Bärn Boulder

Bern - im Dialekt « Bärn » - verfügt über eine sehr aktive Kletterszene, die vor noch nicht allzulanger Zeit vom Boulderf ieber erfasst worden ist.1 Auf der Suche nach geeigneten Quadersteinen, Vierkantrohren und weiteren trickreichen Griff- und Trittmöglichkeiten sind wahre Legenden entstanden, und manchmal ist auch das rechtlich naturgemäss eher sensible Umfeld zu einem Faktor geworden, der Boulder-fans auf ihren Streifzügen durch die Altstadt begleitet.

Rasch entschlossen Dr. Bari hat Feierabend. An eine Säule der Tramhaltestelle beim Loebegge gelehnt, verkürzt er sich die Wartezeit mit der Lektüre einer seriösen, dem Doktortitel entsprechenden Tageszeitung. Nach einem ohnehin schon studienreichen Arbeitstag folgen seine Augen aber bloss noch mechanisch den Buchstaben, ohne den Inhalt der Zeilen zu erfassen. Sehnsüchtig träumt er dem kommenden Wochenende entgegen. Die Worte der Zeitung verwandeln sich in Griffe und die Zeilen in Routen - um Dr. Bari ist es geschehen. Das Blatt, hastig zusammengefaltet, verschwindet in der Umhängetasche. Ein schneller Blick in die Runde: Die Luft ist rein. Die Säule der Haltestelle wurde vom Berner Künstler Rolf Iseli mit eisernen Baum-pilzen dekoriert, die nun dem Doktor als Griffe und Tritte dienen. Geschickt hakt er die Ferse auf den obersten Metallpilz, während die linke Hand um das Perrondach herum die Dachkante erfasst. Ein Berner Stadtboul-der ist geschafft. Katzenhaft springt er zurück auf den Boden und entschwindet ins nächste Tram.

Nicht ganz unheikle Grauzone Dr. Bari und sein Kollege Dr. Bomb haben in der traditionsreichen Aarestadt eine jahrzehntealte Bouldertra- Dr. Baris Feierabend ( Boulder: watch your back/ein-fach ), Tramhaltestelle beim Loebegge, Perron 1 Bereits beginnen sich die Worte der Zeitung in Griffe und die Zeilen in Routen zu verwandeln, Dr. Bari tritt in Aktion.

Blitzschnell strebt Dr. Bari nach oben.

dition wieder aufleben lassen. Zusammen verfassten sie einen kleinen Stadtführer, der altbekannte sowie zahlreiche neue Kletterprobleme in der Aarestadt beschreibt.2 Das originelle Werk unterteilt die Boulder in die drei Schwierigkeitsbereiche « einfach, mittel, happig » und in die Lega-litätsstufen « legal, fast legal, watch your back !». Wer nun aber vermutet, dass sich die Bärn-Boulderer bei der Auswahl der Kletterprobleme auch nach zunehmendem Konfrontations-risiko mit Gegnern unkonventioneller gebäudesportlicher Aktivitäten richten, den muss Dr. Bari enttäuschen: « Für uns haben sportliche und soziale Aspekte den Vorrang ». Er fände es deshalb schade, wenn durch provokative Aktionen Kletterverbote ausgelöst würden. Bis jetzt seien.

Absprung - und weg ist er!

trotz der von den Behörden geäusserten Bedenken, keine negativen Zwischenfälle bekannt geworden. Ausser damals, als vor mehr als zehn Jahre ein Boulderfan es nicht lassen konnte, die Mauerritzen der französischen Botschaft auf ihre Klettertaug-lichkeit zu testen. Dass er sich hier das falsche Objekt ausgesucht hatte, merkte er erst, als ihn die Wache mit der Maschinenpistole im Anschlag 1 Das englische Wort Boulder bedeutet Felsblock. Unter Bouldern versteht man somit das gefahrlose Klettern an drei bis vier Meter hohen Blöcken oder Felswänden.

Genau genommen handelt es sich bei Fassaden nicht um Felsen im engeren Sinn. Das Fas-sadenklettern wurde darum oft als Buildering ( von Building: Gebäude ) bezeichnet. Da für die Berner Szene nicht die Gebäude, sondern das Klettern daran entscheidend ist, bevorzugt sie den Ausdruck Bouldern.

2 Der Führer Bärn Boulder ( 2. Auflage 1997 ) beschreibt insgesamt 34 Bouldergebiete in der Altstadt und in ihrer näheren Umgebung. Er ist in Bern für Fr. 1O. im Comics-Chäller und bei Eiselin Sport erhältlich. Das Bergbuchge-schäft « Piz Buch & Berg », Müllerstr. 25, 8004 Zürich, vertreibt die Führer auch über den Versandhandel.

auf den Erdboden zitierte. Nach einem kurzen Verhör wurde der Kletterer jedoch wieder freigelassen.

Blutturm - da wo die Aare schäumt Weniger liberal war man im Mittelalter gesinnt. Der in dieser Zeit erbaute düstere Blutturm am Aareufer ( unterhalb der heutigen Lorraine-brücke ) bedeutete für viele die letzte Station im Leben. Nach der grauslichen Sage stiessen die Henker ihre Opfer oben in den Turm. Sie fielen in die Tiefe und wurden von Lanzen und Dornen, die aus den Wänden ragten, getötet. Die Aare schäumte jedesmal, wenn sie einen der grässlich entstellten Leichname wegtrug. Dass sich bald einmal kein Henker mehr fand, der diese Strafe voll-strecken wollte, ist ein Zeichen dafür, dass es auch in diesen dunklen Zeiten nicht vollends um die Menschlichkeit geschehen war. Doch der Ort blieb unheimlich. Es war hier, wo Hexen den Teufel anriefen. In schwärzester Nacht hört man heute noch die Klagelaute der in diesem Mauerwerk gefangenen Geister. Kletterinnen und Kletterer, die einmal die Strukturen seiner Tuffsteinmauer berührt haben, lassen sie nicht so schnell wieder los. Auch Dr. Bari und seine Freunde Chri- Verhexte Orte sind verführerisch. Der Quergang an der Aussenmauer des Blut-turms gilt als Berns schönster Boulder.

gu und Jure sind dem Zauber des Turms verfallen.

Während Bari im « Durchfau»-Boul-der Gleichgewicht, Coolness und Fingerkraft geschickt einsetzt, geniessen Klettern am Blutturm: Wenn man noch nach neuen Möglichkeiten sucht, findet man sie im Führer Bärn Boulder.

Vielfältig und technisch interessant. Dr. Bari in « Durchfau » ( le-gal/mittel ): Am Blutturm entschei den Kraft, Geschicklichkeit und Coolness.

c 9 a Jugend-Infos,Berichte,Aktivitäten .Q Chrigu und Jure den Kletterfluss an Tuffsteinlöchern über der Aare. Der Quergang an den guten Griffen gilt in der Szene als schönstes Boulderproblem weit und breit - verhexte Orte wirkten schon immer verführerisch.

Neue Sitten an der Badgasse Regelrecht ungesittet ging es bis vor hundert Jahren auf der andern Seite der Aarehalbinsel im armen Mattenquartier zu und her. Der Ruf seiner Bäder und des sich ausbreitenden « Dirnenunwesens » reichte weit über die Schweizer Grenzen hinaus. Selbst der Frauenheld Casanova erwähnt den Ort in seinen Memoiren. Den Berner Stadtvätern wurde dieser Schandfleck dermassen unerträglich, dass sie die Schliessung der Bäder verfügten. Was hinter den Mauern der Badgasse alles geschah, lässt sich heute nur mehr erahnen. Was klettertechnisch an den Mauern möglich ist, erfährt man hingegen aus dem Boulderführer. Die grossen Sand-steinquader überraschen mit eigenartigen Löchern. Gemäss Dr. Bari wurden sie in die Steinblöcke gehauen, damit sich diese mit Hilfe einer Hebe-vorrichtung an ihren Bestimmungsort wuchten liessen.

Die Loch- und Fugenkletterei verlangt Kreativität und sehr viel Kraft. Lange galt der Badgassquergang als Bouldern am Erlacherhof. Wenn die unfreiwillige Rückkehr zum Boden kritische Folgen haben könnte, wird « gespottet ». Beim Spotten stellt sich der Partner unter/hinter den Boulderer, um im Fall eines Sturzes die Sturzenergie abzufangen.

das heissest umworbene Projekt der Berner Boulderer. Resigniert steckte damals ein Kletterer ein Zettelchen mit den Worten « Warten auf das Monster... » in das zuletzt erreichte Griffloch. Als er das nächste Mal wiederkam, steckte das Zettelchen am Ende des Quergangs, neu enthielt es die Mitteilung: « Das Monster war hier ».

Die Jugend braucht die Stadt Die Bärn-Boulderer ziehen die durch architektonische Phantasie geschaffenen Formen der Struktur einer Kunstwand vor, weil sie die so vorgegebenen Kletterprobleme als vielfältiger und technisch interessanter einstufen. Zusammen an einigen Quadratmetern Fels oder Mauerwerk herumzutüfteln und der dem Bouldern eigenen spielerischen Seite freien Lauf zu lassen, motiviert. Zudem kostet das Bouldern in der Stadt nichts und ist mit bedeutend weniger Zeitaufwand verbunden, als wenn am Feierabend noch in eine ausserhalb gelegene Kletterhalle gefahren werden muss.

Der Boulderaktivität verleiht Dr. Bari auch eine jugendpolitische Note, wenn er meint: « Der Freiraum in der Stadt wird immer mehr eingeschränkt. Die Stadt ist aber nicht nur zum Ansehen, sondern auch zum Anfassen da. Insofern versuchen wir jungen, einen bescheidenen Teil für uns zurückzuerobern. » Entsprechend hofft er auch, dass das Berner Beispiel in andern Städten Schule macht.

A Im Badgass-Quergang: ein a Testpiece für Monster ( legal, happig ). Berns ehemaliger Sitten-Schandfleck lockt heute mit einem anspruchsvollen Boulderproblem.

Bärn-Boulder-Infos

Die lohnendsten Klettergelegenheiten Wer sich an den nachstehend aufgeführten Boulderproblemen versucht, tut dies auf eigenes Risiko und auf eigene Gefahr. Und wenn im erwähnten Kletterführer ( bzw. im vorliegenden Beitrag ) Boulders als « legal » bezeichnet werden, so bedeutet das nur, dass hier das Klettern bisher toleriert wurde. Dies braucht aber nicht immer so zu bleiben.

Blutturm Sehr vielfältige Möglichkeiten, mit einem landschaftlich einmaligen Quergang über der Aare. Zugang: vom Bahnhof in 10 Minuten unter die Lorrainebrücke.

Badgasse Die Berner Mauer mit der ältesten Bouldergeschichte. Rund 10 Probleme der gehobenen Klasse. Als Zugang empfiehlt sich der Abstieg über den Casino-Südhang. Dabei kommt man an einem markanten Fingerriss vorbei; einem Prachtboulder, der keinesfalls verschmäht werden darf.

Erlacherhof Südwand Eine äusserst ästhetische Kante, ein ausdauernder Quergang an runder Leiste und sehr feingriff ige Wandprobleme. Bei Abendsonne der Boul-dertraum. Zugang: via Junkerngasse.

Schulhaus Breitfeld: Jurassic Park Der mit Steinen verkleidete Saurier bietet viele Möglichkeiten im Plai- sirbereich. Wenn aber die Pausen-glocken läuten, dann ist es mit dem Vergnügen schnell vorbei. Zugang: mit Bus Nr. 20 ab Bahnhof.

Treffpunkt Für Gleichgesinnte organisiert die JO des SAC bis 3.7. 1998 und vom 14.8. bis 18.9.1998 jeden Freitagabend ab 18.45 Uhr ein gemeinsames City-Bouldering. Treffpunkt: Heiliggeistkirche beim Bahnhof. Zum Après-Bouldering kommt man in die Szenenkneipe, die « Bierquelle » im Casino.

Ausrüstung Die meisten Probleme sind gefahrlos ohne Seil zu klettern. Trotzdem schadet es nichts, wenn sich die Kletterpartner hinter/unter die Boulderer Chrigu im Fingerriss; ein Generationenproblem ( legal/mittel; am Casino-Südhang ) stellen, um im Fall eines Sturzes einen Teil der Sturzenergie abzufangen. Neuerdings sind auch sogenannte Bouldermatten auf dem Markt. Diese ca. 10 Zentimeter dicken Schaumstoffmatten sind relativ teuer, reduzieren aber die Verletzungsgefahr wesentlich.

Boulderfreaks benützen eine ausgediente Zahnbürste, um die mit Magnesia zugepappten Griffe zu reinigen.

Fugen und Käntchen stellen hohe Ansprüche an die Fusstechnik. Enge, nicht allzu weiche Kletterfinken sind bei solchen Boulderproblemen von Vorteil.

Bernard van Dierendonck, Zürich

ìchutz der Gebirgswelt difesa dell'ambiente

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