Betrachtungen aus der Kletterhalle. Dynamisch hoch zum Käsekuchen

Betrachtungen aus der Kletterhalle

Wenn der Sommer zu Ende ist, fängt die Indoor-Klettersaison an. Zeit, wieder regelmässig die Kletterhalle aufzusuchen und sich einigen Betrachtungen zu widmen.

Kletterhallen sind in erster Linie Trai-ningsorte. Meint man. Sie sind aber auch Schauplätze eines alten menschlichen Tuns mit dem Namen « sehen und gesehen werden ». Man geht also nicht nur hin, um sich eifrig seinem Sport zu widmen – die Halle ist auch Treffpunkt und Marktplatz.

Versuch einer Typologisierung Allen voran gibt es da einmal den typischen Sportkletterer, der sich durch einige unverkennbare körperliche Merkmale auszeichnet: Er ist leichtgewichtig, manchmal gar untergewichtig. Seine Beine gleichen dürren Stecken und seine Taille jener einer Wespe. Ganz anders die Schultern: ausladend breit, mit protzigen Muskelsträngen, die sich bis in den Rücken fortsetzen. Diese muskuläre Oberlast wirkt sich sichtbar negativ auf die Haltung des Sportkletterers aus: Vornübergeneigt trudelt er in der Halle ein, als ob ihn die Last seines Trainings-eifers erdrücke. Ebenso muskulös sind auch seine Unterarme, die jenen eines Schmiedes oder Schlossers Konkurrenz machen, was man aber von seinen « Arbeitszeiten » nicht unbedingt behaupten kann.

In der Halle trainiert auch der klassische Alpinist auf die nächste Sommersaison hin. Seine körperlichen Charakteristika lassen sich nicht definieren: In dieser Kategorie gibt es alles, von schmal bis breit, von dünn bis dick, mit langen Arme und kurzen Beinen und umgekehrt, mit leichtem Bauchansatz oder gewaltigen Muskelpaketen. Klettern können eben alle, und in erster Linie sollte es Spass machen.

Jo-Jo und Pingpongbälle In der Kategorie der Klettererfamilien fallen jene jungen Paare auf, die niemals auf ihr geliebtes Hobby verzichten würden und deshalb ihren neunwöchigen

Ca rt oon s:

Lu ca s Zb in den DIE ALPEN 12/2004

Säugling samt Kinderwagen in die staubtrockene Hallenluft schleppen. Natürlich hoffen sie – und mit ihnen alle anderen Anwesenden –, dass sich ihr Nachwuchs für die Dauer ihres Trainings anständig benimmt und nicht zu quen-geln beginnt.

Da sind ältere, bereits selber kletternde Kinder einfacher zu handhaben: Sie freuen sich fast ausnahmslos am steilen Spielgelände. Wenn sie noch nicht an die langen Routen dürfen, bewegen sie sich wie überdimensionierte Jo-Jos an den mit dicken Matten unterlegten Boulderwänden. Als bestandener, bei einem bestimmten Schwierigkeitsgrad stecken gebliebener Kletterer muss man sich beim Anblick dieser lebenden Pingpongbälle vor Frustrationen schützen: Die Beweglichkeit und das Verhältnis von Kraft und Gewicht ist bei den Kindern einfach unanständig gut!

Leopardenfell oder Peperonischoten? Zu den Accessoires gehört zwingend der Magnesiabeutel. Es gibt ihn in Grössen von der Mandarine bis zum Wassereimer und in unzähligen Farben und Designs. Wer modisch daherkommt, wählt den X-small-Beutel mit Leoparden-fellmuster oder den mittelgrossen mit hübschem Peperonischotendruck.

Dann die Schuhe. Ihre Breite verhält sich proportional zum Können des Besitzers: je besser der Kletterer, desto enger seine Schuhe. Und das kann dann so eng werden, dass der Sportler sie höchstens über die Länge einer Indoor-Route, also maximal sechzehn Meter, an den Füssen erträgt, um sich, kaum hat er wieder Bodenkontakt, sofort in irgendwelche Flip-Flops zu stürzen. Seinen Ze-hennägeln sieht man die ständige Tortur an – wobei man besser nicht hinschaut. Kletterschuhe müssen Biss haben, deshalb Namen wie Termi- oder Domina-tor.

Der Hübsche nebenan Während der Alpinist auf seine Stan-dardgarderobe zurückgreift – leichte Tourenhose, Baumwollshirt und dünnen Faserpelz –, tragen die Sportkletterer ihre Überlegenheit auch modemässig zur Schau: Coole Kletterinnen betören mit Tops oder Sport-Bras, die das Verhältnis von Weiblichkeit und Muskulatur ins richtige Licht rücken. Ihrer Attraktivität sichere Männer entblössen ihren schweissigen, nach Deodorant schreienden Torso ganz.

Dann sind da noch die Sicherungsmethoden, von traditionell – Halbmastwurf – bis zu modern – Grigri. Zu Fragen Anlass gibt vor allem die Handhabung: Haben wir nicht einmal gelernt, dass das Sichern volle Aufmerksamkeit verlangt? Nun, gegen solch banale Grundsätze richtet sich die soziale Komponente der Halle. Hier trifft man sich auch zum Schwatzen und Diskutieren! Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich der zitternde Kletterer hoch oben an der Wand vernachlässigt fühlt, weil seine Partnerin am Boden gerade mit dem Hübschen von der Route nebenan schä-kert.

Hoch antreten und links überkreuzen Ein gewichtiger Unterschied zwischen dem sporadischen Hallenbesucher und dem ambitionierten Kletterer liegt in der Sprache: Während Otto Normalverbraucher mit banalen Sätzen aufwartet von « pass gefälligst auf !» über « ich weiss nicht, wie weiter » bis zu einem « super, die ist mir perfekt gelaufen », rekapitulieren die Sportkletterer jeden Griff und Tritt in ihrem Jargon. Da ist die Rede von Dynamos und Auflegern, vom Ein- und Ausdrehen. « Hoch antreten und links überkreuzen » heisst die Devise – und immer wieder Fixieren, Blockieren und Durchziehen!

Feedback