Bruneck 2000. International Congress on Cold Injuries1

Hauptziel dieses internationalen Kongresses war der Austausch von Kenntnissen und neueren Forschungsergebnissen auf dem Gebiet der Kältetraumen. Diskutiert wurde auch die Zusammenarbeit der vier wichtigsten europäischen gebirgsmedizinischen Gesellschaften (Österreich, Italien, Deutschland, Schweiz) untereinander und mit der «International Society of Mountain Medicine». Dazu wurden Themen wie «die Alpen als Sportgeräte » oder « Ethik in der Todeszone» grundsätzlich angegangen.

Schwerpunkte bildeten nicht grundlegend neue Erkenntnisse, sondern die teils erst kürzlich etablierten Ret-tungs- bzw. Behandlungsrichtlinien für verunglückte Alpinisten. Diese für den Bergsteiger, den Bergretter sowie den Bergarzt wichtigen Hilfsmittel und vor allem ihr Einsatz bei der Rettung von Verschütteten, Unterkühlten und durch Erfrierungen beeinträchtigten Alpinisten können dann die optimale und effiziente Hilfe bringen, wenn das Wissen darüber entsprechend kommuniziert und verankert ist.

Die von der IKAR (Internationale Kommission für Alpines Rettungswesen)2 aufgestellten Grundsätze (B. Durrer et al.)3 bezüglich der Behandlung und der Triage von Unterkühlten - also der Entscheidung, ob ein Lawinenverschütteter, der oft kalt und «scheintot» ist, noch intensiv-medizinisch therapiert werden soll -enthalten klare Entscheidungshilfen für die Bergretter und Ärzte, um weder unnötige Therapien anzuwenden noch ein mögliches Überleben eines Unterkühlten durch zu frühes Abbrechen der Reanimationsmassnahmen zu gefährden.

Auf grosses Interesse stiessen die Ausführungen sowohl zu Lawinenge-fährdeten bzw.opfern als auch zu Lawinenschutzgeräten (wie AvaLung und Lawinen-Airbag). Tschirky4 zeigte die Verlagerung der Lawinenunfälle aus der Kategorie «Touren» in  jene der «Varianten», weshalb die Ausbildung und Information dieser primär nicht alpinistisch ausgebildeten Sportler künftig noch wichtiger werde.

Da die Überlebenswahrscheinlichkeit u.a. von der Verschüttungstiefe (ganz- oder teilverschüttet) abhängt, ist der Lawinen-Airbag ein insgesamt erfolgreiches, aber noch verbesse-rungsfähiges Hilfsmittel ohne Er-folgsgarantie. Die AvaLung hingegen ist noch mit zu vielen Unklarheiten behaftet, weshalb eine definitive Aussage über ihre Nützlichkeit verfrüht ist.

Absolute Priorität haben aber noch immer Prävention, schnelle Kameradenhilfe und der korrekte und sichere Einsatz der LVS-Geräte.

Die Fragen nach der Ethik in der Todeszone, dem Gebrauch von zusätzlichem Sauerstoff beim Höhenbergsteigen sowie die höchst interessante und brisante Frage nach Doping im Bergsport wurden in einer Podiumsdiskussion mit prominenter Besetzung (Oelz, Loretan, Eisendle u.a.)5 angegangen - mit zum Teil kontroversen und auch wenig aussagekräftigen Ergebnissen. Höhenbergsteigen beispielsweise wurde als «Eroberungsmachismo zur Stärkung des schwachen Egos und Kopfes» abgetan. Insgesamt wurde die Zukunft des Alpinismus in eher düsteren Farben gemalt. Positive Klarheit enthielt das Votum von Loretan, der die Besteigung der Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff als den einzig gangbaren Weg des Höhenbergsteigens aufzeigte.

Die Organisation war dank der Unterstützung durch die Behörden von Bruneck perfekt, die Referate von guter Qualität, die direkte Umsetzung für den «Endverbraucher» -den Alpinisten in allen Schattierungen - gegeben. Und einmal mehr wurde aufgezeigt, dass im Alpinismus noch viele Fragen unbeantwortet sind bzw. viele unbequeme Fragen wie jene nach Ethik, Moral und Doping erst im Rahmen solcher Veranstaltungen gestellt werden.

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