Achttausender von der Stange?

Zur Frage des kommerziellen Höhenbergsteigens In verschiedenen, vor allem deutschen Bergzeitschriften ( ALPIN, DAV-Mitteilungen usw. ) sind in letzter Zeit mehrere Artikel zum Thema kommerzielle Achttausen-der-Expeditionen erschienen.1 Der deutsche Bergführer Ralf Dujmovits, der ein Trekking- und Ex-peditionsunternehmen leitet und selber mehrere Achttausender bestiegen hat, plädiert im nachstehenden Beitrag für eine liberale und verantwortungsbewusste Haltung.

.'Die neugegründete Kommission « Geführte Expeditionen und Höhenbergsteigen » der IVBV ( Internationale Vereinigung der Bergführerverbände ) hat an ihrer ersten Sitzung im November 1998 beschlossen, in Zukunft den Begriff « kommerzielle Expedition » durch « geführte Expedition » zu ersetzen. Sie empfiehlt allen Veranstaltern solcher Expeditionen, ihre Unternehmungen künftig so zu nennen. ( Vgl. dazu den Beitrag S. 20 ) Jeder Aufstieg, jede Gipfelbesteigung ist für denjenigen, der es geschafft hat, ein persönliches Erlebnis und ein grosser Erfolg. Solange ehrlich darüber berichtet wird, ist jede solche Leistung im Rahmen des Umfelds, in dem sie erbracht wurde, zu akzeptieren; Kontrolle und Markierung der Sauerstoffflaschen im Everest-Basisla-ger ( 5450 m ).

Bergsteigern zusammen? Solange Mustermann ehrlich über sein Tun und die Begleitumstände berichtet, soll er auch Freude daran haben dürfen, der erste Musterdorfer auf einem bestimmten Gipfel zu sein, auch wenn dies im Vergleich zu den sportlichen Höchstleistungen in diesem Bereich bloss als mittelmässige Performance zu bezeichnen ist. Ein anderer Punkt sei erwähnt: 1994 standen im Rahmen einer kommerziellen Expedition vier Teilnehmer und der Expeditionsleiter auf dem Gipfel des K2, kehrten in Freundschaft vom Berg zurück, ohne dass die Teilnehmer im nachhinein das Gefühl hatten, einander übel nachreden zu müssen - und solche positiven Beispiele kommerzieller Expeditionen gibt eszuhauf!

Selbstbeschränkung gefragt?

Nachdem ich selbst über Jahre hinweg an Expeditionen zu wesentlich über die Achttausender-Grenze hinausragenden Gipfeln wie Makalu, Lhotse, Everest und K2 teilgenommen oder solche Bergfahrten geleitet und auch über mein Unternehmen angeboten habe, bin ich zur Überzeugung gekommen, dass diese hohen Achttausender nicht mehr im Rahmen von kommerziellen Expeditionen angeboten werden sollten. Ein beim Flaschenwechsel am Redu-zierventil des künstlichen Sauerstoffs geplatzter Dichtungsring führt in grosser Höhe zum Fiasko. Verspro-chene Redundanz, das heisst technische Ausrüstung in mehrfacher Ausführung, zumeist von Sherpas in grosse Höhen transportiert, kann kein Veranstalter der Welt oberhalb von ca. 8300 m garantieren, denn Sherpas sind trotz maximalem Einsatz auch nur Menschen. Und wenn sowohl Technik als auch Unterstützung durch Menschenhand an den hohen Achttausendern nicht garantiert werden können - von fehlenden Rettungsmöglichkeiten im Gipfelbereich ganz abgesehen -, sollten m. E. die hohen Achttausender in den Programmen der kommerziellen Anbieter nicht mehr angeboten werden.

Spezialfall Everest Damit sind wir schon beim Vorzei-geberg Everest angelangt: Bleiben kommerzielle Expeditionsanbieter vom höchsten Berg der Erde fern, werden auch die beiden grossen Basislager auf der Nord- und der Süd- seite weniger überlaufen sein. Wenn sich die zuständigen Behörden zudem auf beiden Seiten auf ein Maximum von 100 Personen gleichzeitig im Basislager beschränken, wird es auch entsprechend ruhiger, lebens-werter und überschaubarer zugehen. Leider steht das sehr einträgliche Geschäft mit horrenden Permitgeldern auf beiden Seiten des Berges noch im Vordergrund.

Fest installierte Hochlager sind abzulehnen, da der positive Effekt einer günstigeren Akklimatisation beim fehlenden Transport des notwendigen Materials für die Lager durch die Teilnehmer und beim nicht mehr notwendigen Errichten derselben ausfällt und eine « natürliche » Auslese der Bergsteiger ausbleibt. Niemand könnte zudem für ein Lager in der Lhotse-Westflanke oder am Südsattel am Normalaufstieg des Everest garantieren - nach jedem heftigeren Sturm wären nur noch Fetzen vorzufinden.

Das Problem bei denjenigen Achttausender-Gipfeln, die über eine Grenze von ca. 8300 m hinausreichen, besteht darin, dass in solchen Höhen ein Versagen der Technik oder andere - selbst relativ geringfügig erscheinende - Ereignisse fatale Folgen haben; Gipfelaufstieg am K2 ( 8611 m ), Tiefblick von ca. 8300 m auf Broad Peak und Chogolisa.

Ehrlichkeit muss sein Zur Frage der Verwendung von künstlichem Sauerstoff Im Sinn einer Begrenzung wird bisweilen der Vorschlag eingebracht, Besteigungen mit künstlichem Sauerstoff nicht anzuerkennen. Auch das scheint mir nicht sachgerecht. Ein Vergleich: Niemand würde es wagen, den Aufstieg zum Everest ohne Wär-mebekleidung vorzuschreiben. Nun ist Hypothermie ein ebenso grosses, unter Umständen lebensbedrohliches Problem wie Hypoxie. Wer also unter Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff, und damit ohne Hirnschädi-gung, auf den Everest möchte, sollte dies auch weiterhin in dem von ihm gewählten, respektvollen Stil tun können. Nur sollte er danach ehrlich über sein Tun und über die Art der Besteigung berichten. Auch beim Sportklettern wird zwischen einer Rotpunkt- und einer andern Begehungsart ( z.. " " B. Toprope ) unterschieden, und auch hier darf jeder nach seiner Façon selig werden.

Bei kommerziellen Expedi- tionen sind persönliche Ri- valitäten nicht häufiger als t bei andern. Das kamerad- schaftliche Element nimmt g - eine gute Leitung voraus- a S S gesetzt - oft sogar einen grösseren Stellenwert ein; kurz vor Erreichen des Hauptgipfets des Shisha Pangma ( 8013 m ), im Hintergrund der niedrigere Mittelgipfel und das tibetische Hochland.

ALPEN-Nachrichten Jeder Anbieter von kommerziellen Expeditionen muss offen und fair über die an alle Expeditionsteilnehmer gestellten Anfor- a Falsches Bild vermittelt Ein Punkt, zumindest die Südseite betreffend, mit dem endlich aufgeräumt werden sollte, ist das Klischee von der « Müllkippe Mt. Everest ». Es wird den ernsthaften und sehr konstruktiven Bemühungen des nepalischen Tourismusministeriums und des von Sherpas in Eigenverantwortung geleiteten SPCC ( Sagarmatha Pollution Control Committee ) um eine Verbesserung der Abfallentsorgung schon lange nicht mehr gerecht. Zu Beginn jeder Expedition ins Solo Khumbu werden in Namche Bazar sehr genaue Daten über die mitgeführten Gas-Kartuschen, Batterien, Sauerstoffflaschen und Büchsen erhoben, die zum Ende der Expedition wieder vollzählig nach Namche bzw. Kathmandu zurückgebracht werden müssen. Ein Angestellter des SPCC erscheint vor der Abreise der einzelnen Gruppen am Berg und überprüft die Sauberkeit des zurückgelassenen Basislagers. Damit nicht genug: Seit 1996 müssen vom Everest-Basislager sämtliche Exkremente aus der Gletscherzone gebracht werden. Ein eigens dazu angestellter Träger transportiert alle paar Tage die von den Expeditionen aufgestellten Tonnen ab. Dies alles wird vom begleitenden Verbindungsoffizier sehr genau kontrolliert, und erst bei Befolgung aller Umweltvorschriften gibt es das zu Beginn der Expedition in Kathmandu hinterlassene beträchtliche Depot-geld wieder zurück. Es macht sicher wesentlich mehr Sinn, über diese Tatsache zu informieren, als sich weiterhin in Unkenntnis der wirklichen Situation über die « Müllkippe Mt.

derungen informieren; am Cho Oyu ( 8201 m ): Blick vom Lager III ( 7350 m ) in Richtung Basislager.

Everest » auszulassen. Leider scheint über positive Entwicklungen weniger gern berichtet zu werden.

Die Funktion des Expeditionsleiters Ein Punkt, der mir besonders am Herzen liegt, ist die Auswahl und die Funktion des Expeditionsleiters. Nur herausragende Persönlichkeiten und staatlich geprüfte ( bzw. diplomierte ) Bergführer mit umfangreicher Expeditionserfahrung und grossem Wissen um höhenphysiologische Zusammenhänge sollten eingesetzt werden. Die Bergführer « führen » während der Expedition jedoch nicht im traditionellen Sinn, sondern leiten das Unternehmen in einer vielfältigen Funktion als Organisator und Koordinator, als Sicherheitsexperte, als Berater in taktischen Fragen und -last but not least - als Integrationsfi-gur für ein gut harmonierendes Team. Es versteht sich von selbst, dass der Leiter das bergsteigerische Geschehen während der Expedition an vorderster Stelle mitprägen sollte -besonders dann, wenn es um Entscheide geht, die die Sicherheit und das Absichern oder das Festlegen der Route und der Lagerplätze betreffen. Im Klartext: Der Bergführer ist, möglichst bis zum Gipfel, vorne mit dabei und hat seinen Platz sicher nicht im beheizbaren Regiestuhl im Basislager.

Schlussfolgerungen Als Veranstalter kommerzieller Unternehmungen sollte man sich m. E. an folgende Punkte halten:

- Eine konsequente und faire Aufklärung über die Anforderungen und Gefahren solcher Unternehmungen betreiben.

- Eine optimale Vorbereitung und Organisation gepaart mit einem aus- reichenden Leistungspaket sicherstellen.

- Die bestmögliche sicherheits-technische Ausrüstung, dem aktuellen Stand der Technik und dem jeweiligen Anspruch der Expeditionen angepasst, zur Verfügung stellen.

- Seine Fähigkeiten als Bergführer und die seiner Kunden sehr realistisch und verantwortungsbewusst einschätzen.

- In der Höhe nur sicher Vertretba-res anbieten, d.h. auf Besteigungen von hohen Achttausendern ( Everest, K2, Kangchenjunga, Lhotse und Makalu ) in kommerziellem Rahmen verzichten.

-Trotzdem am Berg ganz vorne, dort wo sicherheitsrelevante Entscheidungen gefällt und Fixseile bzw.material angebracht werden muss, als Bergführer mit dabei sein.

Bei kommerziellen Expeditionen ist der Expeditionsleiter von entscheidender Bedeutung. Dabei sind nicht nur alpintechnisches Wissen und Höhenerfah-rung wichtig, sondern ebenso gefragt sind Menschenkenntnis und psychologisches Geschick; Abbruch der Annapurna-Ex-pedition ( 1991 ) wegen zu grosser Lawinengefahr.

Abenteuer ausserhalb der Rezeptbuch-Idylle Wer Abenteuer sucht, Zeit hat und bereit ist, auf sich alleine gestellt allen Widerständen zum Trotz seinen eigenen Weg zu gehen, wird diesen auch weiterhin finden. Im Kuen-Lun-Gebirge, in weiten Teilen Alaskas, in den kanadischen Rockys oder in der Antarktis, um nur einige Beispiele zu nennen, gibt es noch Abertausende von unbekannten und unbestiegenen Gipfeln. Und selbst bei uns in den Alpen kann jeder beim Unter-wegs-Sein ausserhalb der Rezept-buch-Idylle der « 100 schönsten So-wieso-Touren » Neuland finden.

Wer aber mit weniger Zeit ausgestattet, ohne Organisationschaos und mit einer ordentlichen Portion Sicherheit zu interessanten Zielen mit Rang und Namen aufbrechen möchte, sollte dies auch weiterhin in kommerzi-ellem Rahmen und begleitet von seriösen Bergführern tun können.

Ralf Dujmovits, Bühl/Baden ( D )

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