Bouldern im Unterwallis. Den Klettergurt zu Hause lassen

Bouldern im Unterwallis

Ein Paar Kletterschuhe und ein bisschen Magnesium wiegen nicht schwer. Ist das nicht ein grossartiges Gefühl beim Packen des Rucksacks, wenn man sich zum Bouldern bereit macht? Ein Sport ohne Firlefanz: kein Seil, kein Klettergurt, nur ein Crashpad und ein Kamerad zur Absicherung – fertig.

Am Anfang beschränkte sich das Bouldern auf die Region Fontainebleau und die Vereinigten Staaten, aber in den letzten Jahren hat der Sport einen Boom erlebt und sich über die ganze Welt verbreitet. Heute bouldert man in Südafrika, in Australien und... im Unterwallis. Zwischen Sion und Martigny liegen einige Bouldergebiete, an denen sich Unterarme und Finger wirkungsvoll testen lassen. Dank dem günstigen Klima kann man dort das ganze Jahr über klettern. Im Sommer schützt man sich gegen die Hitze, indem man die Höhe oder den Schatten der Wälder sucht. Im Winter bouldert man dann an den besonnten Stellen und nutzt dabei den Vorteil der nicht allzu hohen Temperaturen, weil der Fels besseren Halt bietet.

Boulderfelsen für jeden Geschmack Im Unterwallis hat das Bouldern eine lange Tradition. Was früher eher als Training fürs Klettern gedacht war, hat sich zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Zehn Mal hintereinander die gleiche Stelle einen halben Meter über dem Boden zu versuchen, kann man zwar als lächerlich bezeichnen, aber diese Form des Kletterns ist kaum weniger intensiv, anforderungsreich, spielerisch und Beziehungen fördernd als das übliche Klettern.

In den Achtzigerjahren wurde eine kleine Gruppe von motivierten Personen aktiv und suchte rund um Martigny Bouldermöglichkeiten. So entstanden die berühmten Boulder Dalle du Beurre, Branson, La Balmaz, Basse-Nendaz usw. Erst ab den Neunzigerjahren begannen verschiedene Kletterer, sich für das Bouldern als eigenen Sport zu interessieren. In dieser Zeit richtete Fred Nicole die Aufmerksamkeit auf das enorme Potenzial schwieriger Boulder. Mit der Zahl von geradezu unersättlichen Boulder-fans ist auch die Zahl der neuen Bouldergebiete – Dorénaz, Salvan, Combioula – gestiegen. Gross und Klein, Spezialisten und Anfängern steht heute im Unterwallis eine breite Palette an Bouldermöglichkeiten zur Verfügung.

Grosse Bandbreite an Bouldermöglichkeiten Branson ( Gneis ): Dieser Boulder mit einem höchst angenehmen Mikroklima liegt im Naturschutzgebiet Les Follatères. In diesem geschützten Gebiet wird von allen Kletterern besondere Rücksichtnahme verlangt. Es ist verboten, neue Felsen auszubürsten, zu campieren oder das Efeu auf den Felsen auszureissen. Alle Blöcke liegen oberhalb von Branson in der Gemeinde Fully. Das Gebiet hat schon mehrere Generationen von Kletterern angezogen und war Schauplatz von verschiedenen Meisterleistungen wie « La tradition céleste », 8a,

Der Autor des Artikels, Vincent Theler Sorgfältig ausbalanciert: Fred Moix im schwierigen Boulder « Hildegard Dream » in La Balmaz Fo to s:

Sc hr ey er O ut doo rpho tog ra ph y DIE ALPEN 9/2004

« La danse des Ballrogs », die erste 8b der Welt, oder « Radja », die erste 8b+ der Welt. Nicht zu vergessen unweit davon « La Balmaz » und « Joyeux Léon », die erste Traverse der Welt mit 8b+. Neben diesen Extremrouten gibt es in diesem tollen und erholsamen Bouldergebiet eine Menge von Linien, die allen Spass machen.

Dalle du Beurre ( Gneis ): Die Felsen, die am wenigsten weit von Martigny entfernt liegen. Viele Linien zwischen 4b und 7b+.

Salvan ( Sandstein 1 ): Zwei Sektoren, die anfänglich von Kletterern zu Trai-

1 Infolge der bei der Alpenbildung erlittenen Umwandlung unter hohen Drucken und Temperaturen ( =Metamorphose ) stark verhärtete alte Sandsteine bis Konglomerate aus der Karbonzeit ( rund 300 Millionen Jahre alt ). Dem Kletterer fallen die schön gerundeten Kiesel in den Kongleme-ratbänken auf. Und zuweilen, wenn diese infoge ihrer grösseren Härte herauswittern, schätzt er sie als feine Griffe oder Tritte.

ningszwecken besucht wurden und jetzt bei Boulderern hoch im Kurs stehen. Rochers du Soir: Entlang dem Vita-parcours verschiedene Blöcke und Linien von 4a bis 8. Aufgepasst: Wenn es heiss ist, wird die Gegend von Mücken heimgesucht. Rücksicht nehmen auf das geschützte Torfmoor rundherum. Gemütliche Atmosphäre in einem grossartigen Wald.

Eisbahn: Einige Blöcke bei der Eisbahn oder den Tennisplätzen, je nach Saison. Linien zwischen 6a und 7 c.

Dorénaz ( Sandstein 1 ): Zwei Sektoren, die sich gut eignen, um ins Bouldern einzusteigen oder mit der Familie die ersten Schritte zu unternehmen. Sektor a, Circuit, befindet sich oberhalb des Kreisels von Dorénaz und ermöglicht die Verfeinerung der Technik und des Gefühls für den Fels. Auf den höchsten Blöcken kann ein 15-m-Seil eingerichtet werden ( Haken vorhanden ). Sektor b, beim Sessellift Champex d' Allesse, weist einige untypische Boulder auf, der ungewöhn-lichste darunter ist jener beim Friedhof ( Bloc de Veuthey ) mit einer sagenhaften 7a! Es gibt aber auch Schwierigkeiten von 3 bis 6b+.

Combioula ( Gneis ): Von Sion Richtung Val d' Hérens bis Vex fahren. Vor dem Haus mit Namen « Echo des Glaciers » auf eine Strasse, die in die Felder hinunterführt. Auf dieser 1 km fahren und in der ersten Haarnadelkurve parkieren. Von hier auf einem Fussweg Richtung Süd. Sobald man aus dem Wald tritt, sieht man den Boulder. Ein kaum sichtbarer Pfad führt hinzu. Er steht ausserhalb des Waldes.. " " .An sonnigen Tagen kann man daran selbst im Winter bouldern. Der Fels sieht aus wie ein Amboss auf freiem Feld. Er bietet Möglichkeiten von 6 c bis zum Allerextremsten. Basse-Nendaz ( Quarzit ): Von Sion Richtung Nendaz. Im Dorf Basse-Nen-daz links nach Fey/Aproz abbiegen. Vor der Kapelle parkieren. Den abwärts führenden Schotterweg nehmen. Auf dem ersten Weg, der rechts abzweigt, erreicht man den Block. Stark scheuernder Fels, der Passagen zwischen 6a und 8a bietet. Man versuche den vollständigen Quergang oben, 6 c, und die Traversée à Filou unten, 7 c.

Praktische Informationen Bewertung: Wer das Klettern an Wänden kennt, muss sich bewusst sein, dass eine 6a im Felsklettern etwas anderes ist als eine 6a beim Bouldern. Man kann also

Die berühmte Traverse von Salvan ( 35 m, 7a+ ), hier geradezu überflogen von Didier Berthod In Salvan gibt es auch leichte Felsblöcke wie diesen hier, der von Floriane Boss angegangen wird. Die Crashpads sind die unabdingbaren Begleiter der Boulderer. Didier Berthod und François Mathey am Gueuroz, Salvan DIE ALPEN 9/2004

nicht ohne weiteres Vergleiche zwischen den Bewertungen fürs Bouldern, für Quergänge oder Wände anstellen. Allgemein kann man sagen, dass bei gleicher Bewertung ein 6a-Boulder schwieriger ist als eine 6a-Traverse und diese wiederum schwieriger als eine 6a-Route.

Topos: Es gibt im Moment keine Topos für Combioula und Basse-Nendaz. Für die anderen Orte informiere man sich im Buch Escalades en Bas-Valais von François Roduit. 2

Material: Mit Ausnahme von Salvan und dem Sektor Circuit von Dorénaz, wo es eingerichtete Routen gibt, sind nur Kletterfinken, Magnesium, Crashpad und viele Freunde als Hilfestellung nötig. Ein Gegenstand muss allerdings immer dabei sein: eine Zahnbürste. Mit ihr kann man die Griffe putzen und über-schüssiges Magnesium entfernen ( die Nachfolgenden werden dankbar sein ). Nötig ist auch ein Lappen zur Reinigung der Schuhe.

Beste Zeit: Bouldern kann man das ganze Jahr über, aber wie bereits erwähnt, ist eine tiefe Temperatur fürs Bouldern besser. Die Kletterer aus England sagen sogar, dass der Fels bei 0° zu kleben beginnt. Ausprobieren! a

Vincent Theler, Veyras ( ü ) 2 Roduit François: Escalades en Bas-Valais, Fr. 39.–, erhältlich bei Follomi Sports in Sion und Look Montagne in Martigny Floriane Boss in den athletischen Überhängen von Basse-Nendaz Prozession von Boulderern in Combioula Basse-Nendaz: François Mathey in einem kunstvollen Zug, gespottet von Didier Berthod DIE ALPEN 9/2004 Combioula bietet sehr schwierige Linien wie jene, in der Didier Berthod gerade klettert. Dorénaz und sein berühmter Block in Veuthey, der auch « Friedhofblock » genannt wird: eine legendenumwobene 7a, an der Fred Moix seine Talente zeigt Dorénaz ist nicht allein den Spitzensportlern vorbehalten, wie hier Floriane Boss demonstriert.

Vincent Theler im perfekten Granit des erratischen Blocks von Combioula, auch « Katzen-block » genannt Zahlreiche der in diesem Beitrag vorgestellten Boulder sind von Cyrille Albasini und seinem Team eröffnet worden. Im Bild in « The good one » Foto: François-Joseph Roduit Fo to s:

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