Zwei aktuelle, nicht ganz normale Seilrisse

Heutige Seile können nur noch reissen, wenn sie bei Sturzbelastung auf einer Felskante aufliegen. Das Seil wird dann nicht nur durch Zugbelastung beansprucht, sondern auch noch auf Biegung und Abscherung. Dabei kann das Seil, wenn die Kante etwas schärfer oder die Sturzbelastung etwas grosser ist, regelrecht abgeschert werden. Auf andere Weise kann ein Seil nicht mehr reissen. Auch ein älteres, häufig gebrauchtes Seil nicht. Es kann weder im Anseilknoten, noch im Karabiner der Zwischensicherung, noch in der Kameradensicherung reissen, sei es die HMS ( VP ), der Achter oder was auch immer. Dies gilt inzwischen als Stand der Technik. Da bekam der Sicherheitskreis innerhalb kurzer Zeit zwei Seile zugesandt, die bei minimaler Belastung gerissen sind. Bei einer Belastung, bei der nicht einmal ein « uralter Strick » hätte reissen dürfen. Beide Seilrisse wurden untersucht.

Die beiden Seilrisse Der eine Seilriss ereignete sich während einer Rettungsübung. Ein fiktiver Verletzter wurde in einer Gebirgstrage, die von vier fiktiven Rettern stabilisiert wurde, über eine Schutthalde abgelassen. Dabei riss das Einfachseil. Der zweite Seilriss trat ebenfalls an einem Einfachseil auf, das aber als Seilbrücke verwendet wurde. Kinder sollten das Vergnügen erleben, am Seil über eine Schlucht hinüberzurutschen. Glücklicherweise machte der Vater dies zunächst vor. Dabei riss das Seil. Der Vater zog sich « nur » einen Beinbruch zu. Der Seilriss bei der Rettungsübung endete noch glimpflicher. Die Belastung lag in beiden Fällen in einer derart niedrigen Grössenordnung, dass ein Seilriss eigentlich nicht vorstellbar ist. Wie konnte es trotzdem zu den beiden Seilrissen kommen?

Zustand der beiden Seile Der Sicherheitskreis bekam beide Seile zugesandt. Wir konnten feststellen, dass beide Seile einen sehr wenig gebrauchten Eindruck machten. Das Alter der Seile konnte ermittelt werden: Das Seil, das bei der Rettungsübung verwendet wurde, war acht Jahre alt, das als Seilbrücke verwendete sieben Jahre. Auf das Alter und auf den zuvor erfolgten, geringen Gebrauch konnten die Seilrisse nicht zurückgeführt werden. Auch ein zwanzig Jahre altes, häufig gebrauchtes Seil hätte diesen geringen Belastungen noch ohne weiteres standhalten müssen.

Bruchbelastung der beiden Seile Beim Ablassen von fünf Personen und einer Gebirgstrage über eine Schutthalde ( Neigung etwa 30-35° ) und bei Belastung eines Seiles als Seilbrücke können höchstens Kräfte in der Grössenordnung von 3,5 kN ( ca. 350 kp ) auftreten. Einfachseile besitzen, auch wenn schon gebraucht, noch eine statische Bruchkraft vom Dreifachen dessen, was an Bruchbelastung maximal aufgetreten ist. Wie kann es da zu einem Seilriss kommen?

Auffallend war, dass beide Seilrisse am « freien » Seil aufgetreten sind, also nicht etwa im Knoten oder an irgendeiner Kante, wo ein Seil zunächst einmal reissen kann, weil zur reinen Zugbelastung noch Druck-, Biege- und Scherbelastung hinzukommen. Dies deutete darauf hin, dass beide Seile an der Bruchstelle durch irgend etwas vorgeschädigt gewesen sein müssen.

Untersuchung und Ergebnis Um den Grad der Festigkeitsmin-derung ( richtig: Minderung des Kantenarbeitsvermögens ) beider Seile zu ermitteln, sandten wir von jedem Seil Proben, die auf beiden Seiten der Rissstelle entnommen wurden, an die Universität Stuttgart zur Normprüfung ( DIN, UIAA, EN; in Deutschland ist nur die genannte Universität für amtliche Seilprüfungen zugelassen ). Die Ergebnisse waren verblüffend: - Seil, das bei der Rettungsübung verwendet wurde ( acht Jahre alt ): vier Proben mit je drei bis fünf ausgehaltenen Normstürzen, Fang-stosskraft zwischen 8,8 und 9,0 kN ( ca.880 und 900 kp ) beim ersten Fallversuch.

1 Dieser Beitrag des Leiters des DAV-Sicher-heitskreises wurde publiziert in Deutscher Alpenverein Mitteilungen/Jugend am Berg, 48. Jg., Heft 2/96 ( April ). Wir danken dem DAV und dem Autor Pit Schubert für die Abdruckbewilligung und das Bildmaterial.

Die Rissstelle des Seiles von der Rettungsübung - Brückenseil ( sieben Jahre alt ): zwei Proben, beide hielten keinem einzigen Normsturz stand, Bruchkraft zwischen 2,75 und 4,25 kN ( ca.275 und 425 kp ). Diese Ergebnisse waren zunächst einmal unerklärlich. Ein Seil, das drei bis fünf Normstürzen standhält, kann bei einer quasistatischen Belastung, wie sie bei der geschilderten Rettungsübung an einer Schutthalde auftritt ( Grössenordnung 3,5 kN, ca. 350 kp ) nicht reissen. Dies ist absolut unmöglich. Und ein gebrauchtes Seil ( Brückenseil ) muss, auch wenn es bereits sieben Jahre alt ist, normalerweise noch mindestens einen Normsturz halten und kann nicht beim ersten Fallversuch mit einer Bruchkraft von nur 2,75 bis 4,25 kN ( ca. 275-425 kp ) reissen. Die Verwirrung war komplett.

Dankenswerterweise bot sich durch die Vermittlung der Bayerischen Polizeibergführer das Bayerische Landeskriminalamt in München für eine Infrarotspektografie-Untersu-chung der Rissstellen an. Auch die Polizeibergführer haben Interesse an der Aufklärung von Seilrissen ( denn Die Rissstelle des Brücken-seiles auch sie müssen Seile verwenden, wenn zum Beispiel eine polizeiliche Unfallaufnahme im Steilgelände notwendig wird ). Was fanden die Krimi-nalbeamten heraus? Einfluss von Schwefelsäure ( 2 SO4 ). Schwefelsäure schädigt Polyamid, « den Stoff, aus dem die Seile sind ». Schwefelsäure kommt in der Autobatterie vor.

Ob die Seile nun mit Autobatterieflüssigkeit in Berührung gekommen sind, konnte ebenso wenig geklärt werden wie die Frage, wodurch der Einfluss von Schwefelsäure sonst erfolgt sein könnte.

Nach den Ergebnissen der Fallprü-fung dürfte das Seil, das bei der Rettungsübung verwendet wurde, offensichtlich nur an der Rissstelle durch Schwefelsäure geschädigt gewesen sein, während das Brückenseil auch an den beiden Seilproben, die auf der Fallprüfanlage belastet wurden, dem Einfluss von Schwefelsäure ausgesetzt gewesen sein muss.

Die Besitzer beider Seile können sich nicht vorstellen, wie ihre Seile mit Schwefelsäure in Berührung gekommen sein könnten. Das Brückenseil lag längere Zeit auf einem Dachbo- den, der während dieser Zeit abgedichtet wurde; möglicherweise haben Lösungsmittel oder andere chemische Substanzen, die zur Abdichtung Verwendung fanden, bzw. deren Dämpfe die Schädigung des Polyamids verursacht.

Wären die beiden Seile beim Klettern durch einen Sturz belastet worden, hätte dies mit grosser Wahrscheinlichkeit ernstere Folgen gehabt.

Dies gilt natürlich für die gesamte Ausrüstung aus Polyamid wie Reepschnüre, Bänder, Expressschlingen und Anseilgurte.

Schlussfolgerungen Man soll mit seinen Seilen möglichst sorgsam umgehen! Man soll die Seile nicht mit Säuren, nicht mit Laugen und auch nicht mit deren Dämpfen in Verbindung bringen. Und man soll seine Seile nicht aus den Händen geben ( auch der beste Freund kann die Seile ganz unabsichtlich, aus Versehen, mit Chemikalien in Berührung bringen und dadurch schädigen ). Bei einer Schwefel-säurekonzentration, wie sie in der Autobatterie auftritt, ist die Schädigung nicht sichtbar.

Belastung des Seiles bei der Rettungsübung c I Schon einmal passiert Bereits 1988 hat sich ein Seilriss, verursacht durch Schwefelsäure, ereignet. Es war der erste, der bekannt wurde. Das Seil ist beim Abseilen im Botzong-Kamin ( Wilder Kaiser ) gerissen. Der Abgestürzte konnte, wenn auch schwerverletzt, überleben. Die Belastung beim Abseilen liegt pro Seilstrang in der Grössenordnung von nur 1 kN ( ca. 100 kp ). Bei einer derart geringen Belastung kann ein Seil normalerweise nicht reissen. Auch ein ( wie in diesem Fall ) vierzehn Jahre altes, stark gebrauchtes Seil nicht. Auch dieses Unfallseil konnte vom Bayerischen Landeskriminalamt in München untersucht werden, das den Einfluss von Schwefelsäure nachgewiesen hat.2 Wäre einer der beiden Kletterer im Aufstieg über die Predigtstuhl-Nordkante gestürzt, das Seil wäre gerissen wie ein Bindfaden, denn es war an vielen Stellen mit der Schwefelsäure in Berührung gekommen. Das Seil war regelrecht perforiert.

Pit Schubert, D-MünchenNäheres zum Seilriss im Botzong-Kamin im Jubiläumsband des Sicherheitskreises, Sicherheit und Risiko in Fels und Eis, Seite 66-71, herausgegeben vom DAV, erschienen beim Bergverlag Rother, 3. Auflage, München 1995

Schutz der Gebirgswelt

La difesa dell'ambiente

Protection e la montagne

gestiftet und honoriert in Zusammenarbeit mit dem DAV dieses Jahr erstmals auch länderübergreifend Personen oder Gruppen, die sich in vorbildlicher Weise um den Schutz der Bergwelt verdient gemacht haben.

Eingehen auf die alpine Kultur Wie der Preisträger Gion A. Caminada in einem Interview feststellte, muss der Architekt, der sich mit Projekten der Dorfentwicklung und des landwirtschaftlichen Hochbaus befasst, mit der jeweiligen Kultur vertraut sein. Die Analyse des Ortes ist deshalb genauso wichtig wie das Erkennen der sozialen Zusammenhänge. Es muss also intensiv erlebt werden, bevor man überhaupt den ersten Strich macht. Entsprechend versteht Gion A. Caminada sein Tun als Ergebnis eines Dialogs, an dem alle Einwohner beteiligt sind, um optimale Lösungen für die gleichran-gige Bedeutung ökonomischer, ökologischer und kultureller Aspekte zu finden. Dabei erfordert das hier gleichzeitig angelegte Spannungsverhältnis zwischen Alt und Neu, schlechte Substanz sinnvoll zu ersetzen, d.h. Gebäude nicht einzig aufgrund ihres Alters erhalten oder kopieren zu wollen.

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