Ätna: Gipfeleruptionen der Gegenwart.

Einheimische fürchten zwar die spektakulären, doch weit entfernten Ausbrüche der Gipfelkrater wenig; Respekt haben sie jedoch vor so genannten Flankeneruptionen: Wenn sich Spalten am Vulkanhang öffnen, Schlacken und Lava ausgestossen werden, erreichen Lavaströme schnell einmal Dörfer und Städte. Im Jahr 1669 ergoss sich Lava über die Ortschaften Belpasso, Mascalucia, Misterbianco und die Stadt Catania, und mindestens 20000 Menschen verloren ihre Häuser. Noch heute ist im Burggraben des Casteir Ursino in der quirligen Altstadt Catanias ein Teil des damaligen Lavastroms zu sehen.

Der jüngste Flankenausbruch ereignete sich zwischen Dezember 1991 und März 1993. Trotz der verhältnismässig hoch gelegenen Austrittsstelle erreichten Lavaströme besiedelte Zonen. Rund 220 Millionen Kubikmeter Lava traten aus dem Berg aus, so viel wie seit drei Jahrhunderten nicht mehr. Um Haaresbreite entging die Ortschaft Zafferana einer Katastrophe, kam doch die Lava unmittelbar am Dorfrand zum Stillstand. Ob die weiter bergaufwärts in Eile aufgeschütteten Erddämme wirklich Rettung in der Not brachten, ist noch immer ein Streitpunkt der Fachleute. Nicht immer ging es so glimpflich aus: Die weitaus weniger ergiebige Flankeneruption von 1983 hatte lange Strassenabschnitte und mehrere Häuser zerstört.

Von 1991 bis 1993 spie der Ätna so viel Lava aus, dass ihm sozusagen der «Schnauf» ausging. Bis im Juli 1995 ruhten sogar seine Gipfelkrater und beschränkten sich lediglich auf das weithin sichtbare Aushauchen stinkender Gase. Dann allerdings war aus dem tief in der Erdkruste liegenden Magma-reservoir wieder genügend Gesteinsschmelze in den Berg eingedrungen: Die neuste, ausserordentlich spektakuläre Phase von Gipfelausbrüchen begann. Im Zusammenhang mit Feldarbeiten auf Stromboü (vgl. Lit. [1] und [2]) ergab sich mehrmals die Möglichkeit, zu den Gipfelkratern des Ätna aufzusteigen und ihre wechselnde Tätigkeit zu beobachten. Die interessantesten Phänomene werden hier kurz beschrieben und sowohl Möglichkeiten als auch Risiken für Besucher aufgezeigt.

Am 13. Oktober 1997 fahre ich mit dem Bus von Catania zum legendären Rifugio Sapienza auf 1900 m ü. M. und treffe dort Marco Fülle, Astrophysiker aus Triest. Bisher sind wir uns nur virtuell, also über Internet, begegnet. Der Ätna-süchtige Marco nimmt jeweils den nächsten Zug nach Sizilien, wann immer sich an « seinem » Vulkan etwas Besonderes tut. Bereits am Tag zuvor ist er oben gewesen und schwärmt jetzt von den prächtigen Ausbrüchen. Die Gondelbahn befördert uns zügig bis auf 2500 m ( vgl. oben stehende Kartenskizze Ätna ). Von dort geht es in einem der unzähligen Geländebusse weiter bis zum Torre del Filosofo, einem unbewohnten Gebäude auf 2919 m in unmittelbarer Nähe des Südostkraters.

Kaum eine Stunde später nähern wir uns vorsichtig von Westen her dem Rand des Kraters Bocca Nuova. Ziemlich frische Bomben liegen herum, doch Marco hat gestern beobachtet, dass die vulkanischen Geschosse diese Kraterseite nicht erreichen. Zudem vertraut er auf den stürmischen, eiskalten Westwind, der unliebsame Flugobjekte von uns fernhalten soll. Schnaufend legen wir die letzten Schritte zurück und werfen den Blick direkt in Teufels Küche: Innerhalb der rund 350 m weiten, steilwandigen Bocca Nuova gibt es zwei Schlote, die beide aktiv sind. Der nördlichere, grössere enthält einen wallenden und tosenden Lavasee von mindestens 50 m Durchmesser. Tonnenschwere Lavafetzen werden immer wieder über den Rand geschleudert, und alle paar Minuten gibt es eine grössere Eruption, mit der Schlacken wohl an die 200 m hoch himmelwärts katapultiert werden.

Noch nie habe ich ein solches Spektakel aus nächster Nähe verfolgen können. Die Zeit vergeht im Flug, die Sonne geht unter, die Lavaglut wird immer besser sichtbar. Doch der Sturm und die tiefen Temperaturen setzen uns dermassen zu, dass wir uns nach zwei Stunden zum Torre del Filosofo zurückziehen, um den endlos scheinenden Abstieg zum Rifugio Sapienza - abends und nachts stehen weder Geländebusse noch Gondelbahn zur Verfügung - in Angriff zu nehmen.

Die Bocca Nuova ist einer der vier derzeit tätigen Gipfelkraler. Erstaunlich daran ist, dass sie erst 1968 als wenige Meter grosses Loch das «Licht der Welt erblickte». Ausströmendes Gas, später auch Eruptionen und Einstürze der Wände haben sie bis zur heutigen, respektablen Ausdehnung erweitert. Im Winter 1997/98 ist sie weiterhin aktiv, und von Catania aus kann manchmal der rote Widerschein der Lava an den Wolken beobachtet werden. Allerdings verlagert sich die Haupttätigkeit zunehmend zu den andern Gipfelkratern.

So ereignet sich zum Beispiel in der Nacht vom 27. auf den 28. März 1998 am Nordostkrater eine spektakuläre Eruption. Einzelnen, stromboliani-schen Ausbrüchen1 folgt später eine permanente Lavafontäne. Zeitweise erreicht sie eine Höhe von 300 bis 350 m Höhe über dem Kraterrand. Unzählige und zum Teil auch sehr grosse Bomben fallen auf die nähere Umgebung sowie in die Voragine und in die Bocca Nuova. Einzelne Bomben werden sogar bis 1 km weit in südlicher und südwestlicher Richtung geschleudert. An unserem Standort vom 13. Oktober wäre es also lebensgefährlich gewesen. Die Aktivität an der Ost- und der Südostseite des Vulkans ist weitherum hörbar. Das nächtliche Feuerwerk wird von Hunderttausenden von Einwohnern und Touristen aus sicherer Distanz beobachtet.

Am 12. Juli 1998 bin ich erneut auf dem Ätna. Auf der Naturstrasse marschiere ich vom Torre del Filosofo westlich um den Gipfelaufbau bis zum «Parkplatz» bei der Voragine. Unterwegs beobachte ich alle paar Minuten Ausbrüche aus der Bocca Nuova, doch die Hauptaktivität findet derzeit zweifellos in der Voragine statt, dem grössten Gipfelkrater. Auf meine Annäherungsversuche reagiert sie mit Salven grosser Bomben, und zwar in meine Richtung. Ich ziehe mich schleunigst zurück. Erinnerungen an 1972 werden wach, als meine beiden Studienkollegen und ich tatsächlich in letzter Sekunde aus der Flugbahn einiger Bomben rennen mussten, während eine «Ladung» über unsere Köpfe hinwegflog und hinter uns im Schnee niederging. Diese Erfahrung reicht mir, eine Wiederholung brauche ich nicht.

Äusserst beunruhigend ist das Zischen der Lavablöcke, die aus über 200 m Höhe heruntersausen, mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden einschlagen und dabei metergrosse Impaktkrater aufreissen. Sie bleiben dampfend als übergrosse Kuhfladen liegen. Manchmal werden am Ätna auch Bomben ausgeworfen, die sich beim ballistischen Flug durch die Luft aerodynamisch formen lassen.

Dies ist möglich, weil die basaltische Lava in dünnflüssiger Form austritt. Das wiederum erleichtert die Entgasung des Magmas und gestattet dem Vulkan, ähnlich wie beim Sfromboli, relativ ruhig auszubrechen. Gigantische explosive Ausbrüche sind am Ätna deshalb unwahrscheinlich und Katastrophen wie am Pinatubo auf den Philippinen, am Vesuv bei Neapel oder am Mount St. Helens in den USA fast ausgeschlossen. Zwar gibt es auch am Fuss des Ätna Ablagerungen von Glutlawinen. C 14-Datierungen lassen auf ein Alter von 15 000 bis 15 500 Jahren schliessen. Damit im Zusammenhang stehende explosive Grosseruptionen dürften in Zukunft allerdings erst nach einer Umbildung der För-derschlote im Vulkaninnern und dem Nachschub von saureren Magmen möglich werden.

Inzwischen sind die Ausbrüche der Voragine in eine permanente Lavafontäne übergegangen. Den spektakulären Lärm übermittle ich meiner Frau per Telefon in die Schweiz. Das Handy funktioniert an mehreren Stellen in Gipfelnähe, was mir als Alleingänger ein gewisses Sicherheitsgefühl gibt. Dennoch getraue ich mich vorderhand nicht näher hin, und ein Blick in die Voragine bleibt mir für heute verwehrt.

Am nächsten Tag gehe ich mit Boris Behncke, Vulkanologe an der Universität von Catania, bergwärts. Boris ist mittlerweile dank seiner immer aktuellen und vorbildlich gestalteten Internetseiten über den Ätna weltweit bekannt (Lit. [3]). Dank der « offiziellen Funktion » öffnet sich die Barriere bei der Talstation der Gondelbahn für den etwas klapprigen Fiat Panda, der es pannenfrei bis zum Parkplatz unterhalb der Voragine schafft. Die Strasse ist in einem durchaus akzeptablen Zustand, doch gestatten die Betreiber von Gondelbahn und Bussen Privatpersonen die Bergfahrt aus nahe liegenden Gründen nur in Ausnahmefällen und gegen ein beträchtliches Entgelt.

Nach sorgfältigem Beobachten der Aktivität entscheidet sich Boris für den Aufstieg auf den Nordostkrater, erhalten wir doch erst dort oben aus relativ sicherer Distanz Einblick in das Geschehen innerhalb der Voragine. Der Aufstieg über lockere Schlacken, Lapilli und Asche ist beschwerlich. Eine überstürzte Flucht diesen Hang hinunter wäre verheerend, die Verletzungsgefahr bei einem Sturz beträchtlich. Besonnenheit zu wahren ist allerdings nicht ganz einlach, denn in dem sich unsern Blicken nun öffnenden Voraginekrater ist die Hölle los. Zwei Schlote von je etwa 40 m Durchmesser sind besonders aktiv, wobei sich der rechte darauf beschränkt, «nur» Aschewolken und mehr oder weniger « normale » strombolianische Ausbrüche zu veranstalten.

Ganz anders der linke: Aus dem Grund des trichterförmigen Kraters quillt drohend eine orangerote Blase zähflüssigen Magmas, also noch nicht entgaster Lava. Sobald diese Blase einen kritischen Durchmesser erreicht, zerplatzt sie mit einem ohrenbetäubenden Knall. Die Lavafetzen fliegen in alle Richtungen davon, und manchmal bildet sich die nächste Blase schon, bevor alles Material auf den Boden der Voragine zurückgefallen ist.

Die blasenbildende Krateröffnung in der Voragine beengt offenbar den Magmadurchfluss derart, dass die Entgasung erschwert ist. Anscheinend führt die Druckentlastung nach dem Durchzwängen bis an die Oberfläche zu den ungewöhnlichen Explosionen. Ein nicht unerheblicher Teil der Energie wird bei jedem Ausbruch auf den Boden übertragen. Wenn ich mich hinsetze, kann ich den Erd-stoss bei jeder Explosion zwar schwach, aber deutlich fühlen. Die Messungen der seismischen Aktivität liefern denn auch die wichtigsten Anhaltspunkte zur Vulkanbeobachtung. Allerdings kommt dabei weniger das Sitzleder der Vulkanologen zum Einsatz als vielmehr ein Netz von Seismographen. Damit kann das Aufsteigen von Magma und sein seitliches Eindringen in die Flanken des Berges registriert werden. Deshalb können Flankeneruptionen normalerweise vorausgesagt werden.

Nicht so einfach ist es bei den Gipfeleruptionen. Im Moment ist ja ohnehin dauernd etwas los, und grössere Ereignisse wie am Nordostkrater im März 1998 sind schwer voraussehbar. Zudem gibt es kein Warnsystem für Personen, die sich in der Gipfelregion aufhalten. Diese Probleme finden sich auch auf Stromboli, wobei es dort um kleinere Ausbrüche, dafür aber um viele Touristen geht.

Im Oktober 1997 hatte ich mir geschworen, nie mehr ohne Videokamera auf den Ätna zu steigen. Nun bin ich entsprechend ausgerüstet und komme unerwartet zu einmaligen Aufnahmen.2 Gleich zeigt sich auch ein nicht zu unterschätzender Vorteil dieser Technik: Nachdem die Kamera auf einem Stativ eingerichtet ist, arbeitet sie automatisch auch während der dramatische Momente, und ich kann meine Aufmerksamkeit dem Selbstschutz widmen. Nachmittags wechseln wir zur Bocca Nuova. Wir machen einen grossen Bogen um ihre momentane gefährliche Westseite und steigen von Süden zu ihrem Rand auf. Auf dem Kraterboden stellen wir grosse Veränderungen fest: Lavaströme haben ihn teilweise überflutet, und der breite, im Oktober mit einem Lavasee gefüllte Nordwestschlot ist durch einen kleineren Schlackenkegel ersetzt worden, der alle paar Minuten ausbricht. Ein zweiter Schlot auf der Südostseite macht mit rhythmischen Gasaus-stössen auf sich aufmerksam, die ein paarmal als wunderschöne Rauchringe himmelwärts steigen.

Auch der Südostkrater zeigt strombolianische Ausbrüche, doch beginnen nachmittägliche Quellwolken die Beobachtungen zu erschweren. Wetterwechsel sind am Ätna nicht immer harmlos, nicht zuletzt deshalb, weil das Gelände mancherorts ziemlich unübersichtlich ist. Im Nebel ist es an flachen Stellen manchmal denkbar schwierig festzustellen, in welcher Richtung es bergab geht. Die Lavafelder sind zudem dermassen weitläufig, dass man sich unbedingt auf Fahrwegen oder über Aschehalden fortbewegen muss. Selbstverständlich ist Nebel auch dann sehr gefährlich, wenn man auf unvorhergesehene Änderungen der eruptiven Tätigkeit reagieren muss. Bei strahlend klarem Wetter vergisst man dies nur allzu leicht!

Zwei Tage später, am 14. Juli 1998, mache ich mich zum dritten Mal, mit Sack und Pack beladen, zum Gipfel auf. Meine Ankunft auf dem Nordostkrater plane ich auf den späten Nachmittag, damit ich die Explosionen in der Voragine in der Dämmerung und während der hereinbrechenden Dunkelheit aufnehmen kann. Der Anblick der golden- und orangeglühenden herumfliegenden Lavamassen ist faszinierend und wirkt einmal mehr hypnotisch. Beim verspäteten Nachtessen beobachte ich das aufgehende Sternbild Skorpion über der ausbrechenden Bocca Nuova. Und morgens um drei, als ich endlich in den letzten Hang oberhalb des Rifugio Sapienza einsteige, geht der abnehmende Mond auf und ergänzt mein Taschenlampenlicht auf der dunklen Lava.

Kurz nach meiner Abreise von Catania schreitet der Ätna zu noch grösseren Taten. Anscheinend ohne Vorwarnung ereignen sich am 22. Juli 1998 um 18:35 Uhr gleichzeitig in der Voragine und der Bocca Nuova gewaltige Explosionen. Sämtliche Kegel innerhalb der beiden Krater werden zerstört, und eine Aschewolke wächst bis in eine Höhe von 10 000 Metern über dem Gipfel. Kollegen in Catania vergleichen das Phänomen mit einem Atompilz.

Geländebusse evakuieren schleunigst überraschte Touristen. Offenbar befinden sich zu dieser Zeit noch Personen oberhalb vom Torre del Filosofo. Ein geistesgegenwärtiger Chauffeur leuchtet mit den Scheinwerfern seines Fahrzeugs gegen den Fahrweg zur Voragine, wo dann tatsächlich aus dem Dunkel des Ascheregens Personen auftauchen und gerettet werden können. Verletzt wird niemand ernstlich.

Durch den Wind wird die Asche gegen Süden und Südosten verfrachtet und geht unter anderem in Catania nieder. Dort muss der Flughafen Fontanarossa während 15 Stunden geschlossen werden. Seit dem 24. September 1986 ist dies der erste Be-triebsunterbruch infolge vulkanischer Aktivität. Beim Rifugio Sapienza liegen anderntags mehrere Zentimeter, beim Torre del Filosofo gleich ein halber Meter frischer Asche. Der Ätna hat sich ein neues Kleid übergezogen.

Nicht immer ist es in der Vergangenheit so glimpflich ausgegangen: Am 12. September 1979 schleudert um 17:47 Uhr eine unerwartete heftige Explosion Blöcke aus der Bocca Nuova. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich rund 1 50 Besucherinnen und Besucher in der Gipfelzone, die meisten von ihnen nördlich und nordwestlich der Bocca Nuova. Während mehrerer Sekunden fallen Bomben mit Durchmessern von einem Viertelmeter und mehr. Viele Touristen flüchten zu den beim Parkplatz zurückgelassenen Autos, die zum Teil beschädigt werden. Die schreckliche Bilanz: Neun Todesopfer sind zu beklagen, 20 Personen erleiden zum Teil schwere Verletzungen.

Seither hat sich die «Politik» in Bezug auf den Zugang für Touristen mehrmals geändert. Schilder warnen davor, sich den Kratern vom Torre del Filosofo aus zu nähern, eine Sperrung für Individualtouristen wird allerdings nicht durchgesetzt. An schönen Sommertagen beobachtet man deshalb ein buntes Treiben, bei dem einem Angst und Bange werden könnte. Leichtgeschürzt und in Sandaletten lustwandeln Besucherinnen und Besucher den Kraterrändern entlang, wohl in gänzlicher Unkenntnis der möglichen Gefahren. Andere, allerdings meist besser ausgerüstete Gruppen schlagen ihre Zeltlager bei der 3000-Meter-Höhenlinie auf, immerhin dort, wo auch schon Bomben von Ku-bikmeter-Kaliber niedergegangen sind. Ein Wunder, wie wenig am Ätna bisher passiert ist!

Zum letzten Mal in diesem Jahr sind Marco und ich gemeinsam auf dem Ätna unterwegs. Jeder Tag ist ein Geschenk, kann doch der grosse Winterschnee jederzeit kommen. Unsern Besuch haben wir so eingerichtet, dass er mit dem Vollmond zusammenfällt.

Seit dem grossen Ausbruch vom 22. Juli 1998 ist es in der Voragine ruhiger geworden, der Nordostkrater hüllt sich weitgehend in Schweigen, und die Bocca Nuova beschiesst mit mittlerer Heftigkeit weiterhin ihren eigenen Nordwestrand, von dem man sich deshalb tunlichst fernhält. Das ganz grosse Spektakel findet dafür am Südostkrater statt. Von weitem ist pulsierende Schlackenwurftätigkeit zu hören und zu sehen. Die Aktivitäten der nahe beieinander liegenden Gipfelkrater, die zwar langfristig ähnlichen Trends folgen, sich kurzfristig aber stark unterscheiden, hat zur Annahme geführt, dass Magmakanäle zumindest in den obersten paar hundert wenn nicht sogar tausend Metern voneinander getrennt und unabhängig sind.

Am Abend des 5. Oktobers gemessen wir ein einmaliges Schauspiel, das der Südostkrater liefert. Fast pausenlos jagen Feuerfontänen hundert, zweihundert, manchmal sogar dreihundert Meter himmelwärts. Manche der Lavafetzen müssen mehrere Meter gross sein. So gewaltig ist der Druck, dass sich der Schlotrand bei jedem Ausbruch leicht ausdehnt als wäre er aus Gummi. Der Schlackenkegel ist offenbar weniger solide als es den Anschein macht. Wahrscheinlich gibt es in seinem Innern einen graduellen Übergang zwischen flüssiger Lava und «festem» Kegel.

Nur einen Tag später hat sich der Kegel des Südostkraters stark verändert, kein Wunder bei der gegenwärtigen Intensität der Ausbrüche und der Menge des geförderten Materials. Bei dem rasenden Sturm aus Westen gibt es auf dem exponierten Ausguck nicht die geringste Deckung vor dem Wind. Eingepackt in Daunenjacken und Sturmhosen setzen wir uns deshalb so nahe wie möglich hinter die Kameras, um sie mit dem Körper so zu schützen, dass die Aufnahmen nicht verwackelt werden. Selbst Schlacken, die gegen den Wind ausgeworfen werden, biegen noch im Flug um und landen auf der windabgewandten Seite des Kraters. Als wäre es des Spektakels nicht genug, geht bald auch der Mond ausgerechnet hinter dem Südostkrater auf. Ob man uns wohl glauben wird, dass wir die Aufnahmen nicht aus Einzelfotos zusammengestellt haben.

Kann man eine besteigung des Ätna empfehlen oder muss man davon abraten? ALPEN-Beiträge wolle ja wie bei der Publikation alpiner Routenbeschreibungen im Vertrauen auf die Eigenverantwortung der Leserschaft informieren. Neben den beschriebenen Risiken durch Eruptionen und Wetterumstürze erleichtern die folgenden Ergänzungen einen Besuch:

Unterkunft finden Motorisierte in guter Auswahl beispielsweise in Nicolosi. Wer nicht über ein eigenes Fahrzeug verfügt, gelangt von Catania aus per Bus (Abfahrt 08:00 Uhr beim Bahnhof) über Nicolosi in rund zweieinhalb Stunden zum Rifugio Sapienza, wo man das Reisebudget schonen kann, aber auf heisses Wasser, eine ruhige Lage und peinliche Sauberkeit verzichten muss. Die Wirtsleute geben (vielleicht etwas widerstrebend) einen Hausschlüssel ab, wenn man erklärt, dass man erst lange nach Mitternacht zurückkommen werde. Mittelklasse-standard bei einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis bietet das Hotel Corsaro, rund 300 Meter abseits, spektakulär mitten im Lavastrom von 1983 wieder aufgebaut.

Gondelbahn (auf 2500 m) und anschliessende «Jeep»-Fahrt (Geländebusse bis Torre del Filosofo) können einzeln oder zusammen, einfach oder retour gebucht werden. Fährt man bis zuoberst, wird eine Führertaxe erhoben, auch wenn man die Gruppe dort verlässt, was eigentlich nicht vorgesehen ist. Der ganze Ausflug ist nicht ganz billig. Der im Gegensatz zum unteren Abschnitt landschaftlich reizvolle Marsch von der Gondelbahn-Bergstation nach Torre del Filosofo ist in weniger als einer Stunde zu bewältigen. Torre del Filosofo bietet eine gute Sicht auf Ausbrüche und die gelegentlich auftretenden, kleinen Lavaströme des Südostkraters, doch werden Fotografen noch ein leichtes Teleobjektiv einsetzen. Dafür ist es hier im Normalfall ziemlich sicher (ein heftiger Ausbruch am 4. Februar 1999 kam allerdings ungemütlich nahe !), und Mineralwasser und Kaffee werden sogar zu gleichen Preisen wie weiter unten abgegeben. Normale Ausbrüche der andern Gipfelkrater sind von hier aus allerdings nicht zu beobachten.

Wer näher an die Krater herangeht, tut es klar auf eigenes Risiko. Die Strasse, die westlich um die Bocca Nuova herum zum Parkplatz bei der Voragine

führt, ist meistens - aber eben nicht immer - ausserhalb der Schussweite. Vom Campieren entlang dieser Piste ist trotz idyllischer Plätze dringend abzuraten, da man im Schlaf nicht merkt, was vorgeht (Camping wäre allenfalls auf dem Sattel nördlich der Montagnola sicherer und der Rückweg zum Zelt nur unwesentlich länger). Der Zutritt zu den Kraterrändern ist immer mit einem erheblichen Risiko verbunden. Selbst wenn nichts ausbricht, kann der Wind umschlagen und einen in erstickende Gase einhüllen. Auf ein solches Abenteuer sollte man sich am ehesten zusammen mit einer erfahrenen, mit den aktuellen Gegebenheiten vertrauten Person einlassen.

Leider verlassen die letzten Busse Torre del Filosofo normalerweise noch vor Sonnenuntergang, also bevor die Lava schön rot glüht und die besten Fotos entstehen. Als Alternative bietet sich dernächtliche Rückmarsch an: rund 40 Minuten bis zur Gondelbahn und nochmals etwa 70 Minuten bis Sapienza. Wenn man sich bei Tageslicht orientiert hat, ist es im oberen Abschnitt leichter, die endlosen Strassenkehren abzuschneiden. Im unteren Abschnitt hat die Strasse 17 Spitzkehren, und man verliert nur langsam an Höhe. Dafür verläuft man sich nicht in blockiger Lava, falls man die planierte Skipiste verliert, die an sich einen Abstieg in der Falllinie ermöglichen würde. Da der Schein der Taschenlampen auf der schwarzen Lava eine weitaus kleinere Wirkung hat, ist ein Besuch in einer Vollmondnacht hilfreich.

Literatur

[1] Alean, J., Camici, R. ( 1997 ): Der Vulkan Strambali. DIE ALPEN 6/1997, S. 38-50

[2] Alean, J., Carniel, R.: Ätna, Strombalis grosser Nachbar. Stromboli online (http://stromboli.net) [3] Behncke, 3.: Etna, ( http://www.geo.mtu.edu/~boris/etna.html ) [4] Chester, D. K., Duncan, A. M.; Guest, J. E. und Kilburn, C. R.

J. (1985): Mount Etna- The anatomv of a volcano. Chapman and Hall, London. ISBN: 0-412-23890-X [5] Club Alpino Italiano: Mt. Etna, carta naturalistica e turistica 1:60000 (nuova edizione). Geologische Karte mit allen Lavaströmen bis 1993. Informativ zum Beispiel bei einer Rundfahrt um den Ätna. Erhältlich an Kiosken am Ätna.

[6] Murray, J. B. (1981): Sommità del Mt. Etna, 1:5000. Diese detaillierte topografische Karte ist evtl. an Kiosken am Ätna erhältlich. Infolge der starken Veränderungen in der Gipfelregion (auch bei den Wegen) kann sie nicht mehr zu Orientierungszwecken verwendet werden!

|7] Tazieff, H. (1988): Ätna - der Berg, seine Gefahren, seine Zukunft. Busse und Seewald GmbH, Herford. ISBN: 3-512-00817-8 [8] Touring Club Italiano (1993): Parco dell'Etna, carta Tomistica 1:50000. ISBN: 88-365-0482-5. Topografische Karle mit informati-vem Begleitbüchlein in Italienisch über Geologie, Flora, Fauna des gesamten Älnagebiets, allerdings zu wenig detailliert für die Orientierung in der Gipfelregion. Erhältlich an Kiosken am Ätna.

Feedback