Ändert das Klima?

Klimaexperten des weltweit tätigen « Intergovernmental Panel on Climate Change » IPCC haben in ihrem dritten Bericht 1 erneut und mit grosser Eindringlichkeit auf die Folgen der weltweiten Klimaerwärmung hingewiesen. Die UNO-Klimafachleute prognostizieren den Verlust jedes zweiten Gletschers bis Ende dieses Jahrhunderts. Dies trifft auch uns Bergsteiger!

Von 76 vermessenen Alpengletschern haben seit dem 19. Jahrhundert bereits 68 um durchschnittlich 30% abgenommen, und der Rückgang schreitet weiter rapide voran. Die meisten Experten sind mittlerweile überzeugt, dass der Mensch das Klima beeinflusst. Sie rechnen auch damit, dass wir künftig häufiger mit wetterbedingten Naturkatastrophen rechnen müssen. In den letzten Jahren haben sich die Anzeichen für den menschlichen Einfluss auf das Klima immer mehr verdichtet. Der 3. IPCC-Bericht bezeichnet es als wahrscheinlich, dass die Erwärmung der letzten Jahrzehnte grösstenteils durch menschliche Aktivitäten verursacht worden ist.

Warum ändert das Klima? Die zahlreichen natürlichen Ursachen, die das Klima beeinflussen können ( vgl. Tab. ), sind über die Zeitdauer eines Menschenlebens kaum spürbar. Aus der geologischen Geschichte der letzten ca. 1000 Mio. Jahre kennen wir viele Klimaveränderungen. So gab es neben Perioden mit deutlich wärmerem Klima als heute schon mehrfach Kaltperioden mit globalen Vereisungen wie in den jüngsten Eiszeiten der letzten 2 Mio. Jahre.

Hat sich das Klima geändert? Seit Beginn der Industrialisierung vor ca. 150 Jahren hat die CO 2 -Konzentra-tion in der Atmosphäre um rund 25% zugenommen. Vergleicht man diesen Wert mit der CO 2 -Konzentration der letzten 420 000 Jahre, zeigt sich, dass in dieser Zeitperiode solch hohe CO 2 -Werte nie erreicht wurden ( vgl. Fig. 1 ). Ähnliches gilt für die Treibhausgase Methan und Stickoxide. Aber hat sich deswegen auch das Klima geändert?

Direkte Messungen von Klimavariab-len existieren erst seit 100 bis 200 Jahren, sodass für die davor liegenden Zeiträume nur indirekte Messungen benutzt werden können. 2 Eine Rekonstruktion der Temperaturen über die letzten 1000 Jahre ( vgl. Fig. 2 ) zeigt, dass die beobachtete Temperaturzunahme mit der CO 2 -Zu-nahme korreliert. Der Temperaturanstieg der letzten Jahrzehnte ist ohne die Wirkung der menschlichen Treibhaus-gasemissionen nicht erklärbar, hatten

1 Das « Zwischenstaatliche Gremium zum Klimawandel » ist ein wissenschaftliches Expertengre-mium, das die Konferenz der Vertragsparteien der UNO-Rahmenkonvention über Klimaänderungen berät. Berichte abrufbar unter www.ipcc.ch 2 Für die letzen rund 400 000 Jahre sind diese indirekten Messungen für die mittleren globalen Jahrestemperaturen allerdings sehr zuverlässig. Sie wurden in erster Linie aus Eisbohrkernen der Antarktis und Grönlands gewonnen, in denen man eingeschlossene Luftbläschen analysiert hat.

Wichtigste Einflussgrössen auf das globale Klima der Erde mit der Angabe der Zeitperiode des Einflusses

Einflussgrösse Zeitperiode ( Jahre ) Sonnenaktivität 10 bis 1 000 000 11-jähriger Sonnenfleckenzyklus Veränderung der Sonnenaktivität über Jahrmillionen Erdbahnparameter > 10 000 Veränderungen der Erdbahnparameter im Laufe der Jahrtausende ( Milankovich-Zyklen ) Land-Meer-Verteilung auf dem Globus > 1 000 000 Plattentektonische Veränderungen im Laufe der Erdgeschichte Ozeanströmungen >10 bis 10 000 Veränderungen des Salzgehaltes der Ozeane, Abschmelzen von kontinentalem Eis Chem. Zusammensetzung der Atmosphäre 1 bis 100 Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge, Brände, menschliche Emissionen, Vegetationsveränderungen Schon heute ist manch kleinere klassische Eistour praktisch nicht mehr begehbar – sind es morgen die grossen?

Fo to :A rc hi v Jür g M ey er DIE ALPEN 5/2001

doch die natürlichen Faktoren Sonne und Vulkane in dieser Zeit insgesamt eher eine abkühlende Wirkung.

Folgen der Treibhausgas-Zunahme Behalten die Klimamodelle Recht, wird sich die globale Mitteltemperatur auf der Erde in diesem Jahrhundert um 1,5–6 °C erhöhen. Die möglichen Folgen dieser Veränderung könnten dramatisch, wenn auch regional sehr unterschiedlich sein. Die Niederschläge dürften global zunehmen und als Folge vermehrt Hochwasser und Überschwemmungen mit sich bringen. Die Dynamik der Stürme dürfte sich intensivieren, und die Sturmbahnen könnten sich verschieben. Einige Regionen mit künftig angenehmerem Klima stehen Gegenden gegenüber, die durch den Meeresspiegelanstieg überschwemmt oder durch Nieder-schlagszunahme oder Stürme nicht mehr bewohnbar sind.

Auswirkungen der Klimaveränderung im Alpenraum Der gegenwärtige Wissensstand legt nahe, dass im Alpenraum die Winterniederschläge und die Starkniederschläge zunehmen könnten. Die Temperatur-und Niederschlagszunahme dürften zudem in den Alpen eher stärker ausfallen als im globalen Mittel. Auch die Sturmstärken werden möglicherweise zunehmen.

Welche Auswirkungen sind bei einer Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur im Alpenraum zu erwarten? Die Temperaturzunahme wird die Schneefallgrenze – mit entsprechenden Folgen für den Tourismus und die Wasserwirtschaft – ansteigen lassen. Die Gletscher werden weiter abschmelzen, was das Landschaftsbild nachhaltig beeinträchtigen wird; mit Folgen für den Tourismus –was wären das OberengadinoderZer-matt ohne Gletscherund den Alpinismus. 3 Durch das Ansteigen der Permafrostgrenze nimmt die Hangstabi-lität in Gebirgsregionen ab, Murgänge werden häufiger.

Wie Gegensteuer geben? Wie stark sich das Klima in Zukunft erwärmen wird, hängt wesentlich von der Entwicklung der menschlichen Emissionen ab. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Reduktion der CO 2 -Emission, die als letztlich politischer Prozess auf drei Ebenen beeinflusst werden kann: durch Sparen ( Lenkungsabgaben, Steuern ), durch Substitution ( z.. " " .B. erneuerbare Energien, CO 2 -neutrale Energien ), durch Effizienzsteigerung ( Technologie-förderung ). In der Diskussion über mögliche staatliche Einflussnahmen wird oft vergessen, dass eine ganze Reihe von Massnahmen keine volkswirtschaftlichen Kosten verursachen ( « no-regret-Massnah-men » ) bzw. sogar zusätzliche Vorteile in anderen Bereichen hervorrufen ( z.. " " .B. gleichzeitige Reduktion von Luftschadstoffen ). Mit dem CO 2 -Gesetz ( seit 2000 in Kraft ) wurde eine Grundlage zum Reduzieren des CO 2 -Ausstosses geschaffen. Mit der Ablehnung der Energieinitiativen wurde aber die Chance vergeben, in diesem Bereich ein weiter gehendes Zeichen zu setzen.

Und unser persönlicher Beitrag? Der persönliche Beitrag zum Klimaprob-lem erscheint so gering, dass sich die Menschen nur zu gerne mit der eigenen

3 Schon heute sind manche klassischen kleineren Eisflanken wegen der Ausaperung im Sommer kaum mehr begehbar. Bei weiterer Erwärmung werden auch die grossen Eisflanken bald nur noch gefährlichste Bruchwände sein. Generell würden viele klassische Anstiege heikler und gefährlicher werden – eine Tendenz, die in den beliebten Hochgebirgsregionen schon begonnen hat.

Fig. 1 Rekonstruktion des CO2-Gehal-tes der Atmosphäre aus einem Bohrkern der Antarktis für die letzen 420 000 Jahre. Mit einem Punkt ist die heutige Konzentration markiert ( nach J. R. Petit et al. 1999; Nature Vol. 399, p 429–436. Grafik von PAGES zur Verfügung gestellt ). Fig. 2 Jahresmitteltemperatur der Nordhemisphäre 1900–1980 ( Mann et al. 1999 ), dargestellt als Abweichung vom Mittelwert. Gelb sind die Bereiche der verschiedenen Messungen bzw. Rekonstruktionen. Die dicke Kurve entspricht dem gleitenden Mittelwert über 40 Jahre.. " " .Von 1902–1998 sind Messwerte eingetragen ( rot ), von 1000– 1980 sind rekonstruierte Werte aufgeführt.

40035030025020015010050 0 Alter in 1000 Jahre vor heute 360 340 320 300 280 260 240 220 200 ppm v CO 2 heute 1000 1500 2000 Kalenderjahre 1998 +1 0 –1 Tempe ra tur Ab w ei ch ung °C Mittelwert der Kalibrationsperiode ( 1902–1980 ) gleitender Mittelwert über 40 Jahre Rekonstruktion ( 1000–1980 ) gemessene Temperatur ( 1902–1998 ) Q uelle :BU WA L(1998) DIE ALPEN 5/2001

Unwichtigkeit von der Verantwortung entbinden. Da in der Schweiz jedoch fast die Hälfte der Emissionen von Privatpersonen verursacht werden ( vgl.. " " .Fig.3 ), spielt das individuelle Verhalten – wenn es die Mehrheit erfasst – sehr wohl eine Rolle. Im Vordergrund stehen ein sinnvolles Mobilitätsverhalten und eine rationelle Energienutzung im Haushalt. Hier hakt die kommende Mobilitätskampagne des SAC ein, indem sie eine vernünftige und überlegte Mobilität ( mehr öV statt PW ) im Bergsport fördern will. Das Klima ändert sich sowohl von der Natur als auch vom Menschen beeinflusst, wobei der menschliche Einfluss weiter zunehmen wird. Das Wissen über die Folgen ist noch mit grossen Unsicherheiten verbunden. Wenn wir aber mit Sicherheit wissen, was passiert, wird es mit Sicherheit zu spät sein, um etwas dagegen zu tun. a

Christian Plüss und Urs Neu 4 4 Dr. Christian Plüss, Geophysiker, 1997–2000 wissenschaftlicher Sekretär des « Organe consultatif sur les changements climatiques » ( OcCC ). Dieses Expertengremium berät die Departemente EDI und UVEK in Fragen zum Klima und zur Klimaänderung.

Dr. Urs Neu, Geograf, wissenschaftlicher Mitarbeiter von ProClim, Forum für Klima und Global Change der SANW ( www.proclim.unibe.ch ).

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