Zwischen Marathon und Wandern Boomsport Trailrunning

Grosse Distanzen, viele Höhenmeter, Renntempo: Das ist Trailrunning. Die Zahl der Fans dieser neuen Sportart explodiert geradezu. Ob Liebe zur Natur oder Suche nach der extremen Leistung: Die Motive sind unterschiedlich.

«Als wir Sierre-Zinal 1974 erstmals durchführten, sagte man uns, dieser Wettkampf sei unmenschlich», erinnert sich Jean-Claude Pont lachend. Mit einer Länge von 31 Kilometern und einer Höhendifferenz von 2200 Metern ist der legendäre Berglauf im Val d’Anniviers kaum mehr als ein Kurzspaziergang, verglichen mit Veranstaltungen wie dem Trail Verbier St-Bernard (111 km/8400 m) oder dem Ultra-Trail du Mont-Blanc (168 km/9600 m). Und obschon Sierre-Zinal weiterhin jährlich einige Tausend Fans anzieht, die ehrgeizigsten Jogging- und Bergliebhaber wenden sich zunehmend dem noch anspruchsvolleren Trailrunning zu.

Selbstversorgend in der Natur

Über die Ursprünge der Sportart sind sich die Experten uneinig. «Wenn der Berglauf als Ableger seines Verwandten, des Strassenlaufs, zu betrachten ist, dann ist der Traillauf ein Ableger des Berglaufs, einfach deutlich länger und mit mehr Höhendifferenz sowie eigener Verpflegung aus dem Rucksack», versucht sich der Gründer von Sierre-Zinal mit einer Definition. Der Gedanke der teilweisen Selbstversorgung wird am häufigsten vorgebracht, wenn man Teilnehmer und Organisatoren von Trailläufen darum bittet, die wichtigsten Merkmale aufzuzählen.

Daneben erwähnen viele ganz einfach die Tatsache, dass man «auf Wegen ohne Asphalt läuft», während andere der Meinung sind, man könne erst von einem Trail reden, wenn die Route über 42 Kilometer lang ist und eine rechte Dosis Höhendifferenz hinauf und hinunter aufweist. Die im Juli 2013 gegründete International Trail Running Association (ITRA) ihrerseits definiert den Traillauf als einen Wettbewerb für alle, der zu Fuss in einem natürlichen Umfeld mit einem Minimum an geteerten Strassen und idealerweise mit Selbstversorgung stattfindet.

Boom in Europa

Einig ist man sich darüber, dass Trailrunning sowohl in der Schweiz wie in den benachbarten Ländern boomt. Weil es keinen nationalen Verband gibt, ist es aber schwierig, die Zahl der Läufer in der Schweiz zu beziffern. In Frankreich, wo der Sport den grössten Zulauf hat, spricht man von einer halben Million Läufer. Das Marktforschungsinstitut NPD ermittelte 2010 ein jährliches Wachstum des Verkaufs von Ausrüstung fürs Traillaufen von 15%, verglichen mit 3% bei traditionellem Laufmaterial.

Ob in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz, die Zahl der Läuferinnen und Läufer nimmt überall sprunghaft zu, ohne dass dabei in anderen Disziplinen die Zahlen zurückgehen. Catherine Poletti, Rennleiterin des Ultra-Trail du Mont-Blanc, bestätigt: «Bei der ersten Austragung 2003 waren 700 Läuferinnen und Läufer am Start. Im Jahr darauf waren es 1400, und 2014 hatten wir 7500 Anmeldungen.» Erwähnt sei, dass die letzte Zahl neben den Läufern der Königsstrecke von 168 Kilometern auch diejenigen enthält, die an den vier zusätzlichen, später ins Programm aufgenommenen Rennen teilgenommen haben.

Die Ausrüster bringen sich in Stellung

Sich in schnellem Tempo in den Bergen zu bewegen, ist an sich nichts Neues. Auf den Britischen Inseln wurden schon im 19. Jahrhundert Rennen in den Hügeln organisiert, und in unseren Gefilden wetteifern schon seit Jahrzehnten Bergsteiger mit der Uhr in der Hand. Es brauchte nur noch den Joggingboom der 1990er-Jahre, damit sich das Trailrunning zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickelte. Eine neue Ära wurde zehn Jahre später eingeläutet, als die Rennorganisatoren begannen, neue Distanzen anzubieten, und dabei den Weg freimachten für jene Sportler, die sich nicht in der Lage fühlten, 80, 100 oder gar 300 Kilometer zu laufen. Nebeneffekt dieses Erfolgs: Die Ausrüster haben den Braten gerochen und den Markt mit Schuhen, Stöcken, Rucksäcken und spezieller Bekleidung geradezu überschwemmt. Gemäss NPD machten allein die Trailschuhe 2012 in Europa einen Umsatz von rund 300 Millionen Euro. Im Bestreben, den anfahrenden Zug nicht zu verpassen, haben sich auch die Sportverbände eingeschaltet. In der Schweiz wurden die ersten nationalen Meisterschaften im Trailrunning 2013 unter der Ägide von Swiss Athletics organisiert, und zwar im Rahmen des Trails Mountainman (Rennen über 80,3 km mit 5000 m Aufstieg von Trübsee via Brünigpass auf den Pilatus).

Dem Alltag entfliehen und über sich hinauswachsen

Was bringt Tausende von Menschen, die gerne laufen oder in die Berge gehen, dazu, an einem Trailwettkampf teilzunehmen? «Es ist eine der Sportarten, die den Begriff Freiheit am stärksten zum Ausdruck bringen. Man kann sie überall und immer ausüben, mit Material, das in einem Rucksack Platz hat», unterstreicht Catherine Poletti und erkennt «ein starkes Bedürfnis, aus der Konsumwelt auszusteigen». Ryan Baumann, verantwortlich für den Bereich Sport in der Stadt Siders, sieht den «Drang, dem Alltag zu entfliehen, dem Stress zu entgehen», als einen der Hauptgründe für den Erfolg. Bernhard Hug, selbst Trailfan und zuständig für den Nachwuchs im Skitourenrennen beim SAC, hat einen anderen Gedanken: sich selber übertreffen. «Früher geschah dies im Rahmen der Arbeit, heute suchen die Leute ihre körperlichen Grenzen.»

Suchtgefahr

Im Kontext dieses Strebens nach Leistung kann man sich fragen, was die Berge beim Trailrunning für eine Rolle spielen. «Für mich ist das Draussensein in der Natur und wenn möglich in den Bergen die Hauptmotivation für diese Sportart», sagt Denise Zimmermann. Die St. Gallerin hat 2014 fast 1000 Kilometer in Rennen absolviert (darunter ein Dutzend Ultratrails, also jene sehr anforderungsreichen Rennen über mehr als 80 km). In der Trainingsphase ist es für sie undenkbar, sich in einen Fitnessraum zurückzuziehen: Die zehn Kilometer zwischen ihrem Wohnort und dem Büro macht sie zweimal am Tag zu Fuss, entweder wandernd oder laufend, «wenn möglich auf einer Strecke mit Steigungen». Florian Spichtig, Rennleiter des Mountainman, stellt zwar fest, dass viele Trailläuferinnen und -läufer wie Denise Zimmermann vom Wandern, Klettern oder vom Skitourenlauf her kommen, aber gleichzeitig staunt er über die hohe Zahl an Trailfans, die vorher keine Bergsportart ausgeübt haben: «In ­ihrem Fall wird wohl die Leistung die Hauptmotivation darstellen.»

Rennen, um Anerkennung zu finden

Neben dem Rennen gegen die Zeit und dem persönlichen Rekord scheint dieser Drang nach Leistung für die Sportart typisch zu sein. «Bei den Rennen reicht das Verlangen, die Ziellinie zu überschreiten aus, um die meisten Teilnehmenden vorwärtszutreiben», sagt Tiphaine Artur, Ko-Rennleiterin des Trails Verbier St-Bernard. Und dies, obschon das Erreichen dieses Ziels mit Muskelschmerzen, Übelkeit, ja gar mit moralischen Tiefs während oder nach dem Rennen einhergeht. «Der Leistungskult ist ein sehr hoher Wert in unserer Gesellschaft», sagt der Sportpsychologe Jérôme Nanchen: «Heute rennt man nicht mehr für Geld, sondern für soziale Anerkennung.» Geblendet von diesem Wunsch nach Anerkennung rennen einige der Rennläufer, bis sie eine Sucht entwickeln. «Im Trailrunning sieht man dieses Phänomen sowohl bei den Volksläufern wie bei der Elite.»

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Ueli SteckSpeedkletterer

«Sich in den Bergen schnell zu bewegen, ruft ganz andere Gefühle hervor als eine klassische Bergwanderung. Mich treibt das Schnellsein an sich vorwärts. Einer der grossen Vorteile des Tempos ist, dass man an einem einzigen Tag mehr Berg ‹ernten› kann – zum Beispiel Panoramen. Es kann natürlich auch gleichbedeutend sein mit Gefahr, denn es erhöht das Gleit- und Sturzrisiko. Aber es kann handkehrum auch lebensrettend sein, wenn du zum Beispiel mit Tempo einer Schlechtwetterfront entgehen kannst. Letztlich ist der Grat zwischen diesen beiden Extremen ­schmal, und der Sportler, der den Speed in den Bergen liebt, muss unbedingt einen kritischen Verstand an den Tag legen, vor allem wenn es darum geht, seine eigenen Fähigkeiten einzuschätzen. Ich persönlich finde es weniger riskant, die Eigernordwand schnell zu erklettern, als jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Trotzdem komme ich langsam in ein Stadium, in dem ich mir sage, dass ich meine Limiten anerkennen muss, dass ich nicht immer weitergehen kann. Ich bin 38 Jahre alt und will noch nicht sterben. Von nun an wird es mein Ziel sein, dem Genuss in den Bergen mehr Platz einzuräumen als dem Rekord.»

Konzept «Stations de trail»

In Frankreich gibt es Orte, die sich zu 100% auf das Trailrunning ausrichten. Die Trailrunner finden dort ausgeschilderte Strecken und diverse für ihre Sportart spezifische Dienstleistungen. Mehr Infos unter www.stationdetrail.com.

Feedback