Bergnotfälle Schweiz 2001. Mehr tödliche Bergunfälle als in den Vorjahren

Mehr tödliche Bergunfälle als in den Vorjahren

Liegen die Zahlen für die Bergnotfälle im Rahmen des Vorjahres, so ist die Bilanz bei den tödlich verlaufenen Bergunfällen negativ: 43% mehr Personen als im Vorjahr verloren ihr Leben bei Bergunfällen. Dabei ist eine Zunahme bei den meisten Bergsportaktivitäten zu verzeichnen, am höchsten ist sie bei den Hochtouren. Einzig beim Bergwandern sind im Vergleich zum Vorjahr weniger Todesopfer zu verzeichnen.

Das Bergnotfall- und Bergunfallgeschehen in den Schweizer Alpen und im Jura wird mit zwei unterschiedlichen Statistiken erfasst und ausgewertet. Unter dem Titel « Bergnotfälle » werden alle Ereignisse zusammengefasst, bei denen die Bergrettungsdienste beansprucht wurden. Darunter werden auch Erkrankungen und Evakuationen von nicht verunfallten Berggängern berücksichtigt. Die dazu notwendigen Informationen sind leider nach wie vor aus dem Unterwallis nicht vollständig. Trotzdem kann aus dem zur Verfügung stehenden Zahlenmaterial ein summarischer Überblick über das ganze Notfallgeschehen zusammengestellt werden. Die Statistik der tödlichen Bergunfälle – als Untermenge der Bergnotfälle – erfasst ausschliesslich jene Ereignisse, die der allgemeinen Definition eines Unfalls entsprechen. Die Informationen dazu sind vollständig und in der Regel detaillierter, weshalb das Unfallgeschehen ausführlicher analysiert und kommentiert werden kann.

Bergnotfälle 2001 1

Im Berichtsjahr 2001 waren in der Schweiz 1207 Berggänger bei der Ausübung des Bergsports von einem Bergnotfall betroffen. Zusammen mit den Unfallereignissen beim Delta- und Gleitschirmfliegen, bei denen die Bergrettungsdienste ebenfalls beansprucht werden mussten, resultiert ein Total von 1314 geborgenen Personen, was den Vorjahreswerten entspricht. Dennoch zeigen sich bei einzelnen Sportarten deutliche Verschiebungen: Eisfallklettern +87%, andere Bergsportarten +21%, Bergwandern +15%, Gleitschirmfliegen +5%. Bei den Ursachen waren es vor allem Verirren ( +45% ) und Blockierung/Erschöpfung ( +34% ) mit im Jahresvergleich höheren Werten. Eine bemerkenswert unterschiedliche Entwicklung zeigt sich bei der Schwere der Schädigung mit +8% bei den Unver-letzten und +29% bei den Toten. Bei den tot geborgenen Personen ( NACA 7 ) erlagen 17 Personen einem Krankheitsfall, was 13% aller Bergtoten entspricht. Diese Todesfälle sind, soweit dies mit den zur Verfügung stehenden Unterlagen erfasst werden kann, zumeist auf Ereignisse im Zusammenhang mit Herzversagen zurückzuführen.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, kann man die Summe der Bergnotfälle auf Grund der unterschiedlichen Erfassungskriterien und der nicht vollständigen Verfügbarkeit der regionalen Daten nicht vollumfänglich mit der detaillierten Statistik der tödlichen Unfälle vergleichen. Die unterschiedlichen Resultate mit einer praktisch konstanten Bilanz bei den Bergnotfällen einerseits und einer gleichzeitig markanten Zunahme bei den tödlichen Unfällen andererseits weisen jedoch darauf hin, dass im Berichtsjahr 2001 deutlich mehr schwer wiegende Unfallereignisse zu verzeichnen waren. In diesem Zusammenhang zeigt auch ein Blick auf die Mortalität bei den Bergnotfällen grosse Ursachenunterschiede: 31% aller geborgenen Personen starben bei Lawinenunfällen, der vergleichbare Wert bei Stein- oder Eisschlag lag dagegen lediglich bei 7%.

Tödliche Bergunfälle

Allgemeines Im Kalenderjahr 2001 sind in den Schweizer Alpen und im Jura bei 111 Ereignissen insgesamt 133 Personen tödlich verunfallt. Diese Bilanz fällt nicht nur gegenüber dem Vorjahr ( +43% ) ausgesprochen negativ aus, auch im langjährigen Vergleich hat dieses Resultat den sinkenden Trend der tödlichen Unfälle unterbrochen. Letztmals findet man im Jahr 1993 mit 142 Bergtoten einen Wert, der über dem aktuellen Ergebnis liegt. An dieser Entwicklung waren mehrere Faktoren beteiligt. So hat sich zum Beispiel die Zahl der tödlich verunfallten Ausländer mit 60 Personen gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Dabei fällt die mit 20 verschiedenen Nationalitäten ausgesprochen multinationale Verteilung der betroffenen Personen auf: Deutschland 14, Italien 8, Frankreich 7, England 5, Österreich 4, Niederlande und Japan je 3, Spanien und Tschechien je 2 sowie Belgien, Korea, Litauen, Neuseeland, Norwegen, Polen, Portugal, Russland, Schweden, Türkei und die USA mit je einem betroffenen Staatsbürger. Aufschlussreich ist der Anteil der Ausländer in Bezug auf die einzelnen Tätigkeiten. Bei den Hochtouren waren 35 Personen oder 74% aller Opfer Ausländer, bei den anderen Tätigkeiten hingegen sind diese Werte zum Teil deutlich niedriger ( Variantenabfahrten 43%, Bergwandern 32%, Skitouren 25%, bergsportverwandte Tätigkeiten 14% ). Auch die Gesamtwerte der einzelnen Tätigkeiten haben sich zum Teil deutlich verschlechtert. So hat die Zahl der tödlich verunfallten Personen bei den Hochtouren mit 47 Personen im Jahresvergleich um 104% zugenommen. Auch für die meisten anderen Bereiche müssen gegenüber dem Vorjahr markant höhere Unfallzahlen mit tödlichem Ausgang festgestellt werden. Bei den bergsportverwandten Tätigkeiten beträgt die Zunahme 75%, bei den Skitouren 66% und bei den Variantenabfahrten 45%. Die einzige Tätigkeitsgruppe, bei welcher eine positive Entwicklung verzeichnet werden kann, ist das Bergwandern: Hier sind mit 34 betroffenen Personen im Jahresvergleich 11% weniger Bergtote zu verzeichnen.

Hochtourenunfälle Im Gegensatz zu den beiden vorausgegangenen Jahren waren die Bedingungen im Bergsommer 2001 deutlich besser: Ab dem letzten Julidrittel und vor allem im August schufen mehrmals recht stabile Wetterlagen eine solide Basis für hochalpine Unternehmungen. Heikle Gewitterlagen waren selten, und Kaltlufteinbrüche mit Neuschnee blieben aus. Auch die Ausaperung oder Vereisung der Firnzonen erreichte bei weitem nicht jenes Ausmass, das während mehrerer heisser Sommer in den Neunziger-

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jahren zu sehr heiklen Verhältnissen geführt hatte. Unter diesen günstigen Voraussetzungen war die negative Entwicklung bei den Hochtouren eigentlich atypisch und kann nur mit der intensiveren Tourenaktivität erklärt werden. Die meisten Unfälle sind auf Sturzereignisse zurückzuführen, bei welchen insgesamt 36 Alpinisten ums Leben kamen. Bezüglich des Geländes verteilten sich diese Unfälle mit je 18 Personen genau zur Hälfte auf Fels oder auf Schnee/ Firn/Eis. Von diesen 36 Opfern hatten 12 Personen trotz Begleitung auf den Seilgebrauch verzichtet. Ein Sturzunfall ist auf ein missglücktes Abseilmanöver während eines Rückzugs in der Eigernordwand zurückzuführen. Die anderen 11 Alpinisten kamen durch Lawinen, Steinschlag oder Blitzeinwirkung ums Leben, und zwei Personen blieben im Berninagebiet vermisst. Ungewöhnlich für die zuvor genannten recht günstigen Tourenverhältnisse war vor allem das Geschehen bei den Mitreissunfällen: Bei 7 Ereignissen mit insgesamt 17 Beteiligten starben 15 Personen. Besonders der Unfall am Lauteraarhorn, bei dem eine Viererseilschaft einer SAC-Sektionstour in den Tod stürzte, hat die Diskussion über die Sicherungsmassnahmen im hochalpinen Gehgelände wieder belebt. Die einfache Formel, entweder von Standplatz zu Standplatz sichern oder eben nicht anseilen, greift jedoch – zumindest bei organisierten Touren – zu kurz. Im steilen Firn kommt es für einen verantwortungsvollen Leiter sicher nicht in Frage, die Teilnehmer unangeseilt ihrem Schicksal zu überlassen. Die Alternative, von Standplatz zu Standplatz zu sichern, würde aber besonders im Gelände, wie es an der Normalroute des Lauteraarhorns anzutreffen ist, zu grossen Zeitverzögerungen führen. Anstelle eines Sicherheitsgewinns würden so im aufgeweichten Firn während der Nachmittagsstunden andere Risiken entstehen: Alle anderen tödlichen Unfälle, die an dieser Route während der letzten Jahre zu verzeichnen waren, wurden durch Schneerutsche verursacht. 2

Kletterunfälle

1 Diese Zusammenstellungen und Auswertungen stützen sich auf die Angaben und die Mitarbeit folgender Personen und Institutionen: Hans Jaggi und Eva Meier, SAC; Robert Kaspar, Hans Jacomet und Paul Ries, REGA; Thierry Rätzer, KWRO Kt. Wallis; Thomas Stucki, SLF; René Hassler, GRISO Data AG. 2 Der Beitrag « Sind Hochtouren gefährlich ?» im Quartalsheft 2/1992 der Zeitschrift DIE ALPEN behandelt diese Thematik ausführlich und hat auch heute kaum an Aktualität eingebüsst.

Erneut sind die Zahlenwerte der tödlich verunfallten Personen beim Felsklettern deutlich kleiner als bei allen andern in dieser Statistik erfassten Bergsportarten. So sind Todesfälle durch Sturz im Vorstieg, zumindest im so genannten Plaisirbereich, sehr selten. Wenn es beim Klettern zu einem tödlichen Unfall kommt, geschieht dies meistens beim Zu- oder Abstieg, bei Fehlmanipulationen beim Sichern oder Abseilen oder durch andere Zwischenfälle.. " " .Von den zwei bekannt gewordenen Unfällen mit Todesfolgen im Berichtsjahr 2001 sind beide auf eher ungewöhnliche Ereignisse zurückzuführen. Im ersten Fall wollte eine Zweierseilschaft die bekannte NE-Wand der Kingspitze in den Engelhörnern ( Berner Alpen ) besteigen – bei Regen, also ausgesprochen ungünstigen Witterungsverhältnissen für ein derartiges Unterfangen. Offensichtlich verstieg sich die Seilschaft im so genannten Vorbau und geriet auf eine kaum begangene und im Führer als « nicht empfehlenswert » klassi-fizierte Variante. Hier kam es zum Sturz, dem eine selbst gelegte Zwischensicherung mit einem Klemmgerät ( Friend ) nicht standzuhalten vermochte. Die Seil-

0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 500 550 600 2000 2001 Bergwandern Hochtouren Skitouren Variantenabfahrten Klettern ( Fels ) Eisfallklettern Andere Bergsportarten Gleitschirm Delta Tätigkeit Anzahl Notfälle 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 500 550 600 2000 2001 Unverletzt Keine ärztl. Behandlung notwendig Ambulante ärztl. Behandlung Hospitalisation nötig Potentielle Lebensgefahr Akute Lebensgefahr Wiederherstellung vitaler Funkionen Tod mit oder ohne Wiederbelebung Unbekannt Anzahl Notfälle M edi zi nisc he rI nd ex 0 100 200 300 400 500 600 700 2000 2001 Sturz/Absturz Erkrankung Lawinen Spalteneinbruch Steinschlag/ Eisschlag Blockierung Verirren Blitzschlag Nicht definiert/ Anderes Notfallursache Anzahl Notfälle Grafik 1 Bergnotfälle 2000/2001 gegliedert nach Tätigkeiten Grafik 2 Notfallsituationen 2000/2001 gegliedert nach Ursachen Grafik 3 Bergnotfälle 2000/2001 gegliedert nach medizinischem Index DIE ALPEN 6/2002

schaft stürzte ca. 80 Meter auf ein Schneefeld am Wandfuss ab. Mit viel Glück überlebte ein Seilschaftspartner diesen Absturz: Es gelang ihm, sich trotz seiner schweren Verletzungen talwärts bis zur Engelhornhütte zu schleppen und von dort aus die Bergrettung zu alarmieren. Beim zweiten Unfall stürzte ein Kletterer während eines Alleinganges an der SE-Rippe am 7. Kreuzberg im Alpsteingebiet tödlich ab. Beim Opfer fand man eine zerrissene Prusikschlinge, mittels deren sich der Kletterer am fixier-ten Seil gesichert hatte. Ob diese Schlinge infolge eines Materialdefekts oder wegen einer Fehlmanipulation versagt hatte, konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Skitourenunfälle Hier wurde das Geschehen vor allem durch Lawinenabgänge und Einbrüche in Gletscherspalten geprägt. Bei Lawinenunfällen starben 14 Personen ( Vorjahr 4 ), bei Spaltenstürzen fanden 4 Alpinisten ( Vorjahr 1 ) den Tod. Diese Unfallbilanz darf jedoch nicht vorbehaltlos mit derjenigen des Vorjahres verglichen werden, da die Zahl der Bergtoten im Berichtsjahr 2000 in diesem Tourenbereich ausserordentlich günstig ausgefallen war. Besonders bei den viel diskutierten Lawinenunfällen muss auch berücksichtigt werden, dass in früheren Jahren nicht selten deutlich höhere Unfallzahlen zu verzeichnen waren, beispielsweise 1993 = 25, 1991 = 22 und 1990 = 16 La-winentote. Bei der Bewertung der Skitourenunfälle bei Lawinenereignissen im Berichtsjahr 2001 sind vor allem zwei Aspekte zu beachten. Einerseits gibt es kaum eine andere bergsportliche Tätigkeit, bei der zur Prävention gegenüber einer spezifischen Gefährdung derart viel unternommen wurde und wird wie im Lawinenbereich. Deshalb konnte man vor dem Hintergrund der günstigen Unfallentwicklung während der letzten Jahre damit argumentieren, dass vor allem dank den neuen Beurteilungsme-thoden – Stichwort: das 3ϫ3 zur Risikobeurteilung bei Lawinengefahr – derartige Unfälle mit schwer wiegenden Folgen in den letzten Jahren seltener geworden seien. Andererseits fallen im Berichtsjahr 2001 nicht allein die markant höheren Unfallzahlen auf, sondern die Tatsache, dass bei vielen dieser Ereignisse erfahrene Alpinisten beteiligt waren, die die heute aktuellen Beurteilungsmethoden kennen und auch anwenden. So waren von den 11 Ereignissen immerhin 3 Gruppen betroffen, die von Bergführern geleitet wurden, und von den insgesamt 14 Opfern waren 8 Personen SAC-Mit-glieder. Trotz dieser Fakten wäre es sicher verfehlt, die heutige Lehrmeinung zur Beurteilung der Lawinengefahr grundsätzlich in Frage zu stellen. Vor dem Hintergrund dieser Unfälle muss man auch die Tatsache berücksichtigen, dass von Januar bis März 2001 die Lawinengefahr häufig mit der Gefahrenstufe « erheblich » vorlag. Bei dieser Gefahren-

Tabelle 1: Identität

2000 2001 2001 Anzahl Opfer 93 133 100 Männer 83 107 80 Frauen 10 26 20 Schweizer 63 73 55 Ausländer 30 60 45 SAC-Mitglieder 12 24 18 Altersstufen: bis 10 Jahre 0 1 1 bis 20 Jahre 6 17 13 bis 30 Jahre 23 25 19 bis 40 Jahre 7 26 20 bis 50 Jahre 14 27 20 bis 60 Jahre 16 15 11 bis 70 Jahre 16 11 8 über 70 Jahre 8 6 4 unbekannt 3 5 4

Tabelle 2: Tätigkeit

2000 2001 2001 Bergwandern 38 34 25 Hochtouren 23 47 35 Klettern 1 2 2 Skitouren 12 20 15 Variantenabfahrten 11 16 12 Anderes 8 14* 11 Organisierte Touren 6 15 11 Private Touren 58 82 62 Alleingänger 29 36 27 * Pilzsuchen = 3, Canyoning = 2, Rettungseinsatz = 2, Steileisklettern = 2, Base-Jumping = 1, illegaler Grenzübertritt = 1, Jagd = 1, Kristallsuchen = 1, Schneeschuhlaufen = 1

Tabelle 3: Gelände

2000 2001 2001 Bergweg 15 17 13 Gras/Geröll 21 11 8 Felsen 15 31 23 Schnee/Firn/Eis 32 62 47 Gletscher 5 7 5 Anderes Gelände 5 5* 4 Voralpen 55 57 43 Hochalpen 38 75 56 Jura 0 1 1 * unbekannt ( vermisst2, Schlucht = 3 Sturz zu Fuss ( Abstieg ) Sturz bei der Ab fah rt Glets ch er- sp alte nsturz La wi ne n- vers ch üttu ng Anzahl Opfer Ursache 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 12 13 14 15 0 6 10 14 20 Sturz beim Abseilen Blitz ein wir kun g Unbe ka nnt ( vermisst ) Steins ch lag Sturz mit Seilsi ch erun g La winen - vers ch üttun g Sturz oh ne Seilsi ch erun g Mitr eissun fall 18 16 12 8 4 2 Anzahl Opfer Ursache 0 5 10 15 20 25 30 35 Steinschlag/ Eisschlag Gletsche r- sp altenein bru ch Stur z/A bst urz Kran kheit La winenve rsch ütt ung Anteil Todesfälle ( in Prozent ) Notfallursache Grafik 4 Mortalität bei einigen Unfallursachen in Prozent Grafik 5 Primäre Ursachen bei tödlichen Hochtourenunfällen Grafik 6 Primäre Ursachen bei tödlichen Skitourenunfällen DIE ALPEN 6/2002

stufe ist eine Beurteilung der Situation heikel: Weil ab dieser Stufe Fernauslösungen von Schneebrettlawinen 3 möglich sind, genügt schon eine geringfügige Fehlinterpretation, um grosse Risiken entstehen zu lassen. Dies gilt auch für das Abschätzen mit der « 3ϫ3-Methode », bei der die Gefahrenstufe und die Hangneigung die entscheidenden Parameter darstellen. « Ver-schätzt » man sich hier im Übergangsbe-reich der Risikofaktoren bei der Hangneigung auch nur geringfügig, erhält man ein Resultat, das der aktuellen Situation nicht mehr entspricht. 4

Unfälle bei Variantenabfahrten Auch in dieser Tätigkeitsgruppe, in der alle Abfahrten ausserhalb der gesicherten Pisten zusammengefasst werden, hat die Zahl der Opfer mit 16 betroffenen Personen zugenommen ( Vorjahr 11 ). Interessanterweise ist diese Zunahme weder primär auf Lawinenunfälle zurückzuführen, was sich auf Grund der Lawinensituation bei den Skitourenunfällen vermuten liesse, noch waren bei diesen Lawinenunfällen primär junge und wilde Snowboarder abseits der Pisten Opfer, wie dies in der öffentlichen Meinung diskutiert wird: Von den 9 Lawinenopfern bei den Variantenabfahrten waren im Berichtsjahr 8 Skifahrer und 1 Snowboarder ( im Vorjahr waren alle

8 Lawinenopfer Skifahrer ).

Bei allen anderen Unfallursachen in diesem Bereich waren es hingegen Snowboarder, die abseits der Piste den Tod gefunden haben. So verunfallten 3 Personen durch Gletscherspalteneinbrü-che in den hoch gelegenen Skigebieten von Zermatt und Saas Fee. Ebenso verunfallten 3 Snowboarder bei Stürzen über Felsstufen, und ein weiteres Opfer gab es in Folge einer Blockierung/Er-schöpfung. Zumindest in der diesjährigen Statistik sieht es so aus, dass gesamthaft gesehen vor allem Männer das Abenteuer ausserhalb der Piste suchen oder dort zu hohe Risiken eingehen: Unter den 16 Opfern in diesem Bereich findet sich nur eine Frau.

Unfälle bei anderen Tätigkeiten In dieser Rubrik werden die Ereignisse zusammengefasst, die sich nicht den zuvor beschriebenen « klassischen » Bereichen des Bergsteigens zuordnen lassen. Auch im Berichtsjahr 2001 waren bei

3 Unter Fernauslösung einer Schneebrettlawine versteht man das Phänomen, dass sich bei ungünstiger Schneedeckenstabilität die Belastung durch Personen auch in der Fläche fortsetzen kann und dadurch ein Schneebrett auch weit oberhalb des eigenen Standortes ausgelöst werden kann. 4 Bei der Tourenvorbereitung wird die in der Landeskarte 1:25000 mit Höhenlinien dargestellte Hangneigung mit einem Hangneigungsmassstab abgelesen. Die Praxis zeigt, dass mit diesem Verfahren Interpolationsfehler um mehrere Grade häufig sind. Literatur zur « 3ϫ3-Methode »: Werner Munter: 3ϫ3 Lawinen. Broschüre von Jugend und Sport Magglingen.

Tabelle 4: Ursachen

2000 2001 2001 Sturz 62 – 62 Spalteneinbruch 1 7 5 Wechtenabbruch 1 0 0 Steinschlag 1 4 3 Eisschlag 0 0 0 Blitzschlag 0 1 1 Lawine 14 32 24 Blockierung/Er-3 2 2 schöpfung/Verirren Andere Ursache 11 4* 3 * unbekannt ( vermisst2, ertrunken = 2 Die Rettung einer verletzten Person aus einer Felswand erfordert eine gute Koordination zwischen dem Piloten und dem SAC-Retter.

Fo to :P et er Don ats ch DIE ALPEN 6/2002

solchen Unfällen sehr unterschiedliche Tätigkeiten vertreten: 3 Pilzsammler, die im steilen Berggelände ausrutschten und abstürzten; 2 Eisfallkletterer ( je ein Toter bei einem Lawinenunfall und durch einen Absturz beim Abstieg ); 2 Rettungsleute bei einem Einsatz; 2 Tote beim Canyoning, die in einer Flutwelle ertranken, die durch eine Schleusenöffnung im höher gelegenen Stausee entstand. Je ein Opfer forderten die Jagd ( Absturz ), das Kristallsuchen ( Steinschlag ), das Base-Jumping ( Absturz ) und das Schneeschuhlaufen ( Lawine ). Ein weiterer Todesfall entstand als Folge von Blockie-rung/Erschöpfung im alpinen Gelände beim Versuch eines illegalen Grenzüber-tritts in die Schweiz.

Im letztjährigen Bericht wurde auf die zunehmende Tendenz hingewiesen, dass sich die Risikoverantwortung von den « Verursachern » hin zu den Ret-tungsorganen verlagert. Diese Problematik hat sich leider bei einem folgenschweren Unfall gezeigt: Anfang Februar stieg eine Gruppe von 6 Eisfallkletterern bei sehr ungünstigen Verhältnissen ( grosse Lawinengefahr ) in die Eisfälle von Plat de la Lé im Val d' Annivier ein. Bei einem ersten Lawinenniedergang wurde eine Teilnehmerin dieser Gruppe erfasst und verschüttet. Bei der nachfolgenden Rettungsaktion wurden 6 Bergretter durch eine Nachlawine erfasst, 3 davon ganz verschüttet. Dabei fanden zwei Bergführer den Tod, und auch die Eisfallkletterin konnte nur noch tot geborgen werden.

Bergwanderunfälle Diese Tätigkeitsgruppe ist im Berichtsjahr 2001 die einzige, bei der im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der tödlich verunfallten Personen abgenommen hat. Alle Unfälle sind auf Sturzereignisse zurückzuführen. Diese waren auf Bergwegen mit 17 Opfern am häufigsten. Im weglosen Gras- und Schrofengelände oder auf Schnee, Firn oder Eis waren es je 6 Betroffene, im Fels verunfallten 4 Personen tödlich, und ein Wanderer fand in einer Schlucht den Tod. Bei der Frage nach der Ursache von tödlichen Sturzunfällen beim Bergwandern ist es leider mit den zur Verfügung stehenden Unterlagen häufig kaum möglich, das Geschehen detailliert zu analysieren. Da die verunfallten Bergwanderer häufig Alleingänger sind ( im Berichtsjahr genau die Hälfte ), gibt es zum Unfallhergang jeweils keine Augenzeugen. Gegenüber früheren Jahren fällt auf, dass sich im Berichtsjahr mit 31 Opfern fast alle Unfälle in den Voralpen ereigneten. Im hochalpinen Gelände waren es 2, und im Jura verunfallte 1 Bergwanderin. In Bezug auf die Altersstruktur der betroffenen Personen in diesem Tätigkeitssegment zeigt sich, dass 17 Personen oder genau die Hälfte aller Betroffenen über 50 Jahre alt waren. a

Ueli Mosimann, Alpine Rettung SAC

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