrostproblemen zu kämpfen. Bereits zwei Jahre später stellte die Pendelbahn Gornergrat–Hohtälli–Stock-horn, 3413 m, einen neuen Höhenrekord auf. Die höchste Pendelbahn aber verkehrt seit 1979 aufs 3820 m hohe Kleine Matterhorn.

Futuristisch wirkte die 1958 eröffnete Pendelbahn Brusino Arsizio–Serpiano im Tessin: Von der Bezahlung beim Münzautomat über das Abzählen der Passagiere bis zur Türschliessung und Fahrt verlief von Anfang an alles vollau-tomatisch.

Landschaftsschutz versus Bahn-boom

Die letzten Neuerschliessungen von Wintersportgebieten durch Seilbahnen fanden 1978 in Samnaun, 1979 in Saas Grund und 1981 in Evolène statt. Danach schränkte das Tourismuskonzept des Bundes und die damit verbundene neue Konzessionspolitik die touristische Entwicklung ein. Neue Transportanlagen im Berggebiet werden seither nur noch mit grosser Zurückhaltung bewilligt. Die Seilbahntechnik konzentrierte sich in der Folge auf Sicherheit und neue Technologien. So entstanden 1978 in Samnaun doppelstöckige Kabinen mit einem Fassungsvermögen von 180 Personen, 1981 in Saas Fee die grösste kuppelbare Umlaufbahn, 1992 am Titlis die ersten drehbaren Seilbahnkabinen und 1994 in Verbier eine Umlaufbahn mit Kabinen, die an zwei parallel laufenden Förderseilen angeklemmt werden, und im Sommer 2005 die Sattel–Hochstuckli-Gondel-bahn mit drehbaren Gondeln. Heute verkehren in der Schweiz 124 Gondel-, 214 Pendel-, 59 Standseil- und 314 Sesselbahnen sowie 1072 Skilifte. Alle Bahnen zusammen überwinden eine Strecke von 1950 Kilometern und eine Höhendifferenz von 600 Kilome-tern. a Felix Maurhofer, Bern 1992 wurden am Titlis die ersten drehbaren Seilbahnkabinen, die sog. Rotair-Luftseilbahnkabi-nen, installiert, die während der Fahrt einen 360°-Blick auf Gletscherspalten und Firnzacken ermöglichen. Foto: Ar chiv Maurhofer/Seilbahnen Schw eiz Ackermann Ewald, Wandfluh Albrecht

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