Auf dem Rückzug Menschen in den Bergen

Seit 34 Jahren ist Hansruedi Gisler Festungswächter auf dem Gütsch ob Andermatt. Nun wird er pensioniert. Der letzte, aber nicht der einzige Rückzug in seiner Berufslaufbahn.

Mit Hansruedi Gisler verschwindet ein Stück Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die im Fort Gütsch verborgen liegt. Dort, wo ein verzweigtes Netz von kilometerlangen Gängen mit tonnenschweren Toren von der Aussenwelt abgeriegelt ist. Dort, wo Feuerlöscher vor leer stehenden Betriebsstoffmagazinen Wache halten, und dort, wo hinter einer Mauer 230 Treppenstufen hinaufführten zu einem Artilleriegeschütz mit 30 km Reichweite. 27 Jahre hat der gelernte Bauspengler hier gedient, zuerst als Geschütz- und Waffenmechaniker, dann als Chef der Anlage, die « so gross war wie eine Kleinstadt mit bis zu 400 Bewohnern ». Hier hat er geölt, geputzt, gefettet, kontrolliert, repariert – « wenn eine Maschine nicht lief, auch nachts ». Im Katastrophenwinter 1975 riss eine Lawine die Zubringerseilbahn in die Tiefe, und eine andere setzte sich breit vor den Haupteingang. Alles wurde wieder hergerichtet, 1986 wurden mit grossem Aufwand sogar Anlagen zum Schutz vor chemischen Waffen eingebaut. Und die Festungswächter hielten die Stellung – bis 1996. Dann war Schluss. Die Maschinen und Anlagen wurden umwelt-gerecht demontiert, die verlassenen Katakomben zugemauert und den Moosen und Mäusen überlassen. Es war für Hansruedi Gisler, als würde ihm etwas entrissen, das ihm lieb geworden war. Mit dem Kopf konnte er die Gründe schon nachvollziehen. « Ich glaube nicht, dass man so eine Anlage jemals wieder brauchen könnte », sagt er, und « als Steuerzahler bin auch ich nicht bereit, für Leerläufe aufzukommen. » Aber man sieht es ihm an: Sein Herz blutet noch immer, wenn er von diesem Rückzug erzählt.

Dieser grosse Einschnitt im Berufsleben von Hansruedi Gisler hatte aber auch seine positiven Seiten. « Seither bin ich oft unterwegs, und die Arbeit ist vielseitiger geworden », sagt er. Ab und zu macht Hansruedi Gisler Dienst auf der Wetterstation Gütsch. Alle drei Stunden übermittelt er dann jene Daten in die Meteozentrale nach Zürich, die keines der Geräte vor dem Häuschen aufzuzeichnen vermag: Wolkenbild, Wolkenart, Wolkenmenge und Wolkenhöhe. Die Wolkenhöhe misst er an den umliegenden Bergspitzen des Pazolastocks, des Gemsstocks und – ganz hinten am Horizont – des Galenstocks. Wenn die Wolken höher liegen, hilft die Erfahrung. Ob Hansruedi Gisler Veränderungen festgestellt hat? « Etwas mehr Nebel gibt es schon als früher, und die Temperatur hier oben hat im Durchschnitt um etwa 1 °C zugenommen », sagt Hansruedi Gisler. Die Folgen lassen sich am nahen Gemsstock leicht ablesen: « Der Rückzug des Gletschers lässt sich praktisch von blossem Auge beobachten. » Ruhe unter dem Gletscher Ebenfalls absehbar ist Adjutant Unteroffizier Gislers eigener, definitiver Rückzug vom Gütsch. Und dann? Hansruedi Gisler wird einem seiner drei Söhne auf dessen Bauernbetriebsgemeinschaft zur Hand gehen, und er wird das machen, was er immer schon getan hat: in der Feldmusik Andermatt das Kornett blasen und Wanderungen unternehmen in der Region. Einen Ort zwischen Furkapass und der Sidelenhütte sucht er immer wieder auf. Hier, unter dem Gletscher, findet er die Ruhe, um zu entspannen und « Rückschau zu halten ». Oder einfach die Freiheit zu geniessen. « Manchmal überkommt mich dann ein Gefühl, als wäre das Urserental mit all seinen Gipfeln und Höhlen, mit all seinen Pflanzen und Tieren mein », sagt Hansruedi Gisler, lächelt fast beschämt ob dieses Anflugs von Übermut und zieht sich sogleich wieder zurück in die Haut des ruhigen, besonnenen und bescheidenen Schaffers, der er ist.

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