Bauernleben im Taminatal: Bergtüchtig und -bodenständig

Bergtüchtig und -bodenständig

Abgeschieden zwischen Pfäfers und Vadura im St. Galler Oberland liegt der Bauernbetrieb Ragol. Hier bauten sich Kurt und Marlis Utzinger vor rund 30 Jahren mit unkonventionellen Ideen und Vorgehensweisen eine Existenz auf. Sie blicken auch heute zuversichtlich in die Zukunft und glauben, dass es mit dem richtigen Einsatz weiterhin möglich bleibt, Berglandwirtschaft zu betreiben.

Der Hof in Ragol gewann nach und nach an Bekanntheit, je grösser das Netz von Helferinnen und Helfern wurde. Das gelang, weil Utzingers schon früh Kontakt mit Aussenstehenden suchten. So meldeten sie sich, als im einmaligen Langschuljahr 1989 die Werkschule Zürich ein Bauprojekt für eine Schulklasse suchte, um die Renovation ihres Wohnhauses vorwärtszubringen. In Ragol kehrte damals reges Lagerleben ein. Dabei entdeckten die -Utzingers, wie viel sich mittels solcher Unterstützung realisieren lässt. Fünf Jahre später konnten sie mit Lagereinsätzen und Freiwilligen auf die gleiche Weise einen Stall bauen. « Solche Leute bringen Tatendrang, Ideen, Fachwissen in Spezialgebieten, Handwerksgeschick und natürlich auch ihre Lebensgeschichten mit », erzählt Kurt Utzinger. Im Gegenzug gewährten die Bergbauern den Helferinnen und Helfern Einblicke in ein anderes Leben und ermöglichten Begegnungen sowie Naturerlebnisse. Selbstverständlich gewährten sie auch Unterkunft und lernten ihre Helfer bei Speise, Trank, Gespräch und Spiel besser kennen. Der Bergbauer meint zu seinem Vorgehen: « Wenn wir über Sinn und Zweck unseres Lebens hier in Ragol nachdenken, kommen wir zum Schluss, dass die Menschen, die zu uns kommen, vor allem anderen eine Vorrangstellung bekommen haben. Wir sind sicher, dass unser Modell nichts mit Ausnützung von Arbeitskraft zu tun hat, viel eher mit Lebensfreude, Gesundheit und der Beziehung zwischen Stadt- und Landbevölkerung. »

Wahlheimat an Hanglage Doch die Utzingers waren nicht von Anfang an Bergbauern im Taminatal. Als junge Familie wuchs jedoch bei ausgedehnten Wanderungen mit den Kindern der Wunsch, ein Flecklein Natur ganz für sich zu haben, um darauf etwas Eigenes aufzubauen. Die Spur führte über ein Inserat im Tages-Anzeiger ins enge, wilde Taminatal, unmittelbar oberhalb der Schlucht, wo sich die Landschaft über dem Abgrund etwas weitet. Zum Verlieben sei dieser Hof an steiler Hanglage bei der Besichtigung im Jahr 1979 jedoch nicht gewesen, meint die Bäuerin. Unübersehbare Hochspannungsleitungen ziehen sich über den dazugehörenden Boden, und dem kleinen Haus fehlte zu jener Zeit die Ausstrahlung eines Bauernhauses. Zudem gehörten nur noch einige kleinere Ställe und Remisen, sechs Hektaren Wiesland und sechs Hektaren Wald zum Betrieb. Günstig hingegen war die nahe gelegene Postautohaltestelle. So konnten die Kinder einfach zur Schule. Die Utzingers wagten den Schritt und kauften das kleine Gut. Langsam, aber sicher lernten sie die vielen positiven Seiten ihrer Wahlheimat kennen. Der dreifache Familienvater konnte seine Berufsarbeit als Chemie-assistent an der Kantonsschule Sargans bald an den Nagel hängen. Bereits in jener Zeit konnten sie wertvolle Kontakte knüpfen und einen Kundenkreis für Hofprodukte aufbauen. Nicht nur zur Existenzsicherung, sondern auch aus innerer Überzeugung übernahm Kurt Utzinger für viele Jahre die Geschäftsführung der « Schweizer Bergheimat », der gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung kleiner und mittlerer Bio-Bergbauernhöfe. Im Jahr 2001 erfuhr dann Utzingers Betrieb flächenmässig eine enorme Vergrösserung: Die Bergbauern konnten die Alp Panära hinzukaufen. Diese umfasst 600 Hektaren Boden, wovon aber nur 120 genutzt werden können. Das Alpgelände reicht dabei bis fast auf den Ringelspitz hinauf, wo auch einige Quellen der Tamina liegen. Entsprechend ist die Landschaft auf 1600 bis 2000 Metern geprägt von rauschenden Wasserläufen. Die Alp mit einer unteren und oberen Hütte ist aber trotz ihrer wilden Umgebung für die Utzingers heute die Perle des Bergbauernbetriebes. Rätisches Grauvieh Als Pionier der Züchtung trug Kurt Utzinger massgeblich zur Verbreitung des Rätischen Grauviehs bei. Durch die Anspruchslosigkeit eignen sich die robusten Tiere besonders zur Nutzung von Weiden in Berggebieten und dadurch auch der Alp Panära. Hier sömmern Utzingers eine Stierherde dieser Rasse, die ausschliesslich aus Zuchttieren besteht. Von Mitte Juni bis Mitte September verbringt neben den eigenen Tieren auch noch angenommenes Grauvieh aus andern Landesteilen den Sommer auf der Alp. Befreundete Helfer leisten dann Hirtendienst bei der Muttertier- und Stierherde. Trotzdem braucht es zusätzlich noch viele Kilometer Elektrozäune, welche die Beweidung regeln und Mensch und Tier vor dem Absturz über die zerklüfteten Felsbänder schützen. Auch sonst steckt viel Arbeit in der Alp. So mussten am Anfang beide Hütten renoviert sowie Wege und Weiden hergerichtet werden. Im ausserordentlich steilen Gelände brauchte es zudem ein Wasserleitungssystem mit Brunnen und Druckbrecherschächten, um das viele Wasser auch am rechten Ort behalten zu können. Der Bauer selber kann aber nicht den ganzen Sommer oben auf Panära verbringen, denn dann ist Heuerntezeit in Ragol. Er versucht trotzdem, möglichst oft dort zu sein. So nimmt er fast täglich den steilen Bergweg über dem Gigerwald-Stausee unter die Füsse. Der Aufwand, während Monaten fast als Nomade zwischen Tal und Alp zu wohnen, wird für Kurt Utzinger dadurch entschädigt, dass er auf eigenem Boden wirken und sich über das Erreichte freuen kann. Im Tal und auf der Alp zu Hause Marlis Utzinger, die auch immer wieder entscheiden muss, ob sie oben oder unten gebraucht wird, sieht Gutes in diesem Wechsel. Sie sorgt mit den eigenen Produkten für das Wohl ihrer Helfer. Milch, Butter, Käse, Fleisch, Obst, Gemüse, Beeren und Honig ermöglichen dabei weitgehende Selbstversorgung. Das vergrösserte Bauernhaus in Ragol ist inzwischen auch geschmackvoll, hell und zweckmässig eingerichtet. Die eigenen drei Kinder sind längst ausgeflogen. Das Allerschönste für die Bäuerin sind heute die Besuche ihrer Enkelkinder und das Spiel mit dem Akkordeon. Auch der Blick zurück erfüllt sie mit Genugtuung, wobei sie die Schwierigkeiten nicht verschweigt: « Wir kamen oft an unsere Grenzen bei der Arbeit und beim Verständnis füreinander. » Vielleicht sei aber aus ihren unterschiedlichen Veranlagungen auch die besondere Kraft zum Aufbau des « Heimets » auf zwei lieblichen wie auch wilden Landschaftsstufen erwachsen. Und wie sieht die Zukunft aus? « Sie ist ungewiss, aber wir sind zuversichtlich. Es wird immer wieder Menschen geben, die dazu berufen sind, in und mit der Natur zu leben und zu arbeiten, so wie wir. »

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