Aus eigener Muskelkraft vom Bachtel aufs Finsteraarhorn Einblick in das 14-tägige Abenteuer der JO Bachtel

Die JO Bachtel feierte letztes Jahr ihr 100-Jahr-Jubiläum. Zu diesem Anlass organisierte die Jugendorganisation im Sommer ein ganz spezielles Hochtourenlager: vom Bachtel bis aufs Finsteraarhorn aus eigener Kraft. Ein Lager, das durch den CSS-Fonds unterstützt wurde.

144 Kilometer und 1480 Höhenmeter mit dem Velo, 98 Kilometer und insgesamt 9850 Höhenmeter zu Fuss. Die Jugendlichen der SAC-Jugendorganisation Bachtel erlebten vergangenen Sommer ein unvergessliches Hochtourenlager. Uns gewähren die Jugendlichen einen Einblick in ihr 14-tägiges Abenteuer.

Wir trafen uns am Sonntagmorgen am Bahnhof Hinwil, wo wir den schweren Hochtourenrucksack abgeben konnten, um mit leichtem Gepäck die zweitägige Velostrecke nach Meiringen zu pedalen. Der Startschuss fiel dann etwas später auf dem Bachtel, nachdem wir mit Kaffee, Gipfeli, Kuchen und Ballons verabschiedet wurden. Trotz unserer meist alten Velos kamen wir gut voran und fanden den Weg beinahe immer auf Anhieb – bis zu Arions erstem Platten. Nach einem kurzen Bad im Zugersee, bei dem schon einige Gewitterwolken in Sicht waren, schafften wir es gerade noch bis in die Scheune eines Bauern, als das Gewitter bei uns war. Die Erleichterung war gross, als wir schliesslich im Etappenziel Luzern ankamen.

CSS-Fonds

Der CSS Fonds unterstützt Jugendprojekte der SAC-Sektionen, die Kinder und Jugendliche für regelmässige, aufbauende Aktivitäten motivieren. Dabei sind Ausbildung, Umwelt-Verträglichkeit und Aktivitäten als Gemeinschaft wichtige Aspekte.

Am Montag erreichten wir nach einigen Stunden Fahrt und zwei weiteren Platten an Arions Velo bei schönstem Wetter und entsprechender Hitze den Brünig und schliesslich Meiringen. Die rassige Passabfahrt war die Belohnung für die steilen und heissen Stunden zuvor. Am Abend brachten uns Balz und Anselm das Hochtouren- und Klettergepäck per Auto nach Meiringen und die Velos wurden für den Rücktransport verladen. Gemeinsam genossen wir ein feines Znacht mit grilliertem Gemüse, Fleisch und Schlangenbrot.

Keiner war unglücklich darüber, den schmerzenden Hintern am Dienstag nicht auf ein Velo setzen zu müssen, sondern zu Fuss zur Engelhornhütte aufzubrechen. Es war schon etwas bitter, als uns auf halber Strecke das Postauto überholte, welches wir nicht hatten nehmen dürfen, da wir alles aus eigener Kraft schaffen wollten. In den Engelhörnern angekommen, erhielten die einen eine Auffrischung in Mehrseillängentechnik, während die anderen auf den Rosenlauistock kletterten und just beim Rückweg in die Hütte doch noch vom Regen erwischt wurden.

Da die Felswände erst noch trocknen mussten, liessen wir den Mittwoch gemütlich angehen. Ausgeschlafen kletterten wir auf den Klein Simmelistock, welcher zwar nicht schwierig zu klettern, dafür nicht ganz einfach abzusichern war. Wie so oft beim Klettern verging die Zeit wie im Flug und wir kamen gerade noch rechtzeitig zurück zum Znacht.

Am Donnerstag wagten wir uns an ein besonderes Projekt: Die Kingspitz-Nordostwand. Seillänge für Seillänge näherten wir uns dem Gipfel, ständig auf der Hut vor dem angekündigten Gewitter. Körperlich und mental erschöpft, aber glücklich und stolz, standen wir alle oben an der letzten Seillänge der Kingspitz-Nordostwand. Angesichts der drohenden Wolken und um den längeren und unwegsamen Abstieg im losen Geröll zu vermeiden, verzichteten wir auf den Gipfel (und damit auf drei weitere Seillängen) und seilten von dort ab. Das Gewitter liess bis am späteren Abend auf sich warten. Als es schliesslich draussen laut grollte, lasen wir Geschichten, wie vor hundert Jahren an den Engelhörnern geklettert wurde. Dass die Kingspitze-Nordostwand mit nur sieben Schlaghaken von zwei Männern und einer Frau namens Mäusi erstbegangen wurde und wie drei Personen einander auf die Schultern gestanden sind um den ersten Griff zu erreichen. Und schliesslich zeigte uns der Hüttenwart den Dülfersitz (den sich aber anschliessend niemand traute in die Praxis umzusetzen).

Am Freitag, unserem letzten Klettertag, wählten wir ein weiteres Mal den Rosenlauistock, da dessen Felsen am schnellsten trocken seien. Über zwei verschiedene, unterschiedlich schwierige Routen erkletterten wir den Gipfel. Wir entschieden uns, auf ein Weiterklettern zum Tannenspitz zu verzichten, da sich am Himmel erneut Gewitterwolken bildeten. Doch wieder kam das Gewitter nicht und so gab es ein Bad in der kleinen Felsbadewanne am Fluss in der Nähe der Hütte.

Für den Samstag war erneut Regen und Gewitter angesagt und so beeilten wir uns, um trocken zur Rosenlaui zu abzusteigen, wo sich uns drei weitere Teilnehmer anschlossen und wir unser Klettermaterial deponieren konnten. Anschliessend liefen wir durch die tosende Rosenlauischlucht und kraxelten über nasse Felsen am Klettersteig den steilen Weg zur Dossenhütte hinauf. Erst in dem Moment, als wir die Hütte erreichten, begann es zu regnen.

Der Sonntag begann neblig, doch schon auf dem Tossengrat riss es auf und unser Optimismus auf gutes Wetter stieg. Dieser verflog jedoch rasch wieder, als wir uns auf dem Rosenlauigletscher im stockdicken Nebel durch das Spaltenlabyrinth und den Pflotsch zum Mittelhorn vorarbeiteten. Wir überschritten das Mittelhorn und stiegen mithilfe zahlreicher Eisschrauben in einem steilen zugeschneiten Couloir ab. Es folgten noch einige kurze Abseilpassagen, bis wir auf Wegspuren zur Glecksteinhütte gelangten. Gegen Abend kamen einige Steinböcke zu Besuch und leckten das Salz auf, welches die Kinder direkt vor der Hütte verteilt hatten.

Am Montag war der ideale Tag um unsere Gore-Tex-Jacken zu testen. Ob wir vom Regen, vom Weg, welcher viel zu nah an Wasserfällen hindurchführte oder vom Schweiss nass waren, wussten wir anschliessend jedoch nicht. Im dichten Nebel waren wir ganz überrascht, als es auf einmal nicht mehr weiter hinauf ging und realisierten erst jetzt, dass wir den Gipfel des „Aussichtsberges“ Gwächta erreicht hatten. Umso mehr freuten wir uns über die Sonnenstrahlen, die im Abstieg zur Schreckhornhütte auf einmal durch den Nebel drangen und diesen auflösten.

Bei schönstem Wetter brachen wir am Dienstag über den Gaagg zum Strahleggpass und in schöner Gratkletterei zum Strahlegghorn auf. Zum ersten Mal konnten wir die grossartige Aussicht über die Berner Oberländer Berge geniessen. Vom Strahleggpass kletterten wir vorsichtig durch ein Couloir, um keine losen Steine loszutreten, hinab auf den Strahlegggletscher und gelangten über diesen an tosenden Wasserlöchern vorbei zum Aarbiwak. Dort verbrachten wir auch den Mittwoch, unseren Ruhetag. Wir schauten uns Keile und Friends an und Techniken, um uns besser in schwierigem Gelände bewegen zu können. Am Morgen hatten Laddy und Stefan die Tour für den nächsten Tag rekognostiziert.

Bei Sonnenaufgang und wolkenlosem Himmel brachen wir am Donnerstag zur Erstbegehung der „Grunerhornnordwand“ auf. Durch Geröll und Blockgelände stiegen wir bis zu einem Gletscherfeld auf, welches wir stufenschlagend durchstiegen und gelangten schliesslich über den Grat zum Gipfel. Während wir beim Aufstieg trotz unserer gefütterten Gartenhandschuhe noch gefroren hatten, so lief uns auf dem Weiterweg zur Oberaarjochhütte der Schweiss nur so über die Stirn. Einige von uns liessen es sich nicht nehmen, die zusätzlichen 400 Höhenmeter zum Oberaarhorn aufzusteigen. Der Aufstieg war wiedererwarten leicht, die Aussicht dafür umso beeindruckender.

Als wir am Freitagmorgen alle unser Kontingent von maximal drei Scheiben Brot und zwei Tassen Tee vertilgt hatten, starteten wir den Versuch einer Wiederbegehung des Finsteraarrothorns, mit dem Ziel dieses zu überschreiten um direkt zur Finsteraarhornhütte abzusteigen. Wie geschaffen um unser Können beim Gratklettern und Zackensichern nochmals ausgiebig zu trainieren stiegen wir zum Punkt 3307 auf. Es sollte unser einziger Gipfel an diesem Tag bleiben. Der Grat, welcher uns weiter auf das Finsteraarrothorn geführt hätte, wäre zu brüchig und zu lang gewesen und daher entschieden wir uns, auf den Gletscher abzuseilen. Dabei riss der Mantel des ersten Seiles an, das restliche Abseilen verlief dann jedoch problemlos. Nun blieb uns nichts anderes übrig, als auf dem Gletscher in einem grossen Bogen rund um das Finsteraarrothorn zur Finsteraarhornhütte zu wandern. Hatten wir uns in der Oberaarjochhütte noch über die Gletschertrekker lustig gemacht, waren wir jetzt selbst zu welchen geworden. Bei Sonnenschein, einer erfrischenden Brise und Black-Stories verging die Zeit jedoch wie im Flug. Im Wetterbericht kündigten sie für den frühen Nachmittag des folgenden Tages Gewitter an. Für unsere Krönungstour, das Finsteraarhorn beschlossen wir also, bereits um drei Uhr aufzustehen, um vor dem Gewitter wieder in der Hütte zu sein. Dennoch liessen wir es uns nicht nehmen, wenigstens den Anfang der Mondfinsternis zu beobachten.

Der Samstag war noch jung, der Mond jedoch bereits nicht mehr rot, als wir noch vor vier Uhr morgens zum Finsteraarhorn aufbrachen. In der Dämmerung suchten wir uns den Weg zwischen den Spalten, schlugen Tritte ins Blankeis, setzten Eisschrauben und bewunderten das Farbenspektakel des Sonnenaufgangs. Bereits im Hugisattel zog Nebel auf und wir kletterten in einem Rekordtempo über den Grat. Als wir später auf den Gletscher hinunterblickten, trauten wir unseren Augen kaum: Eine deutsche Viererseilschaft hatte einen auf dem Gletscher zurückgelassen, der jetzt ganz alleine da warten musste. Wir kamen nicht umhin an Hugi zu denken, der damals bei der Erstbegehung von seinen zwei Bergführern im Hugisattel zurückgelassen wurde, während sie zum Gipfel weiterstiegen. Und dann, um 8.10 Uhr hatten wir es geschafft – wir standen alle Zehn auf dem Finsteraarhorn! In weniger als der Führerzeit und als die ersten Seilschaften an diesem Morgen. Und auch wenn wir durch den Nebel den Bachtel nicht sehen konnten, liessen uns unsere Muskeln und Johuknie doch langsam spüren, wie weit es gewesen war und wir waren überglücklich und auch etwas stolz, es geschafft zu haben. Als wir uns bereits im Abstieg auf dem Grat befanden, hörten wir  auf einmal lautes Donnergrollen und es begann zu schneien. Das Gewitter war im Anmarsch, fünf Stunden zu früh. Wir beeilten uns so gut wir konnten und glücklicherweise war es mit dem Donner schnell wieder vorbei und wir erst als wir zurück bereits hungrig unsere Rösti vertilgten erreichte uns das richtige Unwetter.

Am Sonntag stiegen wir durch eine wilde Landschaft über Gletscher, Fels, Moränen und sandige Ebenen in Richtung Fieschertal ab. Und als wir in Fieschertal am Brunnenrand sassen, die Beine im kühlen Wasser, wurde uns bewusst, dass unser gemeinsames Abenteuer langsam zu Ende ging. Wir haben gemeinsam gelacht, gefroren, geschwitzt, genossen und wahrscheinlich auch ziemlich streng gerochen. Es war fantastisch! Einen ganz herzlichen Dank für die Organisation, den Einsatz und die Geduld an das Leiterteam Laddy, Fränzi, Stefan und Sonja!

JO-Projekte 2019

Du hast mit deiner JO ein besonderes Projekt geplant und bist auf der Suche nach finanzieller Unterstützung? Kontaktiere unseren Jugendverantwortlichen, Silvan Schüpbach, und stelle dein Abenteuer vor.
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