Bergsport und Verkehr

Das Verkehrsverhalten der Bergsteiger, Wanderer und Kletterer Im nachstehenden Beitrag werden aus der Forschungsarbeit « Sport und Verkehr»1 von Dr. Jürg Stettier Daten und Resultate vorgestellt, die für den Bergsport von Bedeutung sind. Von den insgesamt 60 analysierten Sportarten werden Bergsteigen/Skitou-ren, Sportklettern und Wandern herausgegriffen. Neben den Mo-bilitätszahlen untersucht die Arbeit auch die Umweltbelastungen des Sportverkehrs sowie die Rahmenbedingungen, Ziele, Strategien und Massnahmen für Veränderungen bzw. zur Lenkung des Sportverkehrs. Die Daten und Zahlen beziehen sich auf die letzten paar Jahre.

Mobilität in der Schweiz: ein Zahlenbouquet Die Schweizer legen pro Jahr insgesamt 102 Milliarden Personenkilometer ( Pkm ). " " .2 zurück. Die Hälfte davon entfällt auf die Sparte Freizeit-Mobilität, und 80% werden im PW zurückgelegt. Der Anteil der Sportmobilität beträgt 12% bzw. 12 Milliarden Personenkilometer. In der Schweiz gibt es rund 3 Millionen PW, die im Schnitt 13000 km pro Jahr gefahren werden. Dies ergibt pro Jahr rund 40 Milliarden PW-Kilometer. Je-de/r Schweizer/in verbringt täglich 83 Minuten im Verkehr und legt dabei 33 km zurück, 23 km davon im PW. Pro Jahr geben wir im Schnitt 6000 Franken für unsere Mobilität aus und benötigen dafür ein Drittel unseres gesamten Energieverbrauchs. Den 5024 km Schiene stehen 71100 km Strassen gegenüber, und pro Jahr werden immer noch 800 ha Boden für den Strassenbau versiegelt.

Diese Zahlen belegen, dass die Mobilität heute allgemein und im Sport ebenfalls zu einem wichtigen Teil unseres Lebens geworden ist, der zeitlich, wirtschaftlich und in bezug auf die Umwelt von grosser Bedeutung ist.

Bergsport-Mobilität: ernüchternde Bilanz Mobilitätsvergleich verschiedener Sportarten Die Ergebnisse sind in der Tab. 3 ( S. 48 ) und in Tab. 2 ( S. 47 ) dargestellt. Neben Bergsteigen/Skitouren, Sportklettern und Wandern sind zum Vergleich noch Skiwandern/Ski-langlauf, das Alpin-Skifahren sowie Durchschnittszahlen für alle untersuchten 60 Sportarten dargestellt.

Bergsteiger und Sportkletterer machen nur etwa 1,2% der insgesamt 12 Millionen Sportler3 der Schweiz aus. Wanderer und Skifahrer, unter denen es auch viele SAC-Mitglieder gibt, sind anteilsmässig viel bedeutender.

Mittlere Wegdistanz pro Anlass Bei der mittleren Wegdistanz pro Anlass ( ohne Ferien ) liegen Alpinisten weit vorne - mit durchschnittlich 100 km pro Weg ( d.h. 200 km pro Tour ) an dritter Stelle hinter den Au-to- und Motorradrennsportlern, und weit über dem Durchschnitt von 12 km ( vgl. Fig. und Tab. 2 ). Die Sportkletterer legen weniger lange Wege zurück, weil Kletterfelsen auch im Mittelland und Jura zu finden sind. Für die Berg- bzw. Sportkletterferien sind die Wege allerdings vergleichbar und liegen im Bereich des Durchschnitts. Die gesamte Mobilität der Bergsteiger und Sportkletterer beläuft sich auf 407 Millionen Pkm pro Jahr und macht somit 4% der gesamten Sportmobilität aus - fast eine Vervierfachung gegenüber dem Anteil von 1,2% an der Anzahl der lichst weit hinauf. Parkplatz Alpe Dèvero, Val d' Ossola ( I ) Sportler. Dasselbe Muster ergibt sich bei Betrachtung der pro Sportler und Jahr zurückgelegten Strecke: mit 2740 km pro Jahr legen die Bergsteiger mehr als eine dreimal so grosse Distanz zurück wie der Durchschnitts-sportler. Sie liegen damit an 7. Stelle hinter Autorennsport, Tauchen, Golf, Windsurfen, Motorradrennsport und Eishockey. Rund drei Viertel aller Wege beim Bergsteigen und fast 90% beim Sportklettern werden mit dem PW zurückgelegt; der Durchschnitt aller Sportarten beträgt 78%. Der Anteil öffentlicher Verkehrsmittel liegt nur bei den Wanderern mit 40% deutlich höher.

PW-Auslastung Diese ernüchternde Bilanz wird dadurch gemildert, dass die Auslastung der PW bei den Bergsteigern und Sportkletterern mit 2,9 bzw. 2,7 Personen pro Auto weit über dem Durchschnitt von 1,9 Personen liegt. Dies kann zum Teil im Umweltbewusstsein begründet liegen, hauptsächlich dürften jedoch ökonomische Gründe ausschlaggebend sein. So konnte Stettier generell eine Zunahme der Auslastung mit längeren Wegdistanzen feststellen - bei langen Wegen lohnt es sich mehr, die Autos möglichst zu füllen.

Umweltbelastungen der Bergsport-Mobilität Schädlicher Sportverkehr Jürg Stettier schreibt: « Sport ist nicht mehr nur die ,wichtigste Neben-sache'in unserem Leben, Sport verur- mweltbereich/indikator

F

i Primärenergieverbrauch'inMJ Klimaerwärmung: CCb-Emmission in g Luftverschmutzung: NOx-Emmissionen in g Lärmbelastung in m2/h Wasserbelastung: Chlorid-Emmissionen in g Bodenbelastung durch Blei in mg Unfälle: Verletzte Tab. 2:

Kennzahlen zur Bergsport-Mobilität ( gem. Bergsport-Mobilität, Stettier 1997 ) Mobilitätsverhalten der Alpinsportler Mobilität ti c Bergsteigen 125 ' ." " .000 u. Skitouren1 < S absolut km absolut 1 1.2 1.1 1 1.1 1.1 5 £ km 450 500 500 150 350 483 Mio. km % 12,. " " .3 100 50 25 42 87 12,. " " .2 342 64 1471 122 Sportklettern 30'0000,. " " .216,. " " .7 Wandern1'500 '. " " .00012,. " " .513 Skiwandern150'0001,. " " .28,. " " .3 u. Langlauf Skifahren 1'400 ' ." " .000 11,. " " .7 4,6 1551 15,. " " .3 10144 100 Durchschnitt 12 '. " "".011 ' ." " .750 100 27 aller Sportart.

sacht heute auch bedeutende Umweltbelastungen, insbesondere durch das hohe sportbedingte Verkehrsaufkommen. Die vom Verkehr verursachten Umweltbelastungen zählen heute zu den grössten und nach wie vor ungelösten Umweltproblemen. Unser aktuelles Verkehrsverhalten ist in dieser Form langfristig nicht tragbar, ohne dadurch die Lebensgrundlagen der Menschen zu beeinträchtigen oder gar zu zerstören. Eine Reduktion der verkehrsbedingten Umweltbelastungen wird früher oder später nötig sein. » Jürg Stettier legt dar, dass das beste Mass für die Umweltbelastung des Verkehrs der Verbrauch an Primärenergie ist, wenn darin neben dem Betrieb auch Herstellung, Unterhalt und Entsorgung sowie die notwendige Infrastruktur der jeweiligen Verkehrsmittel eingeschlossen werden. Aus dem Primärenergieverbrauch kann dann auf die Umweltbelastungen geschlossen werden. In Tab. 1 ( oben ) sind die Umweltindika-toren für einen « ÖV-Mix » ( Durchschnitt aller öffentlicher Verkehrsmittel ) denjenigen eines « PW-CH » ( Mittel aus dem durchschnittlichen PW-Fahrzeugbestand der Schweiz ) gegenübergestellt.4 Es ist evident, dass mit Ausnahme der Lärmbelastung der PW um Mehrfaches um-weltbelastender ist als das ÖV. Die Gesamt-Umweltbelastungen des Sportverkehrs haben beachtliche Dimensionen ( vgl. Tab. 1, rechte Spalte ).

OV-MIX PW Schweiz Belastungen des Belastungen Belastungen Sportverkehrs pro Pkm pro Pkm total pro Jahr 1,38 5,2 29,. " " .5 Mia MJ Tab. 1:

49 321 1,7 Miot Umweltbelastung von PW, 0,28 1,51 8300 t ÖV und Sportverkehr ( gem. Bergsport-Mobilität, 67 65 470 Miam2/h Stettier 1997, Abb. 63 ) 0,41 3,51 19000 t 0,07 4,3 22 t 0,03 0,55 2900 Umweltbelastung Q.S UJ u U S 3 t M * O 5 E« 03 t — f Jäf E ì= km 2740 2155 981 816 1108 84573 88 58 nb 79 78 Pers. MJ MJ 3,4 0,6 14.5 1,2 2,9 4409 5100 1,5 hoch

2,7 3949 4600 0,4 2,517231800 5,6 nb1950 2500 nb mit'hoch gering mit'hoch sehr hoch gering 2,6 1,9 2056 2003 3200 10,. " " .4 3400 100 Hoher Primärenergie-Verbrauch Beim Primärenergie-Verbrauch pro Sportler und Jahr für die Mobilität liegen die Bergsteiger mit 4409 MJ5 und die Sportkletterer mit 3949 1 Stettier, Jürg: Sport und Verkehr - Sportmotiviertes Verkehrsverhalten der Schweizer Bevölkerung. Berner Studien zu Freizeit und Tourismus Nr. 36, 1997. Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Universität Bern. ISBN 3-9521214-8 2 Masseinheit für das Verkehrsaufkommen. 1 Pkm entspricht einem von einer Person zurückgelegten Kilometer.

3 Diese weit über den potentiell sportlich aktiven rund 6 Mio. Schweizer liegende Zahl ergibt sich, weil im Durchschnitt zwei Sportarten ausgeübt werden.

* Die Daten stammen weitgehend aus Maibach, M.; Peter, D.; Seiler, B.: Ökoinventar Transporte. Grundlagen für den ökologischen Vergleich von Transportsystemen und für den Einbezug von Transportsystemen in Ökobilan-zen; technischer Schlussbericht, SPP Umwelt, Modul 5, Zürich 1995 5 MJ = Megajoules, heute übliche Masseinheit für Energie: 1 MJ = O.,8 kWh = 240 kcal Schutz der Gebirgswelt o.

4 MJ ( vgl. Tab. 2, S. 47 ) an 12. bzw. 14. Stelle in der Rangliste der 60 Sportarten und deutlich über dem Durchschnitt von 2003 MJ. Allerdings liegen die Spitzenreiter wie Autorennsport ( 27414 MJ ), Golf ( 24301 MJ ) oder Tauchen ( 15475 MJ ) um ein Mehrfaches höher. J. Stettier versuchte im weiteren, neben dem Verkehr auch den Energieverbrauch für die sportliche Infrastruktur einzubeziehen. Dann stehen Bergsteigen und Sportklettern etwas besser da ( vgl. Tab. 3 ), weil sie vergleichsweise tiefe Infra-struktur-Anteile haben. Vergleicht man weiter den gesamten Energieverbrauch ( Verkehr und Infrastruktur und Ausrüstung ) der Sportarten insgesamt miteinander, dann machen Bergsteigen und Sportklettern noch ca. 2% am gesamten Sport aus. Der im Vergleich zum Anteil an aktiven Sportlern von 1,2% deutlich höhere Anteil an der gesamten Mobilität von 4% ist also für die gesamte Umweltbelastung wieder auf 2% reduziert worden - dank vergleichsweise guter Ausnützung der PW und des im Vergleich mit andern Sportarten geringeren Anteils an Infrastruktur.

Umweltbelastung des Bergsports an sich Nun interessiert ja weniger der absolute Anteil einer Sportart an der Umweltbelastung ( weil diese primär von der Anzahl Sportler abhängt ), sondern die Umweltbelastung der Sportart an sich. J. Stettier gewichte-te die Sportarten aufgrund aller Umweltbelastungen ( Energieverbrauch, Ausrüstung, Infrastruktur, Flächenbelastung, weitere Faktoren ) in einer Skala von sehr gering bis sehr hoch ( vgl. Tab. 2 ). Bergsteigen wird als hoch, Sportklettern als mittel bis hoch umweltbelastend eingestuft. Der Löwenanteil der Umweltbelastung geht dabei auf das Konto des Verkehrs. Nur das Wandern erreicht eine Einstufung als « gering umweltbelastend ». Dies dürfte im SAC um so mehr Gültigkeit haben, als ein Grossteil des Wanderns auf die Senioren entfällt, die gemäss provisorischen Erkenntnissen das öffentliche Verkehrsmittel überdurchschnittlich oft benutzen.

Schlussfolgerungen für uns Bergsteiger Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Bergsport punkto Umweltbelastung im Vergleich mit vielen anderen Sportarten nicht gut weg-kommt - auch wenn die Auslastung der PW überdurchschnittlich gut ist.

Tab. 3:

Mittlere Wegdistanzen in km für eine durchschnittliche Sportausübung ( nur Hinweg, ohne Sportferien ) ( gem. Bergsport-Mobilität, Stettier 1997, Abb. 26 ) 350 355 300 ^ 250 226 200 150 100 ,5 9,3 9,2 9 7 6,2 6 4,6 12-2 50 Dies erklärt sich durch die hohe Sportmobilität des Bergsteigers mit vergleichsweise langen Wegen und geringer Ausnützung des öffentlichen Verkehrs. Das zu akzeptieren ist besonders schwierig, da wir uns in der Regel sowohl als Naturliebhaber als auch als umweltbewusst einstufen.

Die Gründe für die mangelhafte Benutzung des öffentlichen Transportes sind vielfältig. Die Infrastrukturen für das Auto wurden in den Anregungen zur Verbesserung des Mobilitätsverhaltens für Sektionen Bei der Tourenprogrammsit-zung ist ein Computer mit dem elektronischen Fahrplan ( HAFAS ) dabei: So lassen sich blitzartig alle möglichen Verbindungen heraussuchen und vergleichen.

Die Tourenleiter besitzen die Broschüren « ALPENBUS - Internationales Fahrplanheft; ( Bezug Geschäftsstelle, Tel. 031/370 18 18; Fax 031/370 18 00 ) und « ALPEN-TAXI » ( besteht für Berner Oberland, erscheint 1998 für die ganze Schweiz; Bezug bei Mountain Wilderness, Tel. 01/461 39 00, Fax 01/461 39 49 ).

Einführung eines Ökobonus in der Sektion für Touren mit ÖV Systematisches « Abklopfen » der beliebtesten Touren auf die Möglichkeiten der Durchführung mit ÖV-eine mögliche Aufgabe für die Umweltbeauftragten Verrechnung der tatsächlichen PW-Kosten Kilometer-Limit für eintägige PW-Touren: z.B. ab 100 km Hinweg nur mit Übernachtung und mit ÖV Bei Eintagestouren Anreise am Vorabend nach Arbeitsschluss, gemütliches Beisammensein und Übernachten in Pension im Talort; dies erhöht die Qualität einer Tour zudem massgeblich.

Mehr interessante Überschreitungen abseits der ausgetretenen Routen planen.

Zugfahrten ausnützen und beleben: z.B. Vorbereitungen auf der Hinfahrt ( Steigeisen anpassen, Wetter diskutieren usw. ); Speis, Trank, Spiel und Gesang auf der Rückfahrt.

Strassen im Berggebiet führen zu negativen Landschaftsveränderungen, der Verkehr darauf bringt Unruhe, Lärm und Gestank in die Berge; auf dem Col de Jaman.

letzten Jahrzehnten übermässig ausgebaut, der Treibstoff wurde relativ gesehen immer billiger, das Auto bietet oft mehr Bequemlichkeit. Dann werden aber auch die Kosten des Autos chronisch massiv unterschätzt und die Reisezeiten mit dem öffentlichen Verkehr überschätzt. Nicht zuletzt sind auch Routineverhalten und schlicht der Besitz eines Autos wichtige Faktoren.

Was soll der SAC tun?

Wir haben uns im SAC verpflichtet, uns möglichst umweltschonend zu verhalten. Der Club und die Sektionen haben deshalb den Auftrag, eine bessere Ausnützung des öffentlichen Verkehrs bei ihren Anlässen und bei ihren Mitgliedern anzustreben. Es braucht dazu primär die Bereitschaft, das Problem überhaupt wahrzunehmen, es offen zu diskutieren und Veränderungen auszuprobieren. Das alles geht nicht ohne Anstoss von aussen - dieser Artikel ist als solcher gedacht. Die Anregung der Kommission Schutz der Gebirgswelt, in den Sektionen dieses Jahr das eigene Tourenprogramm zu evaluieren, geht in dieselbe Richtung. Es wird jedoch auch materielle Anreize und Gebote brauchen, um substantielle Veränderungen herbeizuführen. Von der nationalen oder internatio- nalen Politik dürften solche in den nächsten Jahren kaum in einer wirkungsvollen Art eingeführt werden. Vielleicht sollten wir uns deshalb innerhalb des SAC etwas einfallen lassen. Die Sektion Basel versucht es seit letztem Jahr mit einem bescheidenen Ökobonus für Touren mit dem öffentlichen Verkehr. Die im Kästchen oben stichwortartig aufgelisteten Massnahmen können den Sektionen helfen, Verbesserungen einzuführen. Auf jeden Fall wird uns das Thema im SAC in den nächsten Jahren weiter beschäftigen.

Jürg Meyer, Beauftragter für den Schutz der Gebirgswelt

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